Die neuen Großmärkte von Toyosu (豊洲市場)

Der neue Bauch von Tōkyō

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
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Toyosu Großmärkte (豊洲市場)

Toyosu Großmärkte (豊洲市場)

Tōkyō als Herzstück der derzeit größten Metropolregion der Welt (hier ballen sich 38 Millionen Menschen auf vergleichsweise engem Raum) – und gleichzeitig noch als eine, die sich den Gaumengenüssen ganz besonders verschrieben hat (kaum irgendwo sonst ist das Nahrungs- und Genussmittelangebot, die Auswahl an Restaurants und Kneipen so vielfältig) – steht natürlich täglich vor der Herausforderung, diese Menschen mit frischen Nahrungsmitteln zu versorgen. Und wenn man in Japan „frisch“ sagt, dann heißt das meistens auch „makellos“. Geschwindigkeit und Sauberkeit sind hier die Zauberwörter.

Tokyos Fischmarkt in der Meiji-Zeit

Tokyos Fischmarkt in der Meiji-Zeit

Tokyos Märkte in der frühen Showa-Zeit

Tokyos Märkte in der frühen Showa-Zeit

Fischmarkt von Tsukiji (築地市場) - Januar 2015

Fischmarkt von Tsukiji (築地市場) – January 2015

Als es klar wurde, dass die alten Markt-Stätten von Tsukiji (築地 / つきじ) auch beim besten Willen nicht mehr bis in alle Ewigkeiten genutzt werden konnten (eröffnet 1935) und der damalige Gouverneur Tōkyōs wiederholt einen Neubau für dieselben gefordert hat (die Begeisterung hierfür schien sich in Grenzen gehalten zu haben), hat man auf einem Areal auf der künstlich geschaffenen Insel von Toyosu (豊洲 / とよす), das davor der Standort eines Gaswerks war, den neuen Marktkomplex errichtet (angeblich betrugen die Baukosten umgerechnet rund fünf Milliarden Euro). Einen Handelskomplex für Frischwaren (Meeresfrüchte, Obst und Gemüse) dort zu errichten, wo früher ein Gaswerk stand… Da werden bei einigen die Alarmglocken angehen. Das taten sie in Tōkyō auch – allerdings erst, nachdem es praktisch schon zu spät war: Kurz vor dem geplanten Umzug des Marktes im November 2016 wurde klar: Der Untergrund ist in unzulässigem Maße verseucht. Und in solchen Situationen fragt sich nicht nur der alte Zeus: Was tun? Die Antwort war: Dekontaminieren, messen, dekontaminieren, messen – und schließlich das Gebäude für unbedenklich erklären. Wirklich bezogen wurde der neue Komplex erst im Oktober 2018 – mit einer großen Eröffnungszeremonie am 11. Oktober 2018. Wer sich also schon gefreut hat, Japanern ähnliche Großprojektfähigkeiten wie den Deutschen zuzusprechen, hat sich zu früh gefreut. Verglichen mit einem namentlich nicht genannt werden sollenden Großflughafen im Großraum Berlin wurden die Märkte von Toyosu praktisch pünktlich bezogen…

So viel zur Einleitung.

Mit dem Neubau hat man allerdings auch nicht nur an morgen gedacht, sondern (so steht es in den Hochglanzbroschüren) für die kommenden 50 Jahre gleich mit. Der Markt soll damit nicht nur die Verteilung von großen Mengen frischer Nahrungsmittel sicherstellen, sondern auch deren preisliche Stabilität – wie es die Märkte von Tsukiji (und natürlich die anderen Großmärkte in der Stadt ebenso) bis vor einem Jahr getan haben. Beim Neubau sei auch an die Anforderungen der Hersteller, der Verbraucher und der Kunden gedacht worden. Nahrungsmittelsicherheit und effiziente Verteilung werden hier mit Mitteln gefördert, die in Tsukiji nicht zur Verfügung standen. Man denke nur an die brütende Sommerhitze, der die frischen Waren in Tsukiji schutzlos ausgeliefert waren – in Toyosu werden die Handels- und Verladehallen klimatisiert.

Mit einer weiteren Maxime des Neubaus tut sich der Markt aber (wie es auf den Unbedarften zu wirken vermag) etwas schwer: Das Fortführen und Entwickeln einer Tradition, für die der Markt in Tsukiji berühmt war. Selbst von Seiten der Arbeiter auf dem Fischmarkt hört man immer wieder, dass sie voller Sehnsucht an die Schrulligkeit des Markets von Tsukiji denken. Offensichtlich sind klimatisierte Arbeitshallen kein Ersatz hierfür.

Immerhin strömen die touristischen Besucher auf den neuen Markt – wenngleich dieser kaum noch direkten Kontakt mit dem Handelsgeschehen zulässt (was an dieser Stelle ausdrücklich begrüßt werden soll – ein Markt ist Arbeitsplatz und nicht Spielwiese für Touristenhorden). Man hat zwar in den Großhandels- und Auktionshallen große Zuschauertribünen eingerichtet, die den Besucher „zuschauen“ lassen. Wirklich „dabei“ ist man von dort aus allerdings nicht. Die Halle für die Zwischenhändler, die in Tsukiji wahrscheinlich die größte Touristenattraktion ausgemacht hat, ist zwar mit einem großen musealen Bereich versehen worden, auch kann hier alles für den Küchen- und Kochbedarf gekauft werden, aber die Fenster, die den Blick in die Handelsgassen freigeben, können kein echtes „Marktgefühl“ aufkommen lassen. Ob dies mit den Bauvorhaben unter dem Projektnamen „Senkyaku Banrai Facility“ ausgeglichen werden kann, das bis 2023 im Block 6 (dort wo der Zwischenhandel mit Meeresfrüchten stattfindet) für eine Fortführung der „publikumswirksamen“ Funktionen des Markts von Tsukiji sorgen soll, wird man sehen müssen. Dieses Senkyaku Banrai (千客万来 / せんきゃくばんらい) heißt sinngemäß übersetzt „großer Andrang von Gästen oder Kunden“.

Das gesamte Areal der Märkte von Toyosu umfassen 407.000 m² – also ungefähr das Doppelte, der seinerzeit in Tsukiji belegten Fläche.

Die Anlage kann grob in folgende Teile untergliedert werden.

Block 5 – Obst- und Gemüsemärkte (südöstlicher Teil der Anlage)

Hier gibt es im Erdgeschoss Restaurants und ein Geschäft und im 1. OG eine verglaste Besuchergalerie, die zu nächst einen Blick in den Zwischen-Großhandelsmarkt gestattet und zu einer großen (ebenfalls verglasten) Zuschauerhalle führt, von der aus man das Treiben im Obst- und Gemüse-Großhandel beobachten kann – hierzu ist allerdings frühes Erscheinen unverzichtbar: Der Handel dauert an den Markttagen nur etwa eine Stunde und beginnt schon morgens um 6:30 Uhr.

Block 6 Zwischen-Großhandelsmarkt für Meeresfrüchte / Dachgarten (nordwestlicher Teil der Anlage)

Das Erdgeschoss der Anlage ist dem Markttreiben vorbehalten. Hier haben Besucher keinen Zutritt.
Auf der Ebene des Zugangs vom Bahnhof Shijōmae (2. OG, „3rd floor“ nach japanischer Zählweise) befinden sich 22 Restaurants verschiedener Art – selbstverständlich mit einem eindeutigen Schwerpunkt auf Meeresfrüchten.

Auf der gleichen Ebene befinden sich im Haupt-Handelsgebäude museal eingerichtete, großzüge Zugänge, die alles Wissenswerte über den Fischfang und -Handel in Japan vermitteln.

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) - Block 6

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) – Block 6

Über einige größere Fenster kann man in die zwei Stockwerke tiefer liegenden Händlergassen blicken. Machen Sie sich aber keine allzu großen Hoffnungen darauf, über diese schmalen Blick-Kanäle wirklich ein Gefühl für das Handelstreiben entwickeln zu können.

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) - Block 6

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) – Block 6

Im obersten Stockwerk sind ungefähr 70 verschiedene Geschäfte mit Markt-bezogenen Waren untergebracht, die auch den Besuchern zum Einkauf offenstehen. Hier finden Sie z.B. getrocknete Fische, Küchenmesser, Schuhe und andere Utensilien der Marktarbeiter. Dieses Einkaufsparadies nennt man „Uogashi Yokochō“ (Fischmarkt-Gässchen).

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) - Block 6 (Uogashi Yokochō)

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) – Block 6 (Uogashi Yokochō)

Und falls Sie all das nicht sonderlich eindrucksvoll fanden, dann gönnen Sie sich auf jeden Fall einen Besuch des Dachgartens des Gebäudes. Hier breiten sich nämlich nicht nur unerwartet weitläufige Grünflächen aus, sondern von hier aus hat man auch einen der atemberaubendsten Blicke auf einen Teil der Skyline Tōkyōs mit Odaiba und der Raibow Bridge im Südwesten und Westen, dem Tōkyō Tower im Westen und dem neuen olympischen Dorf im Nordwesten.

