Shimoda (下田) (dt.)

Japans (erzwungener) Aufbruch in die Moderne
oder: verträumtes Städtchen mit südlichem Flair

Shimoda (下田)

Shimoda (下田)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
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Wahrscheinlich machen sich die meisten Menschen, die keinen Bezug zu Japan haben, wenig Gedanken zu den klimatischen Verhältnissen in der Region Kantō – in einer Gegend, in der Tōkyō liegt und in der erst Anfang April die Kirschen blühen, kann man davon ausgehen, dass es eine Jahreszeit gibt, die man getrost als „Winter“ bezeichnen kann. Auf der gleichen nördlichen Breite wie Nordafrika gelegen, sorgt das Fehlen des Golfstroms dafür, dass es hier im Winter doch etwas kühler als in Nordafrika wird.
Um so mehr ist man überrascht, wenn man gerade mal 120 km Luftlinie südwestlich entfernt an der Südostspitze der Halbinsel Izu (伊豆半島 / いずはんとう) eine Landschaft und eine Vegetation antrifft, die schon leicht mediterran anmuten – oder gegebenenfalls auch Erinnerungen an die Kanalküste von Cornwall oder die Insel Guernsey wach werden. Das mag an den zahlreichen Palmen liegen, die für uns Nordlichter nun mal der Inbegriff der „Südlichkeit“ sind.


Shimoda (下田 / しもだ), im Norden geschützt durch die Amagi-Bergkette (天城連山 / あまぎれんざん) und im Süden erwärmt durch den Kuroshio (黒潮 / くろしお), eine warme Meeresströmung, die hier eine ähnliche Wirkung entfaltet, wie der Golfstrom für Europa, ist also ein Ziel, das sich schon aufgrund seiner Lage für einen Ausflug oder einen längeren Aufenthalt auch im Winter anbietet. Die Stadt selbst liegt in einem malerischen Tal an der Mündung des Inōzawa-Flusses (稲生沢川 / いのうざわがわ), der in einen weiten Naturhafen im Pazifik fließt. Eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen sind heute die natürlichen, heißen Mineralwasserquellen – hier wird das Wasser aber natürlich nicht ganz profan getrunken, sondern darin gebadet. Die japanische Bade-Kultur ist nicht umsonst auf der ganzen Welt berühmt.

Diese natürlichen Gegebenheiten haben schon zu Urzeiten dafür gesorgt, dass die Gegend um Shimoda besiedelt wurde. Die Wichtigkeit Shimodas wurde besonders in der Edo-Zeit, als die Tokugawa Shōgune Japan für 265 Jahre (von 1603 bis 1868) regierten und von der Außenwelt weitestgehend abgeschottet hielten, dadurch unterstrichen, dass es als shōgunaler Landbesitz (天領 / てんりょう) direkt vom jeweiligen Shōgun regiert und verwaltet wurde. Seinerzeit galt Shimoda als einer der wichtigsten Häfen für den küstennahen Schiffsverkehr des Landes. Um die Hauptstadt zu schützen, durfte kein Schiff Edo (das alte Tōkyō) anlaufen, ohne hier vorher Halt gemacht zu haben.

Seinen Niederschlag in den Geschichtsbüchern hat Shimoda allerdings mit dem Auftauchen der „Schwarzen Schiffe“ (黒船 / くろふね) gefunden, mit denen Commodore Matthew Perry am 8. Juli 1853 vor der Bucht von Tōkyō (nahe dem heutigen Yokosuka) aufgetaucht war und Japan zwingen wollte, sich für Handelsbeziehungen mit den USA zu öffnen. Ein Dreivierteljahr später (im März 1854) wurde der „Vertrag von Kanagawa“ (神奈川条約 / かながわじょうやく), euphemistisch auch „Japanisch-amerikanischer Freundschaftsvertrag” (日米和親条約 / にちべいわしんじょうやく) genannt, geschlossen, der wiederum im Juli 1858 durch den im Ryōsen-Tempel (了仙寺 / りょうせんじ) (siehe unten) in Shimoda unterzeichneten, so genannten „Japanisch-amerikanischen Freundschafts- und Handelsvertrag“ (日米修好通商条約 / にちべいしゅうこうつうしょうじょうやく), abgelöst wurde. Wie die Hyänen waren alle imperialen Mächte der damaligen Zeit u.a. über Japan hergefallen und hatten seine technische und militärische Rückständigkeit schamlos zu so genannten „Ungleichen Verträgen“ ausgenutzt, die den neuen „Handelsfreunden“ Japans jede Menge Vorteile brachten, den Japanern aber im Wesentlichen Souveränitätsbeschränkungen aufbürdeten.

Allerdings war das, was man aus heutiger Sicht durchaus als imperialistische Unterjochung eines unterlegenen Gegners bezeichnen könnte (aber natürlich war die Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Japan eine Periode des Umbruchs – nicht umsonst wurde in den 1860er Jahren die Epoche der Shōgunats-Regierungen beendet und die Macht des Kaisers in einem vergleichsweise modernen Staatswesen etabliert), für Japan auch der Auslöser für eine auf der Welt beispiellose Modernisierung des Landes. Deswegen wird der Vertrag von Shimoda im japanischen Bewusstsein offensichtlich überhaupt nicht als Schmach empfunden, sondern als Sternstunde in der Entwicklung des Landes geschätzt.

Ich gehe einmal davon aus, dass es nicht notwendig ist, dass ich hier noch eine ausführlichere Geschichtsstunde abhalte. Die stürmische Entwicklung, die Japan bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genommen hat, wird bekannt sein. Und letztendlich lässt sich auch der grandiose wirtschaftliche Aufstieg Japans nach dem 2. Weltkrieg (von seinen militärischen „Erfolgen“ während desselben soll an dieser Stelle nicht die Rede sein), als die ganze Welt vor der Leistungskraft der „Japan AG“ den Atem anhielt, mit der damaligen japanischen Eigenschaft erklären, fremdes Wissen bereitwillig anzunehmen, für den eigenen Bedarf zu modifizieren und weiterzuentwickeln.

Für den Besucher Shimodas wird einiges getan, um ihn an die Geschehnisse Mitte des 19. Jahrhunderts zu erinnern. Am „Perry Landungs-Punkt“ z.B. steht nicht nur eine Büste des Commodore Perry, hier brennt auch seit dem 31. Mai 2004 die „Amerikanisch-japanische Freundschaftsflamme“, gleich neben der Gedenktafel vom 31. März 2004 mit einer „Nachricht des Präsidenten George W. Bush an die Stadt Shimoda aus Anlass des 150. Jahrestages der amerikanisch-japanischen Beziehungen“. Im historischen Museum der Stadt wird ebenfalls ausführlich auf die historischen Ereignisse eingegangen.

Zu den Schmuckstücken der ansonsten – ich erröte, dies sagen zu müssen – eher unscheinbaren Stadt gehört außerdem die Perry Road (ペリーロード), die Commodore Perry und die Seinen vom Hafen kommend hinunter gelaufen sein soll, als er zur Unterzeichnung der Verträge zum Ryōsen-Tempel ging. Dieses kleine Viertel entlang des Hiraname-Flusses bemüht sich auch heute noch darum, den Charme der damaligen Zeit zu konservieren. Cafés, Restaurants und Antik-Shops laden zum Verweilen und Stöbern ein.

Für all diejenigen, die sich auch für die sakralen Bauwerke der Stadt interessieren, hier ein paar der Tempel und Schreine der Stadt:

Tōden-ji (稲田時)

Tōden-ji (稲田時)

Tōden-ji (稲田時)

Tōden-ji (稲田時)

Tōden-ji (稲田時)

Kaizen-ji (海善寺)

Kaizen-ji (海善寺)

Kaizen-ji (海善寺)

Hōfuku-ji (宝福寺)

Hōfuku-ji (宝福寺)

Hōfuku-ji (宝福寺)

Der im Jahre 1559 gegründete Tempel erinnert heute in erster Linie an das tragische Schicksal des Dienstmädchens des ersten US-Konsulats auf japanischem Boden, das sich hier in Shimoda befand. Das 15-jährige Mädchen Okichi, das mit den Schikanen, die sie ob ihrer Tätigkeit für einen Ausländer von den Einheimischen erdulden musste, nicht zurecht gekommen war, hatte sich in den nahegelegenen Inozawa-Fluss gestürzt und ertränkt. Später wurde Okichi ein Symbol für die negative Seite der Modernisierung Japans.

Hachiman Jinja (八幡神社)

Der Hachiman-Schrein ist der größte der Stadt und geht auf eine Gründung vor 700 Jahren zurück. Er ist für sein Sommerfestival am 14. und 15. August und seine Trommelparade berühmt.

Ryōsen-ji (了仙寺)

Ryōsen-ji (了仙寺)

Ryōsen-ji (了仙寺)

Dieser im Jahre 1635 gegründete Tempel der Nichiren-Sekte des Buddhismus gehört zu den geschichtsträchtigsten der Stadt. Wie oben bereits erwähnt, fand hier im Juli 1858 die Unterzeichnung des „Japanisch-amerikanischer Freundschafts- und Handelsvertrages” ( 日米修好通商条約 / にちべいしゅうこうつうしょうじょうやく) durch Commodore Perry statt.

Seien sie nicht überrascht, wenn Sie an verschiedenen Stellen Gedenktafeln mit in Granit gemeißelten Stichen von Wilhelm Heine finden, der hier aber immer „Wilhelmu Heine“ genannt wird (das passiert schon mal, wenn man westliche Namen aus dem japanischen Silbenalphabet zurückübersetzt, ohne den Namen der betroffenen Person wirklich zu kennen). Für all diejenigen, die ihn nicht kennen: Wilhelm Heine aus Dresden lebte von 1827 bis 1885 und hatte nicht nur Commodore Perry auf seinen Fahrten nach Japan begleitet, sondern war in den 1860er Jahren auch Reisemaler der preußischen Eulenburg-Expedition nach Ostasien gewesen.

Hachiman Jinja (八幡神社) - Wilhelm Heine

Hachiman Jinja (八幡神社) – Wilhelm Heine

Und wenn Sie sich einen Überblick über die Stadt, die herrliche Bergwelt und die zerklüftete Küste dieses Abschnitts der Halbinsel Izu verschaffen wollen, fahren Sie von der Innenstadt Shimodas mit er „Shimoda Ropeway“ (下田ロープウェイ), 156 Meter höher zur Bergstation des Nesugatayama (寝姿山 / ねすがたやま), des „Hausbergs“ von Shimoda. Hier hatte der Shōgun seinerzeit noch eine Abwehrbatterie einrichten lassen, nachdem im April 1849 ein englisches Erkundungsschiff in den Gewässern vor Shimoda gesichtet worden war. Genutzt hat es ihm offensichtlich nichts. Der Bergrücken ist in einen Park umgestaltet worden, der bei immer wieder anderen Blicken über den Hafen, die umliegenden Berge und den Pazifik (bis hinaus zu den der Halbinsel Izu vorgelagerten Inseln) zum Spazierengehen einlädt. Lassen Sie sich dabei auch den buddhistischen Tempel, Aizen-dō (愛染堂 / あいぜんどう) mit seinem „Liebes-Powerspot“ nicht entgehen.

Freunde der Meereslebewesen kommen wahrscheinlich im “Shimoda Aquarium” (下田海中水族館 / しもだかいちゅうすいぞくかん) auf ihre Kosten. Auf der Südseite des Shimoda Parks (下田公園 / しもだこうえん) südlich der Perry Road gelegen (entlang der Küste knapp 1 km bis zur Perry Road, zum Bahnhof von Shimoda sind es knapp 2 km). Hier sind im offenen Gewässer lebende Delphine die Hauptattraktion und die im „Perry Aqua Dome“ (アクアドームペリー号) in einem 600 Kubikmeter fassenden, überdachten Becken gezeigten Rochen und Haie.

