Neujahrs-Feuerfest in Ōiso (大磯)

Wo die Götter alljährlich für eine klassische win-win-Situation sorgen

Sagichō (左義長) in Ōiso (大磯)

Sagichō (左義長) in Ōiso (大磯)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Alljährlich findet im neuen Jahr in Ōiso (大磯 / おおいそ) das Sagichō (左義長 / さぎちょう) statt – eine Feuer-Zeremonie, die nicht nur grandios, sondern auch besonders heilbringend ist, weil man dabei nicht nur den Schutz der Gottheiten für das ganze bevorstehende Jahr erwirkt, sondern auch gleichzeitig für eine auskömmliche Ernährung sorgt. Eine geführte Tour der “Deutschen Gesellschaft für Natur und Völkerkunde Ostasiens, OAG” am 11. Januar 2016 hat mir einen willkommenen Anlass gegeben, mir dieses Fest auch einmal anzuschauen.

Ōiso liegt an den Gestaden des Pazifiks, genau zwischen Odawara (小田原 / おだわら) im Westen und Fujisawa (藤沢 / ふじさわ) im Osten an der Sagami-Bucht (相模湾 / さがみわん). Und dort liegt es gut und klimatisch so günstig, dass es vor mehr als hundert Jahren (in der Meiji- und Taishō-Zeit – sprich: vom letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis zum ersten Viertel des 20. Jahrhunderts) zu den bevorzugten Gegenden für die Ferienhäuser der Reichen (namentlich von Politikern) gehörte. Hier sollen früher regelrechte Paläste gestanden haben. Diese Zeiten sind natürlich lange vorbei. Nach dem Niedergang der Fischerei (die für Jahrhunderte die Haupteinnahmequelle der Bevölkerung war) nach dem 2. Weltkrieg hat sich Ōiso  in erster Linie zu einer „Wohnstadt“, für diejenigen entwickelt, die in Tōkyō und Yokohama arbeiten, denen der dortige Wohnraum aber zu unerschwinglich ist.

Mit gut 30.000 Einwohnern gehört es zu den eher etwas beschaulichen Orten in dieser Gegend. Die damaligen Residenzen des großen japanischen Premierministers der Meiji-Zeit, Hirobumi Itō (伊藤博文 / いとうひろぶみ), des Nachkriegs-Premierministers Shigeru Yoshida (吉田茂 / よしだしげる) und des bekannten Schriftstellers Tōson Shimazaki (島崎藤村 / しまざきとうそん) sind zwar noch erhalten, sollen heute aber nicht Gegenstand eingehender Betrachtung werden.

Aus den wenigen Sehenswürdigkeiten des Ortes will ich zwei herausgreifen:

Da ist zunächst das aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg stammende, ehemalige Waisenhaus der Stadt, die „Sawada Miki-Gedenkstätte“ (澤田美喜記念館 / さわだみききねんかん) unweit des Bahnhofs. Es handelt sich hierbei um das 1948 von Miki Sawada (einer Mitsubishi-Erbin) gegründete „Elizabeth Saunders Home“, das sich den im damaligen Japan verfemten binationalen Kindern (meist Kinder aus Verbindungen von Japanerinnen mit US-Besatzern) widmet. Es war auf dem Besitz des Mitsubishi-Gründers Yatarō Iwasaki (岩崎弥太郎 / いわさきやたろう) errichtet worden, der während des 2. Weltkrieges von der japanischen Regierung als Ersatz für Steuerzahlungen konfisziert worden war. Miki Sawada hatte nach dem Krieg das Land für 4 Millionen Yen zurück gekauft und dafür ihre persönliche Habe veräußert. Mit dem Namen „Elizabeth Saunders“ erinnert man eine der Hauptsponsorinnen aus den Zeiten Miki Sawadas, eine Engländerin, die 1946 ihr Vermögen für diesem Zweck vererbt hatte.

Auf seinem Weg durch die kleine Stadt kommt man unweigerlich irgendwann zur alten Tōkaidō (東海道 / とうかいどう), die in der Edo-Zeit als die wichtigste Verbindungsstraße des ganzen Landes galt und die alte Haupt- und Kaiserstadt Kyōto mit der neuen Hauptstadt und dem Sitz der Shōgunatsregierung, Edo (dem heutigen Tōkyō) verband. Hier befindet sich an markantem Punkt das Shigitatsuan (鴫立庵 / しぎたつあん), ein verwunschen etwas unter dem heutigen Straßenniveau liegendes, traditionelles Gebäude, das zu den drei wichtigsten Haiku-Dōjō (俳諧道場 / はいかいどうじょう) – “Werkstätten” für Haiku-Dichter – des Landes gehört. Hier haben seit seiner Errichtung im späten 17. Jahrhundert verschiedene namhafte Poeten und Schriftsteller gelebt und gearbeitet. Hier soll auch der Name „Shōnan“ (湘南 / しょうなん) für diese Gegend „erfunden“ worden sein, der an eine landschaftlich besonders reizvolle Region in Hunan zwischen den Flüssen Xiao, Xiang und Yangtze in China erinnert (die „Acht Ansichten Xiaoxiangs“ sind weltberühmt).

