Teien Kunstmuseum (庭園美術館)

Art Déco vom Feinsten
Oder: Wo französische Lebensart auf japanische Handwerkskunst trifft

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館)

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Das Teien Kunstmuseum (eigentlich: Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館 / とうきょうとていえんびじゅつかん) im Tōkyōter Innenstadtteil Minato (港区 / みなとく) ist nicht einfach nur ein Ort exquisiten Kunstgenusses, sondern sein Hauptgebäude ist gleichzeitig auch noch ein wahres Schmuckstück des Art Déco (für die Nichtfranzosen unter uns, „Art Déco“ ist eine Abkürzung des französischen „arts décoratifs“, was so viel wie „verzierende Künste“ bedeutet). Und um diesen Teil des Komplexes soll es hier in erster Linie gehen.

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館)

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館)

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館)

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館)

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館)

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館)

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館)

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館)

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館) – Main Entrance Hall

Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum (東京都庭園美術館) – Main Entrance Hall

Wer würde schon damit rechnen, ausgerechnet in Tōkyō auf ein so mustergültiges Zeugnis dieser vergleichsweise kurzen Kunstperiode zu treffen – in einer Stadt, in der nur extrem wenige Gebäude entweder das große Erdbeben von 1923 oder die Bombardements des 2. Weltkrieges überstanden haben? Hier verbinden sich die strengen Formen der Moderne mit der für das Art Déco so bezeichnenden Hingabe an das Schöne, mit hochwertigen Materialien und einem kräftigen Hauch Sinnlichkeit. Im Art Déco lebt in gewissem Sinne das weiter, was der Jugendstil ein paar Jahrzehnte davor vorgegeben hatte.

Die Eingangshalle mit den Glasskulpturen von René Lalique:
(Bitte klicken Sie auf die Miniaturen, um eine Diashow im Bildschirmformat aufzurufen.)

War das Teien Kunstmuseum schon seit 1983 ein Anziehungspunkt für alle, die nicht nur „zum Gebäude passende“ Ausstellungen erleben wollten, sondern sich für das Gebäude als solches interessierten, haben erst die im November 2014 abgeschlossenen, mehrjährigen Renovierungsarbeiten das Bauwerk wieder so recht in das Schmuckstück verwandelt, als das es im Jahre 1933 als prinzlicher Palast eröffnet worden war.

Die Große Halle:

Seinerzeit hatte sich Prinz Asaka Yasuhiko (朝香宮鳩彦王 / あさかのみややすひこおう), aus dem erst 1906 durch ihn gegründeten Asaka-Zweig der kaiserlichen Familie, dieses Gebäude als Residenz errichten lassen. Zwar hat sich Prinz Asaka in die Geschichtsbücher in erster Linie als rechtsgerichteter Militarist eingebracht und dort auch ein eher unrühmliches Kapitel im Zusammenhang mit dem sogenannten „Nanking Massaker“ geschrieben, aber hier soll es weniger um die Person gehen, als die architektonische und stilistische Glanzleistung, die er seinerzeit in Auftrag geben hatte. Warum er partout eine Art Déco-Villa haben musste, ist schnell erzählt:

Das Vorzimmer mit Parfümturm:

Er hatte sich 1922 zur Vervollkommnung seiner militärischen Ausbildung nach Frankreich begeben, um dort an der “École Spéciale Militaire de Saint-Cyr” zu studieren. Dort wurde er bei einem Autounfall am 1. April 1923 so ernsthaft verletzt (sein Cousin, der mit ihn begleitete, war bei dem Unfall gar ums Leben bekommen), dass seine Frau, Prinzessin Nobuko (鳩彦王妃允子内親王 / やすひこおうひのぶこないしんのう) (die achte Tochter/das zwölfte Kind des Meiji-Kaisers) nach Frankreich geeilt kam, um ihn zu pflegen. Er überstand die Folgen des Unfalls, musste aber den Rest seines Lebens humpelnd verbringen. Gleichzeitig hatte der Unfall aber auch zur Folge, dass beide länger in Frankreich verweilten, als ursprünglich geplant war und dabei besonders die Prinzessin ihr Faible für Art Déco entdeckte. Deswegen kam nach ihrer Rückkehr nach Japan im Jahre 1925 beim Bau ihrer Hauptstadtresidenz nur dieser Stil, der damals ganz en vogue war, in Frage. Besonders Prinzessin Nobuko muss sich mit besonderer Liebe für Details hervorgetan haben – traurigerweise starb sie kurze Zeit nach Fertigstellung des Gebäudes im November 1933.

Der Salon:

Für den Prinzenpalast war nicht nur „state of the art“ Bautechnik zum Einsatz gekommen, sondern auch darauf geachtet worden, dass nur die hochwertigsten Materialien bei der Ausgestaltung der Räume Verwendung fanden, die dann auch schon mal vom anderen Ende der Erde herangeschafft werden mussten. Dieser materielle Einsatz hätte aber nicht zwangsläufig zu einem Glanzlicht des Art Déco auf japanischem Boden führen müssen, wäre es unter der Leitung des Kaiserlichen Hofamtes nicht auch noch zu einem wahrscheinlich einmalig zu nennenden Zusammenspiel zwischen dem Geschmack französischer Designer (hier sei in erster Linie Henri Rapin genannt, der für das Design der Haupträume verantwortlich zeichnete – nicht zu vergessen Ivan-Léon Blanchot und René Lalique) und dem Können japanischer Handwerker gekommen. Interessant vielleicht: Rapin hat nie einen Fuß auf japanischen Boden gesetzt – schon damals war man offensichtlich in der Lage – ganz ohne Internet und Skype – über die Kontinente und Sprachbarrieren hinweg zu kooperieren.

Der Große Speisesaal:

Nach dem Kriege schied Prinz Asaka im Jahre 1947 aus dem Kaiserhaus aus – das Gebäude und das weitläufige Parkgrundstück fielen an den Staat. Es wurde von 1947 bis 1950 als offizielle Residenz des Premierministers und wurde von Shigeru Yoshida (吉田茂 / よしだしげる), der sowohl als Premierminister als auch als Außenminister diente, aber selbstverständlich die ehemalige Residenz den Prinzen Asaka bevorzugte (wer würde das nicht?). Eine Zeitlang diente die Residenz auch als Gästehaus für Staatsgäste, wurde aber schließlich an die Eisenbahngesellschaft „Seibu“ (Seibu Tetsudō K.K. / 西武鉄道株式会社 / せいぶてつどうかぶしきかいしゃ) verkauft. Die Stadt Tōkyō kaufte den Komplex im Jahre 1981 und machte ihn schließlich im Oktober 1983 der Öffentlichkeit als Kunstmuseum zugänglich.

Das Kleine Speisezimmer:

Bei der „Umwidmung“ des einstigen Residenzgebäudes in eine Kunstgalerie waren einige stilistische Änderungen vorgenommen worden, die mit der 2014 abgeschlossenen Renovierung teilweise wieder rückgängig gemacht werden konnten. Allerdings konnte in den meisten Räumen nicht zu der ursprünglichen Wandgestaltung mit aufwändigen Tapeten zurückgekehrt werden (diese waren Anfang der 80er Jahre durch schlichtere Ausführungen ersetzt worden, um den Kunstausstellungen nicht den Rang abzulaufen) – hier sind lediglich durch einen glücklichen Zufall gerettete Muster der damaligen Wanddekorationen ausgestellt.

Die Haupttreppe & die Halle im Obergeschoss:

Wohnräume im Obergeschoss:

Hier ein paar technische Daten zum Hauptgebäude:

  • Grundfläche: 1.048,29 qm
  • Gesamte Wohnfläche: 2.100,47 qm
  • Struktur: drei oberirdische Stockwerke und ein Untergeschoss, Stahlbeton
  • Architektonische Gestaltung: Kaiserliches Bauamt mit seinen Hofhandwerkern unter der Leitung von Yōkichi Gondō (権藤要吉 / ごんどうようきち)
  • Innenarchitektur: Henri Rapin (Große Halle, Salon, Vorzimmer mit Parfümturm, Großer Speisesaal, Arbeitskabinett des Prinzen)
  • Fertigstellung: 1933

Außerdem verfügt das Tōkyō Metropolitan Teien Art Museum nun auch noch über einen modernen Ausstellungskomplex, der durch einen Korridor mit dem ehemaligen Residenzgebäude verbunden ist.

Aber weiter mit unserem Rundgang…

Wohn- und Arbeitsräume im Obergeschoss:

Die weitläufige Gartenanlage, in der der Museumskomplex liegt, ist zudem ein Schmuckstück unter den Gärten Tōkyōs und zu jeder Jahreszeit mehr als einfach nur sehenswert.

Und wem das nicht Natur genug ist, findet gleich nebenan die noch weitläufigere Anlage des Nationalparks für Naturstudien (国立科学博物館附属自然教育園 / こくりつかがくはくぶつかんふぞくしぜんきょういくえん).

Das Badezimmer im Obergeschoss:

Wie man hinkommt:

Mit der Tōkyō Metro Namboku-Linie (東京メトロ南北線 / とうきょうメトロなんぼくせん) oder der Toei Subway Mita-Linie (都営三田線 / とえいみたせん) nach Shirokanedai (白金台 / しろかねだい), Ausgang Nr. 1 – zu Fuß ca. 6 Minuten entlang der Meguro Dōri (目黒通り / めぐろどおり) in westlicher Richtung.
oder
Mit der JR Yamanote-Linie (JR山手線 / JRやまのてせん) nach Meguro (目黒 / めぐろ) und vom dortigen Ostausgang (東口 / ひがしぐち) zu Fuß ca. 7 Minuten entlang der Meguro Dōri (目黒通り / めぐろどおり) in östlicher Richtung.

Adresse des Museums:

5-21-9 Shirokanedai
Minato-ku
Tōkyō 108-0071

₸108-0071
東京都港区白金台5-21-9

http://www.teien-art-museum.ne.jp/special/en/

Wohn- und Schlafräume im Obergeschoss:

Öffnungszeiten:

Täglich von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr (letzter Einlass: 17:30 Uhr)
Geschlossen jeden zweiten und vierten Mittwoch jeden Monats (fällt dieser Tag auf einen Feiertag, bleibt das Museum stattdessen am darauffolgenden Donnerstag geschlossen).
Geschlossen während des Umbaus für Ausstellungswechsel.

Bitte beachten Sie: Am 5. Januar 2017 wurde folgende (japanische) Ankündigung veröffentlicht:

“Wir schließen vom 10. April 2017 bis Mitte November 2017.
Wir werden im Hauptgebäude des Teien Kunstmuseums einen Aufzug einbauen, der die Barrierefreiheit des Gebäudes verbessern soll. Anlässlich dieser Bauarbeiten wird die komplette Anlage des Teien Kunstmuseums (einschließlich des Hauptgebäudes, des neuen Ausstellungsgebäudes und des Gartens) geschlossen.
Wir entschuldigen uns für eventuelle Unannehmlichkeiten, und bedanken uns schon vorab für Ihr Verständnis.”

Der Wintergarten im 2. Obergeschoss:

Eintrittsgebühren:

In Abhängigkeit von der jeweiligen Ausstellung (Eintrittskarten berechtigen auch zum Besuch des Gartens).

Besonderheit:

Das Museum bietet einen kostenlosen Wi-Fi-Service (SSID: ttm-free-wifi / Passwort: since1983)

Falls Ihnen die Bilder vom prächtigen “Innenleben” des Teien Kunstmuseums gefallen sollten, machen Sie sich auf etwas gefasst: Die Bilder stellen nur einen vergleichsweise müden Abklatsch der Realität dar! Besuchen Sie das Museum und überzeugen Sie sich selbst davon, um wie viel eindrucksvoller das persönliche Erleben ist! Die kleinen Skulpturen, die zur Zeit meiner Besichtigung die Räumlichkeiten zierten, sind Teil einer Ausstellung der japanischen Künstlerin Rei Naitō (内藤礼 / ないとうれい), die unter dem Titel “The emotion of belief” (信の感情) vom 22. November 2014 bis zum 25. Dezember 2014 zu sehen ist.

Schauen Sie sich auch den Blog von Alice Gordenker (die so viele wertvolle Blicke hinter die Kulissen des Teien Bijutskan gewährt hat):
https://alicegordenker.wordpress.com/2014/12/09/coming-up-dec-19-art-deco-tour-in-tokyo-in-english/

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5 Responses to Teien Kunstmuseum (庭園美術館)

  1. […] Teien Kunstmuseum (庭園美術館) (German version) – Art Déco vom Feinsten – Oder: Wo französische Lebensart auf japanische Handwerkskunst trifft […]

  2. […] Artikel über das Toguri Kunstmuseum, meine Artikel über die „Amputierte Venus“ und das „Teien Kunstmuseum“, die allesamt unter der Führung Alice Gordenkers stattgefunden haben (Alice Gordenkers Blog […]

  3. […] ich meine Artikel über das “Toguri Kunstmuseum“, das Projekt “Amputierte Venus” und das “Teien Kunstmuseum“ schrieb. Und Alice Gordenkers eigenen Blog finden Sie natürlich auch in meiner […]

  4. […] besonders stattliches Ensemble hat (wie zum Beispiel auch das herrliche Gebäude des Teien Kunstmuseums) die Gnade gehabt, erst nach dem großen Erdbeben von 1923 errichtet worden zu sein – und dann […]

  5. […] deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier. A German version of this posting you can find […]

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