Yamatane Kunstmuseum (山種美術館)

Meisterwerke beweisen die Fortführung einer alten japanischen Tradition

Yamatane Museum of Art (山種美術館)

Yamatane Museum of Art (山種美術館)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Wenn Sie nach einem Ort suchen sollten, an dem Sie in die Welt von “Nihonga” (日本画 / にほんが) eintauchen können, wo “Nihonga” vom Feinsten geboten werden, dann finden Sie hier Ihren Hafen: Im Yamatane Kunstmuseum (山種美術館 / やまたねびじゅつかん). Und da der Schwerpunkt der Sammlungen dieses Museums auf den Meisterwerken des renommierten Malers Gyoshū Hayami (速水御舟 / はやみぎょしゅう) liegt (das Museum besitzt 120 seiner Kunstwerke), wird es oft auch mit dem Spitznamen “Gyoshū-Museum” versehen.

Sie wissen nicht, was “Nihonga” ist? Sie haben noch nie etwas von Nihonga gehört? Nun, dann ist es aber allerhöchste Zeit, dass Sie diese Wissenslücke schließen. Auch wenn Gemälde sonst vielleicht gar nicht Ihr Ding sind – glauben Sie mir: Nihonga werden Sie begeistern!

Kurz zusammengefasst könnte man sagen: “Nihonga” stellen die Fortsetzung einer altehrwürdigen japanischen Malereitradition dar, die traditionelle künstlerische Grundsätze genauso pflegt wie die verwendeten Materialien und Maltechniken, gleichzeitig aber auch die Einflüsse der Neuzeit nicht unberücksichtigt lässt. Auch wenn Nihonga ihre Wurzeln in den ältesten japanischen Malkünsten haben (und damit auf eine mehr als tausendjährige Geschichte zurückblicken können), wurde diese “Kategorie” japanischer Malerei erst vor etwa 150 Jahren “erfunden”, um Gemälde im japanischen Stil (nihonga / 日本画 / にほんが) von Gemälden im westlichen Stil (yōga / 洋画 / ようが) zu unterscheiden. In jenen Tagen der Meiji-Restauration, die von einer fast schon manischen Vernarrtheit in alles Westliche gekennzeichnet waren, sahen zahlreiche Künstler und Kunstliebhaber die Gefahr, dass typisch japanische Fertigkeiten und ästhetische Konzepte verschwinden könnten. Folglich entwickelte sich, als Gegengewicht zur allgemeinen Verwestlichung, eine starke Bewegung zur Bewahrung der spezifisch japanischen Künste – die auch gerade in unseren Tagen wieder eine regelrechte Renaissance erleben.

Aber was unterscheidet Nihonga von anderen Kategorien der Malerei? Auch wenn es hier Grauzonen gibt bzw. Überlappungen zwischen den verschiedenen Stilen, so lassen sich doch die folgenden charakteristischen Merkmale hervorheben:

  1. Die Farben beruhen zum größten Teil auf einer mineralischer Basis (werden z.B. aus Muschelkalk, aber auch aus Halbedelsteinen hergestellt).
  2. Die Gemälde werden in erster Linie auf japanischem Papier (washi / 和紙 / わし) oder Seide gemalt.
  3. Während ältere Maltechniken und Ästhetik auf Schatten und Perspektiven verzichteten, können diese mehr “westlichen” Einflüsse bei einigen Werken des Nihonga festgestellt werden.

Auch wenn es natürlich noch andere Orte auf dieser Welt gibt, die ebenfalls außergewöhnliche Nihonga-Ausstellungen bieten, macht es das Yamatane Kunstmuseum wahrscheinlich am leichtesten, etwas über Nihonga zu lernen. Es ist Japans erstes Museum, das auf Nihonga spezialisiert ist – eröffnet im Juli 1966. Es besitzt eigene Sammlungen, die bemerkenswerte Kunstwerke umfassen (u.a. auch “wichtige Kulturgüter”/ 重要文化財 / じゅうようぶんかざい Japans) und zeigt diese in Räumlichkeiten, die mit den modernsten Präsentationstechniken ausgestattet sind.

Ich hatte das Glück, an einer besonderen Veranstaltung teilnehmen zu dürfen, bei der die Direktorin des Museums, Frau Dr. Taeko Yamazaki (die Enkelin des Museumsgründers) Blogger und andere im Internet Publizierende durch die komplette derzeitige Ausstellung führte.

Mit der aktuellen Ausstellung (die vom 8. Oktober bis 4. Dezember 2016 zu sehen ist) feiert das Museum sein 50-jähriges Gründungsjubiläum. Sie steht unter dem Titel “The Destruction and Creation of Nihonga – Hayami Gyoshū: A Retrospective” (速水御舟の全貎 -日本画の破壊と創造) (“Die Zerstörung und Erschaffung von Nihonga – Hayami Gyoshū: Eine Retrospektive”) und bietet einen repräsentativen Überblick über das Werk dieses großen Nihonga-Meisters, von seinen Frühwerken bis zu seinen Meisterstücken vor seinem viel zu frühen Tod. Die Ausstellung gliedert sich in die folgenden Abschnitte (bitte klicken Sie auf die im Folgenden zu sehenden Miniatur, um sie zu vergrößern und weitere Details genießen zu können):

I. The Start: Out of the Painting School
(I. Der Anfang: Aus der Malschule)

II. Mastering the Depiction of Textures
(II. Beherrschung der Darstellung von Strukturen/Maserungen)

III. From Dancing in the Flames to Camellia Petals Scattering
– Taking the Classics to New Heights
(III. Vom “Tanz in den Flammen” zu “versteuten Kamelienblütenblättern”
– Neue Höhepunkte der Klassiker)

#36 Feigen (天仙果)
(Farbe auf Papier, 1926)

#37 Muscheln (蛤)
(Farbe auf blattvergoldeter Seide, 1927)

#39 Zwei Pferde im Herbst (秋天清高)
(Farbe auf Seide, 1928)

#41 Grüne Pflaumen (青梅)
(Farbe auf goldgrundiertem Papier, 1929)

#42 Verstreute Kamelienblütenblätter (名樹散椿)
(Farbe auf goldgrundiertem Papier, 1929)

#44 Rote Pflaumenblüten und weiße Pflaumenblüten (紅梅・白梅)
(Farbe auf Seide, 1929)

IV. A Trip to Europe and New Challenges after Returning to Japan
(IV. Eine Reise nach Europa und neue Herausforderungen nach der Rückkehr nach Japan)

Experiencing Europe
(Europa erfahren)

#45 Zwei Häuserzeilen entlang des Arno, Florenz (Skizze) (フィレンツェアルノの河岸の家並 (写生))
(Tinte und helle Farben auf Papier, 1930)

#46 Die Natta-Straße (Skizze) (ナッタ街 (写生))
(Tinte und helle Farben auf Papier, 1930)

#47 Landschaft mit Turm (Skizze) (塔のある風景 (写生))
(Tinte und helle Farben auf Papier, 1930)

#51 Die Ruinen von Olympia (オリンピアス神殿遺址)
(Farbe auf Papier, 1931)

#52 Einheimische bei Bewässerungsarbeiten in Ägypten (埃及土人ノ灌漑)
(Farbe auf Seide mit rückseitigem Blattgold, 1931)

#53 In Ägypten (エジプト所見)
(Farbe auf Papier, 1931)

Rendering the Human Figure
(Wiedergabe der menschlichen Gestalt)

#55 Koreanische “Damen für gewisse Stunden” – aus der “Koreanische Frauen”-Serie (青丘婦女抄カルボ)
(Farbe auf Seide, 1933)

#56 Weiblicher Akt (Zeichnung 3) (裸婦 (素描3))
(Conté auf Papier, 1933)

#57 Der Priester Nichiren (Kopie) (日蓮上人像 (模写))
(Farbe auf Papier, 1934)

New Developments and Bird-and-Flower Paintings
(Neue Entwicklungen und Vogel- und Blüten-Gemälde)

#58 Bohnen-/Erbsenblüten (豆花)
(Farbe auf Papier, 1931)

#59 Chrysanthemen (阿蘭陀菊図)
(Farbe auf Seide, 1931)

#61 Skizzenalbum II (写生帖2)
(Zeichenstift und Farbe auf Papier, 1932)

#62 Kranich (鶴)
(Tinte und Farbe auf Seide, 1932)

#63 Es wird Frühling (春地温)
(Farbe auf Papier, 1933)

#65 Kamelienblüten (椿ノ花)
(Farbe auf Papier, 1933)

#66 Morgendämmerung und Frühlingsabend (あけぼの・春の宵)
(Farbe auf Papier, 1934)

#68 Pfingstrose (牡丹)
(Farbe auf Seide, 1934)

