Tamagawa Daishi (玉川大師) (dt.)

Ein Geheimtipp – für Klaustrophobiker und solche, die es erst noch werden wollen

Tamagawa Daishi - Gyokushin Mitsu-in (玉川大師・玉真蜜院)

Tamagawa Daishi – Gyokushin Mitsu-in (玉川大師・玉真蜜院)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Manchmal sind es die unauffälligsten Orte, die hierzulande den größten Einfluss auf unser Empfinden ausüben können. Meist ist hier von positiven Einflüssen die Rede – hin und wieder auch von wundersamen. Heute geht es um einen Ort für all diejenigen, die entweder ohnehin unerschrocken sind oder sich ein ganz besonderes spirituelles Erlebnis verpassen wollen. Religiöse Basisbildung ist hierbei förderlich, aber nicht erforderlich. Es geht „lediglich“ um das Erleben, das Spüren der „Göttlichkeit des Lichts“.

Zunächst einmal handelt es sich um einen buddhistischen Tempel, der zur Shingon-Sekte gehört, dessen Sektengründer, der ebenso berühmte wie sagenumwobene Kōbō Daishi (弘法大師 / こうぼうだいし) (der aber eigentlich als Kūkai (空海 / くうかい) das Licht der Welt erblickt hat – Namenswechsel sind im alten Japan keine Seltenheit gewesen; offensichtlich war damals Geldwäsche noch kein Thema), hier verehrt wird. Im Volksmund nennt man den Tempel deswegen auch kurz „Tamagawa Daishi“ (玉川大師 / たまがわだいし). Wikipedia und Google behaupten rotzfrech, der Tempel hieße „Gyokushin-in“ (玉眞院 / ぎょくしんいん). Aber sein richtiger Name lautet „Gyokushin Mitsu-in“ (玉真蜜院 / ぎょくしんみついん). So viel zu den sprachlichen Verwirrungen, die aber noch nicht ausreichen würden, einem Tempel hier zur lobenden Erwähnung zu verhelfen.

Auch von seiner äußeren Erscheinung her ist der Tempel eher „gewöhnlich“ zu nennen, in jedem Falle aber unspektakulär. Das Hauptgebäude des Tempels stammt noch aus dem Gründungsjahr (1925) und scheint seither wenig Pflege gesehen zu haben. Er wirkt also, verglichen mit so manchen Prachtbauten, eher etwas schäbig, dafür aber auch irgendwie „altertümlicher“. Der „Vorgarten“ des Tempels ist allerdings ganz hübsch und mit vielen Statuen verschiedenster Art verziert.

Ganz besonders fällt die höchstens halb lebensgroße Statue eines ausfallend grimmig dreinschauenden Mönchs auf – es sollte mich nicht wundern, wenn das die Darstellung des Sektengründers, des Kōbō Daishi (oder auch Kūkai) sein soll.

Im Innern des Tempels, das selbstverständlich nur nach Ablegen des Schuhwerks zu betreten ist (eine Zeichnung am “Opferstock” soll wohl auch darüber aufklären, dass Frauen mit übertriebener Sonnenschutz-Vermummung diese beim Opfern und beim Betreten des Tempels ablegen sollen), geht es besonders „urig“ zu. Überall sind die hölzernen Säulen und Balken mit Pilgerzetteln beklebt, was auf den ersten Blick einen leicht chaotischen Eindruck macht.

Um zum eigentlichen Höhepunkt dieser Tempelanlage zu gelangen, halten Sie sich bitte nach dem Betreten durch den Hauptzugang scharf links. Dort werden Sie Bedienstete vorfinden, die sie eifrig ins Allerheiligste des Tempels einweisen und zum Besuch einladen. Und nun kommt’s:

Im Tamagawa Daishi kann man durch die Eingeweide des Buddha wandern. Wenden Sie sich nicht gleich angewidert ab – eine glitschig-unappetitliche Angelegenheit ist das nämlich überhaupt nicht. Dafür aber eine grundsätzlich völlig unbeleuchtete (auch bei einem Buddha hat die Erleuchtung nicht im Verdauungstrakt stattgefunden!). Einem auch in englisch verfügbaren Erklärungstext kann man entnehmen:

