Tsukuda – Ōkawabata River City 21 (佃・大川端リバーシティ21) (dt.)

Früheste Landgewinnung & Rezessionsbekämpfung durch Beton

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Ōkawabata River City 21 (大川端リバーシティ21)

Ōkawabata River City 21 (大川端リバーシティ21)

Also gut, ich gebe es zu: Der Untertitel dieses Artikels vermag zu verwirren. Aber wer sagt denn, dass das nicht beabsichtigt ist? Tōkyō ist nur mal die Stadt der Widersprüche, wo das Nebeneinander von Alt und Neu bisweilen gerade so wirkt, als bestehe es nur, um einem Klischee Genüge zu tun. Tut es aber nicht! Diese nur scheinbaren Gegensätze entstehen hier auf ganz natürliche Art und Weise.

Ein schönes Beispiel hierfür ist der Nordzipfel der in der Meiji-Zeit (1868-1912) geschaffenen und schon 1892 fertiggestellten, künstlichen Insel Tsukishima (月島 / つきしま), von der ich bereits hier einmal berichtet habe:

Mondinsel, Triumphschrei und sonniges Meer
Tsukishima, Kachidoki und Harumi
– Die „älteren“ unter Tōkyōs künstlichen Inseln

Der Nordzipfel der Insel, Tsukuda (佃 / つくだ) (in seiner ursprünglichen Bedeutung steht das Schriftzeichen übrigens für „kultiviertes/bebautes Reisfeld“), ist noch mal 250 Jahre älter.

Tsukuda (佃)

Tsukuda (佃)

Seinerzeit hatten Fischer aus Ōsaka (大阪 / おおさか) im Schlick eine Insel entstehen lassen. Ältestes Zeugnis aus dieser Zeit ist der Sumiyoshi Jinja (住吉神社 / すみよしじんじゃ), der zum Schutz der neuen Insel 1646 errichtet wurde. Von den heute noch vorhandenen Gebäudeteilen ist der erstaunlich große Haiden (Gebetshalle) das wahrscheinlich älteste – es stammt aus dem Jahre 1870.

Der den Schrein auf zwei Seiten im rechten Winkel umschließende Kanal erinnert noch an die früheren Ausmaße der Insel. So harmonisch die verträumt im Kanal liegenden Fischerboote zu den engen Gassen der sie umgebenden Wohnsiedlung passen mögen, so krass ist doch auch der Kontrast, den sie zu dem Wolkenkratzerviertel bilden, das seit dem späten 20. Jahrhundert hier aus dem Boden gestampft wurde.

Die Wohntürme der „Ōkawabata River City 21“ (大川端リバーシティ21) waren, als man 1986 den Spatenstich für den ersten der Türme, den „River Point Tower“ (リバーポイントタワー), tat, der Beginn einen Bauprojektes, das zukunftsweisend sein sollte – urbanes Wohnen in einer futuristischen Form, wenn auch nur für die Betuchten unter den Bewohnern Tōkyōs (auch heute noch sind die Appartements in den Türmen – auch für Tōkyōter Verhältnisse – teuer). Der 40 Stockwerke bzw. 132 Meter hohe Turm gehört heute zu den kleineren des Ensembles. Aber immerhin bot auch er schon 390 Wohneinheiten – sprich: konnte ein mittleres Dorf beherbergen.
Das größte der Gebäude ist der 1995 begonnene und 1999 fertiggestellte „Century Park Tower“ (センチュリーパークタワー) mit einer Höhe von 180 Metern und 756 Wohneinheiten. Damit ist er auch heute noch der 18.-höchste Wohnhaus des Landes.

Zum Vergleich:
Der derzeit höchste Wohnturm, der „Kitahama“ (北浜 / きたはま) in Ōsaka (大阪 / おおさか) ist 209 Meter hoch, die beiden größten und höchsten in Tōkyō, „The Tōkyō Towers“ sind jeweils 194 Meter hoch und weisen sage und schreibe 2794 Wohneinheiten auf.

Die Bauzeit dieses letzten der insgesamt acht Wohntürme fällt allerdings auch schon in eine Zeit, als man schon versuchte, mit Beton gegen die Rezession anzubauen – seit dem Platzen der ökonomischen bzw. Immobilien-Blase um das Jahr 1990 gehört Beton zu den immer wieder, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg, eingesetzten Mitteln zur Ankurbelung der Wirtschaft. Dadurch entstehen bisweilen die faszinierendsten Beispiele moderner Architektur, aber auch – quelle surprise – durch Beton verschandelte Landschaft.

Neben den Wohntürmen gehören die Grünanlagen, die teilweise auf alte Strukturen aus der Edo-Zeit zurückgreifen, zu den Anziehungspunkten des Areals. Und natürlich ist der Blick, der sich von der Nordspitze der Insel, die man – ganz romantisch – „Place de Paris“ (パリ広場 / ぱりひろば) getauft hat (auch wenn der Platz nur sehr eingeschränkt als „romantisch“ bezeichnet werden kann), in Richtung Norden eröffnet, sicher einer der markantesten in der Stadt.

Und natürlich bietet dieser neu erschaffene Siedlungsraum alles, was man für das tägliche Leben benötigt: Geschäfte und Restaurants, Sporteinrichtungen und Gemeinschaftsräume.

Empfehlung: Schlendern sie durch die Gassen des Wohngebiets rings um den Kanalarm um den Schrein!

Und falls Sie danach der Meinung sein sollten, Ihre Füßen hätten sich eine kleine Wohltat verdient, machen Sie doch einen kleinen Abstecher zum japanischen Garten im Süden der Wohntürme, direkt am Nordufer des Kanalarms um den Sumiyoshi Jinja gelegen.

Wie man hinkommt:

Am einfachsten mit den U-Bahnen der Tōkyō Metro Hibiya-Linie (東京メトロ日比谷線 / とうきょうめとろひびやせん) oder Toei Subway Ōedo-Linie (都営地下鉄大江戸線 / とえいちかてつおおえどせん) nach Tsukishima (月島 / つきしま) und vom dortigen Ausgang 6 (Aufzug vorhanden) in nördlicher Richtung, vorbei am Sumiyoshi Jinja (住吉神社 / すみよしじんじゃ).

4 Responses to Tsukuda – Ōkawabata River City 21 (佃・大川端リバーシティ21) (dt.)

  1. […] Tsukuda – Ōkawabata River City 21 (佃・大川端リバーシティ21) – Früheste Landgewinnung & Rezessionsbekämpfung durch Beton […]

  2. Fede says:

    I did not know such a nice area existed in tokyo!! When I come back, I will have a look 😀 thanks for sharing

    • Thomas Gittel says:

      Isn’t it amazing: There are soooo many new places to be discovered, even after the many, many years I’ve spent in this city.

  3. […] deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier. A German version of this posting you can find […]

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