Die sechs Jizō Bosatsu von Edo (江戸六地蔵) (dt.)

Ein Pilgerweg quer durch Tōkyō zu uralten kupfernen Jizō-Skulpturen

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
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Im alten Edo (江戸 / えど), genauer, im sehr frühen 18. Jahrhundert, hat man über das Stadtgebiet verteilt mehrere Jizō-Statuen errichtet, von denen fünf Naturkatastrophen und Kriegswirren überstanden haben. Eigenartigerweise gehören auch diese Statuen zu den zwar sehenswertesten in der Stadt, gleichzeitig aber auch zu den eher unbekannten – zumindest wenn man deutschsprachige Quellen zu Rate zieht (bei englischsprachigen sieht es nicht wesentlich besser aus).

Zunächst einmal für den Buddhismus-Unkundigen: Bei Jizō Bosatsu (地蔵菩薩 / じぞうぼさつ) handelt es sich sozusagen um die japanische „Ausgabe“ eines Bodhisattva, eines Wesens, das nach Erleuchtung strebt (übersetzt bedeutet das Wort „Erleuchtungswesen“), allerdings auch alle anderen, nach Erleuchtung Verlangenden in ihrem Bestreben unterstützt. Jizō Bosatsu sind in Japan diejenigen, die Kinder beschützen – und dabei einen Schwerpunkt auf Kinder legen, die vor ihren Eltern sterben (also auch Totgeburten, Fehlgeburten und abgetriebene Föten).

Das vorausgeschickt, ist auch die Geschichte der sechs Jizō Bosatsu von Edo leichter zu verstehen (und wenn Sie hier von immer nur fünf Bildern “verwirrt” werden, lesen Sie einfach wacker weiter…). Sie wird wie folgt erzählt (und diese Erzählungen beruhen auf einer Dokumentation, die in einer der Statuen – der Statue auf dem Gelände des Taisō-Tempels (太宗寺 / たいそうじ) – gefunden worden sein soll):

Der Jizō-Mönch Shōgen (正元 / しょうげん), der in Fukagawa (深川 / ふかがわ), im heutigen Kōtō-Bezirk (江東区 / こうとうく) gelegen, lebte, war von einer unheilbaren Krankheit heimgesucht worden. Nachdem er sich zusammen mit seinen Eltern im Gebet von einem Jizō Bosatsu Heilung erfleht hatte, wurde er tatsächlich auf wundersame Weise geheilt. Dies wurde, in Anlehnung an die „sechs Jizō Bosatsu von Kyōto“, im Jahre 1706 zum Anlass genommen, Geld für die Errichtung von sechs Jizō in Edo zu sammeln. Das Geld muss recht schnell beisammen gewesen sein – und offensichtlich so reichlich, dass die Statuen in sehr aufwändigen Verfahren aus Kupfer hergestellt werden konnten. In ihrem Originalzustand müssen die Statuen noch prächtiger gewesen sein, als sie uns heute entgegentreten, denn sie waren ursprünglich sogar vergoldet. In Auftrag wurden sie beim Gießer Ōta Suruganokami Fujiwara Shōgi (太田駿河守藤原正儀 / おおたするがのかみふじわれらしょうぎ) (andere Quellen nennen Ōta Suruganokami Masayoshi / 太田駿河守正義 / おおたするがのかみまさよし) in Kandanabe (神田鍋 / かんだなべ) im heutigen Kanda-Bezirk Tōkyōs (神田区 / かんだく) gegeben. Und so entstanden innerhalb von nur 12 Jahren sechs erstaunliche Statuen – die erste wurde sogar schon zwei Jahre nach Beginn der Sammlungen fertiggestellt. Natürlich haben auch damals schon die Menschen nicht aus schierer Selbstlosigkeit Geld für die Herstellung solcher Monumentalskulpturen gegeben. Unter dem Motto „Tue Gutes und rede darüber!“ wurden die Skulpturen mit den Namen aller Spender versehen – wundern Sie sich also nicht, wenn sie die Jizō-Statuen über und über von filigranen Schriftzeichen bedeckt vorfinden. Jede der verbliebenen Statuen ist als Kulturgut der Stadt Tōkyō registriert, weil sie als besonders aufwändige Beispiele von Kupferstatuen (銅造地蔵菩薩坐像 / どうぞうじぞうぼさつざぞう) aus der Mitte der Edo-Zeit gelten und es nur wenige Beispiele für diese Kunst aus früheren Jahren gibt.

