Pujié in Japan (dt.)

Der Bruder des letzten Kaisers von China auf Flitterwochen in Japan
Oder: Hölzerner Zeuge einer turbulenten Vergangenheit

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Pujié & Hiro Saga (愛新覚羅溥傑と嵯峨浩)

Pujié & Hiro Saga (愛新覚羅溥傑と嵯峨浩)

Dass in Deutschland (und nicht nur dort) China bisweilen nicht von Japan unterschieden werden kann, ist ja im Grunde schon ein bisschen traurig. Aber zumindest eine Ausrede für all diejenigen, die sich die Mühe der Unterscheidung nicht machen wollen, will ich doch liefern (auch wenn die, wie die meisten Ausreden, ziemlich dumm ist): Es gibt ja schließlich auch Chinesen in Japan – in letzter Zeit sogar unerhört viele.
Es gab sogar Zeiten, da waren die engen Verflechtungen zwischen Japan und China über die Maßen willkommen (wenngleich sie auch damals kaum auf Gegenseitigkeit beruht haben). Und das ist – historisch betrachtet – noch gar nicht so lange her.

Anhand eines vergleichsweise bescheidenen, deswegen aber nicht weniger sehenswerten Anwesens, auf das ich anlässlich einer Exkursion der „Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens“ aufmerksam gemacht wurde, soll hier die Geschichte eines ganz besonderen Chinesen in Japan erzählt werden.

Aishin Kakura Fuketsu Kagū (愛新覚羅溥傑仮寓)

Aishin Kakura Fuketsu Kagū (愛新覚羅溥傑仮寓)

Spätestens aus dem Film „Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci, der 1987 mit großem Erfolg in den Kinos dieser Welt gezeigt wurde, klingen Namen wie „Puyi“ oder „Pujié“ nicht mehr völlig fremd in westlichen Ohren. Bei Puyi (eigentlich: Aisin Gioro Puyi) handelte es sich um den letzten chinesischen Kaiser aus der Qing-Dynastie, die China von 1644 bis 1912 regierte und aus der Mandschurei, im Nordosten des chinesischen Reiches gelegen, stammte. Dieser Teil Chinas war Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts schon zum Zankapfel der regionalen Mächte geworden und schließlich 1931 (bis zum Kriegsende) von Japan besetzt worden. Heute spricht man in China vorzugsweise von “Nordostchina”, wenn man über diese Region spricht. Die weitergehenden Zusammenhänge und Verstrickungen der letzten Vertreter der Qing-Dynastie mit dem japanischen Kaiserreich will ich schon aus Gründen des Platzes hier nicht weiter auswalzen. Sie können ja in den einschlägigen Quellen nachgelesen werden.

Besagter Puyi hatte einen jüngeren Bruder, der auf den Namen Pujié (eigentlich: Aisin Gioro Pujié – in Deutschland auch gern „Pu Jie“ geschrieben) hörte und von 1907 bis 1994 lebte. Von 1937 bis 1950 schmückte er sich – ursprünglich auf Drängen der Japaner – mit dem Titel „Thronfolger“, obwohl er aus dynastischen Gründen gar keinen Anspruch auf den chinesischen Thron hätte erheben können. Aber wen kümmerte das in dieser Zeit schon noch? Und bei der Sicherheit des Fortbestandes einer Dynastie kann man nicht überall so zimperlich sein, wie in Japan…

Eben dieser Pujié wurde, nachdem der von Japan – sagen wir mal – „geförderte“ Puyi in seiner Ehe kinderlos geblieben war, im April 1937 (in zweiter Ehe) mit der dem japanischen Hofadel angehörenden Hiro Saga (嵯峨浩 / さがひろ) (1914-1987) vermählt. Bei der Eheanbahnung handelte es sich übrigens um ein klassisch-japanisches „omiai“ (お見合い / おみあい) – einer arrangierten Verbindung, bei dem sich der Prinz seine Frau anhand einer Bilderkollektion aussuchen „durfte“. Allerdings, wenn man den Fotos, die in dem Gebäude zu sehen sind, Glauben schenken darf, hat sich diese arrangierte Ehe zur durchaus “glücklichen Verbindung” entwickelt.
Die „Flitterwochen“ – mehrere Monate – verbrachte das junge Paar in der Nähe von Tōkyō (in der Nachbarpräfektur Chiba (千葉県 / ちばけん)) in einer Villa an den Gestaden der Bucht von Tōkyō. Dieses Gebäude gibt es heute noch – und es ist frei zugänglich. Und von diesem Gebäude soll hier und heute die Rede sein.

Der Name des Gebäudes ist nicht nur kaum lesbar, sondern auch fast unaussprechlich – aber versuchen Sie es einmal:

Aishin Kakura Fuketsu kagū

愛新覚羅溥傑仮寓

あいしんかくらふけつかぐう)

Aishin Kakura Fuketsu Kagū (愛新覚羅溥傑仮寓)

Aishin Kakura Fuketsu Kagū (愛新覚羅溥傑仮寓)

Dabei ist der Name ganz leicht erklärt:

  • Aishin Kakura“ ist die japanische Lesart des Familiennamens des Prinzen, „Aisin Gioro“,
  • Fugetsu“ ist die japanische Lesung des Vornamens „Pujié
  • und „Kagū“ heißt nichts anderes als „vorübergehender Wohnsitz“.

Japanisch ist so einfach, wenn man’s kann…. Wer sich das nicht merken kann, findet das Haus allerdings ohnehin eher unter der Bezeichnung “Chiba Yukari no Ie” (千葉市ゆかりの家 / ちばゆかりのいえ).

Wie eingangs schon erwähnt, lohnt der Besuch dieser eher bescheidenen Villa auch dann, wenn man weniger an den Verquickungen chinesischer und japanischer Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessiert ist, denn es handelt sich um ein ausgesprochen hübsches Beispiel traditioneller japanischer Wohnkultur – gepaart mit einem dem damaligen Zeitgeschmack entsprechenden, eher westlich-modernen Esszimmer.

Das Haupthaus (gut 172 qm Grundfläche) ist von einem urwüchsigen Garten umgeben. Auf dem Gelände (insgesamt 1.129 qm) befindet sich auch noch ein Teehaus (mit einer Grundfläche von knapp 19 qm) – und natürlich sind alle Räume mit Memorablien des adeligen Paares versehen.

In Kriegsjahren hatte man im Garten hinter dem Wohnhaus und dem Teehaus einen Bunker aus Stahlbeton angelegt.

Aishin Kakura Fuketsu Kagū (愛新覚羅溥傑仮寓) - Bunker

Aishin Kakura Fuketsu Kagū (愛新覚羅溥傑仮寓) – Bunker

Ein ganz besonderes Schmuckstück ist allerdings das Teehaus selbst:

Heute kaum noch vorstellbar: Das Haus lag bis in die frühen 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch direkt am Meer – auf einem Hügel über dem Strand der Bucht von Tōkyō. Heute ist das Meer selbst von diesem erhöhten Ort und auch bei bestem Willen und hervorragender Sehkraft nicht mehr zu erkennen. Zwischen dem Haus und dem Meer liegen ca. 2 km neu geschaffenen Landes, auf dem eine regelrechte Armada riesiger Wohnblöcke errichtet wurde. Vergleichen Sie den untenstehenden Lageplan aus der damaligen Zeit mit dem verlinkten Kartenausschnitt aus Googlemaps!

Lageplan Aishin Kakura Fuketsu Kagū (愛新覚羅溥傑仮寓)

Lageplan Aishin Kakura Fuketsu Kagū (愛新覚羅溥傑仮寓)

Adresse des Hauses von Pujié:

1-16-12 Inage, Inage-ku
Chiba-shi

千葉市稲毛区稲毛1-16-12

Öffnungszeiten:

9.00 bis 16.30 Uhr (Einlass bis 16 Uhr)

Geschlossen montags und feiertags (Ausnahme: 3. bis 5. Mai) und während der Neujahrsfeiertage. Fällt ein Feiertag auf Montag, bleibt das Haus am darauffolgenden Dienstag geschlossen.

Eintritt frei

Wie man hinkommt:

Mit Bahnen der Keisei Electric Railways (京成電鉄 / けいせいでんてつ) von Ueno (上野 / うえの) über Tsudanuma (津田沼 / つだぬま) nach Keisei Inage (京成稲毛 / けいせいいなげ) und von dort für ca. 400 Meter in südwestlicher Richtung.

  • Fahrzeit mit bei Nutzung eines Schnellzuges (特急 / とっきゅう) ca. 50 Minuten
  • Fahrpreis derzeit 540 Yen (von Ueno)

oder

Mit der JR Keiyō-Linie (JR京葉線 / JRけいようせん) von Tōkyō (東京 / とうきょう) nach Inage Kaigain (稲毛海岸 / いなげかいがん) und von dort für ca. 1 km in nordöstlicher Richtung.

  • Fahrzeit mit dem Schnellzug (快速 / かいそく) ca. 35 Minuten
  • Fahrpreis derzeit 640 Yen (von Tōkyō)

Gleich nebenan:

  • Der Sengen-Schrein (浅間神社 / せんげんじんじゃ)
  • Das ehemalige Gästehaus des japanischen „Wein-Königs“ Kamiya Denbē (旧神谷伝兵衛稲毛別荘 / きゅうかみや でんべえいなげべっそう)
    Geöffnet täglich, außer montags, von 9 Uhr bis 17.15 Uhr, Eintritt frei
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