Shirakawa-gō (白川郷) (dt.)

Beschauliches UNESCO Weltkulturerbe

Shirakawa-gō (白川郷)

Shirakawa-gō (白川郷)

Eine englische Ausgabe dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of the posting you can find here.

Gemeinhin kann man getrost davon ausgehen, dass Orte, die zum Weltkulturerbe erklärt werden, allenfalls eine erhöhte touristische Aufmerksamkeit erfahren, allerdings nicht selten ihren ursprünglichen Charme verlieren. Besonders im als überall überlaufen geltenden Japan ist nicht damit zu rechnen, dass man an einem berühmten Ort noch auf Reste von Beschaulichkeit stoßen kann. Um so mehr weiß das Bauerndorf Shirakawa-gō (白川郷 / しらかわごう), das 1995, zusammen mit Gokayama (五箇山 / ごかやま) (und übrigens auch Quedlinburg) zum Welterbe erhoben wurde, durch Ursprünglichkeit und – zumindest jenseits des Touristenzentrums – unprätentiöse Natürlichkeit zu punkten. Damals hatten die Fachleute ihren Vorschlag, das Dorf zum Weltkulturerbe zu erheben, damit begründet, dass es ein herausragendes Beispiel für eine traditionelle Siedlung ist, die sich perfekt ihrer Umwelt angepasst hat.

Shirakawa-gō (白川郷)

Shirakawa-gō (白川郷)

Shirakawa legt eindrucksvollen Beweis dafür ab, dass Rückständigkeit auch ein Segen sein kann. Die Bauernsiedlung hatte bis sage und schreibe 1950 praktisch abgeschnitten vom restlichen Land in einem malerischen Gebirgstal gelegen. Das moderne Leben, das besonders nach dem zweiten Weltkrieg in Japan Einzug gehalten hatte, hatte dann aber doch recht schnell zu einem Niedergang ländlicher Siedlungen geführt – schon Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren Nachbardörfer aufgegeben worden. Weitsichtigen Dorfvorstehern war es wohl zu verdanken, dass dieser Niedergang als Chance genutzt und mehrere Gebäude-Ensemble in ihrer ursprünglichen Struktur erhalten und teilweise in ein museales Areal überführt wurden. So gibt es heute nicht nur das Dorf Shirakawa, das auf fast schon mustergültig zu nennende Art und Weise den Spagat zwischen traditioneller Reisbauernsiedlung und touristischem Magneten meistert, sondern auch einen als Bauernhausmuseum eingerichteter Dorfabschnitt auf der westlichen Seite des das Gebirgstal durchschneidenden Shō-Flusses (庄川 / しょうがわ). Beide Teile des Dorfes zeichnen sich durch Farmhäuser im so genannten „gasshō zukuri“(合掌造り / がっしょうづくり)-Stil aus, was sich am leichtesten mit „steile Dachkonstruktion“ übersetzen lässt, aber auch „Falten der Hände zum Gebet“ bedeutet – beides beschreibt das Aussehen der Häuser, die auf den ersten Blick nur aus steilen Dächern zu bestehen scheinen, recht treffend. Traditionell sind diese Dächer reetgedeckt – allerdings greift man heute auch auf andere Materialien zurück. In der Gegend von Shirakawa-gō gibt es heute noch etwa 90 dieser Häuser – von einstmals knapp 1.900 Gebäuden dieser Art in der Region. Diese Bauweise ist schon deswegen etwas ganz Besonderes, weil man sie in anderen Regionen Japans vergeblich sucht (außer natürlich dort, wo sie zu musealen Zwecken errichtet wurde, wie z.B. im Nihon Minka-en in Kanagawa). Sie sind einerseits größer als die meisten in Japan üblichen Bauernhäuser, andererseits wird in ihnen der gewaltige Raum unter der Schräge des Daches tatsächlich aktiv genutzt (was in anderen Bauernhaus-Varianten, von der Nutzung als Lagerfläche einmal abgesehen, kaum der Fall ist). In erster Linie ist hier die Seidenraupenzucht zu nennen – der Raum bietet die besten Möglichkeiten, die Tiere zu halten und auch deren Nahrung (Maulbeerblätter) einzulagern. Gleichzeitig besticht die Dachstuhlkonstruktion dieser „gasshō zukuri“ durch eine Stabilität, die man bei ländlichen Profanbauten sonst vergeblich sucht. Der Erhalt dieser Dachkonstruktionen hat allerdings auch seinen Preis. Die reetgedeckten Dächer sind alle paar Jahrzehnte in einem aufwändigen Prozess komplett zu erneuern. Zu solchen Aktionen sind etwa 400 helfende Hände erforderlich – früher eine Arbeit, die in dörflicher Nachbarschaftshilfe geleistet werden konnte, für die heute aber zusätzliche Kräfte aus der Umgebung gesucht werden müssen.

Zur Geschichte von Shirakawa:

Die ältesten Dokumente, die Shirakawa belegen, datieren auf die Mitte des 12. Jahrhunderts zurück (das benachbarte Gokayama wird erst fast 400 Jahre später „aktenkundig“). Während das Dorf zu Beginn der Edo-Zeit noch zum Herrschaftsgebiet des Takayama-Klans gehörte, war es vom Ende des 17. Jahrhunderts bis zur Meiji-Restauration (1868) unter der Kontrolle der Militärregierung im alten Edo (heute Tōkyō). Obschon nur wenige Kilometer entfernt, blieb Gokayama auch während dieser Zeit unter der Regentschaft des Maeda-Klans in Kanazawa.
Die kragen Böden der gebirgigen Landschaft taugten früher nicht recht für den Anbau von Reis. Deswegen mussten die Bauern versuchen, sich mit dem kleinflächigen Anbau von Buchweizen und Hirse zu begnügen, der aber kaum ausreichte, um den eigenen Bedarf zu decken. Zusätzliche Einkünfte wusste man sich durch die Herstellung von japanischem Papier (和紙 / わし / washi) zu verschaffen, das aus den Fasern des hier wild wachsenden Maulbeerbaums gewonnen werden konnte. In diesem Zusammenhang ist natürlich auch die Seidenraupenzucht und die Gewinnung von Rohseide zu nennen. Sie konnte vom späten 17. Jahrhundert bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts aufrecht erhalten werden – ihren Anforderungen sind, wie oben erwähnt, auch die gigantischen Dachstühle der gasshō zukuri zu verdanken. Außerdem hatte man seit der Mitte des 17. Jahrhunderts mit dem Abbau von Kalksalpeter Geschäfte gemacht, der für die Schwarzpulverherstellung benötigt wurde. Nachdem mit der Öffnung des Landes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Markt aber von billigerer Importware überschwemmt wurde, versiegte diese Einkommensquelle. Der Rückgang der ländlichen Bevölkerung nahm seinen Anfang und erreichte nach dem 2. Weltkrieg (wie oben erwähnt) ein Ausmaß, das man nur als Exodus bezeichnen kann.

Ihr Spaziergang durch Shirakawa:

Wahrscheinlich werden Sie am Busbahnhof des Touristenzentrums ankommen, wenn Sie Shirakawa besuchen. Von hier erreichen Sie den das Weltkulturerbe ausmachenden Teil der Gemeinde über eine frei schwebende Fußgängerbrücke (Tsuribashi / つり橋 / つりばし), die den Shō-Fluss in einer abenteuerlichen Weise überspannt. Hier auf der Ostseite des Flusses betreten Sie eine dörfliche Gemeinde, von der Sie kaum möglich halten würden, dass sie ausgerechnet im hochtechnisierten Japan zu finden ist. Hier sind noch so viele Bauernhaus-Ensembles erhalten, dass man nicht auf die Idee käme, dass diese Siedlungsform eigentlich schon seit einem Dreivierteljahrhundert vollkommen „out“ ist. Dabei ist Shirakawa ganz quicklebendig – allerdings natürlich auch mit verhältnismäßig vielen Andenkenläden durchsetzt, die aber immerhin in der ganz überwiegenden Zahl in traditionellen Gebäuden untergebracht sind.

Um ein paar Hauptsehenswürdigkeiten beim Namen zu nennen:

Myōzen-Tempel (明善寺 / みょうぜんじ)
Der Myōzen-Tempel ist natürlich in erster Linie für sein ungewöhnliches Glockturm-Tor, das Shōrō-mon (鐘楼門 / しょうろうもん) berühmt. Man erzählt sich heute noch davon, dass die Zelkoven-Bäume für den Tempel im Jahre 1806 gefällt, der Bau aber erst etwa 20 Jahre danach abgeschlossen wurde. Es sollen 9.191 Arbeiter gewesen sein, die den Meisterschreiner Usuke Mizuma aus Takayama dabei unterstützten. Beachten Sie die ungewöhnlich gefärbten Elefantenköpfe an der Stirnseite des Hauptgebäudes. Die große Eibe auf dem Tempelgelände gilt als Naturdenkmal der Präfektur Gifu. Wahrscheinlich ist das Hauptgebäude des Tempels das einzige in Japan, das im gasshō zukuri-Stil gebaut ist.

Shirakawa Hachiman-Schrein (白川八幡神社 / しらかわあちまんじんじゃ)
Der Schrein wurde schon während der Regierungszeit des Wado-Kaisers (Anfang des 8. Jahrhunderts) gegründet. Was man in einem shintōistischen Schrein seit der Zeit der Meiji-Restauration (in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts) kaum noch findet, unterscheidet diesen Schrein von den meisten anderen, denn hier gibt es noch einen „shaka-dō“ (釈迦堂 / しゃかどう), ein Nebengebäude, in dem vier Buddhastatuen aufbewahrt werden. Diese stammt noch aus synkretischen Zeiten (die bis zur Meiji-Restauration andauerten und buddhistische Tempel und shintōistische Schreine in trauter Zweisamkeit in Erscheinung treten ließ), sprich: aus dem Jahre 1627 (andere Quellen gehen vom Jahr 1628 aus), wurde 1808 erneuert und gilt heute als einer der Schätze des Schreins.
Vielleicht am bekanntesten ist der Schrein aber für sein „Doburoku-Festival“ (濁酒祭り / どぶろくまつり), das „Fest des trüben Sakes“ (wenn man das mal so frei übersetzen möchte), das jedes Jahr am 14. und 15. Oktober stattfindet – ein Volksfest, das man in einer so kleinen Gemeinde vielleicht gar nicht erwarten würde. Im Doburoku-Festival-Museum können prächtige Ausstellungsstücke bewundert werden (Öffnungszeiten 9:00 Uhr bis 17:00 Uhr täglich – außer während des Festivals und in den Wintermonaten, Dezember bis März; Eintrittsgebühr: 300 Yen für Erwachsene, 100 Yen für Kinder).
Der Schrein gehört ganz sicher zu den am „verwunschesten“ wirkenden Orten in Japan. Verweilen Sie hier auf jeden Fall ein wenig und lassen Sie den Ort mit den uralten Bäumen ringsum auf sich wirken!

Ein Blick aus luftiger Höhe:

Eine Empfehlung, die ich Ihnen wirklich sehr ans Herz legen möchte: Wenn Sie Shirakawa in nördlicher Richtung durchschlendern, tun Sie dies nicht auf der Hauptstraße, der Shirakawakaidō (白川街道 / しらかわかいどう), sondern halten Sie sich mehr östlich am Dorfrand, vorbei am Myōzen-Tempel. Kaum 500 Meter weiter nördlich biegt die Dorfstraße in den Wald ab und steigt leicht an. Folgen Sie dieser Straße für etwa sieben Minuten, und Sie erreichen den Aussichtspunkt „Ogimachi Jōseki“ (荻町城跡 / おぎまちじょうせき) – einem Ort, an dem sich, wie der Name schon vermuten lässt, einmal eine Befestigungsanlage befand (von der heute aber so gut wie nichts mehr zu sehen ist). Kein zweiter Ort gibt einen dermaßen atemberaubenden Blick auf Shirakawa und seine Umgebung frei. Wenn Sie schon mal malerische Panoramen von Shirakawa gesehen haben – die stammten ganz bestimmt von hier.

