Konnō Hachimangū (金王八幡宮) (dt.)

Über 900 Jahre gelebte Shintō-Tradition

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mich einer der Sachen annehme, an denen oft unbeachtet vorbeigegangen wird, obwohl ihr historischer oder kultureller Wert unschätzbar ist oder sie einfach zu schön sind, um diese sträfliche Missachtung verdient zu haben. Der Konnō Hachimangū (金王八幡宮 / こんのうはちまんぐう) gehört ganz sicher auch dazu. Kaum fünf Gehminuten vom El Dorado der Manga- und Cosplay-Fans entfernt, dem kreischend bunten und auch kreischend lauten Dōgenzaka-Viertel Shibuyas, „verlaufen“ sich die meisten ganz einfach nicht hierher.
Und da die einschlägigen Reiseführer sich auch vornehm mit Erwähnungen zurückhalten und selbst Wikipedia – das angeblich allwissende – nur einen knapp gefassten Artikel in japanischer Sprache dazu bietet, ist es an der allerhöchsten Zeit, zumindest mein kleines Scherflein dazu beizutragen, diesen erstaunlichen Schatz zu heben. Eine Exkursion der “Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde” (OAG) zu diesem Schrein ist mir willkommener Anlass.

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Mit seiner inzwischen über 920-jährigen Geschichte gehört der Konnō Hachimangū sicher zu den ältesten in Tōkyō – was um so erstaunlicher ist, als es rings um das Schreingelände bis vor 150 Jahren noch nicht mal nennenswerte Siedlungen gab. Damals lag Shibuya (渋谷 / しぶや) weit draußen vor der Stadt Edo/Tōkyō – wahrscheinlich hat man hier noch nicht mal Reis angebaut. Jedenfalls ist verbürgt, dass seit dem Jahre 1092 n. Chr. an dieser Stelle der Geist des Ōjin-Tennō ( 応神天皇 / おうじんてんのう), besser bekannt unter seinem Götternamen „Hachiman“ (八幡 / はちまん), verehrt wird. Besagter Ōjin-Tennō soll vom Jahr 200 n. Chr. bis zum Jahr 310 n. Chr. gelebt haben und gilt seit dem Tod seiner Mutter, der Kaiserin Jingū (270), als der 15. Tennō Japans. Wer einen der letzten Artikel auf dieser Seite (Sumiyoshi Taisha) aufmerksam gelesen hat, weiß, dass diese Kaiserin Jingū als Gründerin der Sumiyoshi-Schreine ebenfalls nicht zu den „schlechten Eltern“ gezählt werden kann. Der Ōjin-Tennō liegt in einem der größten Hügelgräber des Landes in der Präfektur Ōsaka begraben, das in seiner Anlage bereits sehr den Mausoleen der Kaiser der Neuzeit ähnelt.

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Ursprünglich hatte der Shibuya-Clan seine Festungsanlage um den Hachiman-Schrein, der sozusagen als Familien-Schutzgott verehrt wurde, errichet. Von dieser Burg soll es sogar noch einen Stein auf dem Gelände des Konnō Hachimangū geben. Ansonsten ist über das Aussehen und die Ausmaße der Burg heute kaum etwas bekannt (ein Modell des vermuteten Aussehens der Festung ist im Museumsraum des Schreins zu sehen). Aber auch heute noch ist der „Wirkungskreis“ des Hachiman mit dem Stammgebiet des Shibuya-Clans identisch und deckt in Shibuya Stadtteile wie Aoyama (青山 / あおやま), Shōtō (松濤 / しょうとう), Maruyama (円山 / まるやま) und Kamiyama (神山 / かみやま) ab.

Ursprünglich „Shibuya Hachimangū“ genannt, bürgerte sich ab der Edo-Zeit der Name „Konnō Hachimangū“ ein, um einem legendären Sohn des Shibuya-Clans, Konnōmaru (金王丸 / こんのうまる) (1141-1185?), Tribut zu zollen. Der „Konnō-Kirschbaum“ (金王桜 / こんのうざくら) auf der rechten Seite des Hauptschreins erinnert heute noch an ihn – einst gepflanzt durch den ersten Shōgun Japans, Minamoto no Yoritomo (源 頼朝 / みなもとのよりとも) (1147-1199), den Gründer des Kamakura Shōgunats. Nicht nur historisch, sondern auch botanisch interessant: Dieser Baum trägt am selben Zweig sowohl Blüten mit einem einfachen Blütenblätterkranz, als auch solche mit doppeltem. Und die Priester des Schreins tragen auch heute noch dafür Sorge, dass dieser Baum auch nach seinem Absterben in einer neuen Generation weiter existieren kann. Das Bewahren der Kontinuität erscheint hier (wie überall im Shintō) als eines der höchsten Ziele.

Konnō Hachimangū (金王八幡宮) - Konnō-Kirschbaum“ (金王桜)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮) – Konnō-Kirschbaum“ (金王桜)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Natürlich ist der Hauptschrein des Konnō Hachimangū das eigentliche Schmuckstück des Geländes. Das heutige Gebäude stammt aus der frühen Edo-Zeit (1612) und wurde im so genannten „gongen-zukuri“ (権現造 / ごんげんづくり) – der „Gongen-Bauweise“ – errichtet. Wenn man so will, ein etwas bescheidenerer, älterer Bruder des Tōshōgū (東照宮 / とうしょうぐう) in Nikkō (日光 / にっこう), in dem der Gründer des Tokugawa-Shōgunats, Tokugawa Ieyasu, als Tōshō Daigongen (東照大権現 / とうしょうだいごんげん) verehrt wird. Daher auch der Name „gongen zukuri“. Kennzeichnend für diesen Baustil – und das war seinerzeit wirklich „state of the art“ in der Baukunst – sind nicht nur die aufwendigen, farbenfroh lackierten Schnitzarbeiten, sondern in erster Linie auch das umfassende Schützen der Holzkonstruktion durch aufwändige Lackarbeiten. Hier hat die Form Funktion und die Funktion eine auserlesen schöne Form.

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Das Gebäude des Hauptschreins teilt sich auf in drei Hauptbauteile:

  • den Haiden (拝殿 / はいでん), die Gebetshalle, die Besuchern für Zeremonien zur Verfügung steht
Konnō Hachimangū (金王八幡宮) - Haiden (拝殿)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮) – Haiden (拝殿)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮) - Haiden (拝殿)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮) – Haiden (拝殿)

  • den Heiden (幣殿 – / へいでん), die Halle für die Opfergaben, die nur von Priestern zu betreten ist, und
Konnō Hachimangū (金王八幡宮) - Heiden (幣殿)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮) – Heiden (幣殿)

  • das absolute Heiligtum des Schreins, den Honden (本殿 / ほんでん) die Haupthalle, zu der selbst die Priester des Schreins nur an bestimmten Tagen des Jahres Zutritt haben.

Dass der Schrein derzeit in einem vergleichsweise guten Zustand ist, erklärt sich aus dem Umstand, dass er im Jahre 1983 einen neuen Innenanstrich erhalten hat und im Jahre 1995 die Fassade frisch lackiert wurde. Sprich: In wenigen Jahren wird auch hier für frische Farbe gesorgt werden müssen, wenn die Gesamtstruktur des Schreingebäudes erhalten bleiben soll – ein Gebäude, das es sicher nicht nur seiner Solidität zu verdanken hat, dass es sowohl das große Erdbeben von 1923 überstanden hat, sondern auch die verheerenden Brandbombenangriffe des 2. Weltkrieges.

Neben dem Bühnengebäude und den kleinen Nebenschreinen ist auf dem Schreingelände aber auch das Haupttor am Eingang des Schreins erwähnenswert. Das Aka-mon (赤門 / あかもん) oder auch „Rote Tor“, das irgendwann im oder kurz vor dem Jahr 1769 errichtet wurde. Es ist ein besonders gut erhaltenes Beispiel für ein solches Schreintor aus dem 18. Jahrhundert.

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮) - Aka-mon (赤門)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮) – Aka-mon (赤門)

Im vor zwei Jahren neu errichteten Anbau auf der Nordostseite des Hauptschreins ist auch ein Ausstellungsraum mit den Schätzen des Schreins zu sehen, der Beachtung verdient. Hier befindet sich nicht nur einer der sieben prächtigen tragbaren Schreine/Göttersänften (Omikoshi / 御神輿 / おみこし) des Konnō Hachimangū, sondern auch das älteste Omikoshi der Stadt, das mit einem stattlichen Alter von über 400 Jahren zwar zu gebrechlich ist, um noch bei Festumzügen getragen werden zu können, aber sich trotzdem in einem noch durchaus ansehnlichen Zustand befindet.

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Was es mit diesen Omikoshi auf sich hat, können Sie sich in einem meiner Artikel zum Sanja Matsuri in Asakusa anschauen:

Sanja Matsuri (三社祭) (Engl./dt.)
– Ein Fest für die Götter, das Volk, die Augen und das Ohr
– A festival for the gods, the people, the eyes and the ear

Sanja Matsuri (三社祭)– Video

Die enge Verbindung zwischen dem Konnō Hachimangū und den Gründern des Tokugawa Shōgunats wird sicher auch dadurch dokumentiert, dass der Haus- und Hof-Schnitzer der Tokugawa, Hidari Jingorō (左 甚五郎 / ひだり・じんごろう) – von ihm sollen z.B. die weltberühmten „nemuri-neko” (眠り猫 / ねむりねこ / schlafende Katzen) am Tōshōgū in Nikkō stammen – zwei der goldenen Löwen-Masken (獅子 / しし) zu Beginn der Edo-Zeit angefertigt hat, die hier zur Ausstellung kommen.

Die zahlreichen weiteren Preziosen und Zeugen einer großartigen Vergangenheit im Ausstellungsraum des Schreins sollten Sie sich nicht entgehen lassen.

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Konnō Hachimangū (金王八幡宮)

Aber natürlich gilt hier, wie an anderen religiösen Orten Japans (namentlich an shintōistischen Schreinen): Lassen Sie Atmosphäre auf sich wirken, versuchen Sie, den Kontrast zwischen brodelnder Moderne und gelebter Tradition in sich aufzunehmen. Und wenn Sie dann auch noch ein dem Ort angemessenes Verhalten an den Tag legen, haben auch die Götter ihren Gefallen daran. Sollten Sie sich unsicher bezüglich des Verhaltens sein, schauen Sie doch noch mal hier vorbei: “Allgemeine Hinweise zum Aufenthalt in Japan: Gute Sitten beim Besuch religiöser Orte“.

Und falls Ihnen auf den Bildern oben der Shintō-Priester ungewöhnlich “exotisch” vorgekommen sein sollte, dann hat Sie Ihr Eindruck nicht getrogen. Der Konnō Hachimangū ist nicht nur ein besonders alt-ehrwürdiger Schrein, sondern ganz offensichtlich auch einer, der in seinem Bestreben um eine Kontinuität beim Umsorgen der “Gottheit” durchaus “mit der Zeit” geht. Bei dem Priester handelt es sich um den gebürtigen Oberösterreicher Florian Wiltschko, der als erster und (bisher) einziger Ausländer diesen ungewöhnlichen Beruf angenommen hat. Seine “Laufbahn” als Priester begann 2007 mit einem Praktikum am Ueno Tenmangū Schrein in Nagoya, in dessen Verlauf er einen Lehrgang zur Qualifikation als “kannushi” (神主 / かんぬし / Shintō-Priester) absolvierte und schließlich vom Dachverband der Shintō-Schreine als erster vollausgebildeter und nicht-japanischer kannushi registriert wurde. Nach Bachelorstudium der Japanologie (in Wien) und erfolgreichem Abschluss eines einjährigen Fachkurses an der Shintō-Fakultät der Kokugakuin-Universität (2012), nahm er die Stelle eines Priesters am Konnō Hachimangū an. Bereits im Januar 2013 hatte er die Neujahrszeremonie, die ich seinerzeit dort besucht hatte, ausgeführt.

Wie man hinkommt:

Mit den Bahnen diverser privater Betreiber und JR sowie verschiedener U-Bahn-Linien nach Shibuya (渋谷 / しぶや). Weitere Hinweise entnehmen Sie bitte dem untenstehenden Lageplan.

Adresse des Schreins:

3-5-12 Shibuya
Shibuya-ku
Tokyo 150-0002

Tel. 03-3407-1811
Fax 03-3409-1043

Öffnungszeiten:

Das Schreingelände ist täglich rund um die Uhr betretbar.
Termine für persönliche Zeremonien: nach Vereinbarung

Eintritt frei

Und fall Sie mehr über Hachiman lesen möchten…

Tomioka Hachimangū (富岡八幡宮)
– Göttersänften und Sumō-Ringer

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4 Responses to Konnō Hachimangū (金王八幡宮) (dt.)

  1. […] deutsche Version dieses Artikels finden Sie hier. A German version of this posting you can find […]

  2. […] auf sich hat, wissen aufmerksame Leser dieser Webseite ja bereits – der kleine, aber feine „Konnō Hachimangū“ in Shibuya war ja bereits Gegenstand einer Beschreibung. Hier geht es um den größten und […]

  3. […] is all about, if you have been carefully reading this blog – the small but pretty “Konnō Hachimangū” in Shibuya has given some insight into his history before. This time it is about the biggest and […]

  4. […] Konnō Hachimangū (金王八幡宮) – Über 900 Jahre gelebte Shintō-Tradition […]

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