Rezension: Labyrinth Tokio – 30 neue Touren in Japans Hauptstadt

Eine englische Version ist für diesen Artikel nicht vorgesehen.
An English version of this posting is not planned.

Autor: Axel Schwab
Erschienen im: Conbook-Verlag, 2020, 192 Seiten

Zum ersten, aber voraussichtlich nicht zum letzten Mal soll es auf “Ways to Japan” eine Rezension zu lesen geben. Da das hier zu besprechende Buch (“Labyrinth Tokio – 30 neue Touren in Japans Hauptstadt”) zu dieser Webseite passt, wie die Faust auf’s Auge, liegt es nahe, es auch auf diesem Wege der interessierten Leserschaft zugänglich zu machen.

Nach dem 2012 erschienenen und 2019 überarbeiteten „etwas anderen Reiseführer“, der dem interessierten Leser (aber vor allem dem interessierten Reisenden) 38 Touren durch Tōkyō näherbrachte, hat Axel Schwab mit dem just erschienenen zweiten Band noch einmal 30 neue Touren nachgelegt.

Allgemeines:

Der Autor stellt von Anfang an klar, dass es sich bei seinem Buch nicht um die üblichen, oftmals langatmigen Beschreibungen im einschlägigen Reiseführerstil handelt, sondern er versuchen möchte, den Interessierten von den Trampelpfaden des Massentourismus wegzuführen und ihn in seinem eigenen Erleben nicht durch zu viel Hintergrundinformation zu beeinträchtigen. Und um das gleich vorweg zu sagen: Das gelingt dem Autor auf durchaus kurzweilige und überaus sachkundige Art und Weise – und zwar so, dass auch diejenigen, die glauben, Tōkyō bereits wie ihre Westentasche zu kennen, auf ihre Kosten kommen.

Der Wert von Restaurant- und Geschäftsempfehlungen ist sicher immer vom persönlichen Geschmack abhängig, aber der Autor deckt hierbei eine so große Spannbreite an Angeboten ab, dass zumindest bei der einen oder anderen Tour jeder Leser eine dem eigenen Dafürhalten entsprechende Auswahl treffen kann. Einige der hier aufgeführten und mit Hinweisen zu Dauer und Distanzen versehenen Touren sind so interessant, dass sie sicher auch in meiner eigenen Erkundungsliste ihren Niederschlag finden werden.

Damit macht das Buch aber auch klar, dass es sich weder zum Schmökern noch zur schöngeistigen Lektüre eignet und auch eher für Reisende gedacht ist, die bereits über ausreichendes Hintergrundwissen über Japan, seine Geschichte und seine Kultur verfügen. Japan-Neulingen ist weiter vertiefende Lektüre zu empfehlen, wie sie z.B. die OAG-Bibliothek in Hülle und Fülle bietet.

Die Kürze der jeweiligen Tourbeschreibungen täuscht ein bisschen über die Vielfalt der gegebenen Informationen hinweg. So sind alle Touren reich bebildert und alle Bebilderungen leicht zuordenbar. Außerdem fehlen leicht verständliche Erklärungen zu öffentlichen Transportmitteln nicht.

Kritische Würdigung:

Es gibt natürlich auch Punkte in dem Buch, denen man kritisch gegenüberstehen kann (die persönliche Meinung des Rezensenten soll hier nicht überbewertet werden). So ist der dezidierte Hinweis auf Möglichkeiten, sich an Tempeln und Schreinen Pilgerbucheinträge anfertigen zu lassen, sicherlich hilfreich, kann aber u.a. zu genau dem führen, was derjenige, der die Touren dieses Buches nachvollziehen möchte, nicht erleben möchte: langes Schlangestehen am Goshuin-Schalter.

In die gleiche Kategorie fallen die Hinweise auf Orte, die möglichst zeitnah zu besuchen sind, da ihnen keine allzu lange Zukunft mehr zugesprochen wird – so erfreulich diese Hinweise sind, weil es ja gerade in Tōkyō darum gehen mag, die letzten Überreste aus früheren Jahrzehnten noch zu sehen, bevor sie Bau- und Modernisierungswahn weichen müssen, so sehr könnten sie gerade diese Orte belasten. Leider ist davon auszugehen, dass zumindest einige der hier genannten Cafés und Restaurants die Krise dieses Jahres nicht überstehen werden – aber das war zur Drucklegung des Werkes ja nicht abzusehen gewesen.

Namensschreibungen sind im Buch nicht durchgängig einheitlich – hin und wieder wird zwischen „westlicher“ Schreibweise (Vorname, Familienname: Ieyasu Tokugawa, Yayoi Kusama, Shōyō Tsubouchi) und „japanischer“ Schreibweise (Familienname, Vorname: Natsume Sōseki) gewechselt, was den Nichtjapanologen bisweilen zu verwirren vermag. Auch ist die Schreibung der Namen religiöser Orte nicht unbedingt als „glücklich“ anzusehen („Jinja-Schrein“, „Tenjin-Schrein“ sind ebenso unnötige Doppelungen wie „Tempel-XYZ-ji“), selbst wenn diese z.B. auf vielen Straßen- und Hinweisschildern in Tōkyō zu sehen ist – ganz besonders, da diese nicht durchgängig Verwendung findet.

In den einleitenden Erläuterungen wird zwar darauf hingewiesen, dass die Kunrei-Umschrift nicht durchgängig angewendet wird. Hilfreicher wäre ggf. die auch im Deutschen gebräuchlichere Hepburn-Umschrift gewesen. Namenschreibweisen wie z.B. „Jyouhoji“ (Seite 157) folgen keiner dieser Transkriptionsregeln.

Hinweise:

Nur der Vollständigkeit halber – und nicht, weil es den Wert des Buches einschränken würde – seien einige, sehr wenige sachliche Fehler bemerkt:

Seite 26:
Das Tōkyō Metropolitan Gymnasium (Tōkyō Taiikukan) in seiner jetzigen Form ist nicht bereits zu den Olympischen Sommerspielen 1964 genutzt worden (auch wenn z.B. Wikipedia dies behauptet). Die heute hier befindlichen, hochmodernen Gebäude stammen von dem Architekten Maki Fumihiko und wurden erst im Jahre 1990 komplettiert.

Seite 49:
Hyakudan Kaidan ist nicht um 1920 erbaut worden, sondern erst 1935 – der Sehenswürdigkeit des Gebäudes tut dies aber selbstverständlich keinen Abbruch.

Seite 54:
Akagi-Schrein. Es bleibt unklar, um welche „Mönche“ es sich handeln sollte, die im „Wohnheim“ auf der rechten Seite des Geländes untergebracht sein sollen. Rechts des Schreins befindet sich die moderne (und auch im Bild wiedergegebene) Appartement-Anlage „Park Court Kagurazaka“ mit 78 hochpreisigen Wohnungen.

Seite 71:
Takashimaya Nihombashi. Anders als hier vermerkt (Eröffnungsjahr 1932), behauptet Takashimaya, das jetzt als wichtiges Kulturgut anerkannte Gebäude sei 1933 eröffnet worden.

Eher persönliche Vorschläge des Rezensenten:

Seite 89:
Tempel Shinshō-ji. Hier wäre ein etwas weiterführender Hinweis auf den Ursprung und die Lokation der anderen fünf Jizō-Statuen von Edo hilfreich, besonders vor dem Hintergrund, dass auf den Togenuki Jizō und Kwannon (?) Bosatsu am nahegelegenen Kōgan-ji eingehend hingewiesen wird. Die Erwähnung der „Reinigungs-Kannon“ am Kōgan-ji als „Kwannon Bosatsu“ ist u.U. verwirrend.

Seite 122:
Yushima-Tenjin-Schrein. Den Schrein auf „Hello Kitty“ zu reduzieren, greift auch in einem sehr kurz gefassten Hinweis deutlich zu kurz.

Seite 175:
Nicht verloren gehen. Zu den sehr hilfreichen Hinweisen sollte ein Hinweis zum Erkennen „freier“, „vorbestellter“ und „besetzter“ Taxis in Tōkyō aufgenommen werden, da der Unwissende von roten Schriftzeichen in der Taxifrontscheibe sicher nicht auf ein freies, bei grünen Schriftzeichen auch nicht auf ein besetztes Taxi schließen würde.

Fazit:

Am Ende des Buches kommt man ganz sicher zu der Überzeugung, dass man dem vom Autor eingangs postulierten Anspruch aus vollem Herzen zustimmen kann: Um „instagram-taugliche“ Motive zu finden (was heutzutage vielen Touristen wichtiger zu sein scheint als das tatsächliche Erleben einer Stadt), muss man sich nicht an den einschlägigen Listen und Nachschlagewerken abarbeiten – im Gegenteil: „Labyrinth Tokio“ veranschaulicht eindrucksvoll, dass die wahren Schätze der Stadt genau dort zu finden sind, wo man sich nicht mit Horden von Touristen um sie schlagen muss.

Diese Rezension ist bereits in den “OAG-Notizen”, dem monatlichen Magazin der “Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens” in Tōkyō erschienen (LINK).

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