Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 5)

6. October 2017

Die Heimreise

Asuka II (飛鳥II)

Abschied von Takamatsu

Nach diesem gestrafften Besichtigungsprogramm stand am Nachmittag des vierten Tages der Abschied vom Hafen von Takamatsu an, der in wirklich „klassischer“ Art und Weise über die Bühne ging. Alle, die sich am Promenadedeck des Schiffes zur Abfahrt eingefunden hatten, wurden mit bunten Luftschlangen ausgestattet, die dann hinunter zu den Besuchern auf dem Pier geworfen werden konnten. Diese hielten das Schiff dann – zumindest symbolisch – anhand dieser Streifen von der Abfahrt ab.

Natürlich haben die über 44.000 PS der Maschine der Asuka II ein leichtes Spiel gegen ein paar hundert Papierstreifen – aber ein sehenswertes Schauspiel ist das allemal.

Akashi-Kaikyō-Brücke (明石海峡大橋)

Am Abend passierten wir dann die Akashi-Kaikyō-Brücke (明石海峡大橋 / あかしかいきょうおおはし), die Kōbe (神戸 / こうべ) auf der Honshū-Seite mit Awajishima (淡路島 / あわじしま), der Insel zwischen Shikoku (四国 / しこく) und Honshū (本州 / ほんしゅう) verbindet.

Waren die Brücken, die wir zwei Tage zuvor zu sehen bekommen hatten, schon gewaltig, legt diese hier noch mal eine Schippe drauf, denn sie ist mit einer Stützweite von 1.991 Metern die längste Hängebrücke der Welt. Ursprünglich war die Spannweite „nur“ mit 1.990 Metern geplant gewesen. Während der Bauarbeiten ereignet sich aber das große Erdbeben von Kōbe (17. Januar 1995), das die Insel Awajishima fast einen Meter vom Festland entfernte – der Bauplan erfuhr also noch mal eine geringfügige Änderung. Die Stützpfeiler sind fast 300 Meter hoch. Für den Autoverkehr stehen übrigens zweimal drei Fahrspuren zur Verfügung – und im Schnitt verkehren 23.000 Fahrzeuge täglich über die Brücke.

Hachijōjima (八丈島)

Vorbei an den Inseln Hachijōjima (八丈島 / はちじょうじま) und Hachijō Kojima (八丈小島 / はちじょうこじま), die, wenngleich weit draußen im Pazifik liegend (knapp 300 km von Tōkyō entfernt) zu Tōkyō gehören, ging’s schließlich bis zum Morgen des sechsten Tages zurück nach Yokohama, wo natürlich auch das Ausschiffen genauso reibungslos über die Bühne ging, wie das bei einem japanischen Kreuzfahrtschiff erwartet werden kann.

Die komplette Kreuzfahrt auf einen Blick

Asuka II – Kreuzfahrtverlauf 11.8.-16.8.2017

Und, wie sicher war nun das Schiff?

Wie es sich für ein modernes Kreuzfahrtschiff gehört, ist die Asuka II mit den unterschiedlichsten Rettungssystemen ausgestattet – die offensichtlichsten davon möchte ich hier kurz vorstellen. Zu den Unerlässlichkeiten bei einer Kreuzfahrt gehört natürlich die Rettungsübung, die gleich nach der Abfahrt stattfand. In unserem Fall fand diese, aufgrund schlechten Wetters beim Auslaufen aus dem Hafen von Yokohama, nicht im Freien, sondern im “Club 2100” statt. Hier hatten sich die Passagiere, die sich im Ernstfall den Rettungsbooten 9 und 10 zugeteilt worden wären, zur Erklärung der Rettungsprozeduren (nur auf Japanisch!) einzufinden.

Asuka II – Seenotübung im Club 2100

Die Rettungsboote Nr. 9 und 10 gehören zu den vier größeren der Asuka II und sind auf je 150 Passagiere ausgelegt. Daneben gibt es noch einmal vier leicht kleinere Rettungsboote, die maximal 132 Passagiere aufnehmen können und zwei weitere mit einem Fassungsvermögen von je 60 Personen. Wer mitgerechnet hat, weiß: Das reicht schon mal für 1.248 Personen. Mit anderen Worten: Das reicht schon mal für alle Passagiere und den ganz überwiegenden Teil der Besatzung.

Hinzu kommen noch mindestens 12 Rettungs-Schlauchboote (ich habe die Gesamtzahl leider nicht gezählt), die auch noch einmal je 25 Personen aufnehmen können. Das macht dann also summa summarum insgesamt mindestens 1.548 Plätze auf Rettungsbooten. Außerdem stehen auf dem Promenadendeck auch noch Kisten mit zusätzlichen Schwimmwesten zur Verfügung.

An dieser Stelle wird auch klar: Wenn es wirklich um Leben und Tod geht, ist man doch nicht auf Kenntnis der japanischen Sprache angewiesen. Die Beschreibungen der Rettungseinrichtungen sind selbstverständlich zweisprachig gehalten.

Das nötige Kleingeld vorausgesetzt, sollte doch eigentlich auch dem Wasserscheuesten inzwischen die Argumente gegen eine Kreuzfahrt abhanden gekommen sein…

Sehen Sie auch die anderen Kapitel dieser Reisebeschreibung (Links werden im Laufe der anstehenden Veröffentlichungen ergänzt)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 1)
– Das Kreuzfahrtschiff – ganz japanisch

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 2)
– Yokohama (横浜)
– Tokushima Awa Odori (徳島阿波踊り)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 3)
– Seto Ōhashi (瀬戸大橋)
– Kurashiki (倉敷)
– Zentsū-ji (善通寺)
– Takamatsu-Feuerwerk (高松祭り花火大会)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 4)
– Die Burg von Takamatsu (高松城)
– Ritsurin Kōen (栗林公園)

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Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 4)

30. September 2017

Die Burg von Takamatsu (高松城)
Ritsurin Kōen (栗林公園)

Der vierte Tag der Kreuzfahrt brachte ein Erkundung der näheren Umgebung mit sich. Hier stand als erstes auf dem Programm:

Die Burg von Takamatsu (高松城)

Die Burg von Takamatsu (高松城)

Die Burg, die sich auch „Tamamo Castle“ (玉藻城 / たまもじょう) genannt wird, geht auf ein Lehen an Chikamasa Ikoma (生駒親正 / いこまちかまさ) aus dem Jahre 1587 zurück, das ihm von Hideyoshi Toyotomi (豊臣秀吉 / とよとみひでよし) gewährt worden war. Sie galt außerdem als eine von Japans drei größten Wasserburgen.

Im darauffolgenden Jahr begann Ikoma mit dem Bau der Festungsanlage, bei der offensichtlich nur spekuliert werden kann, wer für deren Architektur verantwortlich zeichnete (Takatora Todo, Yoshitaka Kuroda oder Tadaoki Hosokawa stehen zur Auswahl). Takamatsu blieb für 54 Jahre unter der Regentschaft der Ikoma, bis diese nach Yajima in der Provinz Dewa (出羽国 / でわのくに) (in der heutigen Präfektur Akita / 秋田県 / あきたけん) versetzt wurden. 1642 übernahm Yorishige Matsudaira (松平頼重 / まつだいらよりしげ) die Burg mit einem jährlichen Einkommen von 120.000 koku (1 koku entspricht in etwa 180 Litern Reis, bzw. ursprünglich einmal knapp 280 Liter – die Menge Reis, die als ausreichend angesehen wurde, einen Menschen für ein Jahr zu ernähren) – 12 mal mehr, als die Ikoma in Yajima bekamen. Von da an blieb die Burg für 228 Jahre im Besitz der Matsudaira bis zum zweiten Jahr der Meiji-Restauration (1869).

1644 hatte Yorishige Matsudaira eine Renovierung angemahnt, 1670 war auch der Hauptturms der Burg (天守閣 / てんしゅかく) erneuert. Nach 1671 wurde begonnen, den östlichen Teil der Festungsanlage (東の丸 / ひがしのまる) und den nördlichen Teil der Befestigungsanlage (北の丸 / きたのまる) neu zu errichten und schließlich von der zweiten Generation der Matsudaira, von Yoritsune Matsudaira fertiggestellt. Bei der Gelegenheit wurde auch das Haupttor vom Süden in den Südwesten verlegt und der Palast, der sowohl Regierungssitz als auch Residenz war, im San-no maru errichtet.

Die Burg von Takamatsu (高松城)

Die Burg von Takamatsu (高松城)

In der Edozeit war die Burg von drei Wassergräben umgeben (die die Anlage an drei Seiten schützten – die Nordflanke der Burg grenzte direkt an die See – das ist heute nicht mehr der Fall, da im Norden der Burg schon in der Meiji-Zeit Land aufgeschüttet wurde; heute wird das Wasser für die Gräben unter der Straße hindurch zugeführt), und das komplette Areal der Festung belief sich auf 660.000 Quadratmeter. In der frühen Meiji-Zeit wurde der äußere Graben zugeschüttet. Und als die Gegend mehr und mehr dem urbanen Lebensraum zugeführt wurde, wurde auch der mittlere Graben nach und nach geschlossen. So bleiben vom ehemaligen Burgareal heute nur noch 80.000 Quadratmeter übrig. Die Burg gehört seit 1954 der Stadt Takamatsu und wurde 1955 als nationaler historischer Ort anerkannt.

Interessant ist vielleicht noch, dass der Honmaru (本丸 / ほんまる) (der Bergfried der Burg) nur über die hölzerne Saya-Brücke (鞘橋 / さやばし) zu erreichen ist – und auch in alten Tagen war. Man hätte also nur die Brücke opfern müssen und hätte sich im Bergfried unangreifbar gemacht. Die ursprünglich nicht überdachte Brücke muss irgendwann vor 1823 ein Dach erhalten haben. Außerdem sagt man, dass die alte Saya-Brücke 1884 durch eine neue ersetzt wurde, als man die Burg schleifte – seither ruht die Brücke auf Steinpfeilern (früher Holzpfeilern). 1971 wurde die Brücke, die inzwischen stark verwittert war, ersetzt – und das geschah teilweise nach 2006 auch noch einmal, als die Festungsmauern des Bergfrieds abgetragen und erneuert wurden. Seit 2011 ist diese Grundmauer wieder in neuwertiger Schönheit zu sehen.

Lage der Burg:

Öffnungszeiten:

April und Mai: 5:30 Uhr bis 18:30 Uhr
Juni bis August: 5:30 Uhr bis 19 Uhr
September: 5:30 Uhr bis 18:30 Uhr
Oktober: 6 Uhr bis 17.:30 Uhr
November: 6:30 Uhr bis 17 Uhr
Dezember und Januar: 7 Uhr bis 17 Uhr
Februar: 7 Uhr bis 17:30 Uhr
März: 6:30 Uhr bis 18 Uhr

(Bitte beachten Sie, dass das Osttor von April bis September von 7 Uhr bis 18 Uhr und von Oktober bis März von 8:30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet ist.)

Eintrittsgeld:

Erwachsene (ab 16 Jahren): 200 Yen
(Gruppen von 20 und mehr Personen: 140 Yen)
Kinder (6 bis 16 Jahre): 100 Yen
(Gruppen von 20 und mehr Personen: 70 Yen)
Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt.

Jahreskarten (Erwachsene, ab 16 Jahren): 1.200 Yen
Jahreskarten (Kinder, 6 bis 16 Jahre): 600 Yen

Von der Burg von Takamatsu sind es glücklicherweise nur ein paar Minuten mit der Bahn bis zu einem der größten Highlights dieser Region, dem Ritsurin Kōen (栗林公園 / りつりんこうえん) – von der gleichnamigen Bahnstation läuft man keine 10 Minuten.

Ritsurin Kōen (栗林公園)

Takamatsu – Ritsurin Kōen (高松・栗林公園)

Der Ritsurin Park (wörtlich übersetzt: Kastanienwäldchen-Park), der unter den als besonderes Kulturdenkmal des Landes ausgezeichneten Landschaftsgärten die größte Fläche besitzt (750.000 qm), kombiniert auf raffinierte Weise sechs Teiche mit 13 künstlich angelegten Bergen im Hintergrund. Als Anlage diente seit der frühen Edo-Zeit den Feudalherrschern zum Spazieren und Genießen unterschiedlicher Szenerien. Kein Wunder also, dass der Ritsurin Kōen mit seiner geschickten Flächennutzung und seinen Pflanzen- und Steinarrangements durch eine besondere Eleganz besticht.

Takamatsu – Ritsurin Kōen (高松・栗林公園)

Er ist reich an Landschaftsbildern, die sich der jeweiligen Jahreszeit anpassen – wie z.B. der Pflaumen- und Kirschblüte im Frühling, der Schwertlinien und Lotos im Sommer, dem Ahorn im Herbst und den Kamelien im Winter. Die hier blühenden Blumen bringen die abwechslungsreiche Schönheit, die auch als „mit jedem Schritt einen neue Landschaft“ bezeichnet wird, noch mehr zur Geltung.

Es wird angenommen, dass die Entstehung des Parks in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit der Anlage eines Gartens im südwestlichen Teil (in der Nähe von Shōfuda) durch die ansässige, einflussreiche Familie Satō begann . Anschließend erfolgte um das Jahr 1625 die Gestaltung des Bereiches um den südlichen See (南湖 / なんこ) (der auch heute noch den wahrscheinlich eindrucksvollsten Teil des ganzen Gartens ausmacht) durch den Feudalherrn von Sanuki (讃岐国 / さぬきのくに), Takatoshi Ikoma (生駒高俊 / いこまたかとし) und wurde im Jahre 1642 von dem neu ernannten Feudalherrscher Yorishige Matsudaira (松平頼重 / まつだいらよりしげ) (einem älteren Bruder von Mitsukuni Tokugawa / 徳川光圀 / とくがわみつくに) weitergeführt. Die Namen sind Ihnen ja von der weiter oben beschriebenen Burg schon bekannt.

In den folgenden 100 Jahren, bis zum fünften Herrscher aus dem Geschlecht der Matsudaira (Yoritaka Matsudaira / 松平頼恭 / まつだいら よりたか), nahmen die Machthaber wiederholt Ausbesserungsarbeiten vor und führten den Park 1745 zu seiner Vollendung. Der Park wurde über einen Zeitraum von 228 Jahren und elf Generationen hinweg bis zur Meji-Restauration von Matsudaira-Herrschern als Nebenresidenz genutzt.

1871 wurde das Lehen Takamatsu abgeschafft, und der Park ging in den Besitz der neu gebildeten Regierung über. Am 16. März 1875 wurde der Park als Präfekturbesitz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und besteht in dieser Form bis heute.

D.h. man hat schon seine Zweifel an dem „seit 1875 bis heute“, denn der ganze Park ist in einem dermaßen peinlich sauberen Zustand, dass man eher den Eindruck gewinnen könnte, er sei gestern erst erschaffen worden.

Takamatsu – Ritsurin Kōen – Hokko (高松・栗林公園・北湖)

Wie oben erwähnt, zählt der Garten zu den „Orten besonderer landschaftlicher Schönheit Japans (日本の特別名勝 / にほんのとくべつめいしょう) – seit 1953.

Wie man hinkommt:

Mit der Kotohira-Linie (琴平線 / ことひらせん) der Takamatsukotohira Eisenbahn (高松琴平電気鉄道 / たかまつことひらでんてつどう) – etwas „griffiger“ auch „Kotoden Kotohira-Linie“ (琴電琴平線 ことでんことひらせん) genannt – z.B. von der Station Takamatsu-Chikkō (高松築港駅 / たかまつちっこうえき) (direkt neben der Burg von Takamatsu) drei Stationen nach Ritsurin Kōen (栗林公園 / りつりんこうえん).

Takamatsu – Ritsurin Kōen – Touristenbüro (高松・栗林公園)

Öffnungszeiten:

Täglich geöffnet

Dezember und Januar: 7 Uhr bis 17 Uhr
Februar: 7 Uhr bis 17:30 Uhr
März: 6:30 Uhr bis 18 Uhr
April, Mai, September: 5:30 Uhr bis 18:30 Uhr
Juni, Juli, August: 5:30 Uhr bis 19 Uhr
Oktober: 6 Uhr bis 17:30 Uhr
November: 6:30 Uhr bis 17 Uhr

Eintrittsgeld:

Erwachsene: ¥410/adult (bei Gruppen von 20 oder mehr Personen: ¥320)
Kinder: ¥170 (bei Gruppen von 20 oder mehr Personen: ¥140)
Mehrfachkarten: ¥4.100 für 11 Eintrittskarten
Jahreskarte: ¥2.570 (pro Person)
Jahreskarte: ¥5.140 (für max. drei Personen)

Freier Eintritt: 1. Januar (Neujahrstag), 16. März (Eröffnungs-Jahrestag)

Sehen Sie auch die anderen Kapitel dieser Reisebeschreibung (Links werden im Laufe der anstehenden Veröffentlichungen ergänzt)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 1)
– Das Kreuzfahrtschiff – ganz japanisch

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 2)
– Yokohama (横浜)
– Tokushima Awa Odori (徳島阿波踊り)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 3)
– Seto Ōhashi (瀬戸大橋)
– Kurashiki (倉敷)
– Zentsū-ji (善通寺)
– Takamatsu-Feuerwerk (高松祭り花火大会)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt  (Teil 5)
– Die Heimreise


Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 3)

23. September 2017

Seto Ōhashi (瀬戸大橋)
Kurashiki (倉敷)
Zentsū-ji (善通寺)
Takamatsu-Feuerwerk (高松祭り花火大会)

Takamatsu (高松)

Am Morgen des dritten Reisetages erreichten wir Takamatsu (高松 / たかまつ), in der Präfektur Kagawa (香川県 / かがわけん), ebenfalls auf Shikoku gelegen. Die Hafenstadt ist mit über 400.000 Einwohnern die zweitgrößte auf Shikoku. Eine ihrer Hauptsehenswürdigkeiten ist – neben dem Hafen selbst – die Burgruine direkt daneben. Auf diese komme ich im nächsten Artikel noch zu sprechen. Bis zur Fertigstellung der Großen Seto-Brücke (瀬戸大橋 / せとおおはし) (von ihr wird weiter unten noch die Rede sein), die heute Takamatsu auf Shikoku mit der Präfektur Okayama (岡山県 / おかやまけん) auf der Hauptinsel Honshū (本州 / ほんしゅう) verbindet, war Takamatsu einer der wichtigen Fährhäfen zur Verbindung der beiden Landesteile. Völlig zurecht noch berühmter ist allerdings der Landschaftsgarten Ritsurin Kōen (栗林公園 / りつりんこうえん), der von meiner Berichterstattung auch nicht verschont bleiben soll.

Weil es hier ja in erster Linie um eine Kreuzfahrt mit der Asuka II geht, zunächst noch einmal ein paar Ansichten des im Hafen von Takamatsu eben doch etwas „malerischer“ liegenden Schiffes:

Mit einem gemieteten Wagen ging’s am Tag der Ankunft in Takamatsu zunächst einmal über die Große Seto-Brücke / Seto Ōhashi (瀬戸大橋 / せとおおはし) hinüber auf die japanische Hauptinsel Honshu, wo das malerische Kurashiki (倉敷 / くらしき) unser Ziel war. Aber beim Überqueren dieser Brücke, ist der Weg natürlich schon ein Teil des Ziels.

Seto Ōhashi (瀬戸大橋)

Die Seto Ōhashi gehört mit einer Gesamtlänge von 13,1 km zu den beeindruckendsten des Landes. Man hat insgesamt 10 Jahre an dem gesamten Brückenkomplex gearbeitet (von 1978 bis 1988). Auf der Fahrt von der Präfektur Kagawa zur Präfektur Okayama befährt man folgende Brückenteile nacheinander:

Bannosu-Viadukt (番の州高架橋 / ばんのすこうかきょう)
Ein eher plump wirkendes Viadukt von 2.939 Metern Länge

Minami Bisan Seto-Brücke (南備讃瀬戸大橋 / みなみびさんせとおおはし)
Mit einer Gesamtlänge von 1.723 Meter und einer Spannweite von 1.100 Metern war sie von ihrer Eröffnung bis 1997 die fünftgrößte Hängebrücke der Welt. Sie bietet mit einer Duchfahrthöhe von 65 Metern auch größeren Schiffen Durchlass.

Kita Bisan Seto-Brücke (北備讃瀬戸大橋 / きたびさんせとおおはし)
Sie ist sozusagen die „kleine Schwester“ der zuvor befahrenen Hängebrücke und bringt es immerhin auf eine Gesamtlänge von 1.611 Metern bei einer Spannweite von 990 Meter (deswegen war sie bei ihrer Eröffnung auch „nur“ die elfgrößte Hängebrücke der Welt) – auch sie bietet eine Durchfahrthöhe von 65 Metern.

Yoshima-Viadukt (与島高架橋 / よしまこうかきょう)
Dieses wiederum etwas unansehnlichere Beton-Verbindungsstück mit einer Länge von 717 Metern führt über die gleichnamige Insel.