Der Weg durch die „Eingeweide“ führt etwa fünf Meter unter dem Gebäude durch einen ca. 100 Meter langen, stockfinsteren und extrem engen Gang. Taschenlampen sind auch nicht erlaubt. Man ist gehalten, sich mit der rechten Hand in Wandkontakt durch den gleich am Anfang mit leichtem Gefälle weiter nach unten führenden Weg entlang zu tasten, bis man in eine Halle mit 88 wundertätigen Buddhastatuen gelangt, die „schwach beleuchtet“ ist. Hier sucht man sich die Statue, die die Zahl des eigenen Lebensalters trägt (Grundkenntnisse im Japanischen sind also hilfreich, oder man fragt die Bediensteten im Tempel nach den Schriftzeichen, die man suchen muss) – findet man sie, ist einem ein langes, glückliches Leben vergönnt (offensichtlich haben über 88-Jährige kein Anrecht mehr auf entsprechende, lebensverlängernde Segenssprüche). Auf dem weiteren Weg – und immer wieder unterbrochen durch stockdunkle, enge und gewundene Gänge – kommt man auch einer großen Buddhastatue, die den Kōbō Daishi darstellen soll, vorbei, durch einen Gang mit 300 weiteren Buddhastatuen und schließlich auch einer Kammer mit 33 Kannon-Statuen. Wer den gewundenen Weg durch den Unterleib des Erleuchteten hinter sich gebracht hat, darf an einer Glocke läuten. Man geht davon aus, dass eine „Pilgerschaft“ durch die Gedärme ca. 10 bis 15 Minuten in Anspruch nimmt – wer also keine Zeit für eine viele Wochen in Anspruch nehmende Pilgerreise hat, kommt hier schneller ans Ziel. Voraussetzung: Man kann mit Finsternis und extrem beengten Verhältnissen (in Kombination!) Vorlieb nehmen.

Dass es hier von diesen wundersamen Gängen keine Fotos gibt, hat zwei ganz profane Gründe: Erstens ist das Fotografieren in der Finsternis strikt verboten (die Gänge sind angeblich kameraüberwacht) – und an solche Verbote halte ich mich praktisch immer. Und zweitens hat bei mir der Besuch die Erkenntnis gebracht, dass ich wohl doch klaustrophobisch veranlagt bin. Ich habe vor dem pechschwarzen Gang jedenfalls gescheut wie ein Pferd vor einer uneinnehmbaren Hürde (ohne jedoch dabei zu schnauben).

Wer frei von solchen Beschränkungen ist (oder glaubt, wie ich ursprünglich, damit nicht belastet zu sein), erhält bei den Tempelbediensteten für 100 Yen ein paar Gummi-Slipper, mit denen er/sie über eine steile, schmale Treppe hinunter in die Gruft gelangt.

Übrigens: Lassen Sie sich vom altertümlichen Erscheinungsbild des Tempelinneren und auch des Treppenabgangs nicht täuschen. Die „Gedärm“-Anlage ist noch vergleichsweise neu. Sie wurde erst im Jahre 1934 in Beton ausgeführt.

Sollte Ihnen nach diesem wirklich außergewöhnlichen Erlebnis (ich bin mir sicher, dass ich nicht zu viel verspreche!) noch nach weiteren Unternehmungen sein, finden sie in nächster Nachbarschaft auch noch den hübschen Gyokusen-ji (ärgern Sie sich nicht, wenn sie dessen Namen mit großer Stilsicherheit „Tamagawa-ji“ lesen, denn er wird tatsächlich „玉川寺” geschrieben, aber “ぎょくせんじ“ gelesen).

Gyokusen-ji (玉川寺)

Gyokusen-ji (玉川寺)

Gyokusen-ji (玉川寺)

Gyokusen-ji (玉川寺)

Wenige Meter den Hügel hinauf kommen Sie zum Seta Tamagawa Jinja (瀬田玉川神社 / せたたまがわじんじゃ), einem shintōistischen Schein, der ursprünglich mal „Mitake Jinja“ hieß und auf eine Errichtung in der Meiji-Zeit zurück geht. Da nach dem großen Kantō-Erdbeben (1923) und einem verheerenden Taifun (1966) Wiederaufbauten nötig wurden, stammen die Hauptgebäude des Schreins, die man heute sehen kann, aus dem Jahre 1968.