#71 Weißer Mandeleibisch (白芙蓉)
(Tinte und Farbe auf Papier, 1934)

#72 Pfingstrosen (Skizze 5) (牡丹 (写生5))
(Zeichenstift und Farbe auf Papier, 1934)

#73 Mohnblumen (Skizze 2) (芥子 (写生2))
(Zeichenstift und Farbe auf Papier, 1934)

#76 Cymbidium Orchideen (Skizze) (蘭 (写生))
(Farbe auf Papier, 1934)

Auch wenn die Ausstellung zum größten Teil aus eigenen Beständen des Yamatane Kunstmuseums zusammengestellt wurde, werden hier auch Stücke aus anderen maßgeblichen Quellen ausgestellt (z.B. Tōkyō National Museum, National Museum of Modern Art in Tōkyō, Museum of Modern Art in Shiga, Okada Museum of Art in Hakone).

Die Fotografien, die Sie hier sehen können, sind Teil der Gyoshū-Retrospektive (und dank einer Sondergenehmigung der Museumsleitung, durfte ich ausgewählte Teile der Ausstellung ablichten). Leider standen einige der exquisitesten Ausstellungsstücke unter dem Schutz stringenter Kopierrechte und konnten nicht fotografiert werden – aber ich glaube, die Beispiele, die hier zu sehen sind, lassen schon darauf schließen, was “Nihonga” wirklich bedeutet und warum Gyoshū Hayami einer der am meisten gepriesenen Vertreter dieses Genres ist.

Was allerdings viel wichtiger ist: Fotografien sind schlicht und ergreifend nicht in der Lage, diesen Kunstwerken wirklich gerecht zu werden. Nur ein Blick auf die Originale offenbart die faszinierenden Farben, die Feinheit der Details und vor allem die Texturen der verwendeten Materialien.

Aber wer war eigentlich dieser Gyoshū Hayami?
Er wurde am 2. August 1894 als Eiichi Makita (蒔田栄一 / まきいたえいいち) in das ziemlich bescheidene Heim eines Pfandleihers in Tōkyōs Asakusa-Viertel (浅草 / あさくさ) geboren.

Mit 14 Jahren begann er an der Angadō Malschule (安雅堂画塾) zu lernen und bekam den Künstlernamen “Kako” (禾湖 / かこ) verliehen. Obwohl er an dieser Schule in erster Linie lernte, Kopien anderer Kunstwerke zu erstellen, wusste er schon bald, sich von seinen Mitschülern dadurch zu unterscheiden, dass er eigene Skizzen anfertigte. Bereits im zarten Alter von 17 Jahren wurde eines seiner Gemälde vom Kaiserlichen Hofministerium gekauft. Er lernte Shikō Imamura (今村紫紅 / いまむらしこう) kennen, trat dem Kōjikai (紅児会 / こうじかい)-Künstlerkreis bei und nannte sich “Kōnen” (浩然 / こうねん).

Sollten die Namen Sie verwirren – hier ist mehr davon: 1909 war er von der Mutter seiner Mutter adoptiert worden, hatte aber offiziell seinen alten Familiennamen beibehalten. Als er 20 wurde, änderte er seinen Familiennamen schließlich von “Makita” zu “Hayami” und wählte gleichzeitig seinen neuen Künstlernamen “Gyoshū” (Geldwäsche-Bedenken spielten in den damaligen Zeiten offensichtlich keine Rolle…). Allerdings hatte er diesen Namen nicht von ungefähr ausgesucht, sondern sich bewusst dafür entschieden, denn es handelt sich dabei um eine Anspielung auf Tawaraya Sōtatsus (俵屋宗達 / たわらやそうたつ) (ein japanischer Künstler des frühen 17. Jahrhunderts) “Szenen aus den Sekiya- und Miotsukushi-Kapiteln der Genji Monogatari-Wandschirme” (紙本金地著色源氏物語関屋及澪標図 / しほんきんじちゃくしょくげんじものがたりせきやおよびみおつくしず) (Nationalschatz, Seikado Kunstmuseum).

Obwohl er während seiner ganzen Karriere immer wieder darauf hingewiesen hatte, dass die Traditionen japanischer Malkunst gepflegt werden sollten, hat er auch neue Methoden in sein Schaffen mit einbezogen, neue Materialien und auch neue Wege “sich der Dinge anzunehmen”, aber sie dann auf traditionelle Art und Weise zum Ausdruck zu bringen. Eine längere Europareise, die er 1930 unternahm, hat seinen Horizont zusätzlich erweitert. Leider infizierte er sich nur wenige Jahre danach mit Typhus und starb überraschend im Jahre 1935 – gerade mal 40 Jahre alt.