Yoshima Brücke (与島橋 / よしまばし)
Diese Stahlfachwerkbrücke führt zu der größten der von dem Brückenkomplex überquerten Inseln, Yoshima (与島 / よしま). Mit einer Länge von 877 Metern und eine Spannweite von 245 Metern gehört sie zu den „kleineren“. Allerdings befindet sich hier auch eine Abfahrt zu der auf Yoshima angelegten Raststätte, die wirklich atemberaubende Blicke auf die Brücke bietet.

Seto Ōhashi (瀬戸大橋)

Seto Ōhashi (瀬戸大橋)

Seto Ōhashi (瀬戸大橋)

Iwakurojima-Brücke (岩黒島橋 / いわくろじまばし)
Mit einer Gesamtlänge von 792 Metern und einer Spannweite von 420 Meter, ist diese Schrägseilbrücke so etwas wie die Zwillingsschwester der sich weiter nördlich anschließenden Hitsuishijima Brücke. Bevor man diese erreicht, geht die Fahrt aber über das

Iwakurojima-Viadukt (岩黒島高架橋 / いわくろじまこうかきょう)
Mit seinen 93 Metern Länge ist es das Verbindungsstück zur

Hitsuishijima-Brücke (櫃石島橋 / ひついしじまばし)
Sie ähnelt der Iwakurojima-Brücke, wie erwähnt, wie ein Ei dem anderen.

Hitsuishijima-Viadukt (櫃石島高架橋 / ひついしじまこうかきょう)
Dieses Viadukt ist das zweitlängste des Brückenensembles mit einer Länge von 1.316 Metern.

Shimotsui-Seto-Brücke (下津井瀬戸大橋 / しもついせとおおはし)
Diese eindrucksvolle Hängebrücke mit einer Spannweite von 940 Metern und einer Gesamtlänge von 1.447 Metern stellt schließlich die Verbindung zum Festland Honshūs her. Da ihre Durchfahrthöhe „nur“ 31 Meter beträgt, ist sie für größere Schiffe nicht passierbar.

Lage der Seto Ōhashi:

Kurashiki (倉敷)

Auf so schnelle und komfortable Weise auf japanisches Festland gelangt, war es nicht mehr weit bis zum nächsten Etappenziel, der Stadt Kurashiki (倉敷 / くらしき) in der Präfektur Okayama (岡山県 / おかやまけん). Kurashiki ist nicht nur die Heimat von etwa einer halben Million Einwohner, sondern auch ein Touristenmagnet der besonderen Art. Hier haben sich während der Heian-Zeit (794 bis 1185) die Clans der Taira (平 / たいら) – auch bekannt als „Heike“ (平家 / へいけ) und der Minamoto (源 / いなもと) – bekannt auch als „Genji“ (源氏 / げんじ) – heftige Scharmützel geliefert. In der Edo-Zeit (1603-1868) unterstand die Gegend der direkten Kontrolle durch das Shōgunat.

Am bekanntesten ist Kurashiki aber für seine hervorragend erhaltenen Gebäude im Kura (倉 / くら) (Lagerhaus)-Stil aus dem 17. Jahrhundert im Bikan-Viertel (美観地区 / びかんちく) (wörtlich übersetzt: ästetisches Gebiet) der Stadt. Hier hat man schon vor Jahren dafür gesorgt, dass der historische Eindruck nicht durch die andernorts in Japan noch so zahlreich anzutreffenden oberirdischen Versorgungsleitungen verschandelt wird. Die alten, hölzernen Kura entlang eines Kanals sind weiß getüncht und teilweise mit schwarzen Kacheln versehen.

Hier findet der Kunstkenner auch Japans erstes Museum für westliche Kunst, das 1930 von Magosaburō Ōhara (大原 孫三郎 / おおはら まごさぶろう) eröffnete Ōhara Kunstmuseum (大原美術館 / おおはらびじゅつかん), dessen neoklassisches Gebäude im Innern mit Gemälden von El Greco, Monet, Matisse, Gauguin und Renoir ebenso punkten kann, wie mit zeitgenössischer asiatischer Kunst.
Wenn in Kurashiki die Touristenströme (einheimische ebenso wie solche aus Übersee) ganz besonders massiv auftreten, ist das wohl auch dem Umstand zu verdanken, dass es in Japan nicht mehr allzu viele alte Stadtkerne mit traditioneller Bebauung zu sehen gibt.

Lage des touristisch interessanten Teils Kurashikis:

Zurück auf Shikoku lag es nahe, einem weiteren, besonders geschichtsträchtigen Ort eine Aufwartung zu machen – Zentsūji (善通寺 / ぜんつうじ) in der Präfektur Kagawa (香川県 / かがわけん).

Zentsū-ji (善通寺)

Der kleine Ort mit ca. 40.000 Einwohnern wurde nach dem hier befindlichen, gleichnamigen buddhistischen Tempel benannt. Der Zentsū-ji (善通寺 / ぜんつうじ) ist nicht nur eine beeindruckende, weitläufige Tempelanlage, sondern auch der 75. von insgesamt 88 Tempeln des Shikoku-Pilgerweges (四国八十八箇所 / しこくはちじゅうはっかしょ). Aber damit nicht genug der historisch-religiösen Bedeutung! Hier befindet sich auch der Geburtsort des großen japanischen Religionsstifters, Kōbō Daishi (弘法大師 / こうぼうだいし) (eigentlich hieß er Kūkai / 空海 / くうかい) – dem Begründer des Shingon-Buddhismus (真言宗 / しんごんしゅう), der „Schule des wahren Wortes“.
Es existieren mehrere Variationen der Entstehungsgeschichte des Tempels. Das deutsche Wikipedia will uns z.B. glauben machen, dass Kōbō Daishi den Tempel um das Jahr 900 errichtet (als er schon seit fast 50 Jahren tot war!) hat, um darin seine Familie zu ehren. Die englische Ausgabe von Wikipedia schreibt den Tempel dem Vater Kōbō Daishis zu, der ihn im Jahre 813 errichtet haben soll.
Die Webseite des Tempels selbst spricht davon, dass es Kōbō Daishi selbst war, der von 807 bis 813 den Tempel gebaut und nach seinem Vater benannt hat. Gehen wir also einmal davon aus, dass der Tempel selbst am besten wissen wird, wie es um seine Entstehungsgeschichte bestellt ist.

Zentsū-ji (善通寺)

Zentsū-ji (善通寺)

Zentsū-ji (善通寺)

Jedenfalls dehnt sich die Tempelanlage über ein Areal von 45.000 Quadratmetern, aufgeteilt in ein östliches und ein westliches Gelände aus. Höhepunkt der Anlage (wenngleich historisch nicht das wichtigste Gebäude) ist natürlich die 45 Meter hohe, fünfstöckige Pagode, ein wichtiges Kulturgut Japans, bei deren Entstehungsgeschichte sich die öffentlich zugänglichen Quellen auch nicht so recht festlegen mögen.

Zentsū-ji (善通寺)

Zentsū-ji (善通寺)

Zentsū-ji (善通寺)

Besonders Wikipedia ist sich ganz offensichtlich nicht so ganz sicher, von welchen (falschen) Quellen es abschreiben soll: In der englischen Ausgabe spricht von von einer Wiederrichtung im Jahre 1884 (was dann auch in Baskisch und Französisch nachgeplappert wird), im Deutschen ist von einem kaiserlichen Erlass aus dem Jahre 1845 die Rede, der schließlich zur Fertigstellung im Jahre 1902 führte, und das japanische Wikipedia macht’s konsequent: Beginn der Konstruktionsarbeiten im Jahr 1854, Fertigstellung 1902 – gleichzeitig aber „Rekonstruktion“ im Jahr 1884 – suchen Sie sich ein Datum aus, das Ihnen am besten gefällt; der Tempel selbst behauptet jedenfalls, die Pagode sei von 1845 bis 1902 wiedererrichtet worden, nachdem sie, wie viele der maßgeblichen Tempelgebäude bei einem Großbrand im Jahre 1558 vernichtet worden waren.

Lage des Zentsū-ji:

Öffnungszeiten:

Das Tempelgelände ist jeden Tag geöffnet.
Die Haupthalle kann täglich von 7 Uhr bis 17 Uhr besucht werden.

Der Zutritt zum Tempelgelände ist frei.

Tagesabschluss: Dondon Großfeuerwerk

Zum Abschluss des dritten Tages der Kreuzfahrt gab es im Hafen von Takamatsu das „52. Sanuki Takamatsu Festival Dondon-Großfeuerwerk“ (第52回さぬき高松祭り花火大会どんどん高松 / だい52さぬきたかまたすまつりはなびたいかいどんどんたかまつ) am Hafen von Takamatsu zu bestaunen. In diesem Jahre sind angeblich 8.888 Feuerwerkskörper auf überaus effektvolle Art und Weise in den nächtlichen Himmel geschossen worden – und wir hatten sozusagen einen Logenplatz auf dem Balkon des Schiffes. Es werden wohl auch wieder an die 300.000 Zuschauer gewesen sein, die sich hierzu, wie im vergangenen Jahr zu diesem Spektakel am Strand und Hafenpark Takamatsus eingefunden hatten.

Sehen Sie auch die anderen Kapitel dieser Reisebeschreibung (Links werden im Laufe der anstehenden Veröffentlichungen ergänzt)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 1)
– Das Kreuzfahrtschiff – ganz japanisch

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 2)
– Yokohama (横浜)
– Tokushima Awa Odori (徳島阿波踊り)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt (Teil 4)
– Die Burg von Takamatsu (高松城)
– Ritsurin Kōen (栗林公園)

Asuka II (飛鳥II) – eine Kreuzfahrt  (Teil 5)
– Die Heimreise


Tottori Sand Dunes (鳥取砂丘)

10. August 2017

The Sahara, in the middle of Japan?

Tottori Sand Dunes (鳥取砂丘)

Eine deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier.
A German version of this posting you can find here.

Sand, as far as the eye can see – high dunes – azure skies – deep blue sea. These are the ingredients that, mixed together in the right proportion, make a place that you may imagine in many places around the world. But – most likely – not in Japan.

Well, I’ve told you some months ago that there is a lot to be seen in Tottori prefecture (鳥取県 / とっとりけん) – things that one might not expect in this rather remote part of the country (check the links at the end of this posting). The Sand Dunes of Tottori (鳥取砂丘 / とっとりさきゅう) are certainly among those surprising places, even though they were already mentioned in the posting for the nearby Sand Museum of Tottori (砂の美術館 / すなのびじゅつかん).

Tottori SandDunes (鳥取砂丘) – Entrace area

But talking about them and seeing them in nature are things that are worlds apart – or, as in this case, separated be the most impressive sand dunes Japan has to offer. The sheer size of the area is remarkable: 16 km from west to east and more than 2 km from south to north. However, to conclude that there is uninterrupted landscape of dunes of more than 30 square kilometres, would cut the story a bit too short. Until the end of World War II the area that was covered by sand was about double as large as it is today. And there is a simple reason for it: It became inevitable to focus more on an agricultural use of the scarce land, hence also the dunes were, step by step, transformed in to farmland. Even parts of Tottori’s largest city, its capital Tottori City (鳥取市 / とっとりし) have been built on grounds that originally belonged to the sand dunes.

Tottori Sand Dunes (鳥取砂丘)

Actually, what is called “Tottori Sand Dunes” nowadays, is (more or less) a rather small part of the geological system, it’s “just” the “Hamasaka Dune” (浜坂砂丘 / はまさかさきゅう), which, by itself, has the breathtaking latitude of 545 hectare (i.e. 5.45 sqkm). And this part of the Tottori Sand Dunes also includes the most colossal dunes of them all, which is called “horse’s back” (馬の背 / うまのせ). That is exactly the place, where most of the visitors trudge through the sands.

Partially surrounded by the dune is the so called “Oasis” (オアシス), an area of about 5430 sqm that also includes a lake (or rather a puddle). Its waters are usually about 1.4 metres deep. Differences in height are up to 90 meters in the complete expanse of the dunes. So, don’t be fooled by the diminutive size of these pictures. The actual landscape is by far more impressive!

But where do all those masses of sand come from, that don’t seem to belong to this part of the world? Well, one could just say: The sand had lots of time to accumulate. About 100,000 years, to be precise. It all began with the fact that 100,000 years ago in the region of the city of Tottori the sea level was quite some metres higher than today, forming a large bay where lots of sediments accumulated. During the Ice Age, when the sea levels sank dramatically, those sediments emerged as sandy islands in the sea. On those islands wind-borne sand settled down. The numerous active volcanoes of the region, first of all the nearby Daisen (大山 / だいせん) contributed largely to that process by adding lots of volcanic ashes.

After the Ice Age sea levels rose again, old dunes vanished into the sea, but also new masses of sand accumulated right in this area – among others, washed up be the nearby Sendai river (千代川 / せんだいがわ). When sea levels began to sink again, the old dunes and the new ones merged – and since then the landscape has remained in a state of constant change. The dunes became larger and larger. However, due to reforestation and river regulation the natural supply of sand has been interrupted. In our days the dunes are no longer growing.

As untouched as the sand landscape may look like, it keeps on being threatened by various influences. In the 70s of the last century plants not indigenous to the region kept spreading. These plants were about to harm the natural movement dunes have to have. Hence, in the 80s those plants were eradicated by using herbicides. But before long it was realised that herbicides are not the solution for natural environments. Since 2004 every year thousands of volunteers are engaged in weeding – and also in cleaning the dunes from the trash visitors left behind. That may the price Tottori’s prime tourist attaction has to pay – already a few years ago about two million visitors were counted every year.

Tottori Sand Dunes (鳥取砂丘)

All those who need more than just “desert feeling” may find some further attraction (at least during the main season) by riding a camel (1,300 Yen per person for a short ride) or by riding on a horse-drawn buggy. As far as the other activities that are being offered here are concerned (paragliding, sandboarding), it shall be everybody’s own decision, whether a wonder of nature requires some further thrill or not.

How to get there:

Tottori Sand Dunes (鳥取砂丘) – Layout

At Tottori station’s bus terminal you can take e.g. the “Loop Kirinjishi Bus” or a Bus of the “Sakyū-Linie” from bus stop “0”. It takes about 20 to 25 minutes from the station to the dunes.

For taxis to the sand dunes, you have to expect about 2,000 to 2,500 yen per route.

Tottori Sand Dunes (鳥取砂丘) – Parking Area / Entrance

Google-Maps:

The song for the dunes:

Kaori Mizumori (水森かおり / みずもりかおり) and her big hit “Tottori Sakyū” (Tottori Sand Dunes) (鳥取砂丘):

Other places in Tottori you should not miss:

Kotoura-chō (琴浦町)
– Stucco plasterers of the world – watch out!

Kurayoshi (倉吉)
– The town of white walls and red roofs

Tottori Sand Museum (砂の美術館)
-Travel Around the World in Sand

Tottori: Wakasa (鳥取・若桜)
– A gem, hidden in the mountains

Tottori Folk Crafts Museum (鳥取民芸美術館)
– Have a look and be amazed – thanks to Shōya Yoshida


Sanddünen von Tottori (鳥取砂丘)

9. August 2017

Die Sahara, mitten in Japan?

Tottori Sanddünen (鳥取砂丘)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Sand, soweit das Auge reicht – hoch aufgetürmte Dünen – azurblauer Himmel – tiefblaues Meer. Das sind in etwa die Zutaten, die – richtig gemischt – einen Ort ergeben, den man sich an vielen Orten dieser Welt vorstellen könnte. Aber ganz gewiss nicht in Japan.

Dass es in der Präfektur Tottori (鳥取県 / とっとりけん) einiges zu sehen gibt, was man in dieser etwas entlegeneren Weltgegend nicht vermuten würde, hatte ich vor ein paar Monaten schon angekündigt (weiterführende Links siehe am Ende dieses Artikels). Die Dünen von Tottori (鳥取砂丘 / とっとりさきゅう) gehören ganz bestimmt dazu. Und im Zusammenhang mit dem Sand-Museum von Tottori (砂の美術館 / すなのびじゅつかん) hatte ich ja auch schon auf sie hingewiesen.

Tottori Sanddünen (鳥取砂丘) – Eingangsbereich

Aber, sie zu erwähnen und sie in natura zu sehen – dazwischen liegen Welten, oder, wie in diesem Fall: die beeindruckendsten Sanddünen, die Japan kennt. Schon allein ihre flächenmäßige Ausdehnung ist beachtlich: 16 km von Westen nach Osten und gut 2 km von Süden nach Norden. Von diesen Abmessungen gleich auf eine Dünenlandschaft von über 30 Quadratkilometern zu schließen, griffe allerdings zu kurz. Die ursprünglich wesentlich ausgedehnteren unberührten Sandlandschaften, die bis kurz nach dem 2. Weltkrieg noch mehr als doppelt so weitläufig waren wie heute, wurden im Zuge des Zwangs, den Boden anderweitig zu nutzen, zum allergrößten Teil in Acker- und Weideland umgewandelt. Teile der größten Stadt der Präfektur, ihrer Hauptstadt Tottori (鳥取市 / とっとりし) sind auf ehemaligem Dünengrund gebaut.

Tottori Sanddünen (鳥取砂丘)

Im Grunde ist der Teil des Dünensystems, der heute als „Tottori-Düne“ bekannt ist, die „Hamasaka-Düne“ (浜坂砂丘 / はまさかさきゅう), die es immerhin auf eine atemberaubende Ausdehnung von 545 Hektar (lies und sprich: 5,45 qkm) bringt. Teil dieses Abschnitts ist die gewaltigste Düne des gesamten Gebietes, die Pferderücken-(馬の背 / うまのせ)-Düne. Und hier ist es auch, wo die Touristen staunenden Auges durch den Sand stapfen. Teilweise umschlossen von dieser Düne wird die sogenannte oder auch „Oasis“ (オアシス), die sich über 5430 qm ausdehnt und deren See üblicherweise mehr als 1,40 Meter tief ist. Höhenunterschiede im Dünenbereich betragen übrigens bis zu 90 Metern. Lassen Sie sich von der Mickrigkeit der Bilder hier nicht in die Irre leiten: Der Anblick ist in natura um Klassen eindrucksvoller!

Aber woher kommen diese ganzen Sandmassen, die sich hier wie ein regelrechter Fremdkörper ausnehmen? Nun, man könnte es kurz fassen: Der Sand hatte Zeit, sich hier niederzulassen. Genau genommen 100.000 Jahre. Das begann damit, dass vor 100.000 Jahren der Meeresspiegel einige Meter höher war als heute, die Gegend um die Stadt Tottori eine Bucht war und sich dort Sedimente abgelagert haben. Als der Meeresspiegel während der Eiszeit dramatisch sank, tauchten diese Sedimente als Sandinseln aus dem Meer auf. Auf ihnen sammelte sich Flugsand. Und die zahlreichen Vulkane der Region – allen voran der Daisen (大山 / だいせん), im Süden der Präfektur gelegen – trugen ihr Scherflein durch reichlich Vulkanasche bei. Nach der Eiszeit stieg der Meeresspiegel erneut an, die alten Dünen versanken mehr und mehr, allerdings wurden in dieser Region auch neue Sandmassen – u.a. auch vom nahegelegenen Fluss Sendai (千代川 / せんだいがわ) – angeschwemmt. Als die Meeresspiegel wieder sanken, vereinigten sich die alten Dünen mit neuen Dünen – die Landschaft blieb einer ständigen Veränderung unterworfen, die Dünen wurden dabei immer gewaltiger. Allerdings wurde in den letzten Jahren, bedingt durch Wiederaufforstung und Flussregulierungen, der natürliche Nachschub an Sand unterbrochen, weshalb die Dünen heute nicht mehr wachsen.

Die so unantastbar aussehende Sandlandschaft wird aber auch von anderen Einflüssen bedroht. So kam es in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vermehrt zu einer Ausbreitung ursprünglich nicht zur Dünenlandschaft gehörender Pflanzen, die die natürlich Bewegungen des Sandes bedrohten. Wurde in den 80er Jahren noch rüde mit Unkrautvernichter dagegen vorgegangen, hat sich inzwischen die Einsicht Bahn gebrochen, dass auch hierauf kein Segen liegt. Seit 2004 wird von Freiwilligen Unkraut von Hand gejätet – ebenso regelmäßig sorgen Freiwillige dafür, dass die Dünnen von den Hinterlassenschaften ihrer Besucher befreit werden. Denn natürlich sind die Dünen von Tottori ein Touristenmagnet – es sind inzwischen wohl mehr als die vor ein paar Jahren gezählten zwei Millionen Besucher, die alljährlich der Faszination dieser Landschaft erliegen.

Tottori Sanddünen (鳥取砂丘)

Wem das Wüsten-Feeling noch nicht stark genug ist, bekommt zumindest während der Hauptreisezeiten vielleicht bei einem Ausritt mit den hier gehaltenen Kamelen sein Quantum voll (pro Person 1.300 Yen für einen kurzen Ritt). Außerdem kann man mit Pferdewagen durch die Dünen fahren. Die weiteren Aktivitäten (Paragliding und Sandboarding) seien hier nur erwähnt – das muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er ein einmaliges Naturerlebnis durch zusätzlichen Nervenkitzel verstärken möchte oder nicht.