Die Tempel der ursprünglich sechs Statuen waren (und sind es bis heute) beliebte Stationen auf einem Pilgerweg quer durch Edo bzw. Tōkyō. Werfen wir also einen Blick auf alle sechs Statuen (soweit sie noch vorhanden sind) – und wenn Sie nicht gleich alle sechs Orte auf einmal besuchen möchten (wovon ich, ehrlich gesagt auch abraten würde), dann schauen Sie sich in den Nachbarschaften derselben um. Ich habe jeweils ein paar Hinweise mit aufgenommen.

1. Jizō-Statue

Der erste der sechs Jizō wurde im Jahre 1708 am Honsen-Tempel (品川寺 / ほんせんじ), einem Tempel der Daigo-Schule des Shingon-Buddhismus (真言宗醍醐派 / しんごんしゅうだいごは) in Minami Shinagawa (南品川 / みなみしながわ) in Tōkyōs Shinagawa-Bezirk (品川区 / しながわく), an der alten Fernstraße Tōkaidō (旧東海道 / きゅうとうかいどう) errichtet.

Größe: 2,75 Meter. Und damit der größte der sechs „Geschwister“ – allerdings wirkt er auf den ersten Blick etwas kleiner als die anderen, da er ohne jegliche Kopfbedeckung auskommen muss.

Dieses ist auch der erste Jizō Bosatsu, der bei einer Pilgerreise zu allen sechs Statuen besucht wird.

Sie werden erstaunt sein, wie eindrucksvoll die Nachbarschaft dieses Tempels ist. Hier, entlang des alten Tōkaidō, haben sich noch eine Vielzahl alteingesessener Geschäfte und Handwerksbetriebe erhalten. Und in nördlicher Richtung erstreckt sich ein regelrechter Tempel-Distrikt.

Adresse:
3-5-17 Minami Shinagawa
Shinagawa-ku
Tōkyō
東京都品川区南品川三丁目5-17

Nächster Bahnhof:
Keihin Kyūkō (Keikyū) Linie (京浜急行電鉄 / けいひん・きゅうこう・でんてつ), Aomonoyokochō (青物横丁 / あおものよこちょう)

2. Jizō-Statue

Errichtet im Jahre 1710 am Tōzen-Tempel (東禅寺 / とうぜんじ), einem Tempel der Sōtō-Schule des Zen-Buddhismus (曹洞宗 / そうとうしゅう) in Higashi Asakusa (東浅草 / ひがしあさくさ) in Tōkyōs Taitō-Bezirk (台東区 / たいとうく) an der Fernstraße Ōshū-Kaidō (奥州街道 / おうしゅうかいどう) gelegen, der im Jahre 1624 gegründet wurde.

Größe: 2,71 Meter

Dieses ist der vierte Jizō Bosatsu, der bei einer Pilgerreise zu allen sechs Statuen besucht wird.

Das Tempelgebäude selbst ist neueren Datums und mag auf den ersten Blick ein bisschen „stillos“ wirken. Falls Ihnen am Zugang zum Tempel links die kleinen Bronzestatuen eines „älteren Ehepaares“ auffallen sollten: Es handelt sich hierbei um Yasube Kimura (木村安浜衛 / きむらやすべえ) und seine Frau. Der ehemalige Samurai hatte sich in der frühen Meiji-Zeit auf das Brotbacken verlagert. Er ist war der Gründer der Kimuraya Sōhonten Ltd. (株式会社木村屋總本店 / かぶしきがいしゃきむらそうほんてん), einer 1869 in Tōkyō gegründete Bäckerei, die damals schon Brotbackmaschinen zum Einsatz brachte und Brot im „westlichen Stil“ backte.