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) - Block 6 (Dachgarten)

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) – Block 6 (Dachgarten)

Und wo wir schon beim „Grün“ sind: Vom Dachgarten des Blocks 6 kommen Sie mit einem Aufzug hinunter auf Straßenniveau, wo sich der „Gururi Park“, der den kompletten Märkte-Komplex umfasst, ausbreitet. Hier lässt’s sich nicht nur gemütlich flanieren, sondern auch Barbecue machen (die Utensilien hierzu und die entsprechenden Stellplätze können gemietet werden).

Toyosu Großmärkte (豊洲市場)

Toyosu Großmärkte (豊洲市場)

Block 7 Großhandelsmarkt für Meeresfrüchte / Gebäudemanagement (südwestlicher Teil der Anlage).

Vom Straßenniveau kommt man mit einem Aufzug hinauf ins 3. (japanische) OG des Gebäudes für das Gebäudemanagement. Dort befinden sich 12 marktbezogene Restaurants und das PR-Zentrum des Marktkomplexes.

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) - Block 7

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) – Block 7

Über eine Verbindungsbrücke gelangt man in den Teil des Blocks 7, der einerseits fachbezogene Informationen zum Fischfang- und Handel in Japan bietet, andererseits aber auch eine verglaste Zuschauergalerie, die den Blick in die riesigen Handelshallen freigibt.

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) - Block 7

Toyosu Großmärkte (豊洲市場) – Block 7

Angemeldete Besucher haben die Möglichkeit den morgendlichen Thunfischversteigerungen beizuwohnen (jeweils 120 Besucher werden hierzu für je 10 Minuten auf eine Aussichtsplattform gelassen) – Anmeldungen über folgenden Link: https://www.pia.co.jp/ssl/cgi-bin/genform/form.cgi?ptn=toyosu
Bitte beachten Sie, dass angemeldete Besucher sich vor Ort ausweisen müssen und die über Internet oder Telefon reservierten Zutrittserlaubnisse personenbezogen sind.
Nicht angemeldete Besucher können die Versteigerung aber natürlich auch von der verglasten Zuschauergalerie auch beobachten.
Die Versteigerungen finden handelstäglich meist zwischen 5:30 Uhr und 6:30 Uhr morgens statt.

Öffnungszeiten:

Wochentags (geschlossen an Sonn- und Feiertagen und anderen Tagen ohne Handelstätigkeit): 5 Uhr bis 17 Uhr.

Bevor Sie sich also auf den Weg nach Toyosu machen, um die Märkte zu besuchen, machen Sie sich über die englischsprachige Webseite des Marktes kundig:
http://www.shijou.metro.tokyo.jp/english/toyosu/

Wie man hinkommt:

Mit der Yurikamome (ゆりかもめ)-Linie zum Bahnhof Shijōmae (市場前 / しじょうまえ) entweder von Toyosu (豊洲 / とよす) aus, oder vom Bahnhof Shinbashi (新橋 / しんばし) quer über die Insel Odaiba (お台場 / おだいば).
Oder mit dem Toei-Bus zu den Haltestellen „Toyosu Market“ und „Shijōmae Ekimae“

Weitere Informationen:

Der ehemalige Fischmarkt von Tsukiji (築地市場)
– Ein Nachruf auf ein “Halbrund großer Geschäftigkeit”

Der Blumenmarkt von Ōta (大田市場の「花市場」)
– Japans zentraler Großhandelsmarkt für Blumenauktionen

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4 Responses to Die neuen Großmärkte von Toyosu (豊洲市場)

  1. […] Domizil in Toyosu umgezogen – zu gegebener Zeit wird es natürlich auch darüber einen Bericht auf dieser Webseite […]

  2. […] German version of this posting you can find here. Eine deutsche Version dieses Artikels finden Sie […]

  3. einjahrjapan says:

    Hallo Thomas,
    ein sehr umfangreicher und interessanter Beitrag. Bei meinem nächsten Besuch in Tokyo werde ich mir den neuen Markt bestimmt Mal ansehen. Ich bin ja zum Glück im August 2017 noch in den Genuss gekommen den Tsukiji zu erleben.
    Schönen Gruß
    Thomas

    • Vielleicht ergibt sich schon nächste Wochen, ein bisschen tiefer in die “Heiligtümer” des Marktes vorzudringen. Ich lass’ mich mal überraschen.
      Jedenfalls wirdst Du am alten Markt in Tsukiji wahrscheinlich mehr Freude gehabt haben – wobei der neue den alten architektonisch natürlich mit Links aussticht…

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