Fukagawa Edo Museum (深川江戸資料館) (dt.)

Auf Zeitreise zurück ins alte Edo

Fukagawa Edo Museum (深川江戸資料館)

Fukagawa Edo Museum (深川江戸資料館)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Auch wenn man sich das im Beton- und Stahldschungel Tōkyōs heute kaum noch vorstellen kann: Es ist noch gar nicht so lange her, da war Tōkyō eher „dörflich“ bebaut, obwohl die Stadt bereits im 19. Jahrhundert mehr als eine Million Einwohner zählte. Und auch wenn noch ein paar Viertel erhalten sind, die sich den Charme der alten Zeiten bewahrt haben (z.B. Mukōjima, Shibamata), kann man doch kaum sonst irgendwo traditionelle Wohn- und Geschäftshäuser so unbehindert betreten und hautnah erleben, wie hier, im Fukagawa Edo Museum (深川江戸資料館 / ふかがわえどしりょうかん) – ja, das Museum lädt förmlich dazu ein.

In der Zeit der so genannten oder auch „Bubble Economy“, als Japan schier nicht wusste, wohin mit seinem Geld, ist auch dieses Museum entstanden (1986 – ausländische Quellen hatten wohl Schwierigkeiten, das Eröffnungsjahr „Shōwa 61“ japanischer Zeitrechnung, ins westliche 1986 umzurechnen und haben offensichtlich von einander das Jahr 1981 als Eröffnungsjahr abgeschrieben) – noch ein paar Jahre vor dem gigantischen „Edo- Tōkyō Museum“ (1993), das die Idee des Fukagawa Edo Museums noch einmal im weiteren Rahmen aufgreift.

Das vergleichsweise kleine Museum in Fukagawa, in Tōkyōs Kōtō-Bezirk (江東区 / こうとうく), ist allerdings in seiner Anschaulichkeit unerreicht. Hier kann, geschützt vor jeglichen Witterungseinflüssen, eine Rekonstruktion des Saga-Viertels von Fukagawa im alten Edo, wie es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgesehen hat, nicht einfach nur besichtigt, sondern auch erlebt werden. Durch die Gassen des Viertels zu laufen, kommt einer Zeitreise in die Vergangenheit gleich.

Im Einzelnen sind folgende Gebäude zu stehen:

Gemüsegeschäft (八百屋 / やおや)
Hier wurde das Gemüse des täglichen Bedarfs frisch gekauft – die Ausstellung zeigt jeweils die Gemüsesorten, die für die Jahreszeit typisch sind.

Reishändler (米屋 / こめや)
Schauen Sie sich den Verkaufsraum des Reishändlers an – hier wurde nicht nur der Verkaufsbestand an Reis gelagert, sondern auch der Naturreis (玄米 / げんまい) in großen Hebelmörsern (からうす) zum glänzend weißen, geschälten Reis verarbeitet.

Lagerhaus für Reis (米屋土蔵 / こめやどぞう)
In Anbetracht der permanenten Gefährdung durch Feuer in den fast ausschließlich aus Holzhäusern bestehenden Städten, war es wichtig, feuerfeste Lager für lebenswichtige Nahrungsmittel und wertvolle Gegenstände zu schaffen. Diese Lagerhäuser (蔵 oder 倉 / くら) wurden deswegen entweder aus Steinen errichtet oder mit dicken Stein- oder Lehmfassaden feuerbeständig gemacht. In diesem Lagerhaus hatte der Reishändler, den wir vorher gesehen haben, seinen Hauptbestand an Reis in dicken Strohballen eingelagert. Besonders prächtige Beispiele dieser Gebäude gibt es übrigens in Kawagoe zu sehen.

Fassade des Wohn- und Geschäftshauses und Lagerhauses eines Düngemittel-Großhändlers (肥料問屋 / ひりょうとんや), der sein Geld mit aus getrockneten Sardinen hergestelltem Dünger und aus Fischöl hergestelltem Lampenöl verdiente.

Bootshaus (船宿 / ふなやど)
Hier konnten sich die Kunden des Schiffers in den Tavernen „Masuda-ya“ (升田屋 / ますだや) und der etwas prächtigeren „Sagami-ya“ (相模屋 / さがみや) treffen.
Das Bootshaus steht direkt an der dem Stadtviertel vorgelagerten Kanal-Landschaft (掘割 / ほりわり), die besonders anschaulich darstellt ist. Hier befindet sich das flache Kanalboot (猪牙船 / ちょきふね), das sozusagen als „Wassertaxi“ fungierte und typisch für die Flüsse und Kanäle rund um den Sumidagawa (隅田川 / すみだがわ) war. Diese Bootsform wird bis heute genutzt – bestes Beispiel: Yagiri no watashi (矢切の渡し / やぎりのわたし) in Shibamata (柴又 / しばまた). Und die beliebten Party-Hausboote, Yakata Bune (屋形船 / やかたぶね), erinnern auch heute noch an diese Bauform.

Reihenhäuser (長屋 / ながや)
In dieser kleinen Straßenflucht bestehend aus zwei Miets-Reihenhäusern,

sind fünf Wohneinheiten untergebracht:

  1. die Wohnung des Marketenders (棒手振 / ぼてふり), dessen über der Schulter „tragbares Geschäft“ draußen vor dem Feuerwachturm zu sehen ist.

    Marketenders "Shop" (棒手振の店)

    Marketenders “Shop” (棒手振の店)

  2. die Wohnung des Gesellen des Reishändlers (米屋の職人 / こめやのしょくにん), die dieser mit seiner Frau und seinen Kindern bewohnte.