Der Museumsbereich von Shirakawa:

Gasshō Zukuri Minka-en“ (合掌造り民家園)

Gasshō Zukuri Minka-en“ (合掌造り民家園)

Auch wenn das eigentliche Highlight Shirakawas der Teil des Dorfes ist, der heute noch Lebensmittelpunkt einiger hundert Bewohner ist, sollte auch der museale Teil, das „Gasshō Zukuri Minka-en“ (合掌造り民家園 / がっしょうづくりみんかえん), das sich direkt an den Bereich der Parkplätze und des Busbahnhofes auf der Westseite des Shō-Flusses anschließt, nicht vergessen werden. Hier sind besonders eindrucksvolle Beispiele ländlichen Siedlungsbaus aus der Region zusammen geführt worden und können sowohl von außen als auch von innen besichtigt werden (was bei den bewohnten Häusern im Dorf Shirakawa natürlich nur sehr bedingt möglich ist). Je nach Jahreszeit wird man hier wirklich nicht nur auf eine Zeitreise geschickt, sondern kann sich auch nicht des Eindrucks erwehren, in eine Märchenwelt versetzt zu sein. Wenn ich mich ständig mit „Erinnerungen“ an das Auenland (aus dem „Herrn der Ringe“) konfrontiert sah, hat das durchaus seinen Grund gehabt. Schlendern Sie durch das Museumsdorf und lassen Sie sich in eine längst vergangen Zeit entführen!

Öffnungszeiten des „Gasshō Zukuri Minka-en“:
Von April bis November täglich von 8:40 Uhr bis 17:00 Uhr (Einlass bis 20 Minuten vor Schließung) geöffnet.
Von Dezember bis März täglich außer dienstags von 9:00 Uhr bis 16:00 Uhr geöffnet (Einlass bis 20 Minuten vor Schließung). Fällt ein Nationalfeiertag auf Dienstag, bleibt das Museum stattdessen am darauffolgenden Mittwoch geschlossen; an allen Neujahrsfeiertagen geöffnet.

Eintrittsgebühr für das „Gasshō Zukuri Minka-en“:
Erwachsene: 500 Yen
(Gruppen mit mehr als 25 Personen: 450 Yen, Gruppen mit mehr als 100 Personen: 400 Yen)
Kinder: 300 Yen
(Gruppen mit mehr als 25 Personen: 250 Yen, Gruppen mit mehr als 100 Personen: 200 Yen)

Und falls Sie ein typisches Mitbringsel aus Shirakawa suchen sollten:

Sarubobo (さるぼぼ), ein Glücksbringer aus der Gegend von Hida (飛騨 / ひだ), in der sich Shirakawa befindet und dessen Name sich von „saru no akanbō“ (サルの赤んぼう /„Affenkind“) ableitet. Man sagt dem Sarubobo nach, Unglück fern zu halten und zu einem guten Familienzusammenhalt zu führen.

Sarubobo (さるぼぼ)

Sarubobo (さるぼぼ)

Wie man hinkommt:

Am einfachsten planen Sie einen Besuch Shirakawas als Tagesausflug von Kanazawa ein. Von hier gibt es eine sehr bequeme und direkte Busverbindung von der Bushaltestelle Nr. 2 direkt am Bahnhofsvorplatz am Ostausgang des Bahnhofs. Die Fahrscheine für diese Busse müssen vorab gekauft werden (es werden lediglich reservierte Plätze angeboten, die aber – je nach Verfügbarkeit der Plätze – auch noch kurz vor der Abfahrt des Busses erstsanden werden können) – die Verkaufsstelle befindet sich ebenfalls am Bahnhofsvorplatz (“Hokutetsu Bus Ticket Office” – eigentlich: 北陸鉄道予約センター / ほくりくてつどうよやくセンター / Hokurikutetsudō Yoyaku Centre) – schauen Sie mal auf diesen Lageplan:

Kanazawa Busbahnhof / bus terminal

Kanazawa Busbahnhof / bus terminal

Die Busse fuhren bei meinem Besuch (2014) jeweils um 8:10 Uhr, 9:05 Uhr, 10:50 Uhr, 13:25 Uhr, 14:40 Uhr und 16:00 Uhr von Kanazawa nach Shirakawa (Fahrtzeit ca. 75 bzw. 85 Minuten, bei Zwischenstopps in Gokayama). Von Shirakawa nach Kanazawa fuhren Busse jeweils um 8:50 Uhr, 10:50 Uhr, 12:25 Uhr, 13:50 Uhr, 16:25 Uhr und 17:30 Uhr.

Fahrpreis für Hin- und Rückfahrt: 3.290 Yen

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