Shigitatsuan (鴫立庵) in Ōiso (大磯)

Shigitatsuan (鴫立庵) in Ōiso (大磯)

Shōnan (湘南)-Gedenkstein in Ōiso (大磯)

Shōnan (湘南)-Gedenkstein in Ōiso (大磯)

Kommen wir aber zu dem, was Anlass für diesen Artikel ist:

Zum Sagichō (左義長 / さぎちょう), der Feuerzeremonie, die jedes Jahr um den 14. Januar herum stattfindet, um für die Bewohner im neuen Jahr göttlichen Schutz vor Krankheit zu erwirken.
Ihre Ursprünge sind chinesisch-taoistisch. Dazu werden am Strand der Sagami-Bucht neun Strohkegel von etwa acht Meter Höhe errichtet, die mit den Neujahrsdekorationen aus Häusern der neun Bezirke der Stadt (ursprünglich waren es mal nur sieben, die aber durch Eingemeindungen erweitert werden mussten) verziert werden.

Bei den neun Bezirken handelt es sich um folgende:

  1. Sakashita (坂下 / さかした)
  2. Hamanochō ( 浜ノ町/ はまのちょう)
  3. Ōdomari (大泊 / おおどまり)
  4. Nenokami (子の神 / ねのかみ)
  5. Nakajuku (中宿 / なかじゅく)
  6. Sengenchō (浅間町 / せんげんちょう)
  7. Ōkita (大北 / おおきた)
  8. Sannōchō (山王町 / さんのうちょう)
  9. Chōjamachi (長者町 / ちょうちゃまち)
Sagichō (左義長) in Ōiso (大磯)

Sagichō (左義長) in Ōiso (大磯)

Diese gewaltigen Kegel werden in den Abendstunden entzündet und verzaubern den ganzen Strand von Ōiso in einen mystisch wirkenden Ort. In den Feuern braten die Besucher auf Drahtschlingen aufgereihte Mochi-Kugeln („Mochi“ wird landläufig mit „Reiskuchen“ übersetzt – es ist eine in diesem Fall extrem zähe, fast geschmacklose, gestampfe Reismasse), die mittels mehrere Meter langer Bambusstangen in die Flammen gehalten werden. Der Verzehr dieser Mochi-Kugeln (meist abwechselnd in Weiß und Rosa aufgereiht – Weiß und Rot sind die Farben festlicher, glücklicher Anlässe in Japan) soll die körperliche Gesundheit im neuen Jahr gewährleisten.

Unbestreitbarer Höhepunkt des Festes ist allerdings das „Tauziehen“ um die Gunst der Gottheiten und das Versenken der in kleine Holzschreine eingesperrten „bösen“ Gottheiten. Beim Tauziehen springen nur mit einem „Fundoshi“ (褌 / ふんどし) genannten Lendentuch bekleidete Männer in die eiskalten Fluten des Pazifiks und versuchen, einen Schlitten mit ebenso spärlich bekleideten Herren ins Meer zu ziehen, während am anderen Ende des Seils sich eine Mannschaft bemüht, das Ziehen ins Meer zu verhindern. In jedem Falle verheißt das Resultat dieses Wettkampfes nur Gutes für den Ort: Gewinnt die Gruppe im Wasser das Tauziehen, werden die Gottheiten für einen ertragreichen Fischfang sorgen. Gewinnt die Land-Gruppe werden die Gottheiten eine gute Ernte bescheren.

Dieses Tauziehen kann man während des Abends nicht nur am Strand beobachten, sondern auch schon bei „Trockenübungen“ in der Ortschaft selbst. Dass der Kampfgeist mit reichlich Reiswein (酒 / さけ) angefeuert werden muss, versteht sich von selbst.

Wie man hinkommt:

Von Tōkyō kommt man am bequemsten mit den Bahnen der Shōnan Shinjuku-Linie (湘南新宿線 / しょうなんしんじゅくせん) von Shinjuku (新宿 / しんじゅく) nach Ōiso (大磯 / おおいそ) – meist mit nur einem Umsteigevorgang auf der Strecke (Fahrtzeit ca. 1 bis 1½ Stunden).
Günstiger geht es mit den regulären Zügen der Odakyū-Linie (小田急線 / おだきゅうせん), ebenfalls ab Shinjuku, mit mindestens einem Umsteigevorgang in Fujisawa (藤沢 / ふじさわ) in die Tōkaidō-Linie (東海道線 / とうかいどうせん) (Fahrtzeit ca. 1½ bis 1¾ Stunden).

Ōiso Bahnhof (大磯駅)

Ōiso Bahnhof (大磯駅)

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2 Responses to Neujahrs-Feuerfest in Ōiso (大磯)

  1. […] deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier. A German version of this posting you can find […]

  2. […] wenn es darum geht, sich ihr Wohlwollen und ihre Unterstützung zu sichern. Zeremonien für reichen Fischfang oder eine gute Ernte gehören natürlich auch […]

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