Wie man hinkommt:

Tottori Sanddünen (鳥取砂丘) – Lageplan

Am Bahnhof von Tottori können Sie vom Busterminal z.B. den „Loop Kirinjishi Bus“ oder einen Bus der „Sakyū-Linie“ von Bussteig „0“ nehmen. Die Fahrten dauern ca. 20 bis 25 Minuten.

Für Taxifahrten zu den Sand-Dünen müssen Sie mit ca. 2.000 bis 2.500 Yen pro Strecke rechnen.

Tottori Sanddünen (鳥取砂丘) – Parkplatz/Eingang

Google-Maps:

Das Lied zur Düne:

Kaori Mizumori (水森かおり / みずもりかおり) mit ihrem großen Hit “Tottori Sakyû” (Tottori Düne) (鳥取砂丘):

Andere Orte, die Sie in Tottori nicht verpassen sollten:

Tottori Sand-Museum (砂の美術館)
– Eine Weltreise in Sand

Tottori Volkskunst-Museum (鳥取民芸美術館)
– Schauen und Staunen dank Shōya Yoshida

Tottori: Wakasa (鳥取・若桜)
– Schmuckstück, versteckt in den Bergen

Kurayoshi (倉吉)
– Die Stadt der weißen Mauern und roten Dächer

Kotoura-chō (琴浦町)
– Bayerische Stuckmeister, aufgepasst!


Japan Heritage (Engl.)

14. June 2017

A country is rediscovering its historical roots and attempts to make them accessible to foreigners

Ishitera Tea Plantation (石寺の茶畑) (click to enlarge)

Eine deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier.
A German version of this posting you can find here.

To tell the reader of this website that Japan is looking back on a history of thousands of years and is simply blessed with an abundance of witnesses of old times would be like carrying coals to Newcastle. The more it should come as a surprise – at least if looked at it without further consideration – that it is Japan itself, which only recently has begun to rediscover its historical roots and to make itself aware of them. The reasons for this may be manifold, and the observer from the West may not always be in the position to comprehend them at first sight. A new partiotism, the painful loss of cultural monuments due to natural disasters and an inevitable competition with other nations in East Asia may be mentioned as examples.

With the foundation of the initiative “Japan Heritage” (日本遺産 / にほんいさん) in 2013 the Japnese Ministry of Culture is trying to beat several birds with one stone by rendering the country’s cultural heritage conscious and, at the same time, drawing commercial benefit from it.
“Japan Heritage” sees the emphasis of its activities and responsibilities in

  • the recognition of the narratives that link the regional cultural properties of Japan
  • the maintenance and use of these regional cultural properties in a cohesive manner
  • the strategic and effective promotion of the narratives pertaining to cultural properties within Japan and abroad.

And by doing so, “Japan Heritage” is not making a secret of it, that one of the main driving forces behind its activities is to attract and to channel foreign visitors. During the last five years the number of visitors from abroad has increased remarkably (the target number of 20 million visitors per year, which had originally been “planned” for 2020, was impressively exceeded already in 2016), giving those in charge the best hopes for further, almost limitless increase of numbers of guests from abroad (by 2030 the number of visitors is “planned” to be 40 million – and plannings for the further future see not only a linear growth of figures).

At this point we should not be speculating about the meaningfulness and sustainability of such “plans” – the impact on the tourism sector resulting from the increase in the number of visitors in recent years is already obvious. The scarcity and the associated increase in cost of accommodation, crowds of people in the centres of touristic interest, an unexpected, albeit now declining, boom in the sales figures of the large department stores could certainly be attributed to this.

Even though the concentration of foreign visitors interested in culture (who turn out to be the significantly smaller group of all tourists, if one takes a closer look into the statistics) leads to a significant upturn in tourism in the locations of particular attraction (Kyōto, Tōkyō, Nikkō etc.), this also results in an  increasing stereotyping of Japan and a rather narrowed view of the rich, diverse culture of the country.

By the selecting outstanding examples of what constitutes the Japanese cultural heritage, it is the declared goal of “Japan Heritage” to diversify the cultural and touristic choices on the one hand, and to prevent the concentration of touristic interest at a small number of locations of particular attraction.
While in 2015 all together 18 location, buildings or traditions were recognised as Japanese cultural heritage, by this year it is already 37 of those properties that fulfull the required criteria for “desginated stories”. As this designation already suggests, the recognition of cultural assets emphasises on the “stories”, the “narratives” told by those locations or traditions.

The criteria for the recognition as a Japanese cultural heritage can be summarised as follows:

  • Historically unique traditions or customss that have been passed on for generations.
  • A clear theme that supports the area’s appeal and that it represents at the core of the narrative. This can include cultural properties such as structures, archaeological sites, sightseeing spots, and local festivals.
  • Inclusion of a narrative, rather than simply a summary of regional history and a description of local cultural properties.

And by looking at these cirteria it is being distiguished between “local cultural properties” that are limited to a location and “collective cultural properties” that are being shared by a region or several locations.

This posting aims at describing and illustrating one of those cutural properties, based on the story that can be told about more than 800 years of Japanese history of tea cultivation and preparation. And at the same time it will document that “Japan Heritage” is less about single sights, but more about the narrative and its communication as a vivid experience of one of the “designated stories” mentioned above.

Invited by the Japanese Ministry of Culture, the two authors of this article had the opportunity to participate in a 2-days exploration- and test tour to the “Japan Heritage No. 9” that has been recognised in 2015 and was named “A Historical Walk through 800 Years of Japanese Tea”.

This “historical walk” brought us to the region in the south of Kyōto, where the tea plantations of Uji (宇治 / うじ) and Minami Yamashiro (南山城 / みなみやましろ) provide an impressive testimonial of an old tradition, just as the conglomeration of historical tea wholesalers in Kizugawa (木津川 / きづがわ) and the birth place of Sōen Nagatani (永谷宗円 / ながたにそうえん) in Ujitawara (宇治田原 / うじたわら) do.

And the story begins – naturally – with the first kinds of tea that found their way to Japan from China during the Tang dynasty (618-907 AD). The area of Minami Yamashiro (in the south of Kyōto) became a centre for the cultivation and the distribution of green tea. Furthermore, various kinds of green tea were developed here, e.g. “matcha” (抹茶), as used in the traditional tea ceremony, or “sencha” (煎茶), as we know it from the more common way green tea is being prepared at home, and, of course, “gyokuro” (玉露), that is regarded as one of the finest green teas in the world.

For more than 800 years this region has been devoting itself to the development of new kinds and qualities of tea. But it has also seen it as an obligation to preserve traditions (e.g. the famous Japanese tea ceremony). As a “Japan Heritage” the region in the south of Japan’s old capital provides access to the various levels of development in the cultivation, processing and distribution of tea – really breathtaking landscapes formed by tea plantations are part of this cultural heritage, as well as places and procedures for the production of tea, and popular festivals that have been held surrounding the topic of “tea”.

Ōbaku-san Manpuku-ji (黄檗山萬福寺)

Ōbaku-san Manpuku-ji (黄檗山萬福寺)

The first station on our tour of the history of Japanese tea was the Ōbaku-san Manpuku-ji (黄檗山萬福寺 / おうばくさんまんぷくじ). This is not just the main temple of the Ōbaku sect of Japanese Zen-Buddhism and one of the very few in the country that still preserve an architectural style of the Ming era, but also one of the sacred places of the “way of the sencha” (煎茶道 / せんちゃどう).

The founder of the temple, Ryūki Ingen (隠元隆琦 / いんげんりゅうき) (1592-1673), introduced the tea ceremony with sencha (which may seem to have a rather “Chinese” look and feel) to Japan, but it was not before the monk Baisaō (売茶翁 / ばいさおう) (1675-1763) when it really gained popularity, when Baisaō also was involved in a florishing trade of tea in Kyōto.

By the way: There is a memorial stone on the opposite side of the street of the main gate to the temple that reminds us on a story from the early days of Japanese tea cultivation, that is said to date back to thee monk Myōe (明恵 / みょうえ) (1173-1232): In those days the farmers were rather unexperienced in the cultivation of tea and couldn’t really cope with the challenge caused by the right distance that should be left between the single tea plants. Myōe’s instruction at the time is was to plant the seeds at the intervals his horses’ hoof prints had left behind in the tea fields.

But also for those whose blood is not stirred by green tea, the Manpuku-ji should be of interest – and be it only for its sheer size and its unusual architecture.
Also a recommendation: Try the vegetarian Zen-Buddhist food, the “shōjin ryōri” (精進料理 / しょうじんりょうり) that is being served here – everyone who believes that food without meat must inevitably be bland will be tought a lesson.

Of all the locations subsumed under this “Japan Heritage” the Manpuku-ji may very well be the one that can be reached easiest, as it is just a few steps away from two railway stations, JR Ōbaku (JR黄檗) and Keihan Ōbaku (京阪黄檗), that can be reached from Kyōto station in less than half an hour.

Tea plantations of Okunoyama (奥の山)

While we were introduced to the rather esoteric world of tea at the Ōbaku-san Manpuku-ji, the next stop on our round trip promised an immersion and practical “experience” of centuries-old tea traditions at the tea plantations of Okunoyama (奥 の 山 / おくのやま ) in Uji. This is one of the oldest, continuously cultivated tea plantations in Japan, which can look back on a 650-year old history.

Today, the plantation is called “Horii Shichimeien” 堀井七茗園 / ほりいしちめいえん) and is already managed in the sixth generation by Chotaru Horii. It is the only one of the originally seven famous tea gardens, which were under the patronage of Ashikaga shōgun Yoshimitsu (1358-1408).

Even though the teas from Uji were already famous all over the country during the time of the Ashikaga shōgunes, tireless efforts have brought the business even further forward – even after the profound impact caused by the Meiji Restoration (1868). Under the third patriarch of the Horii clan, processes were developed in the 20’s of the last century, which made a particularly gentle, mechanical processing of the tea leaves (点茶 / てんちゃ) into a exceptionally fine “matcha” possible. These procedures have been copied all over the country – they are now practically “standard” in the processing of high-quality “tencha” to “matcha”.

The variations in taste, aroma and color of green tea are achieved by special fertilization methods developed over the centuries. One of the most effective methods (that has been employed and refined since the 16th century) is the partial and complete shading of the young tea leafs.

Unfortunately, the tea ceremony we were offered at the main shop of “Horii Shichimeien” was only an “abbreviated” one, due to the very limited time available on this tour, but also because the more contemplative aspect of a tea ceremony is hardly to be attained with a larger group of visitors.

All the more interesting was the insight we were allowed to gain by a visit to the manufacturing hall of the “Horii Shichimeien”, where the dried tencha of different qualities was pulverized into the finest matcha by means of 60 mechanical millstones – a very special experience. The intense fragrance created during this process alone opened an entirely new and sensual world. And whoever wanted to, could prove his or her muscular power by manually grinding matcha.

Birthplace of Sōen Nagatani (永谷宗円)

Another pioneer on the way of making Japanese green tea popular, Sōen Nagatani (永谷宗円, 1681-1778), is being worshipped at his birthplace in Yuyadani (湯屋谷 / ゆやだに), Ujitawara-chō (宇治田原町 / うじたわらちょう ).
The original Edo-time building, where Nagatani was born, does not exist any more, but the replica, rebuilt in the 60s of the last century (the mighty, thatched roof was last restored in April 2007) still provides a very vivid insight into the simplicity of life at that time.

Nagatani is, so to speak, the father of the Japanese “sencha”, because he was the one who invented the process of preparing the tea leaves in exactly the way as it is done today. Until his days, green tea in Japan was actually known in two forms only: as matcha, which was particularly pricy due to its elaborate manufacturing process, restricted to a few dealers, that it was reserved for the Shōgun and the nobility, or as a brown “bancha “(番茶) or” hōjicha “(焙じ茶), roasted green tea, with which the common people had to content themselves.

It is probably no exaggeration to call Nagatani a revolutionary, because he wanted all Japanese to benefit from truly green tea. However, it was only at the tender age of 58 that he succeeded in refining the method, in which the fresh, steamed tea leaves were dried while permanently being kneaded and rolled on a heatable table (a mesh covered with strong Japanese paper – “washi” (和紙 / わし). Only this process has given Japanese green tea the appearance and the flavor, for which it is world-famous today. And since Nagatani shared his knowledge of this method of processing with the tea farmers, he helped the entire region to an unprecedented boom.
In Nagatani Sōen’s birthplace utensils for the processing of tea can be seen, both in their simple historical form, which helped Nagatani to succeed at the time, as well as in the form of our modern age – which, in fact, just represent an astonishing slight modification of those 250 years old tools.

Furthermore, at Nagatani’s birthplace we were also given the opportunity to sample some particularly delicious local green tea (sencha) in this secluded part of a rustic forest.

The tea wholesaler of Kamikoma (上狛)

But what’s the use of all this delicioius tea, if it doesn’t find its way to the consumers?
About 7 kilometres from Nagatani’s birthplace, the district of the tea wholesalers is located in Kamikoma (上狛 / かみこま). After Uji and the area surrounding Minami Yamashiro had become established growing areas for tea, tea was enjoyed by a crowing number of people – it became one of Japan’s most favourite drinks. Hence, it became necessary to make sure the delicate teas were brought to the consumers as swiftly as possible.

Kamikoma was the perfect location of the establishment of a distribution network, as it is perfectly located at the river Kizugawa (木津川 / きづがわ) that is flowing into the river Yodogawa ((淀川 / よどがわ) which is then connecting Kamikoma with the open waters of the bay of Ōsaka. The ideal trans-shipment centre for further distribution throughout the county.

After Japan had given up its isolation in the second half of the 19th century, also the foreignes who began to travel the country learned to know and to appreciate green tea. Consequently, the tea wholesalers saw the opportunity to make some extra money with exporting their goods to Europe and the USA. However, at those early days of overseas trade, this proved to be quite a challenge as to ensure the quality standards required for Japanese green tea. Once the ships reached equatorial waters the tea started fermenting, lost its typical colour and – naturally – also its delicate taste. Very soon the wholesalers had to recognise that shipping tea overseas wasn’t as profitable as they thought it would – export to those distant regions of the world was stopped and only revived in the fairly recent past.

Kamikoma had its best times from about 1855 to 1930 when it counted up to 120 wholesalers; but also in our days there are still about 40 left. The grand houses of tea of those old days can still be seen and bear witness for the affluence of this region.

Kamikoma (上狛) Senkyō-ji (泉橋寺)

Don’t miss the chance to step a few steps further to the southern part of Kamikoma to have a look at the Sekibutsu (石仏 / せきぶつ) the gigantic Jizō statue (4.58 metres tall) at the Senkyō-ji (泉橋寺 / せんきょうじ). It is the oldest large-scale statue of a Jizō (errected in 1308 and restored at the end of the 17th/beginning of the 18th century). Originally, the statue was housed in one of the temple’s buildings, however, of this building only the foundation stones have remained.

Wazuka (和束) and the Kaijūsen temple (海住山寺)

The cultivation of tea in the area of Wazuka (和束 / わずか), one of the most productive areas in the region of Uji / Minami Yamshiro, dates back to a the legendary monk Jishin (磁心 / じしん) of the Kaijūsen temple (海住山寺 / かいじゅうせんじ), who is said to have received tea seeds from the hands of the monk Myōe (明恵 / みょうえ) with which he laid the foundation of the first tea gardens around the mountain. This also helped the farmers in this region to establish a more sustainable livelyhood, as the steep slopes of the surrounding hills that allowed only for a few hours of sunshine every day (hence were not really suited for traditional farming), offered ideal conditions for the cultivation of tea.

From the temple’s grounds one has a marvellous view of the area, but the real eye-catcher is the five-storied pagoda – the only one preserved since the Kamakura era (1185–1333) – ranking as a national treasure of Japan.

The tea plantations of Shirasu and Ishitera (白栖・石寺の茶畑)

On both sides of the Wazuka River, tea plantations nestle against the gentle hills as far as the eye can see. Due to the season of our visit (March), the tea shrubs had not yet foliated with the fresh green of spring. However, already at that early time of the year, with just a bit of imagination we could imagine how fresh and green the long rows of hand-cut, but mostly machine-pruned tea shrubs would look a few weeks later.

Should you wonder what all the fans high above the tea fields are good for: They are supposed to protect the plants from harm that could come from frost, by keeping the air in motion.

By the way: On the vast majority of tea plantations, still biocides are used to maintain control over harmful insects – but the number of farmers who try to avoid biocides as far as possible is increasing steadily. The demand for organic green tea, especially from Europe and the USA, appears to provide quite an incentive, as the consumption of green tea in Japan itself is stagnating or even slightly declining, since the drinking habits of the population (which is also diminishing) change.

Tea tasting at the Takumi no yakata (匠の館)

Takumi no yakata (匠の館)

The end of our tour provided an event that may very well be regarded as one of the highlights of it all: A tea tasting of “sencha” at the “Takumi no yakata” (たくみのやかた / たくみのやかた) in Uji. This tea tasting gave us the opportunity to sample the various grades and volumes of taste green tea offers, depending on how often and how long the fresh leaves are being brewed and, of course depending on the temperature of the water used for it.  And if the three first brews hadn’t provided enough platal sensations, the last one was probably the biggest surprise for everyone: To the steeped and softened tea leaves a little “ponzu” (soy sauce with citrus fruits’ juice) was added – and they were eaten, surprising us with a taste that somehow resembled refined spinach. In any case, the flavour can only be described as deliciously aromatic.

For futher information on such a sencha tasting, please also have a look at the following posting that describes the different brews and results in greater detail:

Ashigara (足柄)
– Kanagawa does it again: A day of culture and nature at the foot of Mt. Fuji

Conclusion:

This two-days-tour could only provide a first glimpse into the world of tea of Uji. We did have to spend a lot of time on the tour busses, as some of the single location of this “Japan Heritage” are a fairly long distance apart and can – within reasonable time – only be reached by car. There were quite a number of places of interest en route that would have provided some further insight into the topic, but they had to be skipped due to time constraints and the sheer size of the group.
Nevertheless, approaching this region of tea production via the “story” it tells, was highly interesting and entertaining at the same time.
Should those in charge of facilitating the various locations in this area succeed in providing a proper network of public transport, proper signs and explanations given also for those who do not understand or speak Japanese, this “Region of Tea Culture” is definitely worth a trip of two to three days.

Authors: Thomas Gittel & Maike Roeder

With the following link you can download the rather informative 36 pages brochure A Walk through the 800-year History of Japanese Tea. Yamashiro, Kyoto.
http://www.kyoto-kankou.or.jp/updir/pamphlet/101_en.pdf

(A German version of this article was previously released in the print- and online editions of the OAG Notizen of June 2017: http://oag.jp/books/oag-notizen-juni-2017/)


Japan Heritage (dt.)

4. June 2017

Ein Land entdeckt seine historischen Wurzeln neu und versucht, sie Ausländern zugänglich zu machen

Ishitera Tea Plantation (石寺の茶畑) (click to enlarge)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Lesern dieser Webseite zu erzählen, Japan blicke auf eine Jahrtausende alte Geschichte zurück, das Land strotze nur so von Zeugen alter Zeiten, käme dem Eulentragen nach Athen gleich. Um so mehr muss es – zumindest vordergründig betrachtet – verwundern, dass es Japan selbst ist, das erst vor nicht allzu langer Zeit angefangen hat, sich seine historischen Wurzeln erneut bewusst zu machen. Die Gründe hierfür mögen mannigfaltig sein und sich dem Beobachter aus dem Westen nicht immer auf den ersten Blick erschließen. Neues Nationalbewusstsein, schmerzlicher Verlust von Kulturdenkmälern durch Naturkatastrophen und ein ganz natürlicher Konkurrenzkampf mit anderen ostasiatischen Nationen seien hier nur beispielhaft erwähnt.

Mit der Gründung der Initative „Japan Heritage“ (日本遺産 / にほんいさん) im Jahre 2013 versucht das japanische Kultusministerium aber gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem es die Bewusstmachung kulturellen Erbes mit der kommerziellen Nutzung dieses Erbes verbindet.
„Japan Heritage“ sieht den Schwerpunkt seiner Tätigkeit und Zuständigkeit in

  • dem Erkennen der Geschichten, die die regionalen Kulturgüter Japans verbinden
  • der kohärenten Erhaltung und Nutzung der regionalen Kulturgüter
  • der strategischen und effektiven Förderung der japanischen Kulturgüter im In- und Ausland.

Dabei macht „Japan Heritage“ keinen Hehl daraus, dass eine der Haupttriebfedern seiner Aktivitäten das Anlocken und Kanalisieren von Besuchern aus dem Ausland ist. Die in den letzten fünf Jahren sprunghaft angestiegen Besucherzahlen (bereits 2016 wurde die ursprünglich einmal für 2020 angepeilte Zielgröße von 20 Millionen Besuchern pro Jahr eindrucksvoll überschritten) geben den Verantwortlichen Anlass zu den schönsten Hoffnungen auf weitere, fast grenzenlose Steigerung (bis 2030 sind nunmehr 40 Millionen Besucher aus dem Ausland „geplant“ – und die noch weiter in die Zukunft reichenden Planungen sehen ein nicht einfach nur lineares Anschwellen
der Besucherströme voraus).

An dieser Stelle soll nicht weitergehend über die Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit solcher „Planungen“ spekuliert werden – die sich nur aus der Steigerung der Besucherzahlen in den vergangenen Jahren ergebenden Auswirkungen auf den Tourismussektor sind bereits unübersehbar. Die Verknappung und damit einhergehende Verteuerung des Angebots an Übernachtungsmöglichkeiten, sich in den Touristenzentren ballende Menschenmassen, ein unerwarteter – wenngleich inzwischen auch schon wieder abebbender – Boom bei den Verkaufszahlen der großen Kaufhauskonzerne gehören sicher dazu.

Gerade die Ballung der kulturell interessierten Besucher aus dem Ausland (die, wenn man die Statistiken genauer betrachtet, aber nur den deutlich kleineren Anteil der Touristen ausmachen) führt zwar zu einer erfreulichen Belebung des Fremdenverkehrs in den Touristenmagneten (Kyōto, Tōkyō, Nikkō etc.), aber auch zu einer erneut zunehmenden Stereotypisierung Japans, einem verengten Blick auf die reichhaltige, breit gefächerte Kultur des Landes.

„Japan Heritage“ will nun durch die sich über das ganze Land erstreckende Auswahl herausragender Beispiele für das, was japanisches Kulturerbe ausmacht, einerseits für eine Diversifizierung des kulturellen und touristischen Angebots sorgen, andererseits damit aber auch einer Konzentration touristischen Interesses auf einige wenige Orte entgegenwirken.
Waren so bis 2015 insgesamt 18 Orte, Gebäude oder Bräuche als japanisches Kulturerbe anerkannt, kann man heute bereits auf 37 entsprechend geprüfte und die Kriterien erfüllende „designated stories“ verweisen. Wie diese Bezeichnung bereits suggeriert, geht bei der Anerkennung der Kulturgüter in erster Linie um die „Geschichten“, die diese Kulturgüter vermitteln können.

Die Kriterien für eine Anerkennung als japanisches Kulturerbe lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • historisch einmalige Traditionen oder Bräuche, die seit Generationen überliefert werden
  • ein klares Leitmotiv, das den besonderen Reiz der Region/des Ortes ausmacht und das das Herzstück der „erzählten Geschichten“ darstellt; hierunter können auch Kulturgüter wie Gebäude, archäologische Stätten, Sehenswürdigkeiten oder örtliche Feste fallen
  • Einbeziehung einer „Geschichte“, anstatt lediglich eines Abrisses des regionalen Historie und einer Beschreibung des lokalen Kulturguts.

Hierbei wird unterschieden zwischen auf einen Ort beschränkten, „lokalen“ Kulturgütern und „kollektiven“ Kulturgütern, die sich über eine Region bzw. mehrere Orte erstrecken.

In diesem Text soll anhand der Geschichte, die sich rund um die über 800-jährige Historie japanischen Teeanbaus und japanischer Teezubereitung erzählen lässt, eines dieser anerkannten Kulturerbe dargestellt und damit auch veranschaulicht werden, dass es „Japan Heritage“ weniger um solitäre Sehenswürdigkeiten geht, sondern um das Erzählen und Vermitteln anschaulicher, erlebbarer „Geschichten“ – der obengenannten „designated stories“.

Auf Einladung des japanischen Kulturministeriums hatten die beiden Autoren dieses Artikels im März dieses Jahres die Möglichkeit, an einer zweitägigen Erkundungs- und Testreise zum „Japan Heritage Nr. 9“ teilzunehmen, das unter der „Story“-Bezeichnung „Ein historischer Rundgang durch 800 Jahre japanischen Tees“ 2015 als „Japan Heritage“ anerkannt wurde.

Dieser historische Rundgang führte in die Region südlich von Kyōto, wo die Teeplantagen von Uji (宇治 / うじ) und Minami Yamashiro (南山城 / みなみやましろ) ebenso eindrückliches Zeugnis von einer alten Tradition ablegten, wie das Konglomerat von traditionellen Tee-Großhändlern in Kizugawa (木津川 / きづがわ) und das Geburtshaus von Sōen Nagatani (永谷宗円 / ながたにそうえん) in Ujitawara (宇治田原 / うじたわら).

Die Geschichte beginnt – wie könnte es anders sein – mit den ersten Tee-Sorten, die während der Tang Dynastie (618-907 n. Chr.) von China nach Japan kamen. Die Minami Yamashiro-Region (südlich von Kyōto) wurde allmählich zu einem Zentrum für den Anbau und den Vertrieb von grünem Tee. Außerdem wurden hier verschiedene Sorten grünen Tees entwickelt, wie z.B. „matcha“ (抹茶), wie er in klassischen Teezeremonien verwendet wird oder „sencha“ (煎茶), wie man ihn aus der eher „häuslichen“ Zubereitung kennt und schließlich auch „gyokuro“ (玉露), der als einer der feinsten grünen Tees der Welt gilt.

Seit mehr als 800 Jahren widmet sich die Region nicht nur der eigenständigen Entwicklung neuer Teesorten und -Qualitäten, sondern sieht sich auch der Bewahrung der Traditionen (wie z.B. der berühmten japanischen Teezeremonie) verpflichtet. Als „Japan Heritage“ vermittelt die Region dem Besucher die verschiedenen Entwicklungsstufen im Anbau, der Verarbeitung und dem Vertrieb des Tees – atemberaubende Teelandschaften sind deswegen ebenso Bestandteil des Kulturerbes, wie bewahrte Produktions- und Umschlagsplätze und bis in die heutige Zeit gelebte Volksfeste, die um das Thema „Tee“ veranstaltet werden.

Ōbaku-san Manpuku-ji (黄檗山萬福寺)

Ōbaku-san Manpuku-ji (黄檗山萬福寺)

Erste Station auf unserer Reise durch die Geschichte japanischen Teeanbaus war der Ōbaku-san Manpuku-ji (黄檗山萬福寺 / おうばくさんまんぷくじ), der nicht nur der Haupttempel der Ōbaku-Sekte des japanischen Zen-Buddhismus, und als einer der wenigen des Landes im Stile der Ming-Zeit gehalten ist, sondern auch als einer der heiligen Ort des „Weges des sencha“ (煎茶道 / せんちゃどう) gilt.

Der Gründer des Tempels, Ryūki Ingen (隠元隆琦 / いんげんりゅうき) (1592-1673), machte Japan mit der eher „chinesisch“ anmutenden Teezeremonie mit sencha bekannt, die aber erst durch den Mönch Baisaō (売茶翁 / ばいさおう) (1675-1763) große Popularität erlangte, der nebenher auch einen schwunghaften Teehandel in Kyōto betrieb.

Übrigens erinnert ein Gedenkstein gegenüber dem Haupttor zum Tempelgelände an eine Geschichte aus den frühen Jahren japanischen Teeanbaus, die dem Mönch Myōe (明恵 / みょうえ) (1173-1232) nachgesagt wird: Die Bauern von Uji waren in dieser Zeit noch etwas überfordert, wenn es darum ging, die Teepflanzen in den richtigen Abständen zueinander zu setzen. Myōes Anweisung sei seinerzeit gewesen, die Pflanzen in den Abständen zu pflanzen, die die Hufabdrucke seines Pferdes in den Teefeldern hinterlassen hatten.

Der Manpuku-ji ist aber auch für diejenigen, deren Herz weniger für grünen Tee schlägt, schon aufgrund seiner schieren Ausmaße und seiner außergewöhnlichen Architektur hochinteressant. Ebenso empfehlenswert sind die dort gereichten Zen-buddhistisch-vegetarischen Gerichte, das „shōjin ryōri“ (精進料理 / しょうじんりょうり) – wer glaubt, fleischlose Kost müsse zwangsläufig langweilig sein, wird hier eines Besseren belehrt.

Von den unter dieser „Japan Heritage“ zusammengefassten Orten ist der Manpuku-ji obendrein der wahrscheinlich am leichtesten zu erreichende Ort, da er in wenigen Schritten Entfernung von den Bahnhöfen JR Ōbaku (JR黄檗) und Keihan Ōbaku (京阪黄檗) liegt, die z.B. von Kyōto aus in weniger als einer halben Stunde zu erreichen sind.

Teeplantagen von Okunoyama (奥の山)

Wurde man am Ōbaku-san Manpuku-ji in die eher esoterische Welt des Tees eingeführt, verhieß schon die nächste Station auf unserer Rundreise ein Eintauchen in und praktisches „Erleben“ Jahrhunderte alter Teetraditionen in den Teeplantagen von Okunoyama (奥の山 / おくのやま) in Uji. Hierbei handelt es um eine der ältesten, ununterbrochen bewirtschafteten Teeplantagen, die auf eine 650-jährige Geschichte zurückblicken kann.
Heute nennt sich die Plantage „Horii Shichimeien“ (堀井七茗園 / ほりいしちめいえん) und wird von Chotaru Horii bereits in sechster Generation geführt. Sie ist die einzige der ursprünglich sieben berühmten Teegärten, die unter der Patronage des Ashikaga Shōguns Yoshimitsu (1358-1408) standen.

Waren die Tees aus Uji schon zu Zeiten der Ashikaga Shōgune im ganzen Land berühmt, hat man sich aber auch nach der Zeitenwende, die die Meiji-Restauration (1868) einläutete, nicht etwa auf seinen Lorbeeren ausgeruht. Unter dem dritten Patriarchen des Horii Clans wurden in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Verfahren entwickelt, die eine besonders schonende, mechanische Verarbeitung der Teeblätter (点茶 / てんちゃ) zu besonders feinem „matcha“ sicherstellten. Diese Verfahren wurden überall im Lande kopiert – sie sind heutzutage praktisch „Standard“ bei der Verarbeitung von hochwertigem „tencha“ zu „matcha“.

Die unterschiedlichsten Geschmacks-, Aroma- und Farbtonvarianten grünen Tees werden durch spezielle, über Jahrhunderte entwickelte Düngeverfahren und eine seit dem 16. Jahrhundert verfeinerte Methode der teilweisen und kompletten Beschattung der jungen Blatttriebe erreicht.

Leider konnte im Hauptgeschäft von „Horii Shichimeien“ nur eine verkürzte Teezeremonie geboten werden – das lag einerseits an der knapp bemessenen Zeit während der Erkundungsfahrt, andererseits aber auch daran, dass sich der kontemplative Aspekt einer Teezeremonie mit einer größeren Gruppe von Besuchern nun einmal nicht umsetzen lässt.

