Nō (能) – Japans uralte Form des Theaters

Der Versuch einer Einführung

Nō-Bühne am Hatomori Hachimangū, Sendagaya

Nō-Bühne am Hatomori Hachimangū, Sendagaya

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Nachdem ich das anregende Vergnügen hatte, mich anlässlich einer Lehrvorführung im “Artcomplex Center of Tōkyō” (Details hierzu finden Sie am Ende des Artikels) etwas näher mit einem eher außergewöhnlichen Thema zu beschäftigen, begebe ich mich heute auf das schlüpfrige Terrain des Versuchs, eine ganz spezifische Ausprägung japanischer Kultur mit Worten zu beschreiben, die mit Worten gar nicht beschreibbar ist. Es geht um Nō (能 / のう), eine der ältesten Theaterformen Japans – und die vielleicht auch japanischste von allen. Es gibt Leute, die Nō in ihrer Verzweiflung mit westlichen Opern vergleichen – dabei kann es kaum einen unpassenderen Vergleich geben. Aber auch andere Vergleiche hinken im günstigsten Falle nur – vielleicht kommt man einer Umschreibung mit „Formalismus“ (wenn es den als Theaterkunstform gäbe) am nächsten. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Schriftzeichen für Nō (能) auch Talent, Begabung, Funktion, Fähigkeit und Können bedeutet, weiß man auch, welche Grundtugenden diese Form des Schauspiels erfordert.

Böse Zungen behaupten, bei Nō handele es sich um eine Mischung aus unharmonischem Gesang, unerfindlichen Rhythmen und einem Nichts an Handlung, die auf der Bühne zu verfolgen sind. Wie immer liegen die bösen Zungen natürlich völlig daneben. Sie lassen sich lediglich von der grundsätzlichen Schlichtheit des Nō-Spiels blenden.

Zur Geschichte:

Nō hat sich aus populären Theaterformen der Nara-Zeit (794-1185) und rituellen Opfer- und Zeremonientänzen entwickelt und stammt in seiner jetzigen Form aus dem 14. Jahrhundert. In Japan ist man also mit Recht stolz darauf, über eine Form des Theaterspiels zu verfügen, die schon fast 200 Jahre vor Shakespeare durch die Werke Motokiyo Zeamis (世阿弥 元清 / ぜあみ・もときよ) (1363-1443), Sohn eines seinerzeit berühmten Nō-Schauspielers und Günstling des damaligen Shōguns, zu ihrer Vollendung gelangt ist. Die Prinzipien des Nō-Spiels hatte Zeami in dem Traktat „Kadensho“ (花伝書 / かでんしょ) (auch „Fūshi Kaden“ (風姿花伝 / ふうしかでん) genannt) gegen Ende des 14./Anfang des 15. Jahrhunderts festgeschrieben.

Dass diese Form des Theaters auch jenseits der Grenzen Japans wertgeschätzt wird, findet seinen Ausdruck in dem Umstand, dass Nō 2001 in die UNESCO-Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen wurde.

Die etwa 200 Nō-Stücke, die heute noch regelmäßig zur Aufführung kommen, drehen sich fast ausschließlich um Themen der chinesischen oder japanischen Mythologie. Dabei teilt man die Stücke in „göttliche Dramen“, „männliche Dramen“, „weibliche Dramen“, „Dramen vom Wahnsinn“ und „Ungeheuer-Dramen“ ein.
Ursprünglich wurden Nō-Dramen ausschließlich von Männern aufgeführt – seit der Meiji-Zeit (1868-1912) findet man allerdings auch weibliche Darstellerinnen.

Die Nō-Bühne:

Nō-Bühnen zeichnen sich in erster Linie durch eines aus: ihre Schlichtheit! In Nō-Spielen wird weitestgehend auf Dekorationen verzichtet. Außerdem kennt die Nō-Bühne keinen Vorhang. Da Nō-Spiele ursprünglich im Freien aufgeführt wurde, ahmt die traditionelle Nō-Bühne auch heute noch eine „Szene“ im Freien nach: Sie befindet sich meist unter einem geschwungenen Dach (wie man es auch von Tempel- und Schreinbauten kennt), ist nach drei Seiten offen und nur durch ein Gemälde mit Kiefer, das den Hintergrund bildet, „verziert“.
Die Bühne wird traditionell von links über einen „hashigakari“ (橋懸り/橋掛り / はしがかり) genannten Steg betreten. Die enge Verknüpfung des Nō-Spiels mit dem Shintō (der alten Religion Japans) wird durch die Tatsache offenbar, dass sehr viele Schreine über eigene Nō-Bühnen verfügen. Als Beispiel füge ich zwei Fotos von der Nō-Bühne des Hatomori Hachiman Schreins in Sendagaya (Shibuya, Tōkyō) (鳩森八幡宮 / はともりはちまんぐう) bei.

Weil es für den Nō-Novizen wohl von besonderer Faszination ist, kommen wir zunächst auf ein Haupterkennungsmerkmal des Nō-Spiels zu sprechen:

Die Bewegungen:

Die Handlungen von Nō-Stücken werden in Form von „Tänzen“ (die sich dem westlichen Auge nicht als „Tanz“ erschließen) aufgeführt, die strengen Regeln für die Bewegungs- und Haltungsmuster (kata / 型 / かた) unterliegen und auch z.B. für den Ausdruck von Emotionen festgelegt sind. Zwei dieser „kata“ sollen hier beschrieben werden:
Das wichtigste „kata“ ist das „kamae“ (構え / かまえ), was mit „Positur, Haltung“ übersetzt werden kann und die grundsätzliche Körperhaltung während des Nō-Schauspiels beschreibt: Die Knie sind ganz leicht gekrümmt, was den Körperschwerpunkt des Schauspielers senkt. Der Oberkörper ist gestreckt, die Arme mit den Ellbogen nach außen leicht angewinkelt, und in der rechten Hand wird ein Fächer gehalten.
Diese Positur wird auch bei der wichtigsten Bewegung im Nō beibehalten, beim „hakobi“ (運び / はこび), der wahrscheinlich auch eindrücklichsten der Bewegungen im Nō-Tanz. Die Füße gleiten hierbei über den Boden, ohne dass sie von diesem abgehoben werden. Auch bei Drehbewegungen verlassen die Füße den Boden nicht – sie werden durch Drehungen über den großen Fußzeh und den Ballen vollzogen. Dieses „hakobi“ gibt dem Nō-Tanz seine „eigenartige“ Anmutung, weil der Schauspieler auf fast magische Art und Weise über den Boden gleitet. Die Bewegungen sind in ihrem Ablauf sehr langsam.

Seinen besonderen exotischen Reiz gewinnt das Nō-Schauspiel aber auch durch

Die Nō-Masken:

Die „Nō-men” (能面 / のうめん) genannten Masken werden in aller Regel aus einem leichten Holz (vorzugsweise das Holz der japanischen Zypresse) gefertigt, das einen jahrelangen Lagerungsprozess in Frischwasser und Salzwasser hinter sich gebracht hat. Die Form der heute benutzten Masken hat sich bis ins späte 17. Jahrhundert hinein entwickelt. Bezeichnend für die Masken ist die Tatsache, dass sie auffallend kleiner als das menschliche Gesicht sind (was u.a. den Schauspieler noch größer erscheinen lässt).
Diese Masken allein sind schon Kunstwerke an sich. Einige der vielen hundert verschiedenen Maskenarten werden nur für ein, zwei bestimmte Nō-Spiele benutzt. Die große Vielzahl an Masken ist nicht nur den unterschiedlichen Charakteren (z.B. Masken zur Darstellung junger bzw. alter Männer/Frauen, zur Darstellung von Dämonen und Geistern etc.) geschuldet, die auf der Bühne dargestellt werden, sondern auch dem Umstand, dass diese Masken in der Lage sein müssen, Gefühle in großem Facettenreichtum, aber eben auch einem strengen Code folgend wiederzugeben. Eine weitere Besonderheit dieser Masken: Mit vielen von ihnen kann, je nach Neigungswinkel, ein anderer Gemütszustand zum Ausdruck gebracht werden.

Als Beispiel zeige ich hier die Maske des Shōjō ( 猩々 / しょうじょう), eines legendären, menschenähnlichen chinesischen Ungeheuers, das Alkohol liebt und die Hauptfigur des während der Lehrverfügung aufgeführten Tanzes war.

Nō-Maske des Shōjō (猩々) / Teruhisa Ōshima (大島輝久)

Nō-Maske des Shōjō (猩々) / Teruhisa Ōshima (大島輝久)

Nō-Maske des Shōjō (猩々) (Innenseite) / Teruhisa Ōshima (大島輝久)

Nō-Maske des Shōjō (猩々) (Innenseite) / Teruhisa Ōshima (大島輝久)

Die Musikinstrumente:

Nō-Dramen werden in aller Regel von einer Flöte, Nōkan (能管 / のうかん) genannt, und drei Trommeln, dem sogenannten „Hayashi-Ensemble“ (能囃子 / のうばやし), begleitet. Hier kommen meist sich im Aufbau und der Spielweise stark ähnelnde Ōtsuzumi (大鼓 / おおつづみ) (sie wird meist in der Hüfte aufgestützt gespielt) und Kotsuzumi (小鼓 / こつづみ) (auch als „Schulter-Trommel“ bekannt), sowie eine Taiko (太鼓 / たいこ) zum Einsatz. In meinem Artikel über die Werkstätten von Miyamoto Unosuke (宮本卯之助 / みやもと・うのすけ) sind diese Trommeln genauer beschrieben. Schauen Sie doch mal vorbei! Hier ist der Link.

Nōkan (能管) (Flöte) /Akira Kitaku (規宅聡)

Nōkan (能管) (Flöte) /Satoshi Kitaku (規宅聡)

Ōtsuzumi (大鼓) / Eitarō Ōkura (大倉栄太郎) & Kotsuzumi (小鼓) / Yōko Ōyama (大山容子)

Ōtsuzumi (大鼓) / Eitarō Ōkura (大倉栄太郎) & Kotsuzumi (小鼓) / Yōko Ōyama (大山容子)

Taiko (太鼓) / Noriyoshi Ōkawa (大川典良)

Taiko (太鼓) / Noriyoshi Ōkawa (大川典良)

Taiko (太鼓) / Noriyoshi Ōkawa (大川典良)

Taiko (太鼓) / Noriyoshi Ōkawa (大川典良)

Der Gesang:

Da Nō nicht nur ein Tanz-, sondern auch ein Gesangsdrama ist (weswegen es fälschlich auch oft mit Opern verglichen wird), kommt dem Gesang (durch die Schauspieler, wie auch durch einen Chor) eine besondere Rolle zu. Typisch für den Nō-Gesang ist sein eingeschränkter Klangraum. Der Gesang legt seinen Schwerpunkt nicht auf die Melodie, sondern ist – zusammen mit einem äußerst zurückhaltenden Einsatz von Ausdruck, dafür aber um so vielfältigeren Anspielungen – ein Element zur Übermittlung der poetischen Inhalte des Stücks.

Die Kostüme:

Ein wahres Fest für das Auge sind natürlich die traditionellen Kostüme, die die Schauspieler auf der Bühne tragen. Hier wird nicht selten auf wirklich sehr alte Kimono zurückgegriffen – und selbst die Roben, die während der Meiji-Zeit (1868-1912) basierend auf alten Vorlagen nachgeschneidert wurden, sind heute so in die Jahre gekommen, dass sie als regelrechte Kunstschätze bezeichnet werden können. Die aufwändigen Seiden- und Brokatstoffe werden einerseits durch die oft jahrzehntelange Benutzung strapaziert, andererseits auch pfleglich behandelt. Schon beim Anziehen wird darauf geachtet, dass der Stoff nicht unnötig mit dem Schweiß des Schauspielers in Berührung kommt, da die Kimono in aller Regel nicht chemisch gereinigt werden dürfen.
Das Anlegen des Kostüms ist aufwändig – meist ist hierzu Hilfestellung durch andere Mitwirkende oder spezielle Garderobiere erforderlich.

Hiermit haben Sie einen groben Überblick über die wichtigsten Elemente auf einer Nō-Bühne erhalten. Sollte dies bei Ihnen weiteres Interesse für diese im wahrsten Sinne exotische Form des Schauspiels geweckt haben, hier gleich…

Eine der ganz wichtigen Adressen für Nō-Vorstellungen in Japan:

Das 1983 errichtete, moderne Gebäude des National Nō-Theaters (国立能楽堂 / こくりつのうがくどう), das 591 Zuschauern Platz bietet.

4-18-1, Sendagaya, Shibuya-ku, Tōkyō 151-0051

Nationales Nō-Theater (国立能楽堂)

Nationales Nō-Theater (国立能楽堂)

Wie man hinkommt:

Mit der JR Chūō/Sōbu-Linie (JR中央/総武線 / JRちゅうおう/そうぶせん) nach Sendagaya (千駄ヶ谷 / せんだがや) und von dort ca. 5 Minuten zu Fuß in westlicher Richtung.

Mit der Toei Subway Ōedo-Linie (都営地下鉄大江戸線 / とえいちかてつおおえどせん) nach Kokuritsu Kyōgijō (国立競技場 / こくりつきょうぎじょう) und ebenfalls ca. 5 Minuten zu Fuß in westlicher Richtung.

Details zur Lehrveranstaltung:

Die Veranstaltung im Tōkyō Artcomplex Center am 6. Dezember 2014 stand unter dem Motto “~産み出し、紡ぎ、継続し続ける。~” (frei übersetzt: Entstehung, Entwicklung, Fortsetzung). Mitwirkende waren u.a.

  • Teruhisa Ōshima (大島輝久): Tanz, Musik und Gesang (舞囃子), der auch durch die Veranstaltung führte
  • Kinue Ōshima (大島衣恵): Hauptdarstellerin des Ausschnittes aus dem Stück „Shōjō“ ( 猩々 / しょうじょう) und der Vorführung des Kimono-Anlegens
  • Satoshi Kitaku (規宅聡): Flöte (笛)
  • Yōko Ōyama (大山容子): Kotsuzumi (小鼓)
  • Eitarō Ōkura (大倉栄太郎): Ōtsuzumi (大鼓)
  • Noriyoshi Ōkawa (大川典良): Taiko (太鼓)
  • Allan West: Bühnenhintergrund, Paravent-Malerei
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One Response to Nō (能) – Japans uralte Form des Theaters

  1. […] deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier. A German version of this posting you can find […]

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