Ōgai Mori (森鷗外)

Literatur, Medizin, 27.000 Tote & Goethes Faust

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸)

Machen Sie sich auf etwas gefasst – die Überschrift mag wirr klingen, aber sie verspricht nicht zu viel!

Wer sich in neuzeitlicher japanischer Literatur ein bisschen auskennt und sich zudem der mannigfaltigen Interaktionen zwischen dem jungen japanischen Kaiserreich der Meiji-Zeit (1868-1912) und dem eigentlich noch jüngeren deutschen Kaiserreich (1871 bis 1914) bewusst ist, dem wird der Name Ōgai Mori (森鷗外 / もりおうがい) nicht gänzlich unbekannt sein. Sein Roman über eine zum Scheitern verurteilte Beziehung eines Japaners in Berlin, „Die Tanzprinzessin“ (舞姫 / まいひめ), mit dem er 1890 Furore machte, ist dem einen oder anderen vielleicht bekannt. Autobiographische Züge dieses Romans sind sicher nicht zufällig – in ihm verarbeitet Mori die an gesellschaftlichen Konventionen schmerzlich gescheiterte Beziehung zu seiner deutschen Freundin, Elise Wiegert.

Bilder des Anwesens im Tōkyōter Stadtteil Taitō (台東区 / たいとうく) – gleich neben dem Zoo von Ueno – in dem „Die Tanzprinzessin“ entstanden ist, verzieren diesen Artikel. Hier hatte Mori in der Zeit seiner ersten Ehe – einer „arrangierten Verbindung“ nach Beendigung besagter unglücklicher Liebe – gewohnt. Diese Ehe währte nur von März 1889 bis September 1890 – und einen Monat später verließ Mori dieses Anwesen wieder.

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸)

Mori hatte während seines Deutschlandaufenthalts ein besonderes Faible für Bayern und den bayrischen Monarchen, Ludwig II. und dessen tragischen Tod entwickelt. Und seiner Novelle „Wellenschaum“ (うたかたの記 / うたかたのき) ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass auch heute noch der Starnberger See von mehr Touristen aus dem japanischen Bildungsbürgertum besucht wird, als andere oberbayrische Seen.

Ōgai Mori, der von 1862 bis 1922 lebte, gehört zu einer der schillerndsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Und sicher ist er auch jemand gewesen, der sich für ein besseres Verständnis zwischen Japanern und Deutschen eingesetzt hat. Bevor er sich seinen Künstlernamen „Ōgai“ verpasst hatte, hatte er übrigens Rintarō (林太郎 / りんたろう) geheißen.

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸)

Uns mag es heute etwas zweifelhaft erscheinen, wie es seinerzeit einem Menschen möglich war, sowohl als Schriftsteller, als auch als Übersetzer, als auch als Mediziner zu reüssieren. Aber Mori soll ein solcher Mensch gewesen sein. Neben seinem Studium klassischer Literatur Chinas und Japans, beschäftigte er sich im europäischer Literatur, schon ab dem 12. Lebensjahr wurde er zusätzlich auf ein Leben als Mediziner vorbereitet (was nahe lag, da seine Familie schon seit 13 Generationen den Arzt seines Geburtsortes in der heutigen Provinz Shimane (島根県 / しまねけん) stellte). Ursprünglich war Holländisch die „Sprache der westlichen Medizin“ in Japan gewesen. Im Zuge der Öffnung des Landes gewann Deutsch als „Medizinsprache“ die Oberhand, nicht zuletzt, weil die vormals genutzten holländischen Quellen zu einem nicht unwesentlichen Teil auf deutschen Vorlagen basiert hatten. Der junge Rintarō war also schon mit jungen Jahren mit dem Holländischen vertraut gemacht worden – ein Umsteigen auf Deutsch sollte ihm nicht gar zu schwer gefallen sein.
Zu seinen späteren Lehrmeistern gehörten die damaligen deutschen Größen der modernen westlichen Heilkunde, die das junge Kaiserreich in seiner Ambition, sich möglichst schnell zu einer modernen Großmacht zu entwickelt, nach Japan geholt hatte. Im zarten Alter von 22 Jahren durfte er gar als Regierungsstipendiat für vier Jahre in Deutschland studieren – u.a. bei Robert Koch und Max von Pettenkofer.

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) - "Tanzprinzessin-Zimmer" (舞姫の間)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) – “Tanzprinzessin-Zimmer” (舞姫の間)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) - "Tanzprinzessin-Zimmer" (舞姫の間)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) – “Tanzprinzessin-Zimmer” (舞姫の間)

Obschon in Japan als medizinische Kapazität anerkannt (er avancierte zum Generaloberarzt des japanischen Heeres), wird er auch heute noch mit dem vermeidbaren Verlust von Zehntausenden japanischer Soldaten im Japanisch-Russischen Krieg (1904-1905) in Verbindung gebracht. Auf seinen medizinischen Erkenntnissen aus Deutschland beharrend (die zu der Zeit eben auch schon ein bisschen „in die Jahre gekommen“ waren), hatte er sich geweigert, die Möglichkeit anzuerkennen, die massiv auftretende Krankheit Beriberi könne eine Vitaminmangelerkrankung sein (er hatte auf dem inzwischen überholten Wissen beharrt, es handele sich um eine Infektionskrankheit), die mit einer vergleichsweise einfachen Umstellung der Ernährung der Soldaten hätte in den Griff bekommen werden können. So musste es das japanische Militär schließlich hinnehmen, dass am Ende des Krieges zwar ein Sieg über Russland zu verzeichnen war, bei dem 47.000 Soldaten in Kampfhandlungen gefallen waren – aber auch 27.000 an den Folgen der vermeidbaren Beriberi-Erkrankung.
Besonders tragisch war dieser Verlust, da die japanische Marine bereits in den 1880er Jahren den Zusammenhang zwischen Beriberi und der Ernährung erkannt und auf Betreiben des Marinearztes Kanehiro Takaki Kanehiro (高木兼寛 / たかきかねひろ) die Ernährung auf den Schiffen der Marine umgestellt hatte.

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) - Detail

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) – Detail

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) - Detail

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) – Detail

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) - Detail

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) – Detail

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) - Detail

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) – Detail

Zurück zum literarischen Wirken Moris:
Man erzählt sich, dass er anlässlich des Besuches in Auerbachs Keller (Leipzig) im Jahre 1885 auf die Idee gekommen sei, Goethes Faust ins Japanische zu übersetzen – was er schließlich auch tat. Seine japanische Faust-Ausgabe ging im Jahre 1913 in Druck und gilt als die erste ihrer Art. Noch heute ist sie als Standardübersetzung des Werks anerkannt.

Während seiner Jahre in Deutschland (1884-1888) entstand auch sein „Deutschlandtagebuch“ (独逸日記 / どいつにっき) (1992 in einer deutschen Ausgabe im „Konkursbuch Verlag“, Tübingen, erschienen), in dem er seine Erlebnisse schildert und in einen Kontext mit seiner japanisch-konfuzianischen Erziehung setzt.

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) - Blick durch das "Tor der Tanzprinzessin" (舞姫門)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) – Blick durch das “Tor der Tanzprinzessin” (舞姫門)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) - "Tanzprinzessin"-Gedenkstein (舞姫の碑)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) – “Tanzprinzessin”-Gedenkstein (舞姫の碑)

Ironie des Schicksal wollte es, dass Mori im Jahre 1922 im Alter von nur 60 Jahren an Tuberkulose verstarb.

Wer auf weitere Spurensuche gehen möchte, findet das Grab Ōgai Moris im Tōkyōter Bezirk Mitaka (三鷹 / みたか) auf dem Friedhof des Zenrin-ji (禅林寺 / いぇんりんじ) in Shimo-Renjaku (下連雀 / しもれんじゃく). Auf Geheiß Moris verzichtet die Grabstätte auf die Nennung seiner militärischen Ränge. Außerdem ist er hier mit seinem „bürgerlichen“ Namen Rintarō Mori (森林太郎 / もりりんたろう) verewigt.

