Allgemeine Hinweise zum Aufenthalt in Japan (1)

Glauben Sie es – oder glauben Sie es nicht: Japan ist gar nicht so kompliziert!

I. Ein paar Grundsätze für das menschliche Miteinander

Flagge-Japans

Gleich vorweg eine Mahnung an all diejenigen, die bunte Bilder sehen wollen: Hier gibt es keine! Dafür um so mehr Text. Das ist der Preis, der nun mal zu bezahlen ist, wenn man wenigstens ein paar grundsätzliche Dinge über Japan lernen möchte und sich das Vermeiden vermeidbarer Fettnäpfchen auf die Fahnen geschrieben hat. Als Besucher in einem fremden Land sind Sie – ob Sie das nun mögen oder nicht – immer Botschafter Ihres Heimatlandes. Sie werden nicht dafür bezahlt, aber entsprechend verhalten können Sie sich trotzdem.

Damit Sie wissen, worauf Sie sich mit diesem Artikel einlassen, hier ein kurzes Inhaltsverzeichnis (die einzelnen Punkte erheben natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sollen aber doch verdeutlichen, dass es so gut wie keine Hürden gibt, die nicht spielend genommen werden könnten – Ergänzungswünsche werden gern entgegen genommen):

Inhaltsverzeichnis

1) Ein paar Grundsätze für das menschliche Miteinander

1.1 Respekt ist Teil des Systems

1.2 Freundlichkeit und Höflichkeit – beteiligen Sie sich daran

1.3 Keine Angst vor Kontakten

1.4 Unaufdringlichkeit ist Trumpf

2) Klischees

2.1 Klischee Nr. 1: Das wohlbekannte Verbeugungsritual

2.2 Klischee Nr. 2: Der Austausch von Visitenkarten

2.3 Klischee Nr. 3: Japaner zeigen keine Gefühle

3) So vermeiden Sie ein paar Fettnäpfchen

3.1 Schuhe ausziehen!

3.2 Essstäbchen sind gar nicht so unpraktisch

3.3 Es muss nicht immer Stoff sein

3.4 Genießen Sie japanisches Essen – aber bitte nicht, wo sie gehen und stehen

4) Ein kleiner Crashkurs vor der Japanreise

5) Erdbeben und andere (Natur-)Katastrophen

5.1 Verhalten im Falle eines Erdbebens

5.1.1 Und was Sie schon lange vor einem etwaigen Erdbeben tun können

6) Gute Sitten beim Besuch religiöser Orte

6.1 Besonderes zu shintōistischen Schreinen

6.1.1 Betreten des Schreingeländes

6.1.2 Reinigung vor Betreten des inneren Schreinbezirkes

6.1.3 Entrichtung eines Obulus in den Opferstock

6.1.4 Fotografieren an und in Schreinen

6.1.5 Essen, Trinken und Rauchen

6.1.6 Fürbitte, Glücksbringer und Orakel

Wenn Ihnen das einen groben Eindruck von dem verschafft hat, was hiermit auf Sie zukommt, kann’s ja losgehen mit dem ersten Teil:

1) Ein paar Grundsätze für das menschliche Miteinander

… die nicht nur deswegen beherzigt werden sollten, weil Sie sich in Japan befinden.

Im Grunde wäre es für das „richtige“ Benehmen in Japan fast schon ausreichend, an die „gute Kinderstube“ zu appellieren. Viele der „Grundtugenden“, die uns Deutschen vor nicht gar zu langer Zeit auch noch ins Stammbuch geschrieben wurden, gilt es lediglich, sich erneut bewusst zu machen. Gegenseitiger Respekt, Rücksichtnahme, Höflichkeit und Bescheidenheit sind uns schließlich auch nicht gänzlich unbekannt. Sie werden in Japan sicher vor einem anderen Hintergrund gelebt, als dem, der einstmals bei uns für die Ausbildung dieser Verhaltensmuster verantwortlich war, aber in der praktischen Anwendung liegen Sie damit auf keinen Fall falsch.

Aber machen wir uns nichts vor: Es wird vielen auch auf wiederholten Reisen nach und längeren Aufenthalten in Japan nicht gelingen, die Mechanismen des Miteinanders in Japan vollkommen zu verinnerlichen, und sich wie „perfekte“ Japaner zu benehmen (der „perfekte“ Japaner müsste dann auch erst einmal definiert werden). Ein Grund hierfür ist nicht nur, weil wir anders sozialisiert sind und in Deutschland grundsätzlich ein anderer Umgang mit Emotionen gepflegt wird, sondern auch, dass man in Japan stolz auf seine „Unergründbarkeit“ ist, sich also auch nicht gar zu gern „in die Karten schauen“ lässt.

Und vergessen darf bei alledem auch nicht werden: Es gibt kein „japanisches Verhalten“. Es gibt keine „japanische Lebensweise“. Es gibt eine Vielzahl „japanischer Regeln“ – aber noch größer ist die Zahl der „japanischen Individuen“ und damit auch der gelebte Umgang mit diesen Regeln. Die Gesellschaft funktioniert hier in erster Linie auf dem Anspruch auf Konsens und gegenseitigen Respekt – und steht damit in krassem Gegensatz zu dem auf Individualismus ausgelegten „westlichen“ Lebensstil. Um so deutlicher treten die mit Nachdruck ausgelebten Individualismen in Japan in Erscheinung, werden auffällig und dringen demjenigen, der zum ersten Mal nach Japan kommt, viel stärker ins Bewusstsein als das „Allgemeine“. Kein Wunder also, dass es außerhalb Japans praktisch zum guten Ton gehört, den Schwerpunkt auf Berichte über das „Schrille“ im Lande zu legen. Das Schrille ist aber, herausgelöst aus dem gesellschaftlichen Gefüge, so repräsentativ für Japan wie der Gamsbart am Hut des Süddeutschen für den Kleidungsstil der großen Masse in Deutschland.

1.1 Respekt ist Teil des Systems

Japan ist in der Welt nicht ohne Grund als Land der gelebten Höflichkeit und des gegenseitigen Respekts bekannt. Diese Grundtugenden sind nicht zuletzt Voraussetzung für das reibungslose Miteinander in den Großstädten. Versuchen Sie, diese selbst auch zu praktizieren – Sie wollen ja auch Nutznießer dieser Reibungslosigkeit sein.

Es wird nicht lange dauern, bis Sie feststellen: Nicht jeder nimmt Rücksicht – nicht jeder scheint an einem harmonischen Miteinander interessiert zu sein – auch wenn Harmonie die Grundlage für das japanische Rechtssystem bildet. Denn natürlich sind auch Japaner keine „übernatürlichen Wesen“, die 24 Stunden am Tag wachsam auf das Wohl des Nächsten achten. Wahrscheinlich ist sogar eher das Gegenteil der Fall. Wenn man es negativ ausdrücken wollte, könnte man auch von einem umfassenden Desinteresse am Nächsten sprechen. Wie immer in Japan, werden hier beide Seiten der Medaille „gelebt“ – wer behauptet, Japaner seien rücksichtsvoll, hat damit ebenso Recht, wie derjenige, der sie für rücksichtslose Trampel hält. Fakt ist allerdings, dass man aggressive Rücksichtslosigkeit selbst im größten Getümmel nur höchst selten antrifft, eher schon mal Gedankenlosigkeit.

Dennoch: Das System des mehr oder weniger harmonischen Miteinanders funktioniert trotzdem, weil es stillschweigender Konsens der Gesellschaft ist.

Wesentlich ausgeprägter als der Sinn für Rücksichtnahme ist in Japan der Grundsatz, den anderen höflich zu behandeln und zu respektieren. Die Höflichkeit hat nicht immer mit herzlicher Freundlichkeit zu tun und ist oft nur erstarrte Floskel, nichts desto weniger wohltuend. Der Drang, jedem seine Meinung auch ungefragt kund zu tun, seine Ehrlichkeit mit oft auffallender Schonungslosigkeit zu paaren, seine (meist schlechte) Laune förmlich zu Markte zu tragen, sprich: sich selbst in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken, sind ein paar der vielen Charakterzüge, die den Deutschen nicht umsonst nachgesagt werden. Seien Sie nicht überrascht, wenn sie damit hier bestenfalls Unverständnis ernten. Sie werden allerdings auch genauso viele Japaner treffen, die behaupten, die schonungslose Ehrlichkeit der Deutschen zu schätzen. Erwarten Sie dergleichen aber nicht von Ihrem japanischen Gegenüber. In aller Regel werden Japaner auch zum bösesten Spiel noch immer gute Miene machen. Deuten Sie dies aber nicht als Verbundenheit oder Zustimmung. Es entspricht lediglich nicht den Gepflogenheiten, dem anderen ohne zwingende Notwendigkeit Widerworte zu geben.

1.2 Freundlichkeit und Höflichkeit – beteiligen Sie sich daran

Sie werden besonders in den Kaufhäusern und Geschäften, aber auch in Restaurants wiederholt mit eher mechanisch oder auswendig gelernt wirkenden, irgendwie eben daher geplapperten Höflichkeitsfloskeln konfrontiert werden. Diese bedeuten nicht Desinteresse an Ihnen – sie zeigen ihnen aber, worum es geht: Mehr um die Einhaltung der Höflichkeitsstandards und die Bezeugung des Respekts, als um den Aufbau einer herzlichen Verbindung zwischen Kunde/Gast und Verkäufer/Bedienung. Die Zurschaustellung überbordender Herzlichkeit gilt als aufdringlich. Wichtiger ist es, den Kunden oder Gast mit den Formen höchster Hochachtung zu verwöhnen. Flapsigkeiten sind da ebenso wenig angebracht, wie gespielte Vertraulichkeit.

So bleibt der Umgang außerhalb der Familie bzw. im engsten Freundes- und Kollegenkreis überwiegend förmlich-distanziert, aber in den allermeisten Fällen sehr höflich.