Tōzen-ji (東禅寺)

Tōzen-ji (東禅寺)

Auf dem Weg von Akasuka zum Tōzen-Tempel kommen Sie auch an den Werkstätten von Miyamoto Unosuke (宮本卯之助 / みやもとうのすけ) vorbei. Schauen Sie doch mal vorbei!

Adresse:
2-12-13 Higashi Asakusa
Taitō-ku
Tōkyō
東京都台東区東浅草二丁目12-13

Nächster Bahnhof:
Leider gibt es keinen Bahnhof, der wirklich in der Nähe läge. Aber von den berühmten Tempelanlagen in Asakusa läuft man nur etwa 15 Minuten in nördlicher Richtung.

3. Jizō-Statue

Errichtet im Jahre 1712 am Taisō-Tempel (太宗寺 / たいそうじ), einem Tempel der Jōdo-Schule (浄土宗 / じょうどしゅう) in Shinjuku (新宿 / しんじゅく) in Tōkyōs Shinjuku-Bezirk (新宿区 / しんじゅくく) an der Fernstraße Kōshū-Kaidō (甲州街道 / こうしゅうかいどう) gelegen. In dieser Statue wurde das „gedruckte Buch der kurzen Geschichte der Errichtung der Statuen der sechs Jizōs von Edo“ gefunden, auf das sich das Wissen um diese Statuen stützt.

Größe: 2,67 Meter (und damit der kleinste der noch erhaltenen Jizō Bosatsu)

Dieses ist der zweite Jizō Bosatsu, der bei einer Pilgerreise zu allen sechs Statuen besucht wird.

Von hier aus ist nur ein Katzensprung zu einem der größten Parks der Stadt, dem Shinjuku Gyoen.

Adresse:
2-9-2 Shinjuku
Shinjuku-ku
Tōkyō
東京都新宿区新宿二丁目9-2

Nächster Bahnhof:
Tōkyō Metro Marunouchi-Linie (東京メトロ丸ノ内線 / とうきょうめとろまるのうちせん), Shinjuku Gyoenmae (新宿御苑前 / しんしゅくぎょえんまえ).

4. Jizō-Statue

Errichtet im Jahre 1714 am Shinshō-Tempel (真性寺 / しんしょうじ), einem Tempel der Busan-Schule des Shingon-Buddhismus (真言宗豊山派 / しんごんしゅうぶざんは) in Sugamo (巣鴨 / すがも) in Tōkyōs Toshima-Bezirk (豊島区 / としまく), an der alten Fernstraße Nakansendō (旧中山道 / きゅうなかせんどう) gelegen.

Größe: 2,68 Meter

Die Statue ist in einem fast schon „beneidenswert“ zu nennenden Zustand, da sie von 2008 bis 2010 restauriert wurde. Bei diesen Arbeiten hat man im Innern der Statue vier kleine Kupferstatuen von Jizō Bosatsu und Kupfer- und Holztafeln gefunden – diese wurden nach der Restaurierung wieder im Innern der Statue gelagert. Außerdem wirkt sie wuchtiger, als die vergleichsweise geringe Größe (sie ist die zweitkleinste nach der Statue am Taisō-ji) vermuten ließe.

Dieses ist der dritte Jizō Bosatsu, der bei einer Pilgerreise zu allen sechs Statuen besucht wird.

Verpassen Sie auf keinen Fall die Jizō-Dōri (地蔵通り / じぞうどおり), im Volksmund auch “Großmütterchens Harajuku” genannt, die herrlich schrullige Einkaufsstraße von Sugama, die hier am Shinshō-Tempel beginnend sich in nördlicher Richtung erstreckt.

Adresse:
3-21-21 Sugamo,
Toshima-ku
Tōkyō
東京都豊島区巣鴨三丁目21-21

Nächster Bahnhof:
JR Yamanote-Linie (JR山手線 / JRやまのてせん) oder Tōkyō Subway Mita-Linie (都営地下鉄三田線 / とえいちかてつみたせん), Sugamo (巣鴨 / すがも).

