Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 2)

17. September 2017

Yokohama (横浜)
Tokushima Awa Odori (徳島阿波踊り)

Yokohama Ōsanbashi / Asuka II (横浜大さん橋/飛鳥II)

Unsere Reise beginnt im Hafen von Yokohama (横浜 / よこはま). Und das dortige Passagierterminal „Ōsanbashi“ (大さん橋国際客船ターミナル / おおさんばしこくさいきゃくせんたーみなる) allein ist schon die Reise wert (Sie müssen auch nicht extra an Bord eines Schiffes gehen, um dieses einzigartige Gebäude kennenzulernen). Das zwischen 1988 und 2002 errichtete neue Pier ist dafür ausgelegt, bis zu vier 30.000-Tonnen-Schiffe oder zwei 70.000-Tonnen-Schiffe gleichzeitig abzuwickeln. Sie werden sagen: Na, und was ist mit den noch größeren? Spätestens ab 90.000 Tonnen müssen diese Monsterkähne leider im weit weniger ansehnlichen Frachthafen abgefertigt werden, da ihnen die Durchfahrthöhe der Yokohama Bay Bridge (55 Meter) den Weg versperren würde (hier passt maximal die „Queen Elizabeth 2“ durch). Und auf Deck 12 der Asuka II hat man auch schon (fast) das Gefühl, nach dem unteren Deck der Brücke greifen zu können.

Hier aber zunächst einmal ein paar Eindrücke vom Passagierterminal in Yokohama, besagtem/r „Ōsanbashi“

Während der Fahrt von Yokohama nach Komatsushima (小松島 / こまつしま), dem Hafen, der am zweiten Tag angelaufen wurde, konnten die Decks der Asuka II bei herrlichstem Sonnenschein bestaunt werden:

Und nach der Ankunft im (allerdings wirklich nicht gerade schönen) Hafen von Komatsushima (小松島 / こまつしま) auf der Insel Shikoku (四国 / しこく) in der Präfektur Tokushima (徳島県 / とくしまけん) konnten wir die ersten Blicke auf das Schiff in seiner ganzen Majestät werfen.

Aber dafür hat man nicht den Pazifik befahren. Das Ziel und erste Highlight der Kreuzfahrt war das Awa Odori-Fest in Tokushima (徳島 / とくしま) in der gleichnamigen Präfektur. Wer meine Artikel über Awa Odori kennt, weiß, wovon ich hier spreche – schauen Sie vielleicht noch hier vorbei:

Kagurazaka Awa Odori (神楽坂阿波踊り)
– Sommerliche Ausgelassenheit mitten in Tōkyō

Kōenji Awa-Odori (高円寺阿波踊り)
Tōkyōs größtes Awa-Tanz-Festival – ausgelassener denn je

Aber der Awa Odori (阿波踊り / あわおどり) in Tokushima ist nun mal die „Mutter“ aller Awa Odori-Feste – und zudem noch das wahrscheinlich größte im ganzen Land. Es findet jedes Jahr vom 12. bis zum 15. Januar statt und zieht weit mehr als eine Million Besucher an. Der offiziellen Lesart nach ist der Awa Odori ein traditioneller Tanz, mit dem die Geister der Toten, die in dieser Zeit (Obon / 御盆 / おぼん) in ihre Heimatstädte zurückkehren, willkommen geheißen werden. Diese spezielle Form des volkstümlichen Straßentanzes geht auf das ausgehende 16. Jahrhundert zurück – angeblich erstmals aufgeführt zur Fertigstellung der Burg von Tokushima (徳島城 / とくしまじょう) 1587. Und wenn man sich den Tanz heute betrachtet, kann man sich schon vorstellen, dass er die Ausgelassenheit (na ja, vielleicht auch das Geschwipstsein) der damaligen Festlichkeit repräsentiert. Wenn Sie sich jetzt fragen, warum der Tanz dann nicht „Tokushima Odori“ hießt, gibt es eine ganz einfache Erklärung: Das, was wir heute „Präfektur Tokushima“ (徳島県 / とくしまけん) nennen, hieß bis 1868 „Provinz Awa“ (阿波国 / あわのくに).
Ein besonderes Erlebnis ist es natürlich, die Tanzgruppen von reservierten Plätzen auf Schauertribünen (1.800 Yen) beobachten zu können. Hier mischen sich „professionelle“ Gruppen, bei denen die Kombination aus Präzision und Geschmeidigkeit des Tanzes eine wahre Freude ist, mit eher laienhaften Gruppen, die einfach Spaß an der Freude haben. Viele Tanzgruppen werden von ihren Arbeitgebern unterstützt – und laufen dann natürlich auch nach Kräften Reklame für sie. Es gab sogar eine vergleichsweise große Tanzgruppe unseres Schiffes, der Asuka II, die sich aus Crew-Mitgliedern und Gästen zusammensetzte.

Die Aufnahmen, die Sie hier sehen können, entstanden während der ersten abendlichen Tanzzeit zwischen 18 Uhr und 20 Uhr.

Und wem statische Bilder dieses quirligen Tanzvergnügens nicht genug sind, kann sich hier meinen halbstündigen Mitschnitt der Gesamtveranstaltung anschauen:

Sehen Sie auch die anderen Kapitel dieser Reisebeschreibung (Links werden im Laufe der anstehenden Veröffentlichungen ergänzt)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 1)
– Das Kreuzfahrtschiff – ganz japanisch

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 3)
– Seto Ōhashi (瀬戸大橋)
– Kurashiki (倉敷)
– Zentsū-ji (善通寺)
– Takamatsu-Feuerwerk (高松祭り花火大会)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 4)
– Die Burg von Takamatsu (高松城)
– Ritsurin Kōen (栗林公園)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt  (Teil 5)
– Die Heimreise

 

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Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 1)

11. September 2017

Das Kreuzfahrtschiff – ganz japanisch

Asuka II (Takamatsu Hafen)

Asuka II (Takamatsu Hafen)

Japaner stehen nicht gerade in dem Ruf, Weltmeister im Urlaubmachen zu sein. Und diejenigen unter uns, die schon ein paar Jahre in Japan und mit Japanern leben, wissen, dass Urlaubmachen auch nicht unbedingt zum „guten Ton“ gehört, vielen sogar fast etwas peinlich ist, da berufsmäßige Emsigkeit nun mal das höchste aller Lebensideale darstellt (zumindest ist das der Nimbus, von dem man oft den Eindruck gewinnt, er werde wie eine Monstranz vor dem eigenen Tun und Lassen einher getragen).

Andererseits gibt es auch wahrscheinlich kein Land (von Deutschland vielleicht mal abgesehen), in dem Klischee und Wirklichkeit dann aber doch immer wieder so weit von einander abweichen, dass man Zweifel an beiden bekommen darf.

Langer Rede kurzer Sinn: Natürlich machen Japaner auch Urlaub! Und natürlich versuchen sie dabei, eine möglichst gute Zeit zu haben. Sie lassen sich nur vielleicht nicht ganz so viel Zeit dafür. Deswegen kann ich heute über eine Kreuzfahrt berichten, die in deutschen Augen vielleicht lächerlich kurz wirken mag, in Japan aber doch in die Kategorie „Jahresurlaub“ fällt. Es geht um eine Kreuzfahrt mit dem ganzen Stolz der japanischen Kreuzfahrtindustrie, mit der Asuka II (飛鳥II / あすかII), die vom 11. bis zum 16. August von Yokohama (横浜 / よこはま) nach Shikoku (四国 / しこく) und wieder zurück führte.

Wenden Sie sich nicht gleich gelangweilt ab unter dem Motto: „Kreuzfahrt? Kenn’ ich schon!“ Gerade wenn Sie sich als gewiefter Kreuzfahrer bezeichnen, werden Sie merken: Japanische Kreuzfahrten sind ein bisschen anders! Und wenn Sie mit Kreuzfahrten bisher nichts an der Mütze hatten, bekommen Sie im Laufe dieses Artikels vielleicht einen etwas anderen Blick auf diese Form des Reisens.

Werfen wir also zunächst einen Blick auf das Schiff, die Asuka II und vergleichen wir sie dabei mit ein paar anderen Schiffen (zum Vergrößern anklicken):

Die Zahlen führen einen ein bisschen aufs Glatteis, weil sie den Eindruck erwecken, als sei das Rennen für die Asuka II gelaufen. Schauen Sie aber genauer hin – und die Gegebenheiten an Bord untermauern eine eher gegenteilige Erkenntnis: Kein anderes der oben aufgeführten Schiffe bietet z.B. so viel „Platz pro Passagier“ wie die Asuka II. Dass die „Color Fantasy“ hier am schlechtesten abschneiden muss, liegt daran, dass sie kein Kreuzfahrtschiff, sondern ein (allerdings vergleichsweise luxuriöses) Fährschiff ist und nur deswegen in der Liste erscheint, weil ich sie kenne.

Die ursprüng­lich als „Crystal Harmony“ im Jahre 1990 für die Reederei „Crystal Cruises“ in Dienst gestellt worden (ihr fünf Jahre später in Dienst gestelltes Schwesterschiff, die „Crystal Symphony“ ist heute noch unter ihrem ursprünglichen Namen auf den Weltmeeren unterwegs). Bis 2015 war „Crystal Cruises“ ein Tochterunternehmen von Nippon Yūsen Kaisha (日本郵船会社 / 日本ズ失せんかいしゃ), kurz NYK genannt. Und seit Februar 2006 fährt das bei der Gelegenheit in „Asuka II“ umgetaufte Schiff für NYK direkt. Es gilt heute als das größte japanische Kreuzfahrtschiff.
Für Kreuzfahrer wahrscheinlich weniger interessant: Der Eigentümer des Schiffes, besagte NYK, ist eine der ältesten und größten Reedereien der Welt. Und was besonders den deutschen Leser und Globetrotter interessieren wird: Das ursprünglich von NYK betriebene, wesentlich kleinere Vorgängerschiff der „Asuka II“, die „Asuka“, ist derzeit als „Amadea“ für „Phoenix Reisen“ in Bonn unterwegs und hat es als neues „Traumschiff“ zu deutscher TV-Berühmtheit gebracht.

Und vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an dieses Kleinod brillanter Seefahrtsgeschichte von NYK, das in Yokohama vor Anker liegt und dort als Museum besichtigt werden kann:

Yokohama: Hikawa Maru (氷川丸)
– Das bewegte Leben der „Königin des Pazifiks“

So weit so gut. Und warum ist die Asuka II nun japanischer als andere Schiffe?

Nun, das fängt schon mit der Bordsprache auf der hier beschriebenen Kreuzfahrt an. Sie war Japanisch! Alle Hinweise (auch Sicherheitshinweise!) und Bordzeitungen werden auf Japanisch angeboten. Wer die Sprache nicht wenigstens ansatzweise in Schrift und Wort beherrscht, wird also nur eingeschränkte Freude am Aufenthalt an Bord haben. Und insofern darf es auch nicht verwundern, dass auch die Passagiere an Bord ganz überwiegend japanisch sind (außer mir waren nur zwei weitere „erkennbar“-nichtjapanische Fahrgäste an Bord).

Was man auf anderen Schiffen dieser Welt wahrscheinlich eher vergeblich sucht (oder erst ab einer bestimmten Kabinenklasse findet), gehört hier zum Standard in allen Kabinen: Washlet (für Nichtjapaner: Toilette mit eingebauter Dusche) und Badewanne. Und die typisch japanische Bäderanlage mit Waschplätzen und heißen Sitzbädern darf auf der Asuka II natürlich auch nicht fehlen, ja hat sogar sozusagen einen Logenplatz auf Deck 11. Innenkabinen gibt es an Bord der Asuka II nicht. Werfen wir einen Blick in das Innere der von mir bewohnten Kabinenklasse „E Balkon“ auf Deck 8 (dem „Horizon Deck“):

Auf hohem Standard bewegt sich auch die Organisation der Abläufe an Bord – wie immer, wenn es darum geht, etwas größere oder ganz große Menschenmengen zu „kanalisieren“, zeigt sich das besondere japanische Talent. „Reibungslosigkeit“ ist hier das Schlagwort.

Vergleichbar mit anderen Schiffen dürfte die große Anzahl an philippinischen Crewmitgliedern sein, die aber natürlich auch hier an die Bordsprache „Japanisch“ gebunden sind.

Bevor wir auf die Reise gehen, schauen wir uns doch mal an, mit welchen Einrichtungen das Schiff aufwartet (klicken Sie die Bilder an und lassen Sie sich weitere Informationen anzeigen).

Restaurants und Cafés: 

Asuka II – Restaurants

Lounges & Bars: 

Asuka II – Lounges & Bars

Entertainment: 

Asuka II – Entertainment

Zeitvertreib:

Asuka II – Zeitvertreib

Sport & Bewegung:

Asuka II – Sport & Bewegung

Entspannung & Körperpflege:

Asuka II – Entspannung & Körperpflege

Shopping:

Asuka II – Shopping

Kultur & Bildung:

Asuka II – Kultur & Bildung

Sonstiges:

Außerdem gibt es auf dem Hauptdeck (Deck 5) natürlich auch eine freundliche Reception (レセプション) an der wirklich atemberaubenden „Asuka Plaza“ (アスカプラザ) und ein „Medical Center“ (メディカルセンター) auf Deck 4, dem „Tender Deck“ (タンダーデッキ).

Haben Sie doch nicht genug Kleidung eingepackt? Auch das ist kein Problem. Auf allen Kabinendecks gibt 24 Stunden am Tag gratis zu benutzende Waschmaschinen (inkl. Waschmittel und Weichspüler), Trockner und Bügeleisen. Falls Sie bisher noch keinen Kontakt mit japanischen Waschmaschinen hatten: Das ist ihre Chance! Und glauben Sie mir: Sie werden Ihre Miele anschließend noch mehr zu schätzen wissen!

Wenn Sie sich diese Arbeit ersparen möchten, können Sie Ihre Kleidung natürlich auch in die bordeigene chemische Reinigung geben – die dann allerdings nicht gratis ist.

Nach meinem laienhaften Dafürhalten, ist für alles gesorgt, was zu einer komfortablen Reise gehört. Es kann also heißen: Leinen los! – Teil 2 nimmt Sie mit auf den Weg… Und dann gibt es auch weitere Bilder von der äußeren Erscheinung des Schiffs selbst.

Sehen Sie auch die anderen Kapitel dieser Reisebeschreibung (Links werden im Laufe der anstehenden Veröffentlichungen ergänzt)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 2)
– Yokohama (横浜)
– Tokushima Awa Odori (徳島阿波踊り)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 3)
– Seto Ōhashi (瀬戸大橋)
– Kurashiki (倉敷)
– Zentsū-ji (善通寺)
– Takamatsu-Feuerwerk (高松祭り花火大会)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 4)
– Die Burg von Takamatsu (高松城)
– Ritsurin Kōen (栗林公園)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt  (Teil 5)
– Die Heimreise


Die Meiji Maru (明治丸)

24. February 2017

Eisernes Sinnbild für die Modernisierung Japans

Meiji Maru (明治丸)

Meiji Maru (明治丸)

Aufgrund der großen Anzahl der verfügbaren englischsprachigen Quellen zu diesem Schiff, ist keine englischsprachige Version dieses Artikels vorgesehen.
Due to the numerous resources available in English about this ship, an English version of this posting is not planned (but let me know, should a translation make you happy…).

Die Meiji Maru (明治丸 / めいじまる) war ein in ihrer Zeit ungewöhnlich luxuriöses Schiff für die Versorgung von Leuchttürmen. Es war von der japanischen Regierung in Großbritannien in Auftrag gegeben worden, und im Jahr 1873 wurde ihr Kiel auf der Napier & Sons Werft in Govan (Glasgow) gelegt. Nach seiner Fertigstellung im November 1874 wurde es  1875 auf die Reise von Glasgow nach Yokohama geschickt, wo die Meiji Maru im Februar desselben Jahres ankam. Zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung war sie ein Zweimast-Toppsegelschoner von mehr als 1.000 Tonnen (brutto), einer Länge von 86,6 Metern und einer Breite von 9,1 Metern. Außerdem war sie ausgerüstet mit Doppelschiffsschrauben und zwei Dampfmaschinen mit 1.100 PS (ich habe auch Quellen gefunden, die von 1.530 PS sprechen), die das Schiff auf eine Geschwindigkeit von 11,5 Knoten brachten. Es war damals „state of the art“ und sollte auch auf den Meeren zeigen, dass Japan sich anschickte, sich zu einer modernen Nation zu entwickeln.

Meiji Maru (明治丸)

Meiji Maru (明治丸)

Meiji Maru (明治丸)

Meiji Maru (明治丸)

Der Meiji Tennō (Mutsuhito, 1852-1912) war an Bord des Schiffes, als es zu seiner Einweihungsfahrt von Yokosuka (横須賀 / よこすか) nach Yokohama (横浜 / よこはま) in See stach (die beiden Städte liegen ungefähr 40 km Luftlinie von einander entfernt). Seinen Namen trägt das Schiff aus gutem Grund: Ebenso modern, wie das Schiff, wollte sich auch der Monarch geben, der die Regentschaft der Shōgune beendet und das Heft der Macht wieder in die eigenen Hände genommen hatte.

Der Kaiser, den bisher kaum ein Mensch zu sehen bekommen hatte, tat alles, um seine neu gewonnene Macht zu festigen. Besuchsfahrten in alle Winkel seines Reiches gehörten dazu und steigerten seine Popularität ungemein.
Auf seiner Tour durch den Nordosten der japanischen Hauptinsel und Hokkaidō ging Kaiser Meiji in Aomori (青森 / あおもり), Nordjapan, 1876 an Bord der Meiji Maru und segelte mit ihr nach Hakodate (函館 / はこだて) in Hokkaidō (北海道 / ほっかいどう) – beide Städte werden nur von der hier etwa 120 km breiten die Tsugaru-Straße (津軽海峡 /  つがるかいきょう) getrennt. Seine Reise endete am 20. Juli 1876 mit seiner Ankunft in Yokohama in der Präfektur Kanagawa (神奈川県 / かながわけん). Dieser Tag wird bis auf den heutigen Tag als „Tag des Meeres“ (海の日 / うみのひ) als Nationalfeiertag begangen.

Die Meiji Maru war für ungefähr 20 Jahre im Einsatz als Versorgungsschiff für Leuchttürme, bevor sie 1896 als Trainingsschiff für die Seefahrtsschule (東京商船学校 / とうきょうしょうせんがっこう) in Reiganjima ( 霊岸島 / れいがんじま), heute Shinkawa (新川 / しんかわ) im Tōkyōter Bezirk Chūō (中央区 / ちゅうおうく) vor Anker ging und schließlich bei der Verlegung der Schule nach Etchūjima (越中島 / えっちゅうじま) (1902) im Bezirk Kōtō (江東区 / こうとうく) dorthin umzog. Bereits 1897 war das Schiff ins Eigentum der Schule übergegangen und 1901 zu einem Dreimast-Vollschiff umgebaut worden, um von da an fest vor Anker zu verbleiben.
Die Seefahrtsschule wurde 1925 zur Seefahrts-Hochschule (東京高等商船学校 / とうきょうこうようしょうせんがっこう) und schließlich nach dem zweiten Weltkrieg (in Zwischenschritten) zum Etchūjima-Campus der heutigen Ozeanischen Hochschule Tōkyō (東京海洋大学 / とうきょうかいようだいがく).

Die Meiji Maru blieb „Klassenzimmer“ für die Ausbildung der jungen Seefahrer für ungefähr 50 Jahre bis 1945 und hat dabei über 5.000 junge Seeleute kommen und gehen sehen. Sie kenterte zweimal während verheerender Taifune (1911 und 1917), überstand aber das große Kantō-Erdbeben (1923) und die Luftangriffe der Alliierten im März 1945. Während beider Katastrophen diente das Schiff als Auffanglager für Opfer und hat sich dadurch einen besonderen Platz im Herzen der Einwohner des Kōtō-Bezirks (江東区 / こうとうく) gewonnen.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden sowohl das Schiff, als auch die Schulgebäude von den Besatzungsmächten konfisziert. Das führte dazu, dass sich niemand mehr um die Meiji Maru kümmern konnte (andere Quellen sprechen davon, das Schiff sei von den Besatzungskräften als Kantine verwendet worden) und schließlich dazu, dass sie 1951 volllief und im Campus-See sank. Die Meiji Maru konnte aber geborgen werden und aus Anlass ihres 85. Jubiläums im Jahre 1960 wurde damit begonnen, sie zu restaurieren. Bei der Gelegenheit wurde sie auch an ihren heutigen Standort verbracht. Zu ihrem 100. Geburtstag im Jahre 1975 wurde erneut an der Wiederherstellung des Schiffes gearbeitet – unterstützt durch Spenden von Alumni der Hochschule und der Schiffsindustrie.

Die Meiji Maru ist das einzige Schiff Japans, das heute noch erhalten ist, das komplett aus Eisen hergestellt worden war (nicht, wie heute, aus Stahl). Seine Einzigartigkeit und seine historische Bedeutung schlugen sich im Mai 1978 in einer Anerkennung als wichtiges Kulturgut nieder.

Auch wenn das Schiff nach den letzten Renovierungsarbeiten (2015) schon von außen einen wirklich überwältigenden Eindruck macht, so ist doch sein Inneres von besonderem Interesse, denn es ist nicht nur das einzige Schiff, das über eine nur dem Kaiser vorbehaltene Kabine (schmückend „Thron / 御座所 / ごやしょ” genannt) verfügt, sondern auch über einen recht prächtig ausgestatteten Salon, der sicher nicht typisch für ein Versorgungsschiff gewesen sein mag.

Schauen Sie sich aber auch die historischen Gebäude auf dem Etchūjima-Campus der Ozeanischen Hochschule an. Das Hauptgebäude stammt aus dem Jahre 1932, als es ein ursprünglich hölzernes Schulgebäude ersetzte, das während des großen Kantō-Erdbebens niedergebrannt war. An diesem Campus sind die Abteilungen “Maritime Systems Engineering”, “Elektronik und Maschinenlehre” und “Logistics und Informatik” der Fakultät für Marine Ingenieurwissenschaften untergebracht.

Ozeanische Hochschule, Tōkyō (東京海洋大学)

Ozeanische Hochschule, Tōkyō (東京海洋大学)

Außerdem befinden sich auf dem Gelände der Universität zwei Sternwarten, die hier im Juni 1903 errichtet wurden. Das erste von beiden soll das fortschrittlichste Teleskop des Orients seiner Zeit sein Eigen genannt haben. Beide wurden im Dezember 1997 als Kulturgüter anerkannt.

Ozeanographische Hochschule, Tōkyō (東京海洋大学)

Ozeanographische Hochschule, Tōkyō (東京海洋大学)

Ozeanographische Hochschule, Tōkyō (東京海洋大学)

Ozeanographische Hochschule, Tōkyō (東京海洋大学)

Gleich nebenan befindet sich eine Gedenkstätte für Kapitän Genzaburō Kan (菅源三郎 / かんげんざぶろう) (1883-1942), der sich als Abgänger von dieser Hochschule und Kapitän der “Nagasaki Maru” einen Namen gemacht hat, als das Schiff im Jahre 1942 vor der Einfahrt in den Hafen von Nagasaki von Minen versenkt wurde und er tatsächlich erst als letzter Mann von Bord ging. Auch wenn man ihm seinerzeit keinerlei Schuld am Untergang der “Nagasaki Maru” geben konnte, fühlte er sich für den Tod von 13 getöteten und 26 vermissten Kameraden verantwortlich und brachte sich drei Tage später selbst um.

Ozeanographische Hochschule, Tōkyō (東京海洋大学), Genzaburō Kan (菅源三郎)

Ozeanographische Hochschule, Tōkyō (東京海洋大学), Genzaburō Kan (菅源三郎)

Und wenn mir jetzt noch jemand erklären kann, warum japanische Schiffe immer “Maru” (丸 / まる) heißen, was ja eigentlich “Kreis” oder “Rund” bedeutet… Wikipedia bietet mehrere Erklärungen dafür, aber es wird ja hoffentlich auch eine richtige geben…

Adresse des Schiffes:

Meiji Maru
Etchūjima Campus of
Tōkyō University of Marine Science and Technology
2-1-6, Etchūjima, Koto-ku, Tōkyō

Telefon: 03-5245-7360

〒135-8533 東京都江東区越中島2-1-6
東京海洋大学 越中島キャンパス
明治丸

Öffnungszeiten:

Grundsätzlich dienstags und donnerstags, sowie an jedem ersten und dritten Samstag im Monat:
10 Uhr bis 16 Uhr (April bis September)
10 Uhr bis 15 Uhr (Oktober bis März)
Sonderöffnungen an zwei Sonntagen im November

Geschlossen vom 1. August bis 31. August.
Geschlossen vom 16. Dezember bis 15. Februar (gemäß Internetseite der Universität).

Für 2017 galten aber auch schon für die Monate Januar und Februar die oben genannte Regel grundsätzlich. Zusätzlich ist im März auch noch am Samstag, den 25.3, Sonntag, den 26.3 und Freitag, den 31.3. geöffnet.
Es wurde darauf hingewiesen, dass das Schiff von 10 Uhr bis 15 Uhr (letzter Einlass um 14.30 Uhr) besichtigt werden kann.

Während der Schließungszeiten im Winter kann das Schiff, solange der Campus geöffnet ist, von außen besichtigt werden. Für Gruppen von 10 und mehr Besuchern können aber auch in dieser Zeit Besichtigungen nach vorheriger Anmeldung durch geführt werden.

Eintritt frei

Ein weiteres historisches Schiff bei der Ozeanographischen Hochschule:

Wer noch mehr über historische Schiffe in Tōkyō erfahren möchte, für den ist der Shinagawa Campus der Ozeanografischen Universität Tōkyōs interessant, auf dessen Gelände sich z.B. auch die Unyō Maru (雲鷹丸 / うんようまる), ein in Japan gebautes Schulschiff aus dem Jahre 1909, befindet. Die Unyō Maru wurde über 20 Jahre auf 33 Fahrten in erster Linie für Seefangstudien eingesetz. Später diente es, wie die Meiji Maru, Trainingszwecken und wurde zuletzt von 2012 bis 2014 aufwändig restauriert.

Leider konnte ich keine Möglichkeit zur Besichtigung ausfindig machen. Hier ein paar optische Eindrück von dem Schiff, so wie es eben von außen gesehen werden kann:

Adresse:

Unyō Maru
Shinagawa-Campus of
Tōkyō University of Marine Science and Technology
4-5-7 Kōnan, Minato-ku
Tōkyō 108-0075

〒108-8477 東京都港区港南4-5-7
東京海洋大学品川キャンパス
雲鷹丸

Sie interessieren sich für Schiffe?

Dannn lohnt es sich natürlich immer, auch hier einmal vorbei zu schauen:

Yokohama: Hikawa Maru (氷川丸)
– Das bewegte Leben der „Königin des Pazifiks“


Manazuru (真鶴) (Engl.)

11. October 2015

A day at the seaside – nature, art, palatal pleasures and more

Eine deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier.
A German version of this posting you can find here.

It is in the nature of the city slicker to develop a certain yearning for some “green” around her/him, for some “nature” and for a little solitude. Fortunately, at least the Tōkyōite doesn’t have to leave this yearning unsatisfied, as the megalopolis is practically surrounded by charming places to visit and unexpected gems of nature – and many of them have “one-day-trip” written all over them.

One of them is the wonderful pensinsula of Manazuru (真鶴 / まなづる) (which can be casually translated with “crane”, but which is also the name of the white-naped crane), roughly two hours by train from Tōkyō, charmingly located at the Sagami Bay (相模湾 / さがみわん), in the Kanagawa prefecture (神奈川県 / かながわけん), not too far from its capital, Yokohama (横浜 / よこはま).

It is about time that I told you a little about the day which I had the joy of spending there recently. And by doing so, I wouldn’t mind, if you got tempted yourself to put this pretty place on your itinerary. The trip was organised by the incomparable Alice Gordenker – and if you have read this blog carefully, the name may sound familiar to you, as she was also “behind the scenes” by organising and leading the excursions, when I wrote my articles on the “Toguri Museum of Art“, on the project of “Amputee Venus” and the “Teien Art Museum“. Also you will find Alice Gordenker’s blog in my blogroll.

In this particular case the Kanagawa prefecture was sponsoring the tour, as they are aiming at attracting more foreign tourists.

But let’s go back to the cape of Manazuru – and back to when it was created:
The peninsula emerged from volcanic activity around 150 million years ago (unfortunately, I am unable to furnish you with pictures of those events, as even I was too young 150 million years ago to be able to take pictures…). The grounds of the area are rather stony and mountainous and provide little base for farming. In the old days people were living from fishing and quarries – signs of the latter can be found almost everywhere alongside the coast. The castles of Odawara (小田原 / おだわら) and Tōkyō (東京 / とうきょう) – formerly Edo (江戸 / えど) – made use of this high quality andesite (a volcanic rock) which is called “komatsu ishi” (小松石 / こまついし) around here. But also today this kind of stone is rather popular in gardening. However, the quarries date back into even older times – already as early as in the Kamakura era (鎌倉時代 / かまくらじだい) in the 12th century, stone was broken directly at the coastline, as transportation via ship was much easier and much more efficient than carrying the heavy loads overland.

In our days only a few people can still make their living from working in the quarries and/or fishing. Like in other rural disctricts, also Manazuru’s population as declined – from more than 10,000 to about 8,000. People have moved closer to where work/business can be found, to urban areas in the Kantō region (関東地方 / かんとうちほう). Nevertheless, recently also some “U-turn”-tendency, a “back to nature”-approach can be witnessed, of which Manazuru and its splendid location could benefit.

Manazuru (真鶴)

Manazuru (真鶴)

In order to gain an overview of the peninsula as a whole, nothing could have been more appropriate than chartering a boat. And that’s exactly what we did. The 30-minute “Discovery Cruise“, which is offered once an hour (except during the winter months) wasn’t just great fun, it also provided more understanding for the particular topography of the cape. Most likely, you’ll have just as much fun with the seagulls that usually follow the boat – begging for food – but don’t forget to pay some attention to the rocks of the pensinsula and its impenetrable forest. And last, but not at all the least, there are the mystic rocks at the southeastern tip of the peninsula, called “Mitsu Ishi“ (三ツ石 / みついし) – a sacred place of the Shintō religion. The two biggest of the andesite monoliths are connected by a “divine rope”, a “shimenawa” (注連縄 / しめなわ) adorned with sacred paper strips, called “gohei” (御幣 / ごへい). The main rock also carries a shining red “torii” (鳥居 / とりい) – a Shintō gate – and a small shrine in the same blazing red.

On the north shore of the cape you will see gigantic fishing nets, so called “fixed nets” (定置網 / ていちあみ), laid out by the fishing cooperatives of Manazuru. Due to the extreme depth of the waters here (it’s just a very short distance from the shore to get into waters that are several hundred meteres deep) the area enjoys an abundance of species of maritime life.

Manazuru (真鶴) - (定置網 )

Manazuru (真鶴) – (定置網 )

Our first station “onshore” led us to the Kibune Shrine (貴船神社 / きぶねじんじゃ), which dates back to the year 889 when fishermen found 12 wooden “statues” – or what the fisherman took for “statues” – and had the shrine erected for them. Before the strict segregation between Shintō and Buddhism that was imposed during the Meiji Restoration (2nd half of the 19th century), the name was Kinomiya Daimyōjin (貴宮大明神 / きのみやだいみょうじん).

The long flight of stairs that lead up to the main buildings of the shrine used so start directly at the sea shore. Now they are separated from the waters by a road that was reclaimed from the sea during the early Shōwa era (2nd quarter of the 20th century). In the old days the fishermen used to visit the shrine from their boats directly, as this was much less troublesome than approaching it via the hills and dark forests around the shrine.

Over the centuries the shrine as become a place for prayers of the local people, asking the gods for protection in their daily life – which was, as one can imagine, full of incalculable risks, keeping in mind the dangers that come from fishing in deep waters and working at quarries. For that reason you can also see a rather rare piece of sculpture here: One of the dogs/lions guarding one of the shrine’s buildings is shown protecting a small/young dog/lion – a sign for the shrine’s care also for those children who may have lost their parents (or at least their farther) in conjunction with occupational hazards.

During the visit to the shrine I also had the opportunity not only to witness a Shintō ceremony of spiritual clensing and protection, but also to receive some insight in the most precious garment Shintō priests are wearing during those ceremonies. The grandson of the shrine’s main priest (who is holding this position in the 30th generation – the grandson will represent the 32nd generation once he will follow his grandfather and father in this position) and this father (yes, you are right, that must be the representative of the 31st generation) was showing us how these garments are being worn. And at the end of the ceremony every participant received an amulet (御守 / おまもり) – protecting the group for the rest of the day (and surely beyond) by the local god’s blessings.

Manazuru’s biggest festival is also linked to the Kibune Shrine: The Kibune Matsuri (貴船祭り / きぶねまつり), that is celebrated every year on 27th and 28th of July – one of the most remarkable festivals of its kind in Japan.

Kibune Jinja (貴船神社) - Kibune Matsuri (貴船祭り)

Kibune Jinja (貴船神社) – Kibune Matsuri (貴船祭り)

One of the special features of Manazuru is its very old tree population, which is covering almost the whole pensinsula and which is called Ohayashi (お林 / おはやし). It represents a very rich example of forestation dating back to the Edo period (1603 to 1868) – at that time also pursued in order to create the building materials for the nearby Odawara (小田原 / おだわら) and its castle. Thanks to a visionary approach to the care of this forest, and due to the fact that its beauty hadn’t been ruined during the wars of the 20th century, when wood was in particular demand, you can still find truly old trees (200 to 400 years old) around here. The most impressive ones might be the old camphor trees.

Right next to one of the entries into the forest we also visited a “branch” of the Kibune Shrine which was built here to be close to those who worked at the quarries.


A considerable part of this forest remains, almost like a jungle, largely untouched by forestry. This almost mystic forest is also called a “fish-protection forest” (魚付き保安林 / うおつきほあんりん). It is said that woods so close to the seashore form a benefictional symbiosis with the sea:

  1. Fish gain addtional nutrition by insects falling from the trees,
  2. Fish love the shadow provided by the forest,
  3. and the forest delivers additional nutrients, which cater for a particularly rich coastal plankton.

Hence, it shouldn’t come as a big surprise that the waters around Manazuru are home to a still very plentiful maritime life.

Around lunchtime there was a chance to take a view of the sea’s blessings from yet another angle. Located in a small lemon plantation we were welcomed but Ms. and Mr. Saso of the “Orange Floral Farm” (since 2002 a member of the Italian slow food association) – up in the hills of the Manazuru pensinsula overlooking the Sagami Bay in northeastern direction. A most convincing fusion of Mediterranean attitude towards life and Japanese cuisine was waiting for us on the occasion of a barbecue that was just as hearty as it was homey. I guess the most impressive were the fresh fish that were put on the barbecue – complete seabreams (真鯛 / まだい) and gorgeously red fish called “splendid alfonsino” (金目鯛 / きんめだい) – just slightly salted and with olive oil cooked in aluminium foil on charcoal. Pure indulgence! But just as delicious were the Asari shells (浅蜊 / あさり) cooked with garlic, vegetables and mushrooms, the grilled shrimps (the only non-regional animals) and last but not least the local beef (和牛 / わぎゅう) with its distinct texture that everybody was allowed to prepare by her-/himself. Lemon water, prepared with the local produce, was a welcome and most delicious refreshment.

As much as a trip to these rich seashores invites to sample the “fruits of the sea”, it also offers a lot for those who are more interested in art. The  Nakagawa Art Museum (中川一政美術館 / なかがわびじゅつかん) is practically a must for all those who know about the life and art of the multitalented Kasumasa Nakagawa (中川一政 / なかがわかずまさ) – or those who would like to learn more about it. Nakagawa used to live in Manazuru for more than 40 years, after he had moved his studio to here in 1949 to paint the landscapes of the peninsula – and simply stayed here. As a gesture of gratitude for his work the city of Manazuru had this museum built in 1989 by the famous architect Takahiko Yanagisawa (柳澤孝彦 / やなぎさわたかひこ) (among other things he is also the architect of Tōkyō Opera City, the National Theatre and the Museum of Contemporary Art in Tōkyō). Even if you don’t care too much for Nakagawa’s colourful paintings, his calligraphy and his works of pottery, you may find this small but extremly nice and highly modern museum building intriguing. Its architecture alone is worth a visit. And while you’re there, pay attention to the wood grain of the concrete and the lobby’s floor made of local volcanic stone.

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

One of the special features of the museum is a particularly beautiful and bright room for tea ceremony that was installed on the artist’s demand, as he was very fond of Japanese tea ceremony. It suggested itself that we were granted a little lesson in this ceremonial art.

Should your interest be less on the artistic side, but more on the side of nature studies, Manazuru is the place for you. Not just because of its magnificent landscape and bounties of the sea, but also because of the remarkable Endō Shell Museum (遠藤貝類博物館 / えんどうかいるいはくぶつかん).

Endō Muschel-Museum (遠藤貝類博物館)

Endō Shell Museum (遠藤貝類博物館)

Endō Muschel-Museum (遠藤貝類博物館)

Endō Shell Museum (遠藤貝類博物館)

This striking museum is home to one of the most important and most complete collections of shells in the world. The foundations for these treasures were laid by Haruo Endō (遠藤晴雄 / えんどうはるお), who spent most of the 91 years of his life collecting shells. When he died in 2006 the whole collection was donated to the city of Manazuru. Presently the museum houses about 50,000 shells of roughly 4,500 species – from the common shell everyone finds at the seashore to breathtaking rarities (e.g. the smallest shell of the world, measuring just 0.6 mm in diameter – virtually impossible to recognise as a shell with the naked eye).

The exhibition is divided into three sections:

  1. Exhibition hall 1: Shells from the waters around the Manazuru pensinsula and the Sagami Bay, including a diorama displaying maritime life at the Mitsu-Ishi (三ツ石 / みついし)
  2. Exhibition hall 2: Shells from Japan
  3. Exhibition hall 3: Shells of the world

Due to the topographic pecularities of the area around Manazuru, it is particularly rich in maritime life – including shells. The protective “Ohayashi”, but also the extreme depth of the water close to the shore and the sea currents of the Pacific Ocean all contribute to that. At the Manazuru peninsula one can find more than 200 different kinds of shells, the Sagami Bay is home to about 3,000 more (which represents a rather astonishing diversity, if one keeps in mind that there are “only” about 130,000 different species of shells in the world).

Maybe only of particular interest for the German visitor, but nevertheless worth mentioning: One of the founding members of the “Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde“, the German zoologist Dr. Franz Hilgendorf, who taught at the Imperial Medical Academy Tokyo (1873 to 1876) (now Tōkyō University (東京大学 / とうきょうだいがく), contributed to the collection with a rather rare discovery: He found a specimen of the family of the slit shells (pleurotomariidae), which is called “okina ebisu gai” (オキナエビスガイ) in Japanese. These shells are also called “living fossils”, because their basic structure has not changed or evolved since the days of the dinosaurs. And his discovery was not only remarkable because of the rarity of such shells, the circumstance how he found it, made it even more remarkable: In fact he had discovered the shell in gift shop in Enoshima (江の島 / えのしま), not too far away from Manazuru. This kind of shell had been mentioned in Japanese documentation as early as 1843 – twelve years before western science declared it as “discovered”. After Hilgendorf had donated his shell to a museum in Germany, the British Museum became aware of it and they contacted him, asking that he obtain a specimen for their collection as well, and provide the necessary funding. This was done, with the assistance of a Japanese contact. He was paid 40 yen for it, which was a huge amount of money then. Probably the equivalent of 3 million yen now. Who wouldn’t love to be the owner of a gift shop under these circumstances?

Endō Muschel-Museum (遠藤貝類博物館)

Endō Shell Museum (遠藤貝類博物館) – オキナエビスガイ

And to wrap the day up, the steep coast beneath the museum could be enjoyed in the splendour of the late afternoon sun. From there one cannot only enjoy a spectacular view of the Mitsu Ishi (三ツ石 / みついし), but also have a stroll along the paved path through the rocky beach. The perfect final chapter of a perfect day.

How to get there:

From the eastern parts of Tōkyō it is easiest to take the JR Tōkaidō line (JR 東海道線 / JR とうかいどうせん) direct to Manazuru station (真鶴駅 / まなづるえき), passing through Yokohama (横浜 / よこはま), but there is no need to change trains. .
From the western parts of Tōkyō take the Odakyū line (小田急線 / おだきゅうせん) – if you want to spoil yourself a bit, take one of the comfortable “Romancecar” (ロマンスカー) express trains – from Shinjuku (新宿 / しんじゅく) to Odawara (小田原 / おだわら). Change trains in Odawara for another 12 minutes on the JR Tōkaidō line (JR 東海道線 / JR とうかいどうせん) to Manazuru (真鶴 / まなづる.

Details “Discovery Cruise”

Address:
1197-42 Manazuru, Manazuru-machi,
Ashigarashimo-gun
Kanagawa-ken 259-0201

〒259-0201 神奈川県足柄下郡真鶴町真鶴1947-42

Tel.: 0465-68-3255 (9:00 am to 5:00 pm)

Departure times of the cruises:
10:00 am to 4:00 pm once an hour (not in January and February)
Cruises are being conducted only, if there are two or more passengers.

Fare:
Adults: 1,200 Yen
Children: 600 Yen
Pre-school children: free

Details: “Orange Floral Farm”

Address:
1147-4 Manazuru, Manazuru-machi,
Ashigarashimo-gun
Kanagawa-ken 259-0201

〒259-0201 神奈川県足柄下郡真鶴町真鶴1147-4

Tel.: 0465-69-2239
Fax: 0465-69-2052

Opening hours:
The farm is open to visitors mostly from 10:30 am to 5:00 pm, however, it is recommended to make prior arrangements by telephone (Ms. Saso also speaks English).

Details: Shell Museum

Address:
1175 Manazuru, Manazuru-machi
Ashigarashimo-gun
Kanagawa-ken 259-0201

〒259-0201 神奈川県足柄下郡真鶴町真鶴1175番地

Tel./Fax: 0465-68-2111

Opening hours:
Daily (except on Thursdays): 9:30 am to 4:30 pm (last entry: 4:00 pm).
Should Thursday be a holiday, the museum stays closed on the next following weekday.

Admission fee:
Adults: 300 Yen (for groups of 20 or more persons: 200 Yen)
Children: 150 Yen (for groups of 20 or more persons: 100 Yen)

********************

Are you interested in more about tour off the beaten tracks of average tourists in Kanagawa prefecture? Then have a look at the following:

Ashigara (足柄)
– Kanagawa does it again: A day of culture and nature at the foot of Mt. Fuji

Minami Ashigara (南足柄)
– And yet another day of adventure and experience in Kanagawa

New Year Fire-Festival in Ōiso (大磯)
– Where the gods ensure an annual win-win-situation


Manazuru (真鶴) (dt.)

9. October 2015

Ein Tag am Meer – Natur, Kunst, Gaumengenüsse und mehr

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Der Großstädter lechzt ja gern mal nach Grün, nach Natur, nach etwas Abgeschiedenheit und Ruhe. Glücklicherweise muss zumindest der Tōkyōter nicht lange lechzen, denn die Umgebung der Megalopolis ist reich an Ausflugszielen und unerwarteten Kleinodien der Natur, die geradezu nach einem Tagesausflug schreien. Eine davon ist die traumhaft schöne Halbinsel Manazuru (真鶴 / まなづる) (was man locker mit „echter Kranich“ übersetzen könnte, was aber auch der Name des Weißnackenkranichs ist), knapp zwei Bahnstunden südlich von Tōkyō an der Sagami-Bucht (相模湾 / さがみわん) gelegen, in der Präfektur Kanagawa (神奈川県 / かながわけん), in der sich auch deren Hauptstadt Yokohama (横浜 / よこはま) befindet.

Und von einem Tag, den ich dort verbracht habe, will ich ein bisschen berichten und vielleicht sogar den einen oder anderen animieren, diese Gegend mit auf die Reiseliste zu nehmen. Die unvergleichliche Alice Gordenker hatte die Organisation dieses Ausflugs übernommen – und der gewiefte Leser erinnert sich z.B. an Artikel über das Toguri Kunstmuseum, meine Artikel über die „Amputierte Venus“ und das „Teien Kunstmuseum“, die allesamt unter der Führung Alice Gordenkers stattgefunden haben (Alice Gordenkers Blog finden Sie obendrin in meiner Blogroll). Da die Präfektur Kanagawa am Anlocken zusätzlicher Touristen interessiert ist, ist sie als Mitveranstalter und Sponsor aufgetreten.

Kommen wir zurück zur Halbinsel Manazuru und damit zu ihren Anfängen:
Sie ist vor etwa 150 Millionen Jahren aufgrund heftigen Vulkanismus entstanden (Bilder hiervon habe ich keine, da ich vor 150 Millionen Jahren noch zu jung war, um selbst Fotos zu machen…). Der Boden ist entsprechend hart und gebirgig – Landwirtschaft ist praktisch nicht möglich. In früheren Zeiten lebten die Menschen hier fast ausschließlich vom Fischfang und den Steinbrüchen, die heute noch überall in Meeresnähe zu sehen sind. Die Burgen von Odawara (小田原 / おだわら) und Tōkyō (東京 / とうきょう) – vormals Edo (江戸 / えど) – waren teilweise mit dem hochwertigen Andesit (eine vulkanische Gesteinsart), den man hier “komatsu ishi” (小松石 / こまついし) nennt, errichtet worden, der auch heute noch im Gartenbau sehr beliebt ist. Die Steinbrüche reichen aber noch weiter in die Vergangenheit zurück – schon in der Kamakura-Zeit (鎌倉時代 / かまくらじだい) im 12. Jahrhundert wurden hier Steine direkt am Meer gebrochen; der Abtransport auf dem Wasserwege war um vieles einfacher, als auf dem Landwege.

Heute können nur noch wenige ihren Lebensunterhalt mit Steinbrucharbeiten und/oder Fischfang bestreiten. Wie in anderen Landstrichen auch, ist die Bevölkerungszahl in den vergangen Jahrzehnten von über 10.000 auf unter 8.000 gesunken. Heute leben und arbeiten die Menschen in der Kantō-Region (関東地方 / かんとうちほう) überwiegend näher am Ballungsgebiet. Allerdings ist in letzter Zeit auch eine „zurück aufs Land“-Bewegung zu beobachten, von der gerade Manazuru aufgrund seiner herrlichen Lage profitieren könnte.

Manazuru (真鶴)

Manazuru (真鶴)

Um sich einen Überblick über die Lage und die Beschaffenheit der Landzunge als Ganzes zu verschaffen, bot sich eine 30-minütige Bootstour („Discovery Cruise“) an, die tagsüber stündlich (außer in den Wintermonaten) angeboten wird. Wahrscheinlich wird es Ihnen auf dem Boot ähnlich gehen, wie mir – man ist die meiste Zeit mit den Scharen von Möwen beschäftigt, die das Boot futterheischend begleiten. Aber vergessen Sie trotzdem nicht Ihr Augenmerk auf die Topografie des Landes zu richten auf den undurchdringlich scheinenden Wald auf der Landzunge, die schroffen Felsbrüche und last but not least die mystischen Felsen an der Südostspitze des Kaps. Sie hören auf den Namen „Mitsu Ishi“ (三ツ石 / みついし) und sind ein heiliger Ort des Shintō. Die beiden größten der Andesit-Monolithen werden durch ein sogenanntes „Götterseil“, Shimenawa (注連縄 / しめなわ) genannt und gefaltete Papierfahnen, Gohei (御幣 / ごへい) genannt, miteinander verbunden. Den Hauptfelsen ziert ein leuchtend rotes Torii (鳥居 / とりい) und ein ebenso feuerroter, kleiner Schrein.

Und besonders auf der Nordostseite des Kaps sind die riesigen Fischernetze zu sehen, die hier von Mitgliedern der lokalen Fischereikooperative ausgelegt werden. Man nennt sie auch „feste Netze“ (定置網 / ていちあみ). Aufgrund der extremen Tiefe der Gewässer in der Nähe der Landzunge (sie fällt auf kurze Distanz auf viele hundert Meter Tiefe ab) ist die Gegend mit einem besonderen Artenreichtum gesegnet.

Manazuru (真鶴) - (定置網 )

Manazuru (真鶴) – (定置網 )

Erste „Festlandsstation“ des Ausfluges auf der Halbinsel Manazuru war der Kibune-Schrein (貴船神社 / きぶねじんじゃ), der auf eine Gründung aus dem Jahre 889 zurückgehen soll (als Fischer im Meer zwölf hölzerne „Statuen“ – oder was man dafür hielt – fanden, denen man einen Schrein errichtete), aber bis zur strikten Trennung von Buddhismus und Shintō in den frühen Jahren der Meiji Restauration (zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts) auf den Namen Kinomiya Daimyōjin (貴宮大明神 / きのみやだいみょうじん) hörte. Ursprünglich reichte die endlos lang erscheinende Treppe, die hinauf zum Hauptgebäude des Schreins führt, bis direkt ans Meer – heute ist sie ein gutes Stück vom Meer getrennt, da in der frühen Shōwa-Zeit (zweites Viertel des 20. Jahrhunderts) eine um Teile der Landzunge führende Straße dem Meer abgerungen wurde. Aufgrund der schroffen Natur des Landstrichs hatte man es vorgezogen, mit dem Boot direkt zum Schrein zu fahren und nicht den beschwerlichen Weg über Berge und durch dunkle Wälder zu gehen. Im Laufe der Zeit hat sich der Schrein zu einem Ort des Gebets und des Schutzes vor den Gefahren des täglichen Lebens (das Leben der Einheimischen war schließlich alles andere als ungefährlich – sowohl der Fischfang in tiefen Gewässer, als auch die Streinbrucharbeiten forderten so manches Menschenleben) entwickelt. Auch deswegen gibt es eine kleine Besonderheit an einem der Nebenschreine zu sehen: Einer der Hunde/Löwen, der den Zugang zum Schrein bewacht, hält seinen Körper schützend über einen jungen Hund/Löwen – ein Zeichen dafür, dass er Schrein sich auch dem Wohlergehen der durch Arbeitsunfälle eltern- oder doch zumindest vaterlos gewordenen Kinder annimmt.

Während meiner Exkursion durch Manazuru wurde ich Zeuge auch einer besonderen Reinigung- und Schutzzeremonie, die vom Enkelsohn des derzeitigen Hauptpriesters des Schreins für meine Besuchergruppe durchgeführt wurde. Der Hauptpriester stammt aus der 30. Generation der Priesterfamilie, die den Schrein seit ewigen Zeiten betreut – der Enkel wird einst die 32. Generation in diesem Amt vertreten. Neben der Shintō-Zeremonie gewährten uns Vater (31. Generation!) und Sohn aber auch Einblicke in die prächtigen Gewänder, die ein Priester während der Zeremonien trägt und die Art und Weise, wie diese angelegt werden. Und am Ende wurde jeder Teilnehmer der Zeremonie mit einem Amulett (御守 / おまもり) beschenkt – für den Rest des Tages (und sicher auch darüber hinaus) war also für den zusätzlichen Schutz durch die lokalen Götter gesorgt.

Das größte Festival am Orte hängt auch mit dem Kibune-Schrein zusammen: Das Kibune Matsuri (貴船祭り / きぶねまつり), das alljährlich am 27. und 28. Juli stattfindet und sicher zu den außergewöhnlichsten in Japan gehört.

Kibune Jinja (貴船神社) - Kibune Matsuri (貴船祭り)

Kibune Jinja (貴船神社) – Kibune Matsuri (貴船祭り)

Zu den Besonderheiten des Kaps von Manazuru gehört auch der alte Baumbestand, der fast die komplette Landzunge bedeckt und sich Ohayashi (お林 / おはやし) nennt. Es handelt sich hierbei um eine artenreiche Aufforstung während der Edo-Zeit (1603 bis 1868) – u.a. auch um Baumaterial für das nahegelegene Odawara (小田原 / おだわら) und seine Burg zu schaffen. Der Weitsicht der rechtzeitigen Pflege des Waldes und eines Verzichts auf Abholzung während der Kriege des 20. Jahrhunderts ist es zu verdanken, dass man hier wirklich alte Bäume (200 bis 400 Jahre alt) bestaunen kann. Zu den imposantesten gehören sicher die mächtigen Kampferbäume. Gleich an einem der Hauptzugänge zu dem Wald gibt es eine “Filiale” des Kibune-Schreins, um den Steinbrucharbeitern, den Weg zum täglichen Gebet zu verkürzen.


Der größte Teil des Waldes bleibt, einem Urwald gleich, weitgehend unbewirtschaftet. Man sprich hier auch von einem „Fisch-Schutzwald“ (魚付き保安林 / うおつきほあんりん), der nicht nur urig anzusehen ist. Man sagt solchen meeresnahen Wäldern auch nach, dass sie eine segensreiche Symbiose mit dem Leben im nahegelegenen Meer eingehen:

  1. Fische ernähren sind von Insekten, die von den Bäumen ins Meer fallen,
  2. Fische lieben den Schatten, den die Bäume spenden,
  3. der Wald versorgt das Meer mit zusätzlichen Nährstoffen, was wiederum für einen besonderen Planktonreichtum sorgt

Es ist also nicht verwunderlich, dass die Fischgründe rund um Manazuru noch immer vergleichsweise reich sind.

Mittags durften wir uns einen ganz besonderen Eindruck von dem Reichtum – aber auch der Köstlichkeit – dessen verschaffen, was hier in den Gewässern rund um das Kap gefangen wird. In der Nähe einer kleinen Zitronenplantage und mit einem wirklich atemberaubenden Blick über das Meer in Richtung Nordosten waren wir Gäste von Frau und Herrn Saso auf der „Orange Floral Farm“, die seit 2002 auch Mitglied der italienischen Slow Food-Vereinigung ist. Sprich: Eine wirklich überzeugende Verbindung von mediterranem Lebensgefühl und japanischer Küche wartete auf uns, als wir zu einem ebenso zünftigen wie gemütlichen Barbecue gebeten wurden. Sicher waren die Fische, die hier auf den Grill kamen – sozusagen „vollständige Tiere“ – am eindrucksvollsten: Meerbrassen (真鯛 / まだい) und strahlend rote Kaiserbarsche (金目鯛 / きんめだい) – nur leicht gesalzen und mit Öl in Alufolie auf Holzkohle gegrillt. Ein Genuss! Nicht weniger lecker waren allerdings die mit Knoblauch, Gemüse und Pilzen gebratenen Asari-Muscheln (浅蜊 / あさり), die gegrillten Garnelen (die einzigen Tiere, die nicht aus der Region stammten) und nicht zuletzt das regionale Rindfleisch (和牛 / わぎゅう) mit seinen ausgeprägten Fettadern, das jeder sich selbst zubereiten durfte. Erfrischung brachte mit den vor Ort wachsenden Zitronen „aufgepepptes“ Wasser.

So sehr ein Ausflug ans Meer zum Genießen der Meeresfrüchte einlädt, so sehr kommt hier auch der Kunstsinnige auf seine Kosten. Das Nakagawa Kunstmuseum (中川一政美術館 / なかがわびじゅつかん) ist praktisch ein Muss für jeden, dem Leben und Werk des Multitalents Kasumasa Nakagawa (中川一政 / なかがわかずまさ) entweder ohnehin schon bekannt ist oder der es gern kennenlernen würde. Nakagawa lebte mehr als 40 Jahre in Manazuru, nachdem er sein Atelier 1949 hierher verlegt hatte, um die Landschaft zu malen – er ist von Manazuru nie mehr losgekommen. Aus Dank für sein Wirken hat die Stadt ihm 1989 dieses Museum vom Star-Architekten Takahiko Yanagisawa (柳澤孝彦 / やなぎさわたかひこ) (der u.a. auch Tōkyō Opera City, das Neue Nationaltheater und das Museum of Contemporary Art in Tōkyō gebaut hat) errichten lassen. Selbst derjenige, der nichts mit den kräftigen Farben der Malerei Nakagawas, seiner Kalligrafie oder Töpferei anfangen kann, findet hier ein kleines, aber um so feineres, hochmodernes Museumsgebäude vor, das schon unter architektonischen Gesichtspunkten den Besuch wert ist. Beachten sie die Holzmaserung der Betonwände und den Fußboden im Empfang, der aus lokalem Vulkangestein hergestellt wurde!

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

Nakagawa Bijutsukan (中川一政美術館)

Als Besonderheit bietet das Museum einen besonders schönen und freundlich-hellen Raum für Teezeremonien – ein Wunsch des Meisters, der selbst ein großer Freund der Teezeremonie war. Eine Einführung in die hohe Kunst der Teezeremonie lag da nahe.

Wem der Sinn weniger nach Kunst, sondern mehr nach Naturkunde steht, ist in Manazuru nicht nur aufgrund der Landschaft und des Meeres gut aufgehoben, sondern u.a. auch wegen seines bemerkenswerten Endō Muschel-Museum (遠藤貝類博物館 / えんどうかいるいはくぶつかん).

Endō Muschel-Museum (遠藤貝類博物館)

Endō Shell Museum (遠藤貝類博物館)

Endō Muschel-Museum (遠藤貝類博物館)

Endō Shell Museum (遠藤貝類博物館)

In diesem beachtlichen Museum wird eine der bedeutendsten und vollständigsten Sammlungen von Muscheln der Welt ausgestellt. Sie geht auf die Sammlungen von Haruo Endō (遠藤晴雄 / えんどうはるお) zurück, der fast sein ganzes 91-jähriges Leben lang Muscheln sammelte und diese Sammlung bei seinem Tod (2006) der Stadt Manazuru vermachte. Heute finden sich in diesem Museum ungefähr 50.000 Muscheln von etwa 4.500 Spezies wieder – von der „alltäglichen“ Muschel, die jeder schon mal am Strand gefunden hat, bis hin zu wirklich atemberaubenden Raritäten (u.a. die kleinste Muschel der Welt, die mit einem Durchmesser von 0,6 mm mit dem bloßen Auge kaum als Muscheln zu erkennen ist).

Die Ausstellungen gliedern sich wie folgt:

  1. Ausstellungsraum 1: Muscheln aus den Gewässern rund um das Kap von Manazuru in der Sagami-Bucht, mit einem Diorama der Unterwasserwelt des Küstenabschnitts um die Mitsu-Ishi (三ツ石 / みついし)
  2. Ausstellungsraum 2: Muscheln aus ganz Japan
  3. Ausstellungsraum 3: Muscheln aus der ganzen Welt

Aufgrund der Topografie und der natürlichen Gegebenheiten rund um Manazuru, ist diese Gegend besonders reich an den unterschiedlichsten Meeresbewohnern – so auch Muscheln – dazu trägt u.a. die Bewahrung des „Ohayashi“, des Schutzwaldes, bei, aber auch die extremen Wassertiefen in Küstennähe und die Strömungsverhältnisse im Pazifik. Allein hier können über 200 verschiedene Muschelsorten gefunden werden, die Sagami-Buch ist Heimat weiterer 3.000 Sorten (was eine erstaunliche Vielzahl darstellt, wenn man bedenkt, dass es auf der ganzen Welt „nur“ etwa 130.000 Muschelsorten gibt).

Für deutsche Besucher des Museums ist vielleicht nicht gänzlich einerlei, dass einer der Gründerväter der „Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde“, der deutsche Zoologe Dr. Franz Hilgendorf, der seinerzeit (1873 bis 1876) an der „Kaiserlich Medizinischen Akademie“ in Tōkyō (heute Tōkyō Universität (東京大学 / とうきょうだいがく) unterrichtete, mit einem wichtigen Muschelfund zu den Sammlungen des Museums beigetragen hat. Ihm ist die Entdeckung eines seltenen Muschelgehäuses aus der Familie der Schlitzbandschnecken (Pleurotomariidae), im Japanischen “okina ebisu gai” (オキナエビスガイ) genannt, gelungen. Der Fund dieser auch als „lebende Fossilien“ bezeichneten Muscheln (weil sie schon vor den Zeiten der Dinosaurier in ihrer heutigen Form existiert haben) ist nicht nur bemerkenswert, weil sie überaus rar sind, sondern auch, weil die Umstände, die zu dem Fund geführt haben “bemerkenswert” sind: Er hatte diese Rarität nämlich ausgerechnet in einem Andenkenladen im nicht allzu weit entfernten Enoshima (江の島 / えのしま) gefunden hat (in Japan war die Muschelart schon im Jahr 1843 Gegenstand einer Veröffentlichung gewesen – also schon 12 Jahre bevor westliche Wissenschaftler die Art für „entdeckt“ erklärten). Nachdem er diese Muschel einem Museum in Deutschland vermacht hatte, wurde das Britische Museum auf den Fund aufmerksam und zahlte ihm (bzw. seinem japanischen Vermittler) den unvorstellbaren Betrag von 40 Yen (was heute ca. 3 Millionen Yen entsprechen würde) dafür. Wer würde da nicht gern Inhaber eines Andenkenladens gewesen sein?

Endō Muschel-Museum (遠藤貝類博物館)

Endō Shell Museum (遠藤貝類博物館) – オキナエビスガイ

Den Abschluss des Tages bildete dann die wirklich atemberaubende Spätnachmittagsstimmung an der Steilküste unterhalb des Museums, von wo aus man nicht nur die Mitsu Ishi (三ツ石 / みついし) besonders „effektvoll“ von der niedrig stehenden Sonne anstrahlt sehen konnte, sondern auch einen langen, befestigten Pfad die felsige Küste entlang gehen konnte. Der perfekte Schlusspunkt eines perfekten Tages.

Wie man hinkommt:

Von Tōkyō aus den östlichen Stadtteilen am einfachsten mit der JR Tōkaidō Linie (JR 東海道線 / JR とうかいどうせん) in Richtung Atami (熱海 / あたみ) über Yokohama (横浜 / ほこはま) nach Manazuru (真鶴 / まなづる) (kein Umsteigen erforderlich!).
Aus den westlicheren Stadtteilen Tōkyōs bringen einen die Bahnen der Odakyū Linie (小田急線 / おだきゅうせん) – wer es gern komfortabel mag, nimmt die „Romancecar“ (ロマンスカー)-Schnellzüge – von Shinjuku (新宿 / しんじゅく) nach Odawara (小田原 / おだわら). In Odawara steigt man noch einmal für 12 Minuten in die JR Tōkaidō Linie (JR 東海道線 / JR とうかいどうせん) nach Manazuru (真鶴 / まなづる) um.

Näheres zur „Discovery Cruise“

Adresse:
1197-42 Manazuru, Manazuru-machi,
Ashigarashimo-gun
Kanagawa-ken 259-0201

〒259-0201 神奈川県足柄下郡真鶴町真鶴1947-42

Tel.: 0465-68-3255 (9:00 Uhr bis 17:00 Uhr)

Abfahrtzeiten der Schiffe:
10:00 Uhr bis 16:00 Uhr stündlich (nicht im Januar und Februar)
Fahrten werden nur durchgeführt, wenn sich mindestens zwei Teilnehmer einfinden.

Fahrpreise:
Erwachsene: 1.200 Yen
Schüler: 600 Yen
Kinder im Vorschulalter: frei

Näheres zur „Orange Floral Farm“:

Adresse:
1147-4 Manazuru, Manazuru-machi,
Ashigarashimo-gun
Kanagawa-ken 259-0201

〒259-0201 神奈川県足柄下郡真鶴町真鶴1147-4

Tel.: 0465-69-2239
Fax: 0465-69-2052

Öffnungszeiten:
Die Farm ist meistens von 10:30 Uhr bis 15:00 Uhr für Besucher geöffnet, Interessenten werden allerdings gebeten, sich vorher telefonisch anzumelden (Frau Saso spricht English)

Näheres zum Muschel-Museums:

Adresse:
1175 Manazuru, Manazuru-machi
Ashigarashimo-gun
Kanagawa-ken 259-0201

〒259-0201 神奈川県足柄下郡真鶴町真鶴1175番地

Tel./Fax: 0465-68-2111

Öffnungszeiten:
Täglich außer donnerstags: 9:30 Uhr bis 16:30 Uhr (letzter Einlass: 16:00 Uhr).
Fällt ein Feiertag auf Donnerstag, bleibt das Museum am darauffolgenden Werktag geschlossen.

Eintrittspreise:
Erwachsene: 300 Yen (bei Gruppen ab 20 Personen: 200 Yen)
Kinder: 150 Yen (bei Gruppen ab 20 Personen: 100 Yen)

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Amputierte Venus (切断ビーナス)

18. February 2015

Befähigung, nicht Behinderung

Amputee Venus (切断ビーナス)

Amputee Venus (切断ビーナス)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Sollte Sie schon der Titel dieses Artikels – “Amputierte Venus” – schockiert oder doch zumindest verblüfft haben, dann lesen Sie bitte weiter! Wenn Sie eine kleine Portion Aufgeschlossenheit mitbringen, werden Sie am Ende Ihren Horizont erweitert haben – versprochen!

Wenn es auf der Welt ein Land gibt, in dem “Einheitlichkeit” ein Hauptcharakterzug ist, dann ist dies sicher Japan. Hier dreht sich alles um “Harmonie” (tatsächlich ist in Japan Harmonie Staatsräson). Diese Harmonie kann z.B. durch Unterordnung erreicht werden oder damit, dass sich jeder bemüht, möglichst wenig aufzufallen – oder, um es positiv auszudrücken (was es ja in der Tat auch ist): Man ist bemüht, niemanden durch sein Auftreten, Aussehen oder Benehmen zu verletzen. Ein hübsches Beispiel hier für sind die Büroangestellten in Japan – die so genannten “sarariman” (サラリーマン) – mit ihren dunklen oder gar schwarzen Anzügen, weißen Hemden und unauffälligen Krawatten. Auch eine Uniform könnte nicht eintöniger sein.

Wie gewöhnlich bei Japan-bezogenen Themen, ist natürlich auch das genaue Gegenteil dieser Aussage richtig; erst recht, wenn es um die Garderobe von Japanern geht – besonders junge Japaner erwecken gern den Eindruck, als sei es ihnen nachgerade ein Anliegen, gegen Konventionen zu verstoßen und gegen die Einförmigkeit und Anpassung anzukämpfen. Aber sobald sie ein gewisses Alter oder sozialen Status erreicht haben, kehren die meisten doch “reumütig” zu den “Traditionen” zurück.
Deswegen kann man (stark verallgemeinernd) immer noch sagen, dass Unauffälligkeit eines der Schlüsselelemente im Auftreten und Benehmen des Durchschnittsjapaners (und natürlich auch der Durchschnittsjapanerin…) ist. Alles, was von (gefühlten oder tatsächlichen) Standards abweicht, wird versteckt (sozusagen zur “Unsichtbarkeit” verdonnert), ist in der Öffentlichkeit meist auch nicht akzeptiert (wenngleich nur äußerst selten offen angefeindet). Dass das viele Menschen einer großen Belastung aussetzt, ja bisweilen sogar zur Selbstverleugnung zwingt, liegt dabei auf der Hand. Besonders hart mag das aber all diejenigen treffen, denen keine Wahl bleibt, aus der “Norm” zu fallen oder nicht. Deswegen sei an dieser Stelle eine Gruppe hervorgehoben, die eine bewundernswerte Kampagne gestartet hat, die diese Mauer der Anpassung zu durchbrechen versucht und andere Betroffene inspirieren möchte, ein positives Gefühl dafür, “anders” zu sein, zu entwickeln.

In diesem Artikel geht es um diejenigen, die, aus welchem Grund auch immer, ein Gliedmaß oder Teile eines solchen verloren haben und gezwungen sind, Prothesen zu tragen. Nicht genug, dass der Verlust eines Gliedmaßes für jeden Menschen eine nicht nur körperlich, sondern auch mental hochgradig belastende Erfahrung ist, auch im täglichen Leben kommen unzählbar viele Einschränkungen auf die Betroffenen zu. Einschränkungen und Erschwernisse, von denen es kein Entrinnen zu geben scheint, auch weil das Verlangen danach, sich über seine Ängste und Unsicherheiten mit anderen auszutauschen, kaum unterstützt wird. Da können dann die Umstände, die dadurch entstehen, dass bei der Stadt- und Wohnraumplanung die Belange von Behinderten nicht immer ausreichend bedacht werden, im Handumdrehen zum Alptraum werden, auch wenn Städte wie Tōkyō sich aufrichtig darum bemühen, hier für Erleichterung zu sorgen.

Diese Kampagne, die versucht, insbesondere Frauen, die erfahren haben, welche seelischen und körperlichen Belastungen eine Amputation verursachen, einen positiven Umgang mit ihren neuen Lebensumständen zu finden und auch andere zu einer positiven Einstellung zu inspirieren, ist sozusagen die Erfüllung eines Traumes für Fumio Usui, der als Orthopädiemechaniker seit vielen Jahren künstliche Gliedmaße für die Tetsudō Kōsaikai (鉄道弘済会 / てつどうこうさいかい – eine Stiftung die ursprünglich in den 1930er Jahren für Versehrte der Eisenbahnbetriebe gegründet worden war – deswegen auch das “tetsudō / 鉄道 / てつどう” im Namen, das für “Eisenbahn” steht) herstellt.

In Zusammenarbeit mit dem Fotografen Takao Ochi, der sich schon seit vielen Jahren auf die fotografische Dokumentation der Paralympics spezialisiert hatte, und elf Japanerinnen, die mit künstlichen Beinen leben, wurde die Idee geboren, der Welt die positiven Aspekte des Lebens als Amputierte zu zeigen. Das Ergebnis ist ein Fotobuch voller natürlicher Schönheit und lebendiger Ausstrahlung: Amputee Venus (切断ビーナス / せつだんビーナス). Das Buch wurde zuerst im Jahre 2014 in Japan veröffentlicht. Kürzlich erschien eine internationale Version mit einem englischsprachigen Einband.

Ein Schlüsselelement des Projekts war es auch, den Frauen eine Plattform zu bieten, auf der sie sich so präsentieren konnten, wie sie selbst sich sehen und gesehen werden wollen – in Situationen, die, jede auf ihre ganz eigene Weise, die Erfüllung eines Traums widerspiegeln. Ob bei der Ausübung von Sport, bei abenteuerlichen Unternehmungen oder ganz einfach dabei, sich den Traum eines Lebens in der Welt der Mode zu erfüllen – die Bilder geben Situationen wieder, die andere für selbstverständlich erachten mögen, die aber für Frauen mit Behinderungen nur schwerlich umsetzbar sind, solange sie die Fesseln der Scheu und falsch verstandener Scham nicht gesprengt haben.

Ein anderes Projekt, das in engem Zusammenhang mit den “Amputee Venus” steht, ist ein Sport-Club, der sich “Health Angels” nennt und den Herr Usui ins Leben gerufen hat, um Menschen mit künstlichen Gliedmaßen zu sportlicher Betätigung zu animieren und es ihnen zu ermöglichen, die Lebensfreude, die daraus erwachsen kann, am eigenen Leibe zu erfahren. In seiner jahrelangen beruflichen Beschäftigung mit Amputierten hatte er die Erfahrung gemacht, dass sportliche Betätigung nicht nur für die allgemeine Gesundheit der Betroffenen einen positiven Effekt hat, sondern diese sich auch unterstützend auf das Selbstwertgefühl auswirkt und einen positiven Umgang mit dem eigenen Körper ermöglicht. Wenn heute Teilnehmer an Paralympics-Wettkämpfen aus dieser Gruppe rekrutiert werden können, kommt dies nicht von ungefähr.

Ich hatte erst kürzlich die Chance, an zwei Veranstaltungen rund um die “Amputee Venus” teilzunehmen und mir selbst ein Bild von dem Erreichten zu verschaffen.

Zunächst gab es eine Veranstaltung am 8. Februar d.J. in “Al’s Café” in Takadanobaba (高田馬場 / たかだのばば) in Tōkyō. Hier wurde die internationale Ausgabe des Fotobuches “Amputee Venus” einem überwiegend nicht-japanischen Publikum vorgestellt. Dabei kam nicht nur der Fotograf selbst zu Wort, sondern auch der Orthopädiemechaniker und eine der weiblichen Fotomodelle. Ihre Erzählungen, das, was sie über ihre Motivation für dieses Projekt zu berichten hatten, ließ den ganzen Themenkreis in einem völlig neuen Licht erscheinen und machte mir auch klar, dass es noch jede Menge zu tun gibt, bis Menschen mit dieser Art körperlicher Behinderung den Respekt gezollt bekommen, der ihnen zusteht.

Die nächste Veranstaltung zum Thema wartete auf der “CP+2015”, der großen Kamera- und Foto-Messe, die vom 12. bis zum 15. Februar in Yokohama veranstaltet wurde, auf mich. Hier hatten die Frauen von “Amputee Venus” ihren großen Auftritt anlässlich von zwei Modenschauen, die zusammen mit dem schwedischen Kamerahersteller “Hasselblad” am 14. Februar am großen Messestand der Kamerafirma zur Aufführung kamen. Das war natürlich ein Anlass, der mir gleich mehrere Gründe gab, mal wieder nach Yokohama zu fahren (natürlich ist Yokohama ohnehin immer einen Ausflug wert).

Aber zunächst einmal war es ganz einfach atemberaubend, die Show der “Amputee Venus” zu sehen: Die jungen Frauen sind wirklich mit aller Macht aus ihrem eigenen Schatten ins Rampenlicht getreten.

Und natürlich war es fast genauso überwältigend, die zahlreichen Interessierten und die Aufmerksamkeit, die den “Amputee Venus” von den Medien entgegengebracht wurde, zu beobachten. Nicht zuletzt war es ja genau das, was mit der Kampagne erreicht werden sollte: Es sollte Öffentlichkeit hergestellt werden – um jedermann (und nicht nur persönlich Betroffenen) zu zeigen, dass das Tragen von Prothesen durchaus in einen Vorteil umgemünzt werden kann und es einem erfüllten Leben absolut nicht im Wege stehen muss.

Während ich die Show der Models verfolgte, versuchte ich auch immer wieder einen Blick auf die Zuschauer und zahlreichen Fotografen zu werfen, die allesamt mit ungeheurem Interesse und Freude bei der Sache zu sein schienen. Außerdem hatte ich dabei die Chance, den Fotografen des “Amputee Venus”-Buchs, Takao Ochi, in Aktion zu beobachten. Spätestens hier wurde klar, warum die Zusammenarbeit ein solcher Erfolg ist: Zwischen den Models und Ochi-san besteht offensichtlich ein ganz tiefes, gegenseitiges Verstehen und Vertrauen.

(Übrigens: Während bei der ersten Modenschau sechs “Amputee Venus” mit von der Partie waren, wurde das Team während der zweiten Show noch durch ein siebtes Model verstärkt.)

Und für all diejenigen, die gern sehen möchten, was sonst noch auf der CP+2015 los war, hier ein paar Impressionen aus Yokohama:

Zunächst die Messehallen, “Yokohama Pacifico“:

Und hier auch noch ein paar Bilder von der CP+2015 Fotomesse:

Und hier auch noch ein paar weitere Veröffentlichungen zum Thema:

Japan Times, Febr 6, 2015 (in Englisch)
Amputee women in Japan proudly step forward

The New York Times, Febr 17, 2015
In Japan, Women Amputees Step Out of the Shadows (leider nicht mehr verfügbar)

Amputee Venus”, the photobook (in Englisch)

Wonderful, wacky Japan by Alice Gordenker (in Englisch)

The photographer, Takao Ochis Englische Website

Tetsudō Kōsaikai (鉄道弘済会 / てつどうこうさいかい), der Arbeitgeber des Orthopädiemechanikers (in Japanisch)

 

Ein Wiedersehen mit der Gruppe “Amputee Venus”

Amputierte Venus (切断ビーナス) &
Health Angels (ヘルスエンジェルス)
– Junge Frauen treten aus ihrem eigenen Schatten – und hinaus ins Rampenlicht


Amputee Venus (切断ビーナス)

17. February 2015

Ability not Disability

Amputee Venus (切断ビーナス)

Amputee Venus (切断ビーナス)

Eine deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier.
A German version of this posting you can find here.

If just the title of this article — “Amputee Venus” — already has you feeling shocked or bewildered, keep on reading! With a touch of an open mind, you will have broadened your horizon by the end of it – I promise!

If there is any country in this world where uniformity is one of the main characteristics, then it is certainly Japan. Everything is about “harmony” here (in fact “harmony” is one of the nations prime interests, its “raison d’État”). That may be achieved by subordination, but also just by trying hard not to stick out, not to offend anyone by one’s looks or actions. A good example of that is the white-collar workers in the offices of Japanese companies – the so-called “sarariman” (サラリーマン) – with their extremely dark or black suits, white shirts and sober ties. A uniform couldn’t be more standardised.
As usual, one could also say the absolute opposite about the attire of Japanese – especially young Japanese are practically bound to shatter that image of uniformity and understatement. But once they are past a certain age or have gained a certain status in society, they inevitably fall in line with “traditions”.
Hence, it is still (generally speaking) safe so say, that inconspicuousness is one of the key elements in the appearance and attitude of average Japanese. Anything that might deviate from the standard is hidden (even pratically doomed to virtual “invisibility”), largely not accepted by public opinion. That puts especially those people under a lot of pressure and may even force them to self-denial, that have no choice but to deviate from “standards”. However, there is one group in Japan that has started an admirable campaign to “break free”, to give others in the same situation inspiration to feel positive about “being different”.

This article is about those who have, for whatever reason or cause, lost a limb or part of it and are forced to wear prostheses. Even beyond the mental and physical agony caused by the loss of a limb, people with this kind of disability suffer a multitude of limitations in their life – from most of which, they may feel, is no escape, as sharing the own insecurity and fears with others isn’t greatly supported. Even the hardship that results from city- and housing-planning that does not always consider the physical limitations of disabled people, can be nightmare – although cities like Tōkyō are working hard on this issue.

The campaign that tries to show the positive attitude of women that went through the hardship of an amputation and to inspire this attitude in others – as well as creating a higher level of acceptance for people with this very specific disability – is a dream come true for Fumio Usui who has been creating artificial limbs for the Tetsudō Kōsaikai (鉄道弘済会 / てつどうこうさいかい – a foundation that was initially created in the 1930s for disabled employees of railway companies – hence the “tetsudō / 鉄道 / てつどう”, which stands for “railways”).

In collaboration with Takao Ochi, a photographer who had specialised before in photo-documentation of the Paralympics, and eleven Japanese women living with artificial legs, the idea was born to show the world positive images of their lives. The result is a photo-book full of natural beauty, full of radiance and richness of life: Amputee Venus (切断ビーナス / せつだんビーナス). The book was first published in Japan in 2014. An international version, with an English jacket, has just become available.

One key element of the project is to provide a platform for the women to present themselves the way they want themselves to be seen – or in a situation that represents one of their “dreams come true”. Be it practising sports, being out for any kind of adventure they love or simply fulfilling their dream of a “life of fashion” – all things that other people may take for granted, but which persons with disabilities can also achieve, once they have shattered the borders of timidness or false shame.

Another project closely linked to the “Amputee Venus” is a running club called “Health Angels”, that Usui started to encourage people with artificial limbs to engage in sports and to experience the joy of an active life. He saw in his work how sports can have a positive influence on a person’s overall health and boost both self-esteem and a positive view of one’s body.

I recently attended two Amputee Venus events to see how this works. First, on February 8th, I joined an event at “Al’s Café” in Tōkyō’s Takadanobaba (高田馬場 / たかだのばば) that introduced the international version of “Amputee Venus” to a largely non-Japanese audience. Speaking were the photographer himself, the prosthetist and one of the female models. Hearing what they had to say and what motivated them to step forward shed a completely new light on the subject and made also me aware of the fact that there is still a lot to be done, before people with disabilities can enjoy the common respect they deserve.

Next, I headed to the “CP+2015”, the “Camera & Photo Imaging Show 2015” held from Thursday, Feb. 12 to Sunday, Feb. 15 in Yokohama. Here, the “Amputee Venuses”, teamed up with the Swedish camera maker “Hasselblad,” put on two fashion shows on Saturday, Feb. 14. This was an event which I couldn’t miss for various reasons (and not just because Yokohama is always worth a trip).

First of all, it was really most impressive to see the “Amputee Venuses” performing on Hasselblad’s own stage at the centre of the exhibition hall: They really stepped forward proudly.

And it was just as impressive to see the huge turnout and press coverage of the fashion shows – after all, that’s what the amputees seek in the first place: Publicity –to show everybody (and not just those personally concerned) that being forced to wear a prosthesis can be turned into an advantage, rather than a disadvantage and does not stand in the way of a fulfilled life.

While I watched the show I also tried to observe the audience and the huge number of photographers that all seemed to follow with great interest and enjoyment. It also gave me a chance to see the photographer of the “Amputee Venus”-book, Takao Ochi, in action. And that also made it clear why this collaboration is such a success: There is obviously a deep understanding and reliance between the “models” and Ochi-san.

(By the way: While there were six “Amputee Venuses” participating in the first fashion show of the day, the team was further strengthened by a seventh one for the second show.)

And for those who would like to see what else went on at the CP+2015, here are some more impressions from Yokohama:

First the exhibition halls “Yokohama Pacifico“:

And some impressions from the CP+2015 photo fair as such:

Further reading:

Japan Times, Febr 6, 2015
Amputee women in Japan proudly step forward

The New York Times, Febr 17, 2015
In Japan, Women Amputees Step Out of the Shadows (unfortunately no longer available)

Amputee Venus”, the photobook

Wonderful, wacky Japan by Alice Gordenker

The photographer, Takao Ochi‘s English website

Tetsudō Kōsaikai (鉄道弘済会 / てつどうこうさいかい), the prothesist’s company’s website (Japanese only)

Another encounter with the Amputee Venus:

Amputee Venus (切断ビーナス) &
Health Angels (ヘルスエンジェルス)
(English version)
– Amputee ladies are stepping forward proudly – again