Amputierte Venus (切断ビーナス)

Befähigung, nicht Behinderung

Amputee Venus (切断ビーナス)

Amputee Venus (切断ビーナス)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Sollte Sie schon der Titel dieses Artikels – “Amputierte Venus” – schockiert oder doch zumindest verblüfft haben, dann lesen Sie bitte weiter! Wenn Sie eine kleine Portion Aufgeschlossenheit mitbringen, werden Sie am Ende Ihren Horizont erweitert haben – versprochen!

Wenn es auf der Welt ein Land gibt, in dem “Einheitlichkeit” ein Hauptcharakterzug ist, dann ist dies sicher Japan. Hier dreht sich alles um “Harmonie” (tatsächlich ist in Japan Harmonie Staatsräson). Diese Harmonie kann z.B. durch Unterordnung erreicht werden oder damit, dass sich jeder bemüht, möglichst wenig aufzufallen – oder, um es positiv auszudrücken (was es ja in der Tat auch ist): Man ist bemüht, niemanden durch sein Auftreten, Aussehen oder Benehmen zu verletzen. Ein hübsches Beispiel hier für sind die Büroangestellten in Japan – die so genannten “sarariman” (サラリーマン) – mit ihren dunklen oder gar schwarzen Anzügen, weißen Hemden und unauffälligen Krawatten. Auch eine Uniform könnte nicht eintöniger sein.

Wie gewöhnlich bei Japan-bezogenen Themen, ist natürlich auch das genaue Gegenteil dieser Aussage richtig; erst recht, wenn es um die Garderobe von Japanern geht – besonders junge Japaner erwecken gern den Eindruck, als sei es ihnen nachgerade ein Anliegen, gegen Konventionen zu verstoßen und gegen die Einförmigkeit und Anpassung anzukämpfen. Aber sobald sie ein gewisses Alter oder sozialen Status erreicht haben, kehren die meisten doch “reumütig” zu den “Traditionen” zurück.
Deswegen kann man (stark verallgemeinernd) immer noch sagen, dass Unauffälligkeit eines der Schlüsselelemente im Auftreten und Benehmen des Durchschnittsjapaners (und natürlich auch der Durchschnittsjapanerin…) ist. Alles, was von (gefühlten oder tatsächlichen) Standards abweicht, wird versteckt (sozusagen zur “Unsichtbarkeit” verdonnert), ist in der Öffentlichkeit meist auch nicht akzeptiert (wenngleich nur äußerst selten offen angefeindet). Dass das viele Menschen einer großen Belastung aussetzt, ja bisweilen sogar zur Selbstverleugnung zwingt, liegt dabei auf der Hand. Besonders hart mag das aber all diejenigen treffen, denen keine Wahl bleibt, aus der “Norm” zu fallen oder nicht. Deswegen sei an dieser Stelle eine Gruppe hervorgehoben, die eine bewundernswerte Kampagne gestartet hat, die diese Mauer der Anpassung zu durchbrechen versucht und andere Betroffene inspirieren möchte, ein positives Gefühl dafür, “anders” zu sein, zu entwickeln.

In diesem Artikel geht es um diejenigen, die, aus welchem Grund auch immer, ein Gliedmaß oder Teile eines solchen verloren haben und gezwungen sind, Prothesen zu tragen. Nicht genug, dass der Verlust eines Gliedmaßes für jeden Menschen eine nicht nur körperlich, sondern auch mental hochgradig belastende Erfahrung ist, auch im täglichen Leben kommen unzählbar viele Einschränkungen auf die Betroffenen zu. Einschränkungen und Erschwernisse, von denen es kein Entrinnen zu geben scheint, auch weil das Verlangen danach, sich über seine Ängste und Unsicherheiten mit anderen auszutauschen, kaum unterstützt wird. Da können dann die Umstände, die dadurch entstehen, dass bei der Stadt- und Wohnraumplanung die Belange von Behinderten nicht immer ausreichend bedacht werden, im Handumdrehen zum Alptraum werden, auch wenn Städte wie Tōkyō sich aufrichtig darum bemühen, hier für Erleichterung zu sorgen.

