Hinweis: Themen-Ausstellung im Yamatane Kunstmuseum (山種美術館)

Zum 150. Jubiläum von Taikan Yokoyama ― Die Elite der Künstlerwelt Tōkyōs

Taikan Yokoyama: Yanshan-Rolle (Yamatane Kunstmuseum)

Nicht zum ersten Mal möchte ich auf eine neue Ausstellung des Yamatane Kunstmuseums hinweisen – vorangegangene Hinweise und Details über das Museum finden Sie hier:

Yamatane Kunstmuseum (山種美術館)
– Meisterwerke beweisen die Fortführung einer alten japanischen Tradition

Hinweis: Neue Ausstellung im Yamatane Kunstmuseum (山種美術館)
– Eine Welt voller Blumen – von der Rimpa-Schule zu zeitgenössischer Kunst

Schöne Frauen im Yamatane Kunstmuseum (山種美術館)
– Shōen Uemura und auserlesene “Bijinga” – Gemälde schöner Frauen

Dieses Mal gilt mein Hinweis einem Pionier moderner Nihonga-Malerei, Taikan Yokoyama* (横山大観 / よこやまたいかん) (1868-1958). In einer Sonderausstellung zum 150. Geburtstag und 60. Todestag des großen Künstlers, zeigt das Yamatane Kunstmuseum seine komplette Kollektion von Werken Yokoyamas.

Yokoyama war in eine Samurai-Familie in der Mito Domäne in der damaligen Hitachi-Provinz (heute Präfektur Ibaraki) geboren worden. Im Jahre 1889, die Familie war inzwischen verarmt und schlug sich mehr schlecht als recht mit Sakehandel durchs Leben, schrieb er sich in die erste Ausbildungsklasse der „Kunstakademie Tōkyō“ (東京美術学校 / とうきょうびじゅつがっこう) ein, wo er bei solchen Größen wie Kanzan Shimomura (下村観山), Shunsō Hishida (菱田春草), Gahō Hashimoto (橋本雅邦) und unter der Leitung von Tenshin Okakura (岡倉天心) unterrichtet wurde.

Im Jahre 1898 folgte er Okakura, der die Kunstakademie verlassen hatte (sprich: die Akademie hatte Okakuras künstlerischen Auffassungen nicht geteilt und sich deswegen von ihm getrennt), und beteiligte sich an dessen Gründung einer privaten Kunstschule, der „Japan Art Academy“ (日本美術院 / にほんびじゅついん), die er auch nach dessen Tod im Jahre 1913 am Leben zu erhalten maßgeblich mithalf.
Später gab er sich ganz der Schaffung innovativer Nihonga hin. In seinem Werk überschneiden sich Zeiten und Kulturen (japanische, ostasiatische und westliche) miteinander. Für die Entwicklung von Nihonga in der Meiji-Zeit steht er sozusagen symbolisch.

Besondere Wichtigkeit hat das Werk Yokoyamas für das Yamatane Kunstmuseum, weil dessen Gründer, Taneji Yamazaki, sich dem Künstler eng verbunden fühlte. Deswegen kann diese Ausstellung alle vierzig Werke Yokoyamas, die sich im Besitz des Museums befinden, erstmals seit 1966 wieder komplett präsentieren.

Auch die anderen Künstler, die in der Ausstellung zu sehen sind, pflegten enge Verbindungen zum Museumsgründer. Dazu gehören Kokei Kobayashi (小林古径), Yukihiko Yasuda (安田靫彦) und Seison Maeda (前田青邨). Deswegen bietet die Ausstellung eine einmalige Gelegenheit, die Entwicklung des modernen Nihonga, die von Yokoyama maßgeblich geprägt wurde, zusammen mit den Werken anderer führender Künstler der Tōkyōter Künstlerwelt zu betrachten.

Hier ein paar ausgewählte Werke, die mir freundlicherweise vom Yamate Kunstmuseum zur Verfügung gestellt wurden.

* Bitte beachten Sie, dass ich die Namen in der im Deutschen üblichen Reihenfolge „Vorname, Nachname“ belassen habe und auch die Künstler im übrigen Text mit ihrem Familiennamen nenne – im Japanischen wird grundsätzlich eher der Vorname verwendet; Taikan Yokoyama hat seine Bilder deswegen auch mit “Taikan” signiert.

Abschnitt 1:
Yokoyama als Pionier des Nihonga

Yanshan-Rolle (1910)
Tinte auf Papier

Taikan Yokoyama: Yanshan-Rolle (Yamatane Kunstmuseum)

Tao Yuan-ming (1913)
Tinte und Farbe auf Papier mit Blattgold

Taikan Yokoyama: Tao Yuan-ming (Yamatane Kunstmuseum)

Tao Yuan-ming war ein chinesischer Poet, der während der Zeit der “Sechs Dynastien” (3. bis 6. Jahrhundert n.Chr.) lebte und sich von seinem Beruf als Hofbeamter in seinen Heimatort für ein abgeschiedenes Leben zurückzog. Yokoyama hat eine besondere Vorliebe für Tao Yuan-ming und porträtierte ihn wiederholt. Dieses Gemälde bezieht sich auf ein berühmtes Gedicht Tao Yuan-mings (“Die Rückkehr”) und zeigt den Poeten bei Sonnenuntergang vor dem Stamm einer Kiefer, die nahenden Wolken über den Bergen und die in ihre Nester zurückkehrenden Vögel betrachtend. Dass Yokoyama hier mit den einfachen Formen der Rimpa-Schule experimentierte, kann an der Darstellung des Poeten erkannt werden.

Sakuemons Haus (1916)
Farbe auf Seide mit rückseitigem Blattgold

Taikan Yokoyama: Sakuemons Haus (Yamatane Museum of Art)

Auf diesem Bild erkennen wir einen Bauern, der nach seines Tages Arbeit in den Feldern nach Hause zurück kommt. Im Stall sehen wir sein Pferd, das offensichtlich den nahenden Herrn wahrgenommen hat. Yokoyama hat wiederholt Techniken angewandt, bei denen Objekte ohne gezeichnete Konturen erscheinen. Auf diese Weise hat er einerseits die Modernisierung von Nihonga vorangetrieben, gleichzeitig aber auch Stile gepflegt, die als vage und unklar kritisiert wurden. In der Taishō-Zeit (1912-1925) kehrte er jedoch zu traditionellen Stilen und Techniken zurück. In diesem Bild erinnert die Art und Weise, wie er Blätter gemalt hat, an die heutigen Manga, gleichzeitig referenziert das kräftige Grün des Laubes aber auch in die Lebendigkeit von Yamato-e (大和絵 / やまとえ), den Stil der Heian-Zeit (9. – 12. Jahrhundert).

Mt. Kisen (1919)
Farbe auf Papier

Taikan Yokoyama: Mt. Kisen (Yamatane Kunstmuseum)

Dieses Bild, von dem man glaubt, dass es eine Studie für einen zweiteiligen Wandschirm darstellt, zeigt den Berg Kisen in Uji (宇治 / うじ) südlich von Kyōto (in Gedichten eines Heian-zeitlichen Mönchs bekannt geworden). Die Ockerfarbe, die durch das rötliche Blattgold auf der Papierrückseite entsteht, ist Resultat der verwendeten Papierart (mit rötlichem Blattgold auf der Rückseite). Man geht davon aus, dass Yokoyama diese Technik angewandt hat, um den roten Farbton der Böden Kyōtos zum Ausdruck zu bringen.

Das Papier hierzu hatte Yokoyama eigens herstellen lassen. Dabei wurde die oberste Schicht des geschöpften Papiers nach dem Auftragen des Blattgoldes entfernt, um die Strahlkraft des durchscheinenden Schimmers zu erhöhen.

Uhu (1926)
Tinte und helle Farben auf Seide

Taikan Yokoyama: Uhu (Yamatane Kunstmuseum)

Shunsō Hishida (菱田春草) (1874-1911)
Rückkehr von einem Angelausflug (1901)
Farbe auf Seide

Shunsō Hishida: Rückkehr von einem Angelausflug (Yamatane Kunstmuseum)

Indem sie mit neuen Techniken experimentierten, schufen die Nihonga-Meister Bilder, auf denen die Ansichten ganz ohne mit Tusche gezeichneten Konturen dargestellt wurden. Statt dessen wurde viel mit ausdrucksstarken Schatten gearbeitet, um Atmosphäre und Lichteffekte zu erzeugen – ein Stil, der wie oben schon erwähnt, als vage und unklar kritisiert wurde. Dieses Bild von Hishida stammt aus dieser Zeit.

 

Abschnitt 2:
Die Essenz der Kunst Yokoyamas

Hirtenstar (1927)
Farbe auf Papier

Taikan Yokoyama: Hirtenstar (Yamatane Kunstmuseum)

Der Hirtenstar wird in China als glücksbringender Vogel geachtet. Auch Yokoyama hat diese Vogelart wiederholt gemalt. In diesem Beispiel wurde der Vogel, in einem Feigenbaum sitzend, in Sumi-Tinte ausgeführt.

Mt. Fuji, der heilige Berg (1937)
Farbe auf Seide

Taikan Yokoyama: Mt. Fuji, der heilige Berg (Yamatane Kunstmuseum)

Da dieses Bild das Werk Taikan Yokoyamas am besten repräsentiert, wurde es auch als “Eröffnungs-Bild” für diese Ausstellung gewählt. Beim Betreten der Ausstelllungsräume läuft man direkt auf es zu und hat so die drei Elemente, die man von diesem großen Maler Japans wissen sollte, direkt vor sich: Den Namen “Taikan” (mit dem er seine Bilder signierte), den Fuji (sein bevorzugtes Sujet) und Nihonga (die Stilrichtung, die er ganz maßgeblich mitgeprägt hat).

Frühlings-Fluss und Herbstfarben (1938)
Farbe auf Seide

Taikan Yokoyama: Frühlingsfluss und Herbstfarben (Yamatane Kunstsmuseum)

Frühlingsmorgen (1939)
Farbe auf Seide

Taikan Yokoyama: Frühlingsmorgen (Yamatane Kunstmuseum)

Wie auch auf diesem Bild, hat Yokoyama vorzugsweise die Blüten der Wildkirsche (山桜 / やまざくら) gemalt (dieser Kirschbaum trägt schon zur Blütezeit Blätter).

Göttlicher Geist: Mt. Fuji (1952)
Tinte und helle Farben auf Seide

Taikan Yokoyama: Göttlicher Geist: Mt. Fuji (Yamatane Kunstmuseum)

Dieses Bild war im Grunde Auslöser für die Eröffnung des Yamatane Kunstmuseums, da es dem Museumsgründer unter der Bedingungen von Taikan Yokoyama verkauft wurde, dass er ein Museum für Nihonga eröffnet. Der Fuji fesselte zeitgenössische und moderne Maler, genau wie die Maler der Heian-Zeit – als er mehr und mehr Gegenstand künstlerischer Betrachtung wurde. Yokoyama allein hat in seinem Leben mehr als zweitausend Bilder des Fuji geschaffen.

Abschnitt 3:
Die Elite der Künstlerwelt Tōkyōs

12
Kokei Kobayashi (小林古径) (1883-1957)
Ochsen (1943)
Farbe auf Papier

Kokei Kobayashi Kokei: Ochsen (Yamatane Kunstmuseum)

Yukihiko Yasuda (安田靫彦) (1884-1978)
Minamoto no Yoshitsune in Hiraizumi (1965)
Farbe auf Papier

Yukihiko Yasuda: Minamoto no Yoshitsune in Hiraizumi (Yamatane Kunstmuseum)

Kaii Higashiyama (東山魁夷) (1908-1999)
Jahresende (1968)
Farbe auf Papier

Kaii Higashiyama: Jahresende (Yamatane Kunstmuseum)

Higashiyama hat sich die Worte des Literaturnobelpreisträgers Yasunari Kawabata (川端康成 / かわばたやすなり) (1899-1972) zu Herzen genommen, als er dieses Gemälde – als Teil einer Serie von Gemälden über Kyōto –  schuf: “Male Kyōto jetzt, oder es wird verschwinden!”. Wir alle wissen, wie wahr diese Worte waren.

Der Blick fällt vom Dach des “Kyōto  Hotels” (heute “Hotel Ōkura”) auf die von Schnee bedeckten, traditionellen “machiya”-Häuser Kyōtos in der Neujahrsnacht. Der azurblaue Farbton dieses Bildes ist als “Higashiyama-Blau” bekannt. Man glaubt förmlich, das Geräusch des schweren Schneefalls hören zu können, ja vielleicht sogar den Klang der Tempelglocken in der Neujahrsnacht. Das “Markenzeichen” des Yamatane Kunstmuseums wurde übrigens von diesem Blauton inspiriert, der mit Mineralfarben erzeugt wurde, die Higashiyama besonders geliebt hat.

Dauer der Ausstellung:

3. Januar 2018 bis 25. Februar 2018

Öffnungszeiten:

10 Uhr bis 17 Uhr (letzter Einlass: 16:30 Uhr)

(geschlossen am 9. Januar, 13. Februar und an Montagen, außer 8. Januar und 12. Februar)

Eintrittsgelder:

Erwachsene: 1.000 Yen
Schüler der Oberstufe und Studenten: 800 Yen
Kinder und Schüler bis zur Mittelstufe: Eintritt frei
Behinderte mit Ausweis und eine Begleitperson: Eintritt frei

Für Gruppen von 20 und mehr Personen, für im Vorverkauf erworbene Tickets, für wiederkehrende Besucher dieser Ausstellung und Besucher im Kimono werden Nachlässe gewährt.

 

Wenn Sie sich eingehender mit Leben und Werk Taikan Yokoyamas befassen möchten, ist sicher des Künstlers Wohnhaus in Tōkyō für Sie von Interesse (aber auch dann, wenn traditionelle japanische Wohnarchitektur Ihr Steckenpferd sein sollte):

Yokoyama Taikan Memorial Hall (横山大観記念館 / よこやまたいかんきねんかん)

1-4-24 Ikenohata, Taitō-ku, Tōkyō 〒110-0008

Eintrittsgebühr:

Erwachsene: 800 Yen
Schüler der Mittel- und Oberstufe: 650 Yen
Kinder und Grundschüler: 300 Yen
Behinderte: 650 Yen
Jahreskarte: 2.200 Yen

Öffnungzeiten:

10 Uhr bis 16 Uhr (letzter Einlass: 15 Uhr)

Das Gebäude ist grundsätzlich nur Donnerstag bis Freitag und an Feiertagen zu besichtigen. Da von dieser Regel aber auch abgewichen wird, schauen Sie vor einem Besuch des Museums vorsichtshalber auf dessen Webseite (leider nur auf Japanisch) nach. Längere Betriebsferien sind 2018 im Sommer (17.7.2018 bis 31.8.2018) und im Winter (25.12.2018 bis 11.1.2019) vorgesehen.

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