5. Jizō-Statue

Errichtet im Jahre 1717 am Reigan-Tempel (霊巌寺 / れいがんじ), einem Tempel der Jōdo-Schule (浄土宗 / じょうどしゅう) in Shirakawa (白河 / しらかわ) in Tōkyōs Kōtō-Bezirk (江東区 / こうとうく), an der Mito-Kaidō (水戸街道 / みとかいどう) gelegen. Angeblich soll man an dieser Statue noch Reste der Goldauflage erkennen können (ich konnte das nicht). Falls Ihnen die Jizō Bosatsu alle gleich vorkommen sollten (spätestens bei der eingangs gezeigten Galerie der fünf verbliebenen Statuen wurde ja eigentlich schon klar, dass sie sich doch gravierend unterscheiden), schauen Sie sich besonders diese etwas genauer an! Sie hat etwas längere Fingernägel und hält die Hände anders als ihre „Geschwister“.

Größe: 2,73 Meter

Dieses ist der fünfte Jizō Bosatsu, der bei einer Pilgerreise zu allen sechs Statuen besucht wird.

Direkt nebenan befindet sich das überaus sehenswerte Fukagawa Edo Museum (深川江戸資料館 / ふかがわえどしりょうかん). Und nur ein paar Schritte entfernt lockt der Kiyosumi Teien, der nicht ganz so bekannte der alten Feudalgärten Tōkyō.

Adresse:
1-3-32 Shirakawa
Kōtō-ku
Tōkyō
東京都江東区白河一丁目3-32

Nächster Bahnhof:
Tōkyō Metro Hanzōmon-Linie (東京メトロ半蔵門線 / とうきょうめとろはんぞうもんせん) oder Toei Subway Ōedo-Linie (都営地下鉄大江戸線 / とえいちかてつおおえどせん) nach Kiyosumi-Shirakawa (清澄白河 / きよすみしらかわ).

6. Jizō-Statue

Errichtet im Jahre 1720 am Eitai-Tempel (永代寺 / えいたいじ), einem Tempel des Kōya-san Shingon-Buddhismus (高野山真言宗 / こうやさんしんごんしゅう) in Tomioka (富岡 / とみおか) in Tōkyōs Kōtō-Bezirk (江東区 / こうとうく), an der Chiba-Kaidō (千葉街道 / ちばかいどう) gelegen.

Größe: unbekannt.

Dieses ist der Tempel, der den sechsten der Jizō Bosatsu, der bei einer Pilgerreise zu allen sechs Statuen besucht wurde, beheimatete. Leider hat er die anti-buddhistischen Bestrebungen in den frühen Jahren der Meiji Restauration (letztes Viertel des 19. Jahrhunderts) nicht überstanden.

Der Abstecher hierher lohnt sich deswegen aber nicht weniger, denn zwei der eindrucksvollsten Schmuckstücke der Stadt stehen in nächster Nachbarschaft:

  • Der prächtige buddhistische Tempel Fukagawa Fudōdō (深川不動堂 / ふかがわふどうどう) und
  • der nicht minder prächtige shintoistische Schrein Tomioka Hachimangū (富岡八幡宮 / とみおかはちまんぐう) – letzterer ein Muss für alle, die sich für Sumō interessieren.

Adresse:
1-15-1 Tomioka
Kōtō-ku
Tōkyō
東京都江東区富岡一丁目15-1

Nächster Bahnhof:
Tōkyō Metro Tōzai-Linie (東京メトロ東西線 / とうきょうめとろとうざいせん) oder Toei Subway Ōedo-Linie (都営地下鉄大江戸線 / とえいちかてつおおえどせん), Monzen-Nakachō (門前仲町 / もんぜんなかちょう)

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One Response to Die sechs Jizō Bosatsu von Edo (江戸六地蔵) (dt.)

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