    Reishändlergesellenwohnung / Home of the Rice Shop's Assitant's (米屋の職人)

    Reishändlergesellenwohnung / Home of the Rice Shop’s Assitant (米屋の職人)

  3. die Wohnung des Bootsmanns (船頭 / せんどう)

    Bootsmannswohnung / Home of the Boat Man (船頭

    Bootsmannswohnung / Home of the Boat Man (船頭

  4. die Wohnung der Shamisen-Lehrerin (三味線師匠 / しゃみせんししょう), die gleichzeitig auch Unterricht im Schreiben und Lesen gab und sich als Näherin verdingte, und

    Haus der Shamisen-Lehrerin / House of the Shamisen Teacher (三味線師匠)

    Haus der Shamisen-Lehrerin / House of the Shamisen Teacher (三味線師匠)

  5. die Wohnung des Holzarbeiters (木挽職人 / こびきしょくにん) und seiner Frau.

    Haus des Holzarbeiters / Woodcrafter's home (木挽職人)

    Haus des Holzarbeiters / Woodcrafter’s home (木挽職人)

Man ist einerseits verwundert, unter welch einfachen Bedingungen die Menschen damals gelebt haben. Andererseits weiß man natürlich, dass viele Häuser – gerade in ländlichen Gegenden Japans – sich auch heute nicht wesentlich hiervon unterscheiden. Schauen Sie genau hin: Damals war es offensichtlich üblich, seinen Wohn-/Schlafraum von einem kleinen shintōistischen Schrein beschützen zu lassen. Und von der Wohnungsausstattung lässt sich auf die Einkommensverhältnisse schließen: Komplett mit Tatami (畳 / たたみ) ausgelegte Räume lassen auf einen gewissen Wohlstand schließen. Auf dem blanken Holzboden ausgelegte Strohmatten sind dahingegen Indiz eher bescheidener Verhältnisse.

Beachten Sie auch den kleinen Platz zwischen dem Gemüsehändler und den beiden Reihenhäusern. Hier befinden sich die Gemeinschaftstoiletten der Reihenhausbewohner, der Müllsammelplatz und ein kleiner shintōistischer Schrein.

Feuerwachturm (火の見櫓 / ひのみやぐら)
Kein Viertel kam im alten Edo ohne einen Feuerwachturm aus – schließlich ist kaum eine Stadt so häufig von verheerenden Feuern heimgesucht worden. Die luftige Höhe von 10 Metern reichte aus, um alle Gebäude des Viertels überblicken zu können.

Auf dem freien Platz zwischen Feuerwachturm und Reislagerhaus befindet sich ein Stand, an dem man Tee trinken konnte (水茶屋 / みずちゃや) und eine Verkaufsbude (床店 / とこみせ), wo man sich mit Soba (蕎麦 / そば / Buchweizennudeln) und Frittiertem (天ぷら / てんぷら) stärken konnte.

Tee- und Imbissbude / Tee & Snack Takaway (水茶屋・床店)

Tee- und Imbissbude / Tee & Snack Takaway (水茶屋・床店)

Im angrenzenden Ausstellungsraum können Sie anhand von Bildern, Zeichnungen und Stadtplänen mehr über das alte Edo erfahren – leider ist dieser Teil der Ausstellung komplett in Japanisch gehalten. Allerdings gilt hier – wie auch im Museumsdorf selbst – es sind eigentlich ständig Museumsführer unterwegs, die sich sehr freuen, wenn sie auch Erklärungen in englischer Sprache geben dürfen. Machen Sie davon Gebrauch!

Wie man hinkommt:

Nehmen Sie die Toei Ōedo-Linie (都営大江戸線 / とえいおおえどせん) oder die Tōkyō Metro Hanzōmon-Linie (東京メトロ半蔵門線 / とうきょうメトロはんぞうもんせん) nach Kiyosumi Shirakawa (清澄白河 / きよすみしらかわ) und dort Ausgang A3. Etwa drei Minuten Gehzeit bis zum Museum.

Öffnungszeiten:

Hauptausstellung: 9:30 Uhr bis 17:00 Uhr (letzter Einlass: 16:30 Uhr)
Geschlossen während der Neujahrsfeiertage (jeweils ab 2. Januar wieder geöffnet).
Geschlossen an jedem zweiten und vierten Montag im Monat (fällt der Montag auf einen Feiertag, bleibt das Museum stattdessen am darauffolgenden Tag geschlossen).
Das Museum kann auch für Inspektionen und Ausstellungsarbeiten kurzzeitig geschlossen werden.

Eintrittsgebühr:

Erwachsene (incl. Schüler der Oberstufe): 400 Yen
Kinder (incl. Schüler der Grund- und Mittelstufe): 50 Yen

Nachlässe werden für Gruppen von 20 und mehr Personen und Behinderte (und Begleitperson) gewährt.
Kinder dürfen das Museum nur in Begleitung von Erwachsenen betreten.

Sehen Sie auch:

Edo-Tōkyō Freilicht-Architekturmuseum ( 江戸東京たてもの園)
– Wohnen und leben auf dem Weg in die Moderne

Nihon Minkaen (日本民家園)
– 300 Jahre japanische Wohnkultur

Ganz in der Nähe:

Fukagawa Fudōdō (深川不動堂)
– Wo Acala die Lehre der Shingon-Sekte beschützt

Tomioka Hachimangū (富岡八幡宮)
– Göttersänften und Sumō-Ringer

Kiyosumi Teien (清澄庭園)
– Der eher unbekanntere unter den ehemaligen Feudalgärten

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5 Responses to Fukagawa Edo Museum (深川江戸資料館) (dt.)

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