Gleich nebenan findet man den mit einem ziemlich neuwertig wirkenden Tempeltor einladend wirkenden „Jigen-ji“ (慈眼寺 / じげんじ) (andere Quellen sprechen von „Jigan-ji“ – aber auf der Webseite des Tempels benutzt man ganz eindeutig die Lesung „Jigen-ji“, bzw. „Gigenji“ – wieder ein hübsches Beispiel dafür, dass es auch für Japaner nicht immer so eindeutig ist, was aus den hübschen Schriftzeichen zu lesen ist). Auch dieser Tempel gehört zur Shingon-Sekte des Buddhismus und geht auf eine Gründung im Jahre 1309 zurück. Seinen aktuellen Standort hat der Tempel aber wohl erst seit dem Jahr 1533. Und die derzeitige Haupthalle stammt aus dem Jahre 1975. Eindrucksvoll ist aber, wie gesagt, das sehr hübsche Haupttor. Und interessant ist sicher auch das hochmoderne Verwaltungsgebäude des Tempels, sowie ein Wohnhaus im traditionellen japanischen Stil dahinter.

Jigen-ji (慈眼寺)

Jigen-ji (慈眼寺)

Jigen-ji (慈眼寺)

Jigen-ji (慈眼寺)

Jigen-ji (慈眼寺)

Jigen-ji (慈眼寺)

Wie man hinkommt:

Aus der Innenstadt Tōkyōs mit der Tōkyō Metro Hanzōmon-Linie (東京メトロ半蔵門線 / とうきょうめとろはんぞうもんせん), die von Shibuya (渋谷 / しぶや) als Tōkyū Den’entoshi-Linie (東急田園都市線 / とうきゅうでんえんとしせん) weiter in westliche Richtung fährt nach Futako Tamagawa (二子玉川 / ふたこたまがわ) – Fahrtzeit 10 bis 15 Minuten.

Den Bahnhof Futako Tamagawa erreicht man ebenfalls mit der Ōimachi-Linie (大井町線 / おおいまちせん), die von Ōimachi (大井町 / おおいまち) in Tōkyōs Shinagawa-Distrikt (品川区 / しながわく) hierher fährt (Fahrtzeit 16 bis 24 Minuten).

Rings um den Bahnhof von Futako Tamagawa (direkt über dem gleichnamigen Fluss, dem Tamagawa, gelegen) sind gerade in den letzten fünf Jahren mehrere hochmoderne Shopping-Meilen entstanden – der Ausflug hierher lohnt sich also auch für diejenigen, denen der Sinn weniger nach spirituell-Sinnlichem steht.

Vom Bahnhof Futako Tamagawa halten sie sich zunächst in westlicher Richtung und unterqueren Sie die Hochstraße, wo sie nach rechts (in nördlicher Richtung) in eine hübsche Einkaufsstraße abbiegen, die, einen kleinen Fluss überquerend, direkt in das Viertel führt, in dem sich die oben erwähnten Orte befinden.

Futako Tamagawa (二子玉川)

Futako Tamagawa (二子玉川)

Futako Tamagawa (二子玉川)

Futako Tamagawa (二子玉川)

Für den Weg zum Tamagawa Daishi benötigen Sie ca. 10 bis 15 Minuten zu Fuß.

Öffnungszeiten:

Für den „Pilgerweg durch’s Gedärm’“ des Tamagawa Daishi:
Täglich von 9 Uhr bis 17 Uhr
Eintrittsgebühr: 100 Yen

5 Responses to Tamagawa Daishi (玉川大師) (dt.)

  1. Fede says:

    Mit deinen Artikeln auf deutsch kann ich auch ein bisschen mein Deutsch Erkenntnisse üben und dann sind sie immer sehr interessant zu lesen 😊 by the way das Gesicht von dem Statue ist sehr lustig ahaha xD

    • Thomas Gittel says:

      Dein Deutsch ist ja f-a-b-e-l-h-a-f-t!!! Das wusste ich gar nicht. Aber natürlich gibt’s den Artikel dann gelegentlich auch noch auf Englisch. Cheers!

    • Thomas Gittel says:

      What ever happened to your Belgian posting? I was looking forward to it!

      • Fede says:

        Ja ja ich studiere deutsch an der Universität😉 my Internet is too slow and my pc is broken :,( so for now I cannot post anything

  2. […] deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier. A German version of this posting you can find […]

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