Aus gutem Grund wurde sein wahrscheinlich berühmtestes Gemälde, der “Flammentanz” (oder “Tanz in den Flammen”) (炎舞 / えんぶ), als das Werbebild für die laufende Ausstellung gewählt, denn es ist das vielleicht lebendigste und eindrucksvollste Beispiel für Gyoshūs Perfektion bei der Kombination von traditionellen Elementen mit modernem Stil. Außerdem ist es ein “wichtiges Kulturgut” (重要文化財 / じゅうようぶんかざい) Japans. Werfen Sie einen Blick auf die unten stehende Fotografie – und behalten Sie dabei im Hinterkopf: Das Original ist unendlich eindrucksvoller!

#29 Flammentanz (Tanz in den Flammen) (炎舞)
(Farbe auf Seide, 1925)

Yamatane Museum of Art (山種美術館)

Yamatane Museum of Art (山種美術館)

Adresse des Museums:

Yamatane Museum of Art
3-12-36 Hiro-o, Shibuya-ku
Tōkyō 150-0012

₸150-0012
東京都渋谷区広尾3-12-36
山種美術館

http://www.yamatane-museum.jp

Öffnungszeiten des Museums:

Geöffnet täglich außer montags von 10 Uhr bis 17 Uhr (letzter Einlass um 16.30 Uhr)
Fällt ein Nationalfeiertag auf Montag, bleibt das Museum stattdessen am folgenden Werktag geschlossen.
Auch geschlossen während der Neujahrsfeiertage (29. Dezember bis 2. Januar) und während des Aufbaus neuer Ausstellungen.

Eintrittsgebühr:

Reguläre Ausstellungen:
Erwachsene: 1.000 Yen (800 Yen pro Person für Gruppen von 20 oder mehr Besuchern)
Oberschüler und Studenten: 800 Yen (700 Yen pro Person für Gruppen von 20 oder mehr Besuchern)
Mittelschüler und Jüngere: Eintritt frei
Inhaber von Behindertenausweisen und je eine Begleitperson: Eintritt frei

Sonderausstellungen:
Eintrittsgebühren variieren je nach Ausstellung (z.B. die Eintrittsgebühr für die Ausstellung “The Destruction and Creation of Nihonga – Hayami Gyoshū: A Retrospective” beträgt für Erwachsene 1.200 Yen). Weitere Details finden Sie auf der Webseite des Museums.

Wie man hinkommt:

Nehmen Sie die Bahnen von Japan Rail (JR) oder der Tōkyō Metro Hibiya-Linie nach Ebisu (恵比寿 / えびす) und halten Sie sich von dort in östlicher Richtung, um zur Meiji Dōri (明治通り / めいじどおり) zu gelangen. Überqueren Sie die Meiji Dōri in nordöstlicher Richtung und folgen Sie der rechten Straßenseite einige hundert Meter (sie kommen dabei am “Ebisu Prime Square” und dem eindrucksvollen Gebäude der “Papas Company” vorbei).

Und weil wir alle ja zivilisierte Zeitgenossen und -innen sein möchten, hier gleich noch ein paar Regeln, die beim Besuch des Museums zu beachten sind:

  • Berühren Sie die Ausstellungsstücke und Schaukästen nicht.
  • Halten Sie jüngere Kinder an der Hand.
  • Seien sie ruhig in der Galerie.
  • Rennen Sie in der Galerie nicht  umher.
  • Keine Fotografie, keine Videoaufnahmen, kein Kopieren der Ausstellungsstücke.
  • Wenn Sie sich in der Ausstellung Notizen machen möchten, bitte nur mit Bleistift – keine anderen Schreibwerkzeuge (Federhalter, Kugelschreiber etc.).
  • Schalten Sie Ihr Mobiltelefon in der Ausstellung aus.
  • Essen und Trinken sind in der Ausstellung nicht gestattet (das schließt auch Wasser, Süßigkeiten und Kaugummis mit ein).
  • Im Museum gilt absolutes Rauchverbot.

One Response to Yamatane Kunstmuseum (山種美術館)

  1. […] German version of this posting you can find here. Eine deutsche Version dieses Artikels finden Sie […]

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: