Kanazawa (金沢) (I) (dt.)

Das Goldstück an der Westküste: Trommeln, Märkte und eine prächtige Burg

Titel Kanazawa 1

Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Wie kommt es, dass Kanazawa nicht noch weiter oben auf der Liste der „abzuklappernden“ Ziele in Japan steht und selbst der Baedeker sich dabei in seiner Gesamtausgabe für Japan auf wenige Seiten beschränkt? Es liegt ganz bestimmt nicht daran, dass Kanazawa ein zweit- oder gar drittklassiges Reiseziel wäre. Nicht ohne Grund nennt es sich stolz auch „Klein Kyōto“ (auch wenn es nie kaiserliche Residenzstadt war und auch nie Sitz einer Nationalregierung). Der Klan der Maeda hat die Stadt gegen Ende des 16. Jahrhunderts zu einer Blüte geführt, die auch heute noch evident ist. „Gold“ ist das Zauberwort in Kanazawa – es ist Bestandteil des Namens (金 / きん / かね / Gold, Geld, Metall) und kaum anderswo in Japan wird mit dem Edelmetall so verschwenderisch umgegangen. Man möchte fast sagen: Wo andernorts das Salz zur Suppe gehört, ist es in Kanazawa das Gold.
Hier gibt es malerische Samurai-Viertel, in denen einerseits die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, die aber andererseits alles andere als lediglich kitschige Touristen-Referenz an eine längst vergangene Zeit sind. Das Teehaus- und Geisha-Viertel Kanazawas braucht den Vergleich mit dem Gion-Viertel in Kyōto nicht zu scheuen, und die Burg der Stadt gehört zu den bemerkenswertesten des Landes. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Kanazawa einen der schönsten Gärten des Landes sein Eigen nennen darf. Gleichzeitig ist Kanazawa dem Hier und Heute vielleicht sogar mehr verschrieben als andere japanische Städte in dieser Größenordnung – und das liegt nicht nur an den exquisiten Fischspezialitäten, für die die Region bekannt ist, sondern auch daran, dann man sich nicht scheut, modernste Kunst in den öffentlichen Raum zu tragen.

Und durch diese faszinierende Stadt wollen wir heute einen kleinen Gewaltmarsch hinlegen. Ausgangspunkt ist der Bahnhof Kanazawa. Und spätestens wenn man dessen Grandiosität gesehen hat, hat man einen weiteren Grund, Vergleiche mit Kyōto und seinem etwas überdimensioniert wirkenden Hauptbahnhofsgebäude in Erwägung zu ziehen. Von Tōkyō aus ist Kanazawa derzeit zwar noch etwas umständlich zu erreichen (leichter von Nagoya und Ōsaka), dafür ist die Strecke durch die zentrale Gebirgskette der japanischen Hauptinsel Honshū (本州 / ほんしゅう), z.B. ab dem Bahnhof Echigo Yuzawa (越後湯沢 / えちごゆざわ) mit den „Hakutaka“ (はくたか)-Expresszügen, um so schöner. All das wird sich allerdings bis zum Ende 2014 / Anfang 2015 gravierend ändern, denn dann wird Kanazawa an das Shinkansen-Netz angeschlossen sein und sich die Reisezeit entscheidend verkürzen (2 ½ Stunden statt gut 4 Stunden von Tōkyō). Man mag sich darüber streiten, ob es deswegen nötig war, große Teile des Küstenstreifens mit gigantischen Hