Tsuwano (津和野): Yōmei-ji (永明寺) (dt.)

Der Tempel der Burgherren

Tsuwano (津和野), Yōmei-ji (永明寺)

Tsuwano (津和野), Yōmei-ji (永明寺)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Keine Angst: Meine kleine Reihe von Artikeln über die Präfektur Tottori (鳥取県 / とっとりけん) ist nicht noch abgeschlossen. Aber da es mich im Januar dieses Jahres auch in die Präfektur Shimane (島根県 / しまねけん) verschlagen hat, soll hier schon mal ein Blick in das ebenfalls überwältigende Kulturangebot dieser Region geworfen werden.

Die alte Burgstadt Tsuwano (津和野 / つわの), im südlichen Zipfel der Präfektur Shimane gelegen, die sich auch ganz stolz „Klein Kyōto“ nennt und seit 1995 Partnerstadt von Berlin Mitte ist (wundern Sie sich also nicht, wenn Sie in Tsuwano auf „Ampelmännchen“ treffen), ist ein Kleinod kleinstädtischer japanischer Architektur, wie man sie nur noch selten findet.

Tsuwano (津和野)

Tsuwano (津和野)

Außerdem war die Stadt im 13. Jahrhundert zum Schutz vor mongolischen Übergriffen mit einer mächtigen Burg befestigt worden, die erst nach dem Ende des Tokugawa Shōgunats geschleift wurde – heute künden nur noch die grandiosen Grundmauern auf dem „Hausberg“ Tsuwanos von der damaligen Macht.

Wer sich mit japanischer Literatur und der Militärgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein bisschen auskennt, dem ist wahrscheinlich der Name eines der größten Söhne der Stadt, Ōgai Mori ( 森鷗外 / もりおうがい), ein Begriff. Mehr über ihn können Sie in folgendem Artikel nachlesen:

Ōgai Mori (森鷗外)
Literatur, Medizin, 27.000 Tote & Goethes Faust

Aber kommen wir zurück zum heutigen Gegenstand unserer Betrachtungen.

Der besonders mystisch wirkende Tempel Yōmei-ji (永明寺 / ようめいじ), im Nordwesten Tsuwanos am Waldrand gelegen, versetzt den Besucher mit einem Schlag in eine andere Welt. Man hat wirklich den Eindruck, vor einem Gebäude zu stehen, das seit seiner Errichtung im Jahre 1420 unverändert durchdauert hat. Das mächtige, reetgedeckte Dach der Haupthalle trägt dazu ebenso bei, wie der spezielle Stil in dem z.B. der Glockenturm des Tempels errichtet wurde, der durchaus auch Vorbild für die Architektur des weltberühmten „Tempel des Silbernen Pavillons“ (銀閣寺 / ぎんかくじ) (eigentlich: Jishō-ji (慈照寺 / じしょうじ) in Kyōto (京都 / きょうと) gewesen sein könnte.

Der Yōmei-ji war der Familientempel der Burgherren von Tsuwano – der Feudalherren aus den Familien der Yoshimi (吉見 / よしみ) bis 1601, der Sakazaki (坂崎 / さかさき) von 1601 bis 1617 und der Kamei (亀井 / かめい) ab 1617.

In der Edo-Zeit (1603 bis 1868) war der Tempel einer der zwei größten Tempel der Zen-buddhistischen Sōtō-Sekte. Damals gab es 77 Untertempel in der Region, mit dem Yōmei-ji als deren Hauptsitz. Allerdings verlor er während der Regentschaft des letzten Daimyō aus dem Kamei-Clan gegen Ende der Edo-Zeit seine Stellung als Familientempel, als die Kamei die buddhistischen Rituale aufgaben und zu shintōistischen übergingen.

Interessant – und auch ein bisschen verwirrend – ist vielleicht, dass es hier auch ein Grab des obengenannten Ōgai Mori gibt. Der gedächtnissstarke Leser dieser Webseite wird sich aus dem oben verlinkten Artikel erinnern, dass sich das Grab des Autoren der „Tanzprinzessin“ im Tōkyōter Bezirk Mitaka (三鷹 / みたか) auf dem Friedhof des Zenrin-ji (禅林寺 / いぇんりんじ) in Shimo-Renjaku (下連雀 / しもれんじゃく) befindet. Hier wie dort wurde auf die Angabe von Ehrentiteln auf dem Grabstein verzichtet und sein „bürgerliche“ Name Rintarō Mori (森林太郎 / もりりんたろう) angegeben.

Inzwischen war ich in der Lage, etwas Licht ins Dunkel dieser doppelten Grabstätte zu bringen. Falls es Sie interessieren sollte, hier die dramatischen Handlungen im kurzen Abriss:

Ōgai Moris sterbliche und verbrannte Überreste wurden am 13. Juli 1922 auf dem Friedhof des Kōfuku-ji (弘福寺 / こうふくじ) im Tōkyōter Stadtteil Mukōjima (向島 / むこうじま) beigesetzt. Da der Kōfuku-ji während des großen Kantō-Erdbebens von 1923 schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war, hatte man das Grab zum Zenrin-ji (禅林寺 / ぜんりんじ) im westlichen Stadtteil Mitaka (三鷹 / みたか) verlegt. Dort verblieb das Grab auch nach der Wiederherstellung des Kōfuku-ji (1933).

Mit dem Aufkommen eines regelrechten Booms rund um Leben und Werk Ōgai Moris, werden auch Bestrebungen laut, seine Geburtsstadt ebenfalls mit einem Grabmahl des großen Sohnes zu versehen. Nach Absprache mit Moris ältestem Sohn (Otto), reist der ehemalige Bürgermeister Tsuwanos (inzwischen Leiter des von ihm drei Jahrzehnte zuvor gegründeten Heimatmuseums und Vorsitzenden der Vereinigung zur Bewahrung der Geschichtsdenkmäler und Kulturschätze von Tsuwano) nach Tōkyō, um am 24. Mai 1953 in einer feierlichen Zeremonie eine “Aufteilung der Gebeine” (分骨 / ぶんこつ) vornehmen zu lassen und einen Teil davon in einer Urne nach Tsuwano zu überführen, wo er am 31. Mai großartig empfangen wird. Diese Urne wird am 9. Juli 1953 (31 Jahre nach Moris Tod) am Yōmei-ji beigesetzt.

Allerdings ist von Otto, dem ältesten Sohn Moris, überliefert, dass gar keine Gebeine nach Tsuwano überführt wurden, sondern nur ein Teil der Erde des Grabes am Zenrin-ji; die Vertreter Tsuwanos seien mit einer solch symbolischen “Gabe” zufrieden gewesen.

Wie man hinkommt:

Ich beschränke mich auf die Anreise per Bahn:

Falls Sie sich schon in der Region aufhalten sollten, z.B. mit Japan Rail von Masuda (益田 / ますだ) zum Bahnhof Tsuwano (津和野駅 / つわのえき) (Fahrzeit ca. 30 Minuten).
Oder, bei Anreise aus größerer Entfernung, z.B. mit Japan Rail von Shin-Yamaguchi (新山口 / しんやまぐち) (Shinkansen-Bahnhof) zum Bahnhof Tsuwano (津和野駅 / つわのえき) (Fahrzeit eine gute Stunde).

Shin-Yamaguchi kann z.B. mit dem Shinkansen aus dem Großraum Tōkyō in gut 4 1/2 Stunden erreicht werden. Aus dem Großraum Ōsaka beträgt die Fahrzeit knapp 2 Stunden.
Bitte beachten Sie, dass bei Benutzung des Japan Rail Passes ggf. länger Shinkansenfahrzeiten einzukalkulieren sind, da die obigen Angaben auf den schnellsten Verbindung (Benutzung von Shinkansen der Nozomi-Klasse) beruhen, die mit dem Japan Rail Pass nicht benutzt werden können.

Der Tempel ist 450 Meter in südwestlicher Richtung vom Bahnhof entfernt und gut zu Fuß zu erreichen.

Öffnungzeiten:

Täglich von 8.30 Uhr bis 17 Uhr
Keine festgelegten Ruhetage

Eintrittsgeld:

Erwachsene: 300 Yen
Mittelschüler (und älter): 200 Yen
Grundschüler: 150 Yen

Advertisements

2 Responses to Tsuwano (津和野): Yōmei-ji (永明寺) (dt.)

  1. […] Tsuwano (津和野): Yōmei-ji (永明寺) – Der Tempel der Burgherren […]

  2. […] deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier. A German version of this posting you can find […]

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: