Kanazawa (金沢) (III) (dt.)

Das Goldstück an der Westküste: Gartenbaukunst & Samurai

Titel Kanazawa 3

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Zu dem Thema bereits veröffentlicht:

Kanazawa (金沢) (I) (German version)
– Das Goldstück an der Westküste: Trommeln, Märkte und eine prächtige Burg

Kanazawa (金沢) (II) (German version)
– Das Goldstück an der Westküste: Alt-ehrwürdige Schreine und moderne Architektur

Von allen Sehenswürdigkeiten Kanazawas ist wahrscheinlich der Kenroku-en (兼六園 / けんろくえん) die bekannteste. Und auch wer schon eine Vielzahl japanischer Landschaftsgärten gesehen hat, wird hier Gefahr laufen, dass es ihm/ihr den Atem verschlägt. Nicht umsonst ist dieser Garten einer der „Drei berühmten Gärten Japans“ (日本三名園 / にほんさんめいえん) und obendrein eine „Nationale Stätte von besonderer landschaftlicher Schönheit“ (seit 1985), was dem Rang eines „Nationalschatzes“ gleich kommt.

Der Name lässt sich mit „Garten der sechs Attribute“ übersetzen, die er, alten chinesischen Gartenbaugrundsätzen gemäß, in mustergültiger Weise verkörpert:

Weitläufigkeit (宏大 / こうだい) & Abgeschiedenheit (幽邃 / ゆうすい)
Kunstfertigkeit (人力 / じんりょく) & Althergebrachtes (蒼古 / そうこ)
fließendes Wasser (水泉 / すいせん) & weiter Blick (眺望 / ちょうぼう)

Der Kenroku-en ist ein echter „Flanier-Garten“. Sprich: Er eröffnet seine Schönheit erst dann, wenn man ihn durchwandert – seine Schönheit beschränkt sich nicht auf einen oder wenige Punkte besonderer künstlerischer Gestaltung – er ist ein Gesamtkunstwerk, ohne dabei auch nur ansatzweise „künstlich“ zu wirken. Seine zahlreichen Teiche und Seen, die Wasserläufe und Wasserfälle die über die Jahrhunderte der Gestaltung des Parks entstanden sind, sind Sinnbilder für die „Kontinuität“ des Lebens.

Der fünfte Herrscher des Maeda-Klans, Tsunanori Maeda (前田 綱紀 / まえだ・つなのり) (1643 bis 1724), war es, der hier als erster ab 1676 einen Garten um seine Residenz anlegen ließ, der allerdings während eines Großbrandes im Jahre 1759 fast vollständig zerstört wurde. Erst der elfte Herrscher des Maeda-Klans, Harunaga (前田 治脩 / 前田・はるなが) (1745 bis 1810), ließ den Garten bis 1776 wieder herrichten und erweitern. In den Folgejahren entstanden mehrere große Gebäude auf dem Gartengelände, die allerdings offensichtlich sehr dem Zeitgeschmack des jeweiligen Herrschers unterlagen. In den 1850er Jahren wurde der Garten unter Nariyasu Maeda (前田 斉泰 / まえだ・なりやす) erweitert und erreichte schließlich mit der Anlage des großen Teichs „Kasumi-ga ike“ (霞ヶ池 / かすみがいけ) und der Villa “Tatsumi goten” (巽御殿 / たつみごてん) (heute “Seisonkaku” (成巽閣 / せいそんかく)) im Jahre 1863 seine heutige Ausdehnung und Gestaltung. Kurz darauf wurde die Regierung der Tokugawa Shōgune im alten Edo (Tōkyō) mit der Übernahme der politischen und militärischen Macht durch den Kaiser abgelöst – mit ihr endete auch die Herrschaft der Maeda in Kanazawa. Der Garten wurde bereits 1874 der Öffentlichkeit übergeben.

Heute kann man gegen die Entrichtung eines vergleichsweise geringen Eintrittsgeldes (das erst seit 1976 erhoben wird!) nach Lust und Laune durch den weit über 100.000 Quadratmeter großen Garten lustwandeln und von dessen höchstem Punkt die Aussicht auf die Stadt genießen. Aber machen Sie auch Gebrauch von den wirklich sehr malerischen Teehäusern, die es im Park gibt und gönnen Sie sich einen „matcha“ (抹茶 / まっちゃ) (wörtlich übersetzt: pulverisierter Tee), eine Schale des Tees, wie er auch bei Teezeremonien getrunken wird. Er ist nicht nur kräftig grün, sondern auch unerhört aromatisch und wird stets mit einer kleinen Süßigkeit (vorzugsweise auf der Basis von roten, gesüßten Bohnen) gereicht.

Das „Seisonkaku“ (成巽閣 / せいそんかく), der 1.000 Quadratmeter große Altersruhesitz für die Mutter des letzten Maeda-Daimyo, ist sicher ein Muss beim Besuch des Kenroku-en – schon des ca. 7.000 Quadratmeter großen Gartenareals wegen. Die weitläufigen Räumlichkeiten im Erdgeschoss strahlen in erster Linie ein gewisses Maß an feudaler Herrlichkeit aus (zumindest, wenn man japanische Maßstäbe ansetzt), atmen aber schon den frischen Wind, den Japans neuer Kontakt zum Ausland ins Land gebracht hatte (wobei „frischer Wind“ hier nicht leichtfertig mit „gutem Geschmack“ übersetzt werden sollte). Unter den repräsentativen Räumlichkeiten im Erdgeschoss ist natürlich das „Empfangszimmer“ (謁見の間 / えっけんのま) ein besonderes Prunkstück – man würde nie glauben, dass es in Japan so prächtige und bunte Schnitzarbeiten gibt. Allerdings verrät einem die Nase, dass hier starke Konservierungsmittel zum Erhalt des Raumes beitragen.

Besonders eindrucksvoll sind jedoch die Veranda-Gänge, die das Gebäude zum Garten hin öffnen. Der so genannte „Pferdeschwanz Korridor“ (つくしの廊下 / ) mit seinen 20 Metern Länge ohne jegliche Stützsäulen, ist ein architektonisches Sahnestück. Falls Sie schon mal im Nijō-Schloss in Kyōto waren, werden Sie sich an die „Nachtigallen-Gänge“ erinnert fühlen – auch hier geben die Planken am Boden zirpende Geräusche von sich.
Am ungewöhnlichsten sind die Räume im 1. Obergeschoss,

  • Gunjō-no ma (群青の間 / ぐんじょうのま ), Ultramarin-Zimmer
  • Shoken-no ma (書見の間 / しょけんのま), Lesezimmer (blaue Decke und violette Wände),
  • Ajiro-no ma (網代の間 / あじろのま), Zimmer mit Flechtwerkdecke
  • Etchū-no ma (越中の間 / えっちゅうのま), Zimmer mit Holzdecke von Zedern aus Toyama (vormals “Etchū”)

die im „sukiya shoin“-Stil (数奇屋風書院 / すきやふうしょいん) eingerichtet sind, bei dem einerseits unbehandelte Holzbauteile Verwendung finden, andererseits aber auch besonders prächtige Deckengestaltungen (z.B. aufwändiges Flechtwerk). Hier sind besonders in Japan völlig ungewöhnlich strahlende Farben hervorzugeben. Die Deckenbereiche der Zimmer erstrahlen in Ultramarin, kräftigem Lila und Rot.

Dass man im oberen Stockwerk zusätzliche Sicherheitsgeländer zum Schutz vor Stürzen aus den Fenstern angebracht hat, die farblich und stilistisch nichts mit dem Rest der Raumgestaltung zu tun haben, ruiniert den Gesamteindruck etwas. Fotos gibt es an dieser Stelle hiervon ohnehin nicht, da das Fotografieren in den Räumlichkeiten untersagt ist. Aber einen Blick auf die prächtigen Schindeldächer und hinaus in die Gärten gibt es deswegen trotzdem.

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Öffnungszeiten des Kenroku-en:

vom 1. März bis 15. Oktober: 7:00 Uhr bis 18:00 Uhr
vom 16. Oktober bis 28./29. Februar: 8:00 Uhr bis 17:00 Uhr

Eintrittsgebühr Kenroku-en:

Erwachsene: 310 Yen
Kinder von 6 bis 17 Jahren: 100 Yen
Nachlässe für Gruppen von 30 und mehr Personen.

Öffnungszeiten Seisonkaku:

Täglich (außer mittwochs) von 9:00 Uhr bis 17:00 Uhr (letzter Einlass um 16.30 Uhr).
Geschlossen während der Neujahrsfeiertage (29. Dezember bis 2. Januar)

Eintrittsgebühr Seisonkaku:

Erwachsene & Studenten: 700 Yen
Schüler der Mittel- und Oberstufe: 300 Yen
Grundschüler: 250 Yen
Nachlässe für Gruppen von 20 und mehr Personen.

Eintrittsgebühr für Sonderausstellungen im Seisonkaku:

Erwachsene & Studenten: 1.000 Yen
Schüler der Mittel- und Oberstufe: 400 Yen
Grundschüler: 300 Yen
Nachlässe für Gruppen von 20 und mehr Personen.

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Und um unseren Rundgang abzuschließen, machen wir jetzt noch einen kleinen Abstecher ins alte Samurai-Viertel Kanagawas, das etwa einen Kilometer östlich des Kenroku-en liegt. Wenn Sie den Garten über den Ausgang an der Kreuzung Hirosaka (広坂 / ひろさか) verlassen, das „21st Century Museum of Contemporary Art“ sozusagen „links liegen lassen“ und sich geradeaus in östlicher Richtung halten, kommen Sie vorbei am Shiinoki Geihinkan (しいのき迎賓館しいのきげいひんかん, einem auf seiner Südseite den Stil der Taishō-Zeit (1912-1926) konservierenden Backsteinbau, der einst Sitz der Präfekturregierung war und heute als Kulturzentrum genutzt wird, dem man aber auf der Nordseite eine moderne Glasfassade hinzugefügt hat.

Shiinoki Geihinkan (しいのき迎賓館)

Shiinoki Geihinkan (しいのき迎賓館)

Und ein paar Meter weiter östlich passieren Sie die eindrucksvolle Backsteinfassade des Museums für moderne Literatur (四高記念文化交流館 / しこうきねんぶんかこうりゅうかん), das seit 2008 in diesem aus dem Jahre 1891 stammenden Gebäude, das ursprünglich für das 4. Gymnasium errichtet wurde, untergebracht ist.

Museum für moderne Literatur (四高記念文化交流館)

Museum für moderne Literatur (四高記念文化交流館)

Am Daiwa Department Store überqueren Sie die Nationalstraße Nr 157 und kommen so zur Filiale der Bank von Japan (日本銀行金澤支店 / にっぽんぎんこうかなざわしてん). Gehen Sie schmale Straße zwischen „Kanazawa Excel Hotel Tōkyū“ (金沢エクセルホテル東急) (im Erdgeschoss befindet ich ein Starbucks Cafe) und der Bank von Japan hindurch und dann immer grob geradeaus – hier, nur wenige Meter vom geschäftigen Zentrum Kanazawas entfernt, tauchen Sie in eine Welt ein, die längst vergangen ist: In das Nagamachi Samurai-Viertel (長町武家屋敷跡 / ながまちぶけやしきあと). Zwei der acht wichtigsten Samurai-Familien im Gefolge des Maeda-Klans hatten hier ihre Residenz. Auch wenn die meisten Häuser längst modernen Gebäuden Platz machen mussten, hat sich das Viertel mit den trutzigen Mauern (die natürlich auch erst wieder neu hatten erstehen müssen), dem Kopfsteinplaster und den gepflegten Gärten den alten Charme einer gut befestigten Samurai-Siedlung zurück erobert. Stöbern Sie durch die kleinen Geschäfte, lassen Sie die Atmosphäre dieses Viertels auf sich wirken – bloß weil hier vieles erst in jüngerer Zeit neu erstanden ist, ist sie nicht weniger eindrucksvoll.

Und wenn ich das nächste Mal nach Kanazawa komme, wird dann auch noch das Teehaus- und Geisha-Viertel Higashi Chayagai (東茶屋街 / ひがしちゃやがい) nachgereicht.

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3 Responses to Kanazawa (金沢) (III) (dt.)

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