Narita-san Shinshō-ji (成田山新勝寺) (dt.)

Unerwartete Grandiosität vor den Toren Tōkyōs

Narita-san Shinshō-ji (成田山新勝寺)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Der Shinshō-ji (新勝寺 / しんしょうじ), der aber auch im Volksmund nur mit seinem „Bergnamen“ (sangō / 山号 / さんごう) Narita-san (成田山 / なりたさん) genannt wird, gehört ganz zweifelsohne zu den großartigsten buddhistischen Tempelanlagen des Landes. Und wahrscheinlich kennen ihn dem Namen nach mehr ausländische Besucher, als ihn je zu Gesicht bekommen haben, da der große internationale Flughafen Tōkyōs ja auch den Namen „Narita“ trägt – nach der Stadt Narita, auf deren Gemarkung der Flughafen in der Präfektur Chiba (千葉県 / ちばけん) liegt.

Dennoch würde kaum jemand damit rechnen, derartige Grandiosität so weit draußen auf dem flachen Land zu finden (wir erinnern uns: Der Flughafen Narita ist ca. 60 km von Tōkyō entfernt). Die Anfahrt aus Tōkyō ist vergleichsweise lästig (wenn man sich nicht ohnehin auf dem Weg vom oder zum Flughafen befindet und glaubt, trotz des Reisegepäcks einen Tempelbesuch absolvieren zu müssen). Aus der Innenstadt Tōkyōs ist kaum einer der beiden halbwegs tempelnah gelegenen Bahnstationen (es gibt einen Bahnhof für die Züge von Japan Rail und einen für die von Keisei Railways) in weniger als 1 ¼ Stunden zu erreichen.

Aber dafür sind schon die letzten mehreren hundert Meter vor Erreichen des eigentlichen Tempelareals eine regelrechte Wonne, die für sich allein genommen schon für die lange Anfahrt entschädigen. Die auf den Tempel zuführende Omotesandō (表参道 / おもてさんどう) bietet hier eines der eher raren Beispiele dafür, wie traditionelle japanische Stadtarchitektur in die Neuzeit hinüber gerettet werden konnte (die übrigen Bezirke Naritas können hingegen selbst für japanische Verhältnisse als „ziemlich hässlich“ bezeichnet werden).

Für meinen Besuch des Narita-san hatte ich mir die Tage „zwischen den Jahren“ ausgesucht – wenn der Tempel bereits auf den großen Besucheransturm während der Neujahrstage gerüstet ist, sich aber nur vergleichsweise wenige Touristen hierher verirren.

Ein kurzer Abriss der über tausendjährigen Geschichte des Narita-san:

Alles begann mit der Anfertigung einer Holzstatue des Fudōmyōō (不動明王 / ふどうみょうおう) (auch bekannt als „Acala“, der Beschützer der buddhistischen Lehre) durch den großen buddhistischen Sektengründer Kūkai (空海 / くうかい) (Kōbō Daishi / 弘法大師 / こうぼうだいし) im Jahre 810. Diese Statue ist auch heute noch Herzstück des Tempels.

Die im Jahre 939 von Taira no Masakado (平将門 / たいらのまさかど) geführte Rebellion gegen das Kaiserhaus ist das nächste einschneidende Ereignis. Besagter Taira no Masakado sah sich selbst als legitimen Kaiser Japans. Das konnte dem amtierenden Kaiser natürlich nicht recht sein. Um ihn in seine Schranken zu weisen, befahl Kaiser Suzaku (朱雀天皇 / すざくてんのう), Kūkais Statue des Fudōmyōō in die Schlacht gegen die Rebellen mitzunehmen. Taira no Masakado wurde schließlich 940 geschlagen. Sein Kopf soll bei der Hinrichtung in Kyōto bis ins heutige Tōkyō geflogen sein (damals befand sich hier nur das kleine Fischerdorf Shibazaki) – in der Nähe des Ōtemon des Kaiserpalastes in Tōkyō gibt es in Ōtemachi eine Gedenkstätte (ein „Schädelgrab”), die an dieses denkwürdige Ereignis erinnert (und auch mal wieder zeigt, dass man in Japan ruhig mal Rebell gewesen sein darf und später doch verehrt werden kann – oder, wie in diesem Falle, als böser Geist “beruhigt” wird).

Die Fudōmyōō-Statue soll seinerzeit ihren Mund geöffnet und gesprochen haben – und zwar den Wunsch, in Narita verbleiben zu dürfen – das Jahr 940 gilt also als das offizielle Gründungsjahr des Tempels. Und dieser Sieg über die Rebellen ist auch der Grund für den Namen des Tempels „Shinshō-ji“ – was man ganz frei mit „Tempel des neuen Sieges“ übersetzten könnte.

Im frühen 18. Jahrhundert macht der Narita-san erneut von sich reden, als es zu einer engen Verbindung mit dem Kabuki-Schauspiel kam. Der damalige Danjūrō Ichikawa (市川團十郎 / いちかわだんじゅうろう), ein überaus populärer Kabukischauspieler dieser Zeit, stellte auf der Bühne den „Fudōmyōō“ dar. Und auch heute noch, sind Kabuki und Fudōmyōō ebenso eng miteinander verbunden, wie der jetzige 12. Danjūro dem Narita-san.

Werfen wir einen Blick auf die wesentlichen Bauwerke auf dem ausgedehnten Tempelareal.

Fangen wir zunächst mit den am tiefsten gelegenen Bauwerken an:

Äußeres Tor / Haupttor (Sōmon / 総門 / そうもん)

Dieses über die Maßen prächtige Tor, das erst im Jahre 2008 (bzw. 2007 – da will sich der Narita-san in den verschiedenen Sprachausführungen seiner Informationsschriften nicht so genau festlegen) aus dem Holz der Japanischen Zelkove errichtet wurde, zeigt mit seinen mächtigen 15 Metern Höhe, dass der Narita-san ganz offensichtlich nicht am Hungertuch nagen muss.

Verwaltungsgebäude (Kōrinkaku / 光輪閣 / こうりんかく)

Dieses wuchtige Gebäude mit seinen vier oberirdischen und zwei unterirdischen Stockwerken wurde im Jahre 1975 errichtet. Es beherbergt nicht nur die Tempelverwaltung, sondern auch das Gästehaus der Sekte. Im vierten Stockwerk gibt es einen Festsaal, der sage und schreibe 480 Tatami-Matten groß ist.

Von dieser Ebene geht es zunächst eine steile Treppe hinauf zum:

Niō-Tor (Niōmon / 仁王門 / におうもん)

Das Niō-Tor wurde im Jahre 1830 errichtet (nach den englischen Quellen des Tempels – 1831 nach den japanischen Quellen) und ist ein wichtiges Nationales Kulturgut.

Und über eine weitere Treppe gelangt man in den zentralen und weitläuftigsten Teil der Tempelanlage.

Hier befinden sich u.a. die folgenden Gebäude (wer Treppen vermeiden möchte, hat die Möglichkeit, an der Nordseite des Verwaltungsgebäudes mit einem Aufzug „ein Stockwerk“ höher zu gelangen):

Große Haupthalle (Dai Hondō / 大本堂 / だいほんどう)

In der erst 1968 errichteten Halle (in den englischsprachigen Unterlagen des Tempels wird fälschlich vom Jahr 1986 gesprochen) wird Fudōmyōō (不動明王 / ふどうみょうおう), verehrt – aus dem kurzen geschichtlichen Abriss von oben, wissen wir auch, warum.

Dreistöckige Pagode (Sanjū no tō / 三重塔 / さんじゅうのとう)

Ursprünglich errichtet im Jahre 1712, hat die Pagode in den Jahren 1801, 1812 und 1858 umfassende Restaurierungen erfahren. Diese ausnehmend prächtige, wenngleich nur 25 Meter hohe Pagode ist ein typisches Beispiel für eine solche Struktur aus der Mitte der Edo-Zeit.

Dass sie heute in so makellosem Zustand zu sehen ist, ist Erhaltungsmaßnahmen zu verdanken, die 1981 bis 1983 durchgeführt wurden. Bei diesen Arbeiten hat man sich genau an die Vorgaben gehalten, die den Archiven des Jahres 1803 entnommen worden waren.

Was die Pagode als Heiligtum beherbergt konnte ich nicht zweifelsfrei verifizieren, da die Quellen hier nicht exakt übereinstimmen: Die Hinweistafel an der Pagode selbst nennt die Gochi Nyorai / Fünf Tathagatas (五智如来 / ごちにょらい), auf der Webseite wird allerdings nur einer dieser fünf Buddhas genannt, nämlich der Dainichi Nyorai (大日如来 / だいにちにょらい) – wie üblich bei solchen Pagoden, war der Innenraum während meines Besuches nicht einsehbar.
Auch die Pagode gehört zu den fünf wichtigen Nationalen Kulturgütern der Anlage.

Narita-san, Sanjū no tō / Issai Kyōdō / Shōrō (三重塔 / 一切経堂 / 鐘楼)

Gleich nebenan stehen, der Glockenturm (Shōrō / 鐘楼 / しょうろう) und der Sutren-Speicher (Issai Kyōdō / 一切経堂 / いっさいきょうどう)

Dieser Sutren-Speicher wurde im Jahre 1722 vom Heiligen Shōhan errichtet, der für maßgebliche Reformen des Tempels verantwortlich zeichnete. In ihm werden ungefähr 2.000 buddhistische Schriften aufbewahrt. Die Türen des drehbaren Bibliotheksschreins sind mit farbenprächtigen Schnitzereien von Beschützern des Buddhismus, „Shitennō“ (vier Gottheiten) und Jūni Shinshō (zwölf Gottheiten), verziert. Auch die acht Fenster der Halle sind mit aufwändigen Skulpturen verziert, die auf chinesische Erzählungen zurückgehen.

Prinz Shōtoku Halle (Shōtoku Taishi Dō / 聖徳太子堂 / しょうとくたいしどう

Auch wenn das deutschsprachige Wikipedia behauptet, die Prinz Shōtoku Halle sei die jüngste Erweiterung des Tempelareals und stamme aus dem Jahre 2009, ist es doch wahrscheinlicher, dass den Aufzeichnungen des Tempels mehr Glauben zu schenken ist. Erbaut 1992, restauriert 2007.

Buddhas Tempel (Shakadō / 釈迦堂 / しゃかどう)

Narita-san, Shakadō (釈迦堂)

Der Shakadō wurde 1858 errichtet und gilt als wichtiges Nationales Kulturgut. Ursprünglich war dieses Gebäude die Haupthalle des Tempels, wurde allerdings vor der Errichtung der jetzigen neuen Großen Haupthalle im Jahre 1964 an ihren jetzigen Standort verlegt.

Und noch einmal eine Treppe höher…

(auch diese kann man sich ersparen und statt dessen mit einem Aufzug die nächste Ebene erreichen) gelangen wir zu weiteren Schmuckstücken traditioneller Sakralarchitektur:

Votiv-Tafel-Halle (Gakudō / 額堂 / がくどう)

Narita-san, Gakudō (額堂)

Narita-san, Gakudō (額堂)

Diese Votivtafel-Halle wurde im Jahre 1861 als die zweite ihrer Art auf dem Tempelgelände erbaut (1986 restauriert). Die ursprünglich auch noch vorhandenen Seitenwände im hinteren Gebäudeteil fehlen. Man sagt, dass die Grandiosität dieses vergleichsweise unwichtigen Gebäudes ein Zeichen dafür sei, wie sehr die Menschen in dieser Zeit dem Buddhismus zugetan war (den neuen Machthabern der Meiji-Zeit war die Macht der buddhistischen Tempel und Klöster nicht umsonst ein Dorn im Auge gewesen). Die ursprünglich gleich nebenan stehende, ältere Gakudō ist im Jahre 1965 in einem Feuer verloren gegangen. Von ihr ist heute nur noch eine Steinstatue, die vom siebten Danjūrō Ichikawa (七代目市川團十郎 / しちだいめいちかわだんじゅうろう), eines Vertreters der großen Kabukischauspieler-Dynastie (1791 bis 1859), gestiftet wurde, zu sehen. Die Votivtafel-Halle gehört ebenfalls zu den fünf wichtigen Nationalen Kulturgütern des Narita-san.

Alte Haupthalle (Kōmyōdō / 光明堂 / こうみょうどう)

Der prächtige Kōmyōdō wurde 1701 errichtet und gilt nicht nur als typischer Vertreter eines Bauwerks aus der Mitte der Edo-Zeit, sondern auch als wichtiges Nationales Kulturgut (es ist obendrein das älteste dieser Art auf dem Tempelareal). Bis zur Errichtung des Shakadō war dieses stattliche Gebäude die Haupthalle des Tempels.

Seiryū Gongen-Halle (Seiryū Gongendō / 清滝権現堂 / せいりゅうごんげんどう)
Myōken-Schrein (Myōkengū / 妙見宮 / みょうけんぐう)

Narita-san, Seiryū Gongendō / Myōkengū (清滝権現堂 /
妙見宮)

Ursprünglich im Jahre 1732 gebaut, schützen die beiden Gebäude durch die in ihnen verehrten Schutzgötter Seiryū Gongen und Myōken den Narita-san Shinshō-ji.

Iō-Halle (Iōden / 醫王殿 / いおうでん)
Diese neueste Errungenschaft auf dem Tempelgelände wurde 2017 zur Feier des 1.080-jährigen Jubiläums des Narita-san aus dem Holz der Japanischen Zypresse errichtet. Hier gesprochene Gebete sollen gut sein für ein langes Leben und für die Heilung von Krankheiten.

Narita-san, Iōden / Heiwa no Daitō (醫王殿 / 平和の大塔)

Und last but not least – wie oben schon zu sehen, gleich nebenan:

Große Friedenspagode (Heiwa no Daitō / 平和の大塔 / へいわのだいとう)

Die im Jahre 1984 im Stile einer Schatzpagode errichtete Große Friedenspagode symbolisiert die Lehren des Shingon-Buddhismus. Sie war seinerzeit zum 1150. Todestag Kūkais (des großen Gründervaters des Shingon Buddhimus) errichtet worden. Mit ihren 58 Metern Höhe und einer Breite von 35 Metern ist die die größte Pagode dieser Art in Japan.

Wie man hinkommt:

Entweder mit Bahnen von Japan Rail (JR) zum Bahnhof Narita (成田駅 / なりたえき) oder mit Bahnen von Keisei Railways (京成鉄道 / けいせいてつどう) zum Bahnhof Keisei Narita (京成成田駅 / けいせいなりたえき). Beide Bahnhöfe liegen etwa 100 Meter Luftlinie von einander entfernt einen guten Kilometer südlich des Tempelgeländes.

Keisei Narita Station (京成成田駅)

Öffnungszeiten / Eintrittsgebühren:

Der Narita-san ist während des ganzen Jahres geöffnet.
Der Eintritt ist frei.

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