Um so interessanter war der Einblick in die Fabrikationshalle, in der in einem automatischen Prozess getrockneter tencha unterschiedlicher Qualität mittels 60 mechanischer Mühlsteine zu feinstem matcha zerrieben wurde – schon allein des intensiven Dufts wegen eine ganz besondere Erfahrung. Und wer wollte, konnte seine Muskelkraft beim manuellen Mahlen von matcha unter Beweis stellen.

Geburtshaus des Sōen Nagatani (永谷宗円)

Einem weiteren Wegbereiter der Popularität japanischen grünen Tees, Sōen Nagatani (永谷宗円, 1681-1778), wird in dessen Geburtshaus in Yuyadani (湯屋谷 / ゆやだに), Ujitawara-chō (宇治田原町 / うじたわらちょう), gehuldigt.
Das Edo-zeitliche Originalgebäude, in dem Nagatani geboren wurde, existiert zwar nicht mehr, aber die in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts neu errichtete Replika (das mächtige, reetgedeckte Dach wurde letztmals ab April 2007 erneuert) gibt auch heute noch einen sehr anschaulichen Einblick in die Einfachheit des damaligen Lebens.

Nagatani gilt sozusagen als Vater des japanischen „sencha“, weil er den Prozess der Aufbereitung der Teeblätter, der für uns heute als selbstverständlich erscheint, erfunden hat. Bis in seine Tage war grüner Tee in Japan praktisch nur in zwei Formen bekannt: Als matcha, der schon aufgrund seines aufwändigen und nur wenigen Händlern erlaubten Herstellungsverfahrens so kostbar war, dass er dem Shōgun und dem Adel vorbehalten blieb, bzw. als brauner „bancha“ (番茶) oder „hōjicha“ (焙じ茶), gerösteter Grüntee, mit dem sich das gemeine Volk begnügen durfte.
Man könnte Nagatani fast einen Revolutionär nennen, denn er wollte, dass alle Japaner in den Genuss wirklich grünen Tees kamen. Allerdings gelang ihm erst im zarten Alter von 58 Jahren die Verfeinerung des Verfahrens, bei dem die frischen, gedünsteten Teeblätter durch permanentes Kneten und Rollen auf einer beheizbaren Unterlagen (mit starkem japanischem Papier – „washi“ (和紙 / わし) – bespannte Netze über einer kontrolliert befeuerten Heizgrube) bis zu deren kompletten Austrocknung gebracht werden. Erst dieses Verfahren hat japanischem grünen Tee das Aussehen und das Aroma verliehen, wofür er heute weltberühmt ist. Und da Nagatani sein Wissen um diese Verarbeitungsmethode mit den Teebauern teilte, verhalf er der ganzen Region zu einem unerhörten Boom.
Im „Geburtshaus“ des Nagatani Sōen sind Utensilien der Teeverarbeitung sowohl in der einfachen Form zu sehen, die Nagatani seinerzeit zum Erfolg verhalfen, als auch in der – im Grunde nur unwesentlich abgewandelten – Form der Neuzeit.

Außerdem durften wir uns bei unserer Ankunft in dem abgeschieden in einem urigen Wald gelegenen Gebäude vom Wohlgeschmack lokalen grünen Tees (sencha) überzeugen.

Die Tee-Großhändler von Kamikoma (上狛)

Doch was nützt all der gute Tee, wenn er nicht den Weg zum Kunden findet? Rund 7 km von dem Geburtsort Nagatanis entfernt, liegt Kamikoma (上狛 / かみこま), das Viertel der Tee-Großhändler. Nachdem Uji und die Region Minami Yamashiro sich als Teeanbaugebiet etabliert hatten und hochwertiger Tee auch von immer weiteren Kreisen der Bevölkerung getrunken wurde, war es wichtig, die Produkte schnell zum Kunden zu bringen.
Kamikoma eignete sich hierfür perfekt, liegt es doch an dem Fluss Kizugawa (木津川 / きづがわ), der sich mit dem Yodogawa ((淀川 / よどがわ) vereint, der wiederum in die Bucht von Ōsaka mündet. Hier konnte der Tee leicht umgeschlagen werden.

Die nach der Öffnung Japans ins Land gekommenen Ausländer lernten den grünen Tee ebenfalls kennen und schätzen, und die Tee-Großhändler versprachen sich durch den Export des japanischen grünen Tees nach Europa und Amerika großen Gewinn. Offenbar war es aber technisch enorm schwierig, den Tee per Schiff in der gewünschten Qualität zu verschiffen, da er spätestens auf der Höhe des Äquators anfing zu gären und somit seine Farbe und seinen feinen Geschmack zu verlieren. Der Export ins ferne Ausland wurde deshalb bald eingestellt und erst in vergleichsweise jüngster Zeit wieder aufgenommen.

Seine Blütezeit erlebte Kamikoma von ca. 1855 bis ca. 1930, als es bis zu 120 Großhändler gab; heute sind es immerhin noch rund 40. Die großen Häuser, in denen der Tee für den Transport und Export aufbereitet wurde und die zahlreichen Speicher, die man heute noch sehen kann, zeugen von dem Reichtum dieser Region.

Kamikoma (上狛) Senkyō-ji (泉橋寺)

Im Süden Kamikomas bietet sich ein Abstecher zum Sekibutsu (石仏 / せきぶつ) der gigantischen Jizō-Statue (4,58 Meter hoch) am Senkyō-ji (泉橋寺 / せんきょうじ), die als älteste Groß-Statue eines Jizō gilt (1308 errichtet und Ende des 17./Anfang des 18. Jahrhunderts restauriert). Die Statue selbst war früher von einem Gebäude umgeben, von dem aber nur noch die Fundamente erhalten sind.

Wazuka (和束) und der Kaijūsen Tempel (海住山寺)

Der Teeanbau in dem Gebiet Wazuka (和束 / わずか), das heute zu den produktivsten in der Uji/Minami Yamashiro-Region gehört, geht der Legende nach auf den Mönch Jishin (磁心 / じしん) des Kaijūsen-Tempels (海住山寺 / かいじゅうせんじ) zurück, der Teesamen aus der Hand von Mönch Myōe (明恵 / みょうえ) erhielt und daraus die ersten Teepflanzen rund um den Berg entstehen ließ. Damit verhalf er den Bewohnern dieser Gegend zu einer neuen Lebens- und Erwerbsgrundlage, eigneten sich die relativ steilen und viele Stunden im Schatten liegenden trockenen Hänge weniger für die Landwirtschaft ‒ für die Teepflanzen boten sie jedoch ideale Bedingungen.

Auf dem Tempelgelände, von dem man einen herrlichen Blick in die Ebene hat, steht eine fünftstöckige Pagode, die als einzige aus der Kamakura-Zeit (1185–1333) erhaltene den Rang eines Nationalschatzes hat.

Die Teeplantagen von Shirasu und Ishitera (白栖・石寺の茶畑)

Auf beiden Seiten des Wazuka-Flusses schmiegen sich Teeplantagen an die sanften Hügel, so weit das Auge reicht. Bedingt durch die Jahreszeit (März) hatten die Teesträucher noch nicht wieder ausgetrieben. Mit etwas Vorstellungskraft konnten wir zur Zeit unseres Besuchs aber erahnen, wie schön frisch und grün die langen Reihen der teilweise handbeschnittenen, größtenteils aber maschinenbeschnittenen Teesträucher aussehen müssten.

Viele Ventilatoren, die sich auf Masten hoch über den Teefeldern drehen, sollen durch die permanente Umwälzung der Luft die Auswirkungen von Nachtfrösten mildern, die ganze Ernten verderben können.

Auf dem allergrößten Teil der Teeplantagen werden Biozide eingesetzt, um der Schädlinge Herr zu werden ‒ es gibt aber zunehmend Bauern, die so weit es geht versuchen, davon Abstand zu nehmen. Die Nachfrage nach grünem Bio-Tee vor allem aus Europa und den USA wirkt offenbar stimulierend, denn der Verbrauch an grünem Tee in Japan selbst stagniert oder geht sogar leicht zurück, da sich die die Trinkgewohnheiten der Bevölkerung ändern, die zudem zahlenmäßig auch noch schrumpft.

Teeverkostung im Takumi no yakata (匠の館)

Takumi no yakata (匠の館)

Zum Abschluss gab es im „Takumi no yakata“ (たくみのやかた / たくみのやかた) in Uji eine Tee-Verkostung von Sencha, bei der es darum ging, zu erleben, welche unterschiedlichen und teilweise wirklich völlig unerwarteten Geschmacksstufen grüner Tee durchmacht, je nach dem, um welchen Aufguss es sich handelt, mit welcher Wassertemperatur der Tee aufgegossen wird und wie lange man die Blätter ziehen lässt. Nach drei bis vier Aufgüssen konnten die inzwischen vollständig aufgequollenen Blätter mit Ponzu, einer Sojasauce, die mit dem Saft von Zitrusfrüchten vermischt wird, gegessen werden. Der Geschmack ähnelt feinem Spinat und kann mit Fug und Recht als aromatisch bezeichnet werden.

Weitere Details zu einer solchen Sencha-Verkostung können Sie folgendem Artikel entnehmen, in dem der Prozess der Teezubereitung und die einzelnen Geschmackserlebnisse genauer beschrieben werden:

Ashigara (足柄)
– Kanagawa macht’s schon wieder: Ein Tag voller Kultur & Natur am Fuße des Fuji-san

Fazit:

Die zweitägige Tour konnte nur einen ersten Einblick in die Welt des Uji-Tees bieten. Viel Zeit mussten wir im Bus verbringen, sind die teilweise weit auseinander liegenden Orte in einer angemessenen Zeit doch nur per Auto zu erreichen. Es gibt noch viele weitere Stationen mit Tee-Bezug, die aus Zeitgründen und wegen der Größe der Gruppen ausgelassen werden mussten.
Interessant ist aber der Ansatz, diese Teekultur-Region als Ganzes zu vermarkten.
Wenn es den Verantwortlichen gelingt, die einzelnen Stationen noch besser mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu vernetzen und die Aus- und Beschilderung der Sehenswürdigkeiten auch für Nichtjapaner verständlich zu machen, dann ist eine zwei-bis dreitägige Reise durch dieses „Teekulturgebiet“ sicherlich höchst lohnend.

Autoren: Thomas Gittel & Maike Roeder

Unter folgendem Link kann das 36 Seiten starke, sehr informative Heft A Walk through the 800-year History of Japanese Tea. Yamashiro, Kyoto heruntergeladen werden.
http://www.kyoto-kankou.or.jp/updir/pamphlet/101_en.pdf

(Dieser Artikel erschien zuvor bereits in der Print- und Online-Ausgabe der OAG Notizen vom Juni 2017: http://oag.jp/books/oag-notizen-juni-2017/)