Wenn Ihnen danach sein sollte: Schalten Sie einmal das japanische Fernsehprogramm an. Dort werden Sie überwiegend das genaue Gegenteil des oben Beschriebenen geboten bekommen: Sich anschreiende Menschen, Respektlosigkeiten jeder nur denkbaren Art, aufdringlichste Zurschaustellung. Besonders die privaten Fernsehkanäle scheinen sich gegenseitig in einer Art Antithese zum gesellschaftlichen Konsens übertreffen zu wollen – offensichtlich tragen sie mit ihren Programmen dazu bei, den Menschen den Umgang mit ihren eigenen Emotionen zu erleichtern.

1.3 Keine Angst vor Kontakten

So fremd Ihnen diese Welt auch zunächst erscheinen mag, so wenig sollten Ihnen übertriebene Bestrebungen, sich „zum Japaner verbiegen“ zu wollen, die Freiheit rauben, unverkrampft auf Japaner zuzugehen. Außer bei Geschäftskontakten – und selbst dort nur in eingeschränktem Umfang – erwartet von Ihnen niemand, dass Sie alle Regeln des Miteinanders in Japan beherrschen. Wie oben schon erwähnt, erfüllt es nicht wenige Japaner auch ein bisschen mit Stolz, wenn ihre Lebensweise vielen ein Buch mit sieben Siegeln bleibt.

Es ist im Grunde nichts schlimmer, als mitansehen zu müssen, wie sich Nichtjapaner praktisch schon mit dem Betreten japanischen Bodens verkrampfen. Zu viel hat man über die Eigenarten Japans gehört oder gelesen. Zu unergründlich erscheint einem dieses Land. Zu sehr bekommt man suggeriert, den Anforderungen des Landes unter Umständen gar nicht gewachsen sein zu können. Und selbst wenn das alles stimmen sollte: Es besteht kein Grund zur Panik. Im Gegenteil! Auch 150 Jahre nach Öffnung des Landes sind Sie als Ausländer aus dem Westen noch immer Exot. Noch sind die meisten Japaner wenig gewandt im Umgang mit Ausländern. Für sie ist es eine viel größere Herausforderung, mit Nichtjapanern zu verkehren als für uns, Versuche zur Anpassung an fremde Umgebungen zu unternehmen – und zwar in doppelter Hinsicht: Erstens weil vielen Japanern die Übung darin fehlt und zweitens, weil es ein ehrliches Anliegen der meisten Japaner ist (zumindest der Japaner, die den Umgang mit Ausländern suchen), ihr Land in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen und dafür zu sorgen, dass der Besucher aus dem Ausland sich wohl fühlt. Dieses ehrliche Bemühen um den ausländischen Gast ist bisweilen wirklich überwältigend. Aus ihm spricht die grundsätzliche Achtung gegenüber dem Anderen und die gelebte Verantwortung gegenüber dem eigenen Land.

Aber natürlich vermeiden die meisten Japaner den Kontakt mit Ausländern, weil sie ihrerseits befürchten, ausländischen Anforderungen nicht Genüge tun zu können. Am schwersten wiegt dabei oft der Mangel an praktischer Anwendung von Fremdsprachen. Auch wenn die meisten Japaner sechs Jahre lang schulischen Englischunterricht erhalten, fühlen sich viele dennoch nicht wohl in dieser Fremdsprache. Es besteht auch kein Anlass, sich darüber zu mokieren. Wenn unsere Muttersprache vom Englischen so weit entfernt wäre, wie das Japanische von den meisten Sprachen dieser Welt, würden wir uns auch noch schwerer damit tun.

1.4 Unaufdringlichkeit ist Trumpf

Dass das Miteinander in Japan – insbesondere in den Großstädten – von Rücksichtnahme und Höflichkeit und einem grundsätzlichen Verzicht auf Aggressivität gezeichnet ist, hatte ich zuvor ja bereits dargelegt. Hierbei sind es auch die eher sekundär erscheinenden Elemente, die im Zusammenspiel ein Gesamtbild ergeben. Jeder, der in einer deutschen Großstadt dazu gezwungen ist, die Transportmittel des öffentlichen Nahverkehrs zu benutzten (Massentransporte des Fernverkehrs werden selbstverständlich auch nicht ausgeschlossen) weiß, wie lästig es werden kann, wenn andere Mitreisende ein Mindestmaß an körperlicher Hygiene vermissen lassen. Nicht, dass es in Japan nicht gelegentlich auch unreinliche Zeitgenossen gäbe, aber ganz grundsätzlich achten Japaner sehr auf die Körperpflege und ein ordentliches Äußeres. Das liegt zum einen an einer gelebten Badekultur, zum anderen daran, dass auch hier die Maxime gilt: Nicht aufdringlich sein!

Das gilt übrigens auch für den Umgang mit Parfüms und anderen Duftstoffen: wen eine Duftwolke einhüllt (und mag der Duft ein noch so exquisiter sein), den umgibt auch eine Aura der Aufdringlichkeit, wenn nicht gar Anrüchtigkeit. Weniger ist also mehr.

Zu den anderen Kapiteln dieser Artikelserie gelangen Sie über das Inhaltsverzeichnis oben.

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5 Responses to Allgemeine Hinweise zum Aufenthalt in Japan (1)

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