Diese Kampagne, die versucht, insbesondere Frauen, die erfahren haben, welche seelischen und körperlichen Belastungen eine Amputation verursachen, einen positiven Umgang mit ihren neuen Lebensumständen zu finden und auch andere zu einer positiven Einstellung zu inspirieren, ist sozusagen die Erfüllung eines Traumes für Fumio Usui, der als Orthopädiemechaniker seit vielen Jahren künstliche Gliedmaße für die Tetsudō Kōsaikai (鉄道弘済会 / てつどうこうさいかい – eine Stiftung die ursprünglich in den 1930er Jahren für Versehrte der Eisenbahnbetriebe gegründet worden war – deswegen auch das “tetsudō / 鉄道 / てつどう” im Namen, das für “Eisenbahn” steht) herstellt.

In Zusammenarbeit mit dem Fotografen Takao Ochi, der sich schon seit vielen Jahren auf die fotografische Dokumentation der Paralympics spezialisiert hatte, und elf Japanerinnen, die mit künstlichen Beinen leben, wurde die Idee geboren, der Welt die positiven Aspekte des Lebens als Amputierte zu zeigen. Das Ergebnis ist ein Fotobuch voller natürlicher Schönheit und lebendiger Ausstrahlung: Amputee Venus (切断ビーナス / せつだんビーナス). Das Buch wurde zuerst im Jahre 2014 in Japan veröffentlicht. Kürzlich erschien eine internationale Version mit einem englischsprachigen Einband.

Ein Schlüsselelement des Projekts war es auch, den Frauen eine Plattform zu bieten, auf der sie sich so präsentieren konnten, wie sie selbst sich sehen und gesehen werden wollen – in Situationen, die, jede auf ihre ganz eigene Weise, die Erfüllung eines Traums widerspiegeln. Ob bei der Ausübung von Sport, bei abenteuerlichen Unternehmungen oder ganz einfach dabei, sich den Traum eines Lebens in der Welt der Mode zu erfüllen – die Bilder geben Situationen wieder, die andere für selbstverständlich erachten mögen, die aber für Frauen mit Behinderungen nur schwerlich umsetzbar sind, solange sie die Fesseln der Scheu und falsch verstandener Scham nicht gesprengt haben.

Ein anderes Projekt, das in engem Zusammenhang mit den “Amputee Venus” steht, ist ein Sport-Club, der sich “Health Angels” nennt und den Herr Usui ins Leben gerufen hat, um Menschen mit künstlichen Gliedmaßen zu sportlicher Betätigung zu animieren und es ihnen zu ermöglichen, die Lebensfreude, die daraus erwachsen kann, am eigenen Leibe zu erfahren. In seiner jahrelangen beruflichen Beschäftigung mit Amputierten hatte er die Erfahrung gemacht, dass sportliche Betätigung nicht nur für die allgemeine Gesundheit der Betroffenen einen positiven Effekt hat, sondern diese sich auch unterstützend auf das Selbstwertgefühl auswirkt und einen positiven Umgang mit dem eigenen Körper ermöglicht. Wenn heute Teilnehmer an Paralympics-Wettkämpfen aus dieser Gruppe rekrutiert werden können, kommt dies nicht von ungefähr.

Ich hatte erst kürzlich die Chance, an zwei Veranstaltungen rund um die “Amputee Venus” teilzunehmen und mir selbst ein Bild von dem Erreichten zu verschaffen.

Zunächst gab es eine Veranstaltung am 8. Februar d.J. in “Al’s Café” in Takadanobaba (高田馬場 / たかだのばば) in Tōkyō. Hier wurde die internationale Ausgabe des Fotobuches “Amputee Venus” einem überwiegend nicht-japanischen Publikum vorgestellt. Dabei kam nicht nur der Fotograf selbst zu Wort, sondern auch der Orthopädiemechaniker und eine der weiblichen Fotomodelle. Ihre Erzählungen, das, was sie über ihre Motivation für dieses Projekt zu berichten hatten, ließ den ganzen Themenkreis in einem völlig neuen Licht erscheinen und machte mir auch klar, dass es noch jede Menge zu tun gibt, bis Menschen mit dieser Art körperlicher Behinderung den Respekt gezollt bekommen, der ihnen zusteht.

Die nächste Veranstaltung zum Thema wartete auf der “CP+2015”, der großen Kamera- und Foto-Messe, die vom 12. bis zum 15. Februar in Yokohama veranstaltet wurde, auf mich. Hier hatten die Frauen von “Amputee Venus” ihren großen Auftritt anlässlich von zwei Modenschauen, die zusammen mit dem schwedischen Kamerahersteller “Hasselblad” am 14. Februar am großen Messestand der Kamerafirma zur Aufführung kamen. Das war natürlich ein Anlass, der mir gleich mehrere Gründe gab, mal wieder nach Yokohama zu fahren (natürlich ist Yokohama ohnehin immer einen Ausflug wert).

Aber zunächst einmal war es ganz einfach atemberaubend, die Show der “Amputee Venus” zu sehen: Die jungen Frauen sind wirklich mit aller Macht aus ihrem eigenen Schatten ins Rampenlicht getreten.

Und natürlich war es fast genauso überwältigend, die zahlreichen Interessierten und die Aufmerksamkeit, die den “Amputee Venus” von den Medien entgegengebracht wurde, zu beobachten. Nicht zuletzt war es ja genau das, was mit der Kampagne erreicht werden sollte: Es sollte Öffentlichkeit hergestellt werden – um jedermann (und nicht nur persönlich Betroffenen) zu zeigen, dass das Tragen von Prothesen durchaus in einen Vorteil umgemünzt werden kann und es einem erfüllten Leben absolut nicht im Wege stehen muss.

Während ich die Show der Models verfolgte, versuchte ich auch immer wieder einen Blick auf die Zuschauer und zahlreichen Fotografen zu werfen, die allesamt mit ungeheurem Interesse und Freude bei der Sache zu sein schienen. Außerdem hatte ich dabei die Chance, den Fotografen des “Amputee Venus”-Buchs, Takao Ochi, in Aktion zu beobachten. Spätestens hier wurde klar, warum die Zusammenarbeit ein solcher Erfolg ist: Zwischen den Models und Ochi-san besteht offensichtlich ein ganz tiefes, gegenseitiges Verstehen und Vertrauen.

(Übrigens: Während bei der ersten Modenschau sechs “Amputee Venus” mit von der Partie waren, wurde das Team während der zweiten Show noch durch ein siebtes Model verstärkt.)

Und für all diejenigen, die gern sehen möchten, was sonst noch auf der CP+2015 los war, hier ein paar Impressionen aus Yokohama:

Zunächst die Messehallen, “Yokohama Pacifico“:

Und hier auch noch ein paar Bilder von der CP+2015 Fotomesse:

Und hier auch noch ein paar weitere Veröffentlichungen zum Thema:

Japan Times, Febr 6, 2015 (in Englisch)
Amputee women in Japan proudly step forward

The New York Times, Febr 17, 2015
In Japan, Women Amputees Step Out of the Shadows (leider nicht mehr verfügbar)

Amputee Venus”, the photobook (in Englisch)

Wonderful, wacky Japan by Alice Gordenker (in Englisch)

The photographer, Takao Ochis Englische Website

Tetsudō Kōsaikai (鉄道弘済会 / てつどうこうさいかい), der Arbeitgeber des Orthopädiemechanikers (in Japanisch)

 

Ein Wiedersehen mit der Gruppe “Amputee Venus”

Amputierte Venus (切断ビーナス) &
Health Angels (ヘルスエンジェルス)
– Junge Frauen treten aus ihrem eigenen Schatten – und hinaus ins Rampenlicht

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5 Responses to Amputierte Venus (切断ビーナス)

  1. […] deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier. A German version of this posting you can find […]

  2. tetesalima says:

    Aber über das japanische Frauenbild sagt das ja auch schon viel aus! Wenn die sih selber in diesen furchtbaren kostümen mit Hasenohren etc sehen wollen!!:-* Deine Sabine

  3. […] Leser erinnert sich z.B. an Artikel über das Toguri Kunstmuseum, meine Artikel über die „Amputierte Venus“ und das „Teien Kunstmuseum“, die allesamt unter der Führung Alice Gordenkers […]

  4. […] hat, als ich meine Artikel über das “Toguri Kunstmuseum“, das Projekt “Amputierte Venus” und das “Teien Kunstmuseum“ schrieb. Und Alice Gordenkers eigenen Blog finden Sie natürlich […]

  5. […] Amputierte Venus (切断ビーナス) – Befähigung, nicht Behinderung […]

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