Aber Sie dürfen sich auch gern ein bisschen verwirren lassen:
Es gibt noch ein weiteres Grab Ōgai Moris, das sich auf dem Friedhof des eindrucksvollen Yōmei-ji (永明寺) in Moris Geburtsstadt Tsuwano (津和野) befindet. Falls Sie sich für Details interessieren (die Geschichte Ōgai Moris blieb auch nach seinem Tod spannend), hier ist mehr davon:

Ōgai Moris sterbliche und verbrannte Überreste wurden am 13. Juli 1922 auf dem Friedhof des Kōfuku-ji (弘福寺 / こうふくじ) im Tōkyōter Stadtteil Mukōjima (向島 / むこうじま) beigesetzt. Da der Kōfuku-ji während des großen Kantō-Erdbebens von 1923 schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war, hatte man das Grab zum Zenrin-ji (禅林寺 / ぜんりんじ) im westlichen Stadtteil Mitaka (三鷹 / みたか) verlegt. Dort verblieb das Grab auch nach der Wiederherstellung des Kōfuku-ji (1933).

Mit dem Aufkommen eines regelrechten Booms rund um Leben und Werk Ōgai Moris, werden auch Bestrebungen laut, seine Geburtsstadt ebenfalls mit einem Grabmahl des großen Sohnes zu versehen. Nach Absprache mit Moris ältestem Sohn (Otto), reist der ehemalige Bürgermeister Tsuwanos (inzwischen Leiter des von ihm drei Jahrzehnte zuvor gegründeten Heimatmuseums und Vorsitzenden der Vereinigung zur Bewahrung der Geschichtsdenkmäler und Kulturschätze von Tsuwano) nach Tōkyō, um am 24. Mai 1953 in einer feierlichen Zeremonie eine “Aufteilung der Gebeine” (分骨 / ぶんこつ) vornehmen zu lassen und einen Teil davon in einer Urne nach Tsuwano zu überführen, wo er am 31. Mai großartig empfangen wird. Diese Urne wird am 9. Juli 1953 (31 Jahre nach Moris Tod) am Yōmei-ji beigesetzt.

Allerdings ist von Otto, dem ältesten Sohn Moris, überliefert, dass gar keine Gebeine nach Tsuwano überführt wurden, sondern nur ein Teil der Erde des Grabes am Zenrin-ji; die Vertreter Tsuwanos seien mit einer solch symbolischen “Gabe” zufrieden gewesen.

Lesen Sie mehr über das “zweite” Grab Moris hier:

Tsuwano (津和野): Yōmei-ji (永明寺)
– Der Tempel der Burgherren

This one is also available in English:

Tsuwano (津和野): Yōmei-ji (永明寺)
– The Domain Lord’s Temple

Wie man hinkommt:

Mit der Tōkyō Metro Chiyoda-Linie (東京メトロ千代田線 / とうきょうめとろちよだせん) nach Nezu (根津 / ねづ) und von dort ca. 5 Minuten zu Fuß in östlicher Richtung.

Bzw. vom Bahnhof Ueno (上野 / うえの) und seinen JR- und U-Bahn-Linien für ca. 10 Minuten in nordwestlicher Richtung.

Adresse des Hauses von Ōgai Mori:

Suigetsu Hotel Ōgaisō
3-3-21 Ikenohata
Taitō-ku
Tōkyō 110-0008

Von der Fassade des Hotels würden Sie wahrscheinlich nicht auf ein so malerisches Anwesen im japanischen Stil schließen. Lassen Sie sich nicht einschüchtern! Betreten Sie die Hotelhalle und halten Sie sich gleich nach rechts, wo sie an der Reception Ihre Eintrittskarte für den Besuch des Hauses lösen können.

Suigetsu Hotel Ōgaisō (水月ホテル鷗外荘)

Suigetsu Hotel Ōgaisō (水月ホテル鷗外荘)

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) - Zugang zum Suigetsu-Hotel

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) – Zugang zum Suigetsu-Hotel

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) - Zugang zum Suigetsu-Hotel

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) – Zugang zum Suigetsu-Hotel

Eintrittspreis für Besichtigungen der Innenräume: 540 Yen.
Bitte erfragen Sie die Möglichkeit der Besichtigung der Räumlichkeiten an der Reception des Suigetsu Hotels.

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) - Eintrittskarte

Residenz des Ōgai Mori (森鴎外旧邸) – Eintrittskarte

Die Räumlichkeiten können auch für private und geschäftliche Zwecke gemietet werden.

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3 Responses to Ōgai Mori (森鷗外)

  1. tabibito says:

    Schön! Hatte Mori’s Romane mit grossem Interesse verschlungen, zumal ja seine Schilderungen des damaligen Berlins recht interessant zu lesen sind.

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