Allgemeine Hinweise zum Aufenthalt in Japan (5)

Glauben Sie es – oder glauben Sie es nicht: Japan ist gar nicht so kompliziert!

V. Erdbeben und andere (Natur-) Katastrophen

Flagge-Japans

Gleich vorweg eine Mahnung an all diejenigen, die bunte Bilder sehen wollen: Hier gibt es keine! Dafür um so mehr Text. Das ist der Preis, der nun mal zu bezahlen ist, wenn man wenigstens ein paar grundsätzliche Dinge über Japan lernen möchte und sich das Vermeiden vermeidbarer Fettnäpfchen auf die Fahnen geschrieben hat. Als Besucher in einem fremden Land sind Sie – ob Sie das nun mögen oder nicht – immer Botschafter Ihres Heimatlandes. Sie werden nicht dafür bezahlt, aber entsprechend verhalten können Sie sich trotzdem.

Damit Sie wissen, worauf Sie sich mit diesem Artikel einlassen, hier ein kurzes Inhaltsverzeichnis (die einzelnen Punkte erheben natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sollen aber doch verdeutlichen, dass es so gut wie keine Hürden gibt, die nicht spielend genommen werden könnten – Ergänzungswünsche werden gern entgegen genommen):

Inhaltsverzeichnis

1) Ein paar Grundsätze für das menschliche Miteinander

1.1 Respekt ist Teil des Systems

1.2 Freundlichkeit und Höflichkeit – beteiligen Sie sich daran

1.3 Keine Angst vor Kontakten

1.4 Unaufdringlichkeit ist Trumpf

2) Klischees

2.1 Klischee Nr. 1: Das wohlbekannte Verbeugungsritual

2.2 Klischee Nr. 2: Der Austausch von Visitenkarten

2.3 Klischee Nr. 3: Japaner zeigen keine Gefühle

3) So vermeiden Sie ein paar Fettnäpfchen

3.1 Schuhe ausziehen!

3.2 Essstäbchen sind gar nicht so unpraktisch

3.3 Es muss nicht immer Stoff sein

3.4 Genießen Sie japanisches Essen – aber bitte nicht, wo sie gehen und stehen

4) Ein kleiner Crashkurs vor der Japanreise

5) Erdbeben und andere (Natur-)Katastrophen

5.1 Verhalten im Falle eines Erdbebens

5.1.1 Und was Sie schon lange vor einem etwaigen Erdbeben tun können

6) Gute Sitten beim Besuch religiöser Orte

6.1 Besonderes zu shintōistischen Schreinen

6.1.1 Betreten des Schreingeländes

6.1.2 Reinigung vor Betreten des inneren Schreinbezirkes

6.1.3 Entrichtung eines Obulus in den Opferstock

6.1.4 Fotografieren an und in Schreinen

6.1.5 Essen, Trinken und Rauchen

6.1.6 Fürbitte, Glücksbringer und Orakel

Wenn Ihnen das einen groben Eindruck von dem verschafft hat, was hiermit auf Sie zukommt, kann’s ja weiter gehen mit dem fünften Teil:

5) Erdbeben und andere (Natur-) Katastrophen

Wenn Sie japanischen Boden betreten, wissen Sie, dass er zu den „bewegtesten“ dieser Welt zählt. Erdbeben gehören hier zur Tagesordnung, wie andernorts vielleicht tropischen Regengüsse. Spätestens das großen Beben von Hanshin (阪神) (das zentrale Gebiet der Kansai-Region, das die Städte Kōbe (神戸) und Ōsaka (大阪) umfasst) im Jahre 1995 und nicht zuletzt das verheerende „Große Tōhoku-Erdbeben“ (東北大震災) vom 11. März 2011, das küstennahe Landstriche des Nordostens des Landes verwüstet und die vielleicht bisher schlimmste Nuklearkatastrophe ausgelöst hat, haben den Blick der Welt für diese Naturgewalten geschärft. Viele Ausländer haben nach dem Beben vom 11.3.2011 das Land verlassen oder wurden durch die tagelangen, kräftigen Nachbeben zermürbt. Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch: Es sind im Grunde nicht die Erdbeben, die das Leben in Japan bedrohen, da die Städte als weitestgehend erdbebensicher gelten können. Auch Beben der Stärke 7 auf der Richterskala oder stärker setzen dem Nervenkostüm des nicht Vorbereiteten mehr zu, als den Gebäuden. Gefährlich kann die Lage in erster Linie durch zwei Dinge werden:

  • Ausbrechende Feuer: Sie haben beim großen Kantō (関東)-Erdbeben von 1923, als Großteile Tōkyōs in Mitleidenschaft bezogen wurden, mehr Schaden angerichtet als das Beben selbst. Inzwischen versucht man zumindest einen Teil der Brandgefahr durch automatische Sofortabschaltungen der Gasleitungen zu reduzieren – dass diese Sofortabschaltung nachhaltig funktioniert, hat das Beben von 2011 gezeigt. Darüber hinaus verfügt Japan über das wohl erstaunlichste Erdbebenfrühwarnsystem. In aller Regel bleiben zwischen der ersten Warnung vor einem Erdbeben und dessen tatsächlichem Beginn mehrere Sekunden, die genutzt werden können, offenes Feuer zu löschen.
  • Flutwellen (Tsunami/津波): Durch Erdbeben werden mitunter gigantische Flutwellen ausgelöst, deren Zerstörungsgewalt die der Erdbeben selbst um ein Vielfaches übersteigen können. Das japanische Archipel ist wahrscheinlich wie kein zweites Gebiet der Erde mit Tsunami-Frühwarnsystemen versehen – ihnen ist es zu verdanken, dass das große Tōhoku-Beben von 2011 nicht Menschenleben im sechsstelligen Bereich gefordert hat.

Und wie eigentlich nicht erst seit 2011 bekannt ist, können Erdbeben und ihre Nachwirkungen dem Menschen auch auf andere Weise vor Augen führen, wo sein Glaube an die Beherrschbarkeit von Technologien unangebracht ist. Die Katastrophe von 2011 hat auch in Japan das Umdenken in der Beurteilung der Energiegewinnung durch Kernspaltung verstärkt (wenngleich keine nachhaltige politische Auswirkung gebracht).

Namentlich in den deutschen Medien wurde die verheerende Katastrophe von 2011 zur Apokalypse hochstilisiert. Und auch wenn sie an dieser Stelle nicht klein-geschrieben werden soll, bleibt doch festzuhalten, dass – aller vorgebrachter Kritik zum Trotz – Japan die Früchte seiner guten Vorbereitung auf Naturkatastrophen hat einfahren dürfen. Wer das zivilisierte Verhalten der Massen in Tōkyō erlebt hat, wer den Zusammenhalt in der Bevölkerung gespürt hat und die Disziplin bei den in den Folgemonaten zu verkraftenden Einschnitten im täglichen Leben, der ist an der unsachlichen, teilweise überheblichen Auslandsberichterstattung verzweifelt.

Es gab zu keiner Zeit einen triftigen Grund, auf Reisen nach Japan zu verzichten – im Gegenteil: Dem Land wäre in der Zeit der Krise wahrscheinlich am besten geholfen gewesen, wenn es möglichst viele Besucher aus dem Ausland hätte begrüßen dürfen.

Auch wenn durch die klimatischen Veränderungen auf der Welt ihre Anzahl in den letzten wenigen Jahren zurück gegangen ist, bleiben Taifune (台風) natürlich nach wie vor Naturgewalten, die besonders die südlichen und westlichen Landesteile heimsuchen. Was in Tōkyō meist nur als kräftiger Wind und tropischer Regen ankommt, hat die Kraft, weiter südlich ganze Landstriche zu verwüsten. Allerdings gehört die Zeit der Taifune (Juli bis Anfang Oktober) nicht unbedingt zu den bevorzugten Reisezeiten für Japan.

Auch in den vergangenen Jahren ist es immer wieder zu Vulkanausbrüchen auf der südlichen der Hauptinseln Japans, Kyūshū (九州), gekommen. Hier gibt es noch eine ganze Anzahl an vergleichsweise aktiven Vulkanen.

Für Mitteleuropäer mag es unverständlich erscheinen, warum Japaner noch immer „auf ihrer Insel ausharren“ und nicht längst vor dieser mannigfaltigen Bedrohung geflohen sind. Aber die Bedrohung durch die Natur ist integraler Bestandteil des Lebens in Japan – man ist einerseits nach menschlichem Ermessen allzeit vorbereitet darauf, sich den Naturgewalten zu stellen, andererseits lebt man nicht in der Angst vor ihnen. Natürlich versetzen z.B. Erdbeben auch Japaner in Angst und Schrecken, aber sie haben einen Umgang mit dieser Angst gefunden. Es ist viel darüber geschrieben und spekuliert worden, ob diese, auf den Unwissenden stoisch wirkende Ruhe der Japaner in Momenten der Katastrophe religiös oder kulturell bedingt ist; wer Japanern keine fast schon übermenschlichen Fähigkeiten beim Erdulden des Unabänderlichen zuschreibt, verfällt in das ebenso unpassende andere Extrem des sich Lächerlichmachens und denunziert die (äußere) Ruhe der Menschen als Beschränktheit. Beides zeugt im Grunde nicht nur von einem krassen Unverständnis bezüglich der Kultur und der eben doch noch immer „anderen“ Lebensart der Menschen in diesem Land, sondern lässt auch außer Acht, dass es den Menschen überall auf der Welt grundsätzlich eigentümlich ist, in Krisensituationen zusammen zu stehen.

5.1 Verhalten im Falle eines Erdbebens

Auch bei längeren Aufenthalten in Japan, haben Sie keine „Garantie“ darauf, ein Erdbeben mitzuerleben (und die meisten Besucher legen sicher auch keinen gesteigerten Wert auf ein solches „Erlebnis“). Die meisten der mehreren Tausend Beben im Jahr finden höchst wahrscheinlich nicht dort statt, wo Sie sich gerade aufhalten oder sind so leicht, dass Sie sie im Zweifelsfalle gar nicht bemerken. Unabhängig davon werden Sie aber über die öffentlichen Medien (in erster Linie das Fernsehen) und über Ihr japanisches Mobiltelefon (sofern Sie über eines verfügen) in aller Regel vor spürbaren oder gar starken Beben vorgewarnt. Je nachdem, wie weit entfernt vom Epizentrum des Bebens Sie sich befinden, geben Ihnen, wie oben erwähnt, diese Vorwarnungen einige Sekunden Zeit, sich auf den Erdstoß einzustellen. Diese relativ kurze Vorwarnzeit mag auf den ersten Blick unzureichend erscheinen, aber sie reicht in aller Regel vollkommen aus, sich zu präparieren – sofern die grundsätzliche Vorbereitung auf Erdbeben und andere Katastrophen vorher schon getroffen wurde (siehe unten, Punkt 5.1.1). In jedem Fall gilt: einen kühlen Kopf bewahren! Panik nutzt niemandem – und Ihnen am wenigsten. Und sie ist auch in 99,99% aller Fälle überhaupt nicht angebracht (auch wenn Ihr Instinkt Ihnen ganz sicher etwas anderes erzählen wird).

Drei Grundregeln sind zu beachten:

  1. sich selbst vor herabfallenden Gegenständen schützen
  2. Feuer löschen
  3. Fluchtwege freihalten

Wenn Sie sich innerhalb eines Gebäudes befinden, bleiben Sie dort und suchen Sie Zuflucht unter einem Tisch oder ähnlichem. Beim Aufenthalt in höheren Gebäuden kann es – sofern die Zeit es zulässt – ratsam sein, zunächst alle Türen, die sich auf einem etwaigen Fluchtweg befinden, zu öffnen. Bei stärkeren Beben können sich Gebäude so verziehen, dass sich Türen nur noch schwer oder gar nicht mehr öffnen lassen.

Beim Aufenthalt im Freien achten Sie besonders darauf, dass Sie sich vom Einsturzbereich von Gebäuden und Stromleitung fern halten. Die abenteuerlichen Verkabelungen und Transformatorenmasten, die noch überall in der Stadt und auf dem Land gefunden werden können, bergen sicher größere Gefahren, als ein umfallendes Regal in der Wohnung.

In aller Regel dauern Erdbeben nur wenige Sekunden und bauen sich auch erst allmählich auf. Sollten Sie aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotz aber Opfer eines schweren Erdbebens werden, folgen Sie den Anweisungen der Behörden – keine Angst: Wenn Sie diese nicht verstehen, hilft Ihnen der Herdentrieb weiter.

5.1.1 Und was Sie schon lange vor einem etwaigen Erdbeben tun können

Wer, wenn nicht die Japaner, hätte eindrucksvoller bewiesen, dass gute Vorbereitung auf etwaige Katastrophen, die Auswirkungen derselben in Grenzen halten kann. So ist es auch gar nicht besonders schwer, sich für den schlimmsten Fall zu rüsten. Im Katastrophenfall sind es besonders die ersten Stunden und wenigen Tage nach der Katastrophe, die von entscheidender Bedeutung für Ihre Unversehrtheit sind. Abgesehen von Ihren persönlichen Dokumenten (insbesondere Ihrem Reisepass oder anderen Ausweispapieren), die Sie nach Möglichkeit ohnehin immer bei sich tragen sollten, ist es hilfreich, folgende Ausrüstungsgegenstände „greifbar“ zu haben:

  • Persönliche Wertgegenstände und Bargeld
  • Trinkwasser für einen Tag (wenn möglich, für drei Tage)
  • haltbare Nahrungsmittel, die auch ohne Erhitzen verzehrt werden können (ebenso für einen bis – nach Möglichkeit – drei Tage), denken Sie daran, dass sie im Notfall auch ein bisschen “Nervennahrung” brauchen – packen Sie also auch etwas ein, das ihnen wirklich gut schmeckt.
  • Taschenlampe
  • batteriebetriebenes Radio (die nationale Rundfunk- und Fernsehgesellschaft, NHK, sendet im Katastrophenfall auf der Frequenz 693kHz Hinweise in englischer Sprache).
  • Und da der Mensch seine “Bedürfnisse” im Katastrophenfall nicht auf Kommando einstellen kann: Haben Sie genügend Toilettenpapier im Haus!
  • Dazu gehört dann auch: Denken Sie daran, dass die Wasserversorgung u.U. auch für die Toilette unterbrochen werden kann. Legen Sie sich einen Vorrat an “Notfalltoiletten” (chemische Toiletten) an, die zur Standardausrüstung für den Katastrophenfall gehören sollten – es sei denn, Sie wohnen auch in Tōkyō von einem großen Garten umgeben und sind im Besitz eines Spatens…

Denken Sie daran, dass Erdbeben sich an keine Tageszeit „gebunden fühlen“. Sie sollten also auch nachts in der Lage sein, sich möglichst schnell bekleiden zu können.

Und, was auch gern vergessen wird: in japanischen Häusern trägt man in aller Regel keine Schuhe. Um sich im Falle eines Erdbeben vor von Glassplittern hervorgerufenen Schnittwunden zu schützen, halten Sie also zumindest ein paar Slipper bereit.

Und, falls das Ihre innere Ruhe stärkt, kann auch ein Gebet nicht schaden. Deswegen lesen Sie auch den sechsten Teil dieser kleinen Serie.

Zu den anderen Kapiteln dieser Artikelserie gelangen Sie über das Inhaltsverzeichnis oben.

6 Responses to Allgemeine Hinweise zum Aufenthalt in Japan (5)

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