Tottori (鳥取): Wakasa (若桜) (dt.)

Schmuckstück, versteckt in den Bergen

Wakasa, Kura Dōri (若桜・蔵通り)

Wakasa, Kura Dōri (若桜・蔵通り)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Am Ende einer nicht elektrifizierten Bahnlinie, der „Wakasa Bahn“ (若桜鉄道 / わかさてつどう), die regelmäßig auch noch von einer alten Dampflok bedient wird, befindet sich der Ortskern von Wakasa (若桜 / わかさ), einer Gemeinde, die sich, verteilt auf einzelne Ortsflecken, in mehrere Täler erstreckt. Umgeben von Bergen mit einer Höhe zwischen 1200 und 1500 Metern und gut 30 km südöstlich von der Stadt Tottori entfernt.

Geschichtliche Bedeutung hat das Städtchen nie erlangt, es aber in alten Tagen mit seinem Holzreichtum zu einer gewissen Stattlichkeit gebracht. Aus der Kamakura-Zeit (1185-1333) ist bekannt, dass Holz und Reis den Fluss hinab ans Meer gebracht und von dort verschifft wurde. Während der Edo-Zeit (1603-1868) wurde der Reisanbau intensiviert – der Wasserreichtum der Gebirgslandschaft bildete die ideale Grundlage dafür, sorgte aber auch für teilweise verheerende Überschwemmungen (namentlich in den Jahren 1815 und 1888). Heute ist Wakasa in erster Linie für seine Dampflok, aber auch für seinen besonders leckeren Rettich berühmt.

Die 19,2 km lange Strecke der „Wakasa Bahn“ verbindet seit dem 1. Dezember 1930 Wakasa mit dem Bahnhof Kōge (郡家駅 / こうげえき) in Yazu (八頭町 / やずちょう) und von dort mit der Hauptstadt der Präfektur. Bis 1974 wurden auch Güter auf dieser Strecke transportiert, heute verkehren nur noch Personenzüge. Ich gehe etwas genauer auf diese Bahnstrecke ein, weil die Gemeinde besonders stolz auf ihre alte Dampflok der Baureihe JNR Class C12 ist, von denen zwischen 1932 und 1947 ganze 282 Stück gebaut wurden. Das hiesige Exemplar stammt aus dem Jahr Shōwa 13 (lies und sprich: 1938) und ist voll funktionstüchtig. Dagegen wirkt die aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts stammende, ebenfalls eher museale Diesellok aus der Baureihe JNR Class DD16 fast schon modern. Besonders stolz ist mal auch auf eine Drehscheibe aus den Anfangsjahren der Eisenbahn und das historische Bahnhofsgebäude, das noch aus dem Jahre 1930 erhalten ist und bis heute genutzt wird.

Lageplan des Bahnhofs von Wakasa:

Wer aber der Meinung sein sollte, man müsse historischer Eisenbahnen wegen nicht unbedingt nach Japan reisen (die modernen Eisenbahnbetriebe sind hier ja auch wesentlich eindrucksvoller), ist in Wakasa dennoch nicht fehl am Platze. Der Ort gehört nämlich auch zu den eher beschaulichen und – Göttin sei Dank – nicht verbauten. Zwei Straßen im Zentrum (und in Bahnhofsnähe) möchte ich hervorheben:

Die Kura Dōri (蔵通り / くらどおり).

Sie verläuft direkt zwischen einer langen Reihe alter Lagerhäuser (蔵 / くら) und dem Tempelviertel von Shimomachi (下町 / しもまち) mit den besonders altertümlich wirkenden buddhistischen Tempeln Shōei-ji (正栄寺 / しょうえいじ) und Saihō-ji (西方寺 / さいほうじ), die wesentlich älter wirken, als die restliche Bebauung Wakasas.

Wakasa, Saihō-ji (若桜・西方寺)

Wakasa, Saihō-ji (若桜・西方寺)

Dieses Viertel haben wir heute sozusagen einem Großbrand im Jahre 1885 zu „verdanken“, dem Großteile der Stadt zum Opfer gefallen waren. Danach wurde der Bau von Gebäude im feuerfesten „Kura“-Stil forciert (ähnlich, wie das ja auch in Kawagoe geschehen ist). Auch für die Tempelgebäude war großzügiger Abstand von einander und der nächsten Straße vorgeschrieben.

Auffallend auch: Die Kura Dōri ist durchgängig mit Wasserdüsen im Pflaster versehen, über die im Winter heißes Quellwasser versprüht wird, das die Straße schnee- und eisfrei hält.

Parallel zur Kura Dōri verläuft

Die Kariya Dōri (カリヤ通り / かりやどおり).

Und die ist sozusagen die Hauptstraße der kleinen Stadt mit gut erhaltenen, alten Stadthäusern, einer Vielzahl alt eingesessener Geschäfte und u.a. auch einer Sakebrauerei. Auch die Bebauung dieser Straße geht auf die strikten Bauregeln zurück, die nach dem verheerenden Großbrand von 1885 erlassen worden waren. Eines der atemberaubendsten „features“, das in dem Zusammenhang entstanden ist, sind allerdings die Wasserläufe rechts und links der Fahrbahn, die vor einigen Häuser zu Becken verbreitert wurden, ja deren Wasser teilweise sogar in die Eingangsbereiche der Häuser geleitet wird, wo man u.a. prächtige Karpfen hält (die sich besonders über Essensreste vom in den Becken gespülten Geschirr freuen).

Drei der Gebäude in der Kariya Dōri möchte ich hervorheben:

Da ist zunächst das kleine „Shōwa Spielzeug-Museum“ (昭和おもちゃ館 / しょうわおもちゃかん):

Kein Museum von Weltruf, aber wenn Sie sich für Spielsachen, Haushaltsgeräte und Elektronik der Shōwa-Zeit (1926-1989) interessieren und in einem altmodischen Süßigkeitenladen kramen wollen, sind Sie hier richtig.

Geöffnet täglich außer dienstags von 10 Uhr bis 17 Uhr.
Eintritt: Erwachsene: 200 Yen / Kinder bis einschließlich 12 Jahre: 100 Yen.

Lageplan des Shōwa Spielzeug-Museums:

Sie interessieren sich für Sake? Dann statten Sie der „Ōta Sake-Brauerei“ (太田酒造場 / おおたしゅぞうじょう) einen Besuch ab. Diese im Jahr 1909 gegründete Brauerei profitiert von der besonders hohen Qualität des Brauwassers und arbeitet auch heute noch nach der Maxime „Klasse statt Masse“ – die Produktion beschränkt sich auf eine Menge, die gerade mal für 10.000 Standardflaschen (1,8 Liter = 一升瓶 / いっしょうびん) ausreicht.

Über die Präfekturgrenzen hinaus bekannt ist der Markenname der Ōta-Brauerei: „Benten Musume“ (辨天娘 / べんてんむすめ).
Dabei schien das Schicksal der Brauerei schon 1992 besiegelt, als man (aufgrund des drastischen Bevölkerungsrückgangs in der ländlichen Gemeinde) nicht mehr genügend Sake-Braumeister zur Aufrechterhaltung der Produktion fand und diese einstellen musste. Erst 2002 konnte die Produktion wieder mit zunächst 1.080 Litern Sake aufgenommen werden.
Und seit 2010 ist man so stolz darauf, seinen Sake nur mit lokalen Ingredienzien herzustellen, dass man auch die Namen der Reisbauern auf seinen Sakeflaschen mit angibt.
Ich mache sonst ja eher keine plumpe Reklame auf dieser Seite – aber die Brauerfamilie war dermaßen gastfreundlich, dass ich mich zu einer Ausnahme hingerissen fühle.

Lageplan der Ōta Sake-Brauerei:

Und da Sightseeing ja bekanntlich hungrig macht, gönnen Sie sich einen kleinen Imbiss, z.B. im “Dining Café Arata” (ダイニングカフェー新 / あらた) – Voraussetzung ist, sie mögen Schweinefleisch, denn das ist die Spezialität des Hauses. Das Restaurant ist in einem ganz besonders prächtigen und gut ausgestatteten, traditionellen Stadthaus untergebracht.

Lageplan des Restaurants “Arata”:

Ebenfalls auf dem Gebiet der Gemeinde befindet sich der besonders mystisch wirkende Tempel Fudōin Iwayadō (不動院岩屋堂 / ふどういんいわやどう), der auf eine Gründung im Jahre 806 zurückgeht und bis ins Mittelalter Teil eines größeren Temple-Ensembles war (wobei andere Quellen von einer Errichtung in der Muromachi-Zeit (1333-1392) sprechen). Es wird gesagt, dass er als einziges Gebäude die Zerstörungen des Jahres 1581 (Hideyoshi Toyotomis Überfall auf Inaba) überstanden hat. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde umfangreich restauriert und das Bauwerk 1953 als wichtiges Kulturgut des Landes anerkannt. Außerdem gehört er zu den 100 populärsten Gebäuden der Präfektur. Und das aus gutem Grund, denn schon der Umstand, dass er in 13 Metern Höhe in eine Höhle eingepasst wurde, macht ihn bemerkenswert.

Aber beachten Sie auch die Details: Der Fudōin Iwayadō ist auch die Heimstätte einer kleinen, hölzernen Statue, die vor Jahrhunderten geschnitzt wurde. Der Legende nach war es Kōbō-Daishi (der Gründer des Shingon Buddhism) selbst, der sie geschaffen hat (d.h. sie ist über 1.200 Jahre alt). Außerdem erzählt man sich, dass diese kleine Statue auf wundersame Weise die Zerstörungen der Vergangenheit überdauert hat, weil sie die Gottheit des Feuers repräsentiert. Zweimal jährlich (jeweils am 28. März und 28. Juli) werden hier heilige Feuerrituale (goma / 護摩 / ごま) durchgeführt und die Statue bei der Gelegenheit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Direkt rechts neben dem Fudōin Iwayadō kommt man am nicht weniger verträumt unter hohen Bäumen und vor einer steilen Felsfand stehenden Iwaya Jinja (岩屋神社 / いわやじんじゃ) vorbei – der schon aufgrund seines surreal wirkenden, grün bemoosten Zugangs ungewöhnlich wirkt.

Lageplan des Fudōin Iwayadō:

Wenn Sie in Tottori sind, sollten Sie also ein paar Gründe haben, einen Abstecher in dieses leicht zu erreichende Gebirgsdorf zu machen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie sich seinem Charme und der Freundlichkeit seiner Bewohner kaum entziehen können werden.

Und wenn Sie an weiteren Orten und Einrichtungen in Tottori interessiert sind, schauen Sie doch auch mal hier vorbei:

Kurayoshi (倉吉)
– Die Stadt der weißen Mauern und roten Dächer

Kotoura-chō (琴浦町)
– Bayerische Stuckmeister, aufgepasst!

Tottori Sanddünen (鳥取砂丘)
– Die Sahara, mitten in Japan?

Tottori Sand-Museum (砂の美術館)
– Eine Weltreise in Sand

Tottori Volkskunst-Museum (鳥取民芸美術館)
– Schauen und Staunen dank Shōya Yoshida

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5 Responses to Tottori (鳥取): Wakasa (若桜) (dt.)

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