Shimoda Aquarium (下田海中水族館)

Shimoda Aquarium (下田海中水族館)

Shimoda Aquarium (下田海中水族館)

Shimoda Aquarium (下田海中水族館)

Wie man hinkommt:

Sehr bequem und ohne umsteigen reist man z.B. aus Tōkyō mit dem „Superview Odoriko“ (スーパービュー踊り子) an – entweder vom Bahnhof Shinjuku oder vom Bahnhof Tōkyō (Fahrtzeit ca. 2 ¾ Stunden; Fahrpreis zwischen 5.640 und 6.640 Yen). Der Zielbahnhof in Shimoda heißt „Izukyū Shimoda“ (伊豆急下田 / いずきゅうしもだ). Die Fahrt entlang der Ostküste der Halbinsel Izu ist also solche den Ausflug schon wert. Wer Zeit hat, sollte unterwegs Zwischenstopps einplanen.

Und falls Sie in Shimoda hungrig werden sollten:

Das gastronomische Angebot in der Stadt ist sicher eher bescheiden zu nennen. Aber die drei Lokale, die ich selbst ausprobiert und für gut befunden habe, will ich Ihnen nicht vorenthalten. Allerdings sollten Sie für einen Besuch der genannten Lokale Grundkenntnisse im Japanischen mitbringen.

Sollte Ihnen nach hausgemachten Soba (Buchweizen-Nudeln) sein, dann probieren Sie das „Yabu Soba“ (薮そば / やぶそば), das Lokal ist mit “Teuchi Soba Yabu” (手打ちそば 藪 / てうちそばやぶ) beschriftet und liegt auf der Nordwestseite des Bahnhofs. Hier bekommen Sie auch außerhalb der regulären „Essenszeiten“ etwas zu essen (geöffnet täglich außer donnerstags von 11 Uhr bis 20 Uhr).

Adresse:
1-4-16 Nishi Hongō, Shimoda, Shizuoka-ken
静岡県下田市西本郷1-4-16

Und wenn’s ein bisschen rustikaler sein darf, bietet sich für den Abend die Kneipe „Kaikoku Chūbō Bochi Bochi“ (開国厨房 ぼちぼち / かいこくちゅうぼうぼちぼち) an. Frischer Fisch, Gegrilltes, leckerer Sake – und natürlich auch gezapftes Bier – in einer Atmosphäre, die von Postern japanischer Popstars der 80er Jahre dominiert wird, können Sie in die Welt der Einheimischen eintauchen.

Geöffnet täglich 17 Uhr bis 24 Uhr.

Adresse:
1-15 Shimoda Itchome, Shimoda, Shizuoka
静岡県下田市一丁目1-15

Zur gleichen “Familie” von Restaurants gehört auch das „Kaikoku Chūbō Naka Naka“ (開国厨房 なかなか / かいこくちゅうぼうなかなか), wo man sich eher nach Okinawa versetzt fühlen kann. Auch hier geht es eher rustikal zu. Und falls Sie sich gefragt haben sollten, was dieses ominöse “Kaikoku Chūbō” überhaupt bedeutet: Es lässt sich ganz frei mit “Landöffnungs-Küche” übersetzen, was an die Küche erinnert, die vor gut 150 Jahren gepflegt wurde und die erstmals seit langer Zeit wieder mit ausländischen Einflüssen konfrontiert wurde.

Geöffnet täglich außer sonntags von 17 Uhr bis 24 Uhr.

Adresse:
13-8 Shimoda Itchome, Shimoda, Shizuoka
静岡県下田市一丁目13-8

Und sollten Sie unterwegs noch über ein Restaurant mit dem Namen „Kaikoku Chūbō Nami Nami“ (開国厨房 なみなみ / かいこくちゅうぼうなみなみ) stolpern (das angeblich keinen Ruhetag kennt, aber am Tag meines Besuchs dennoch geschlossen war), dann können Sie sich schon ungefähr denken, worauf Sie sich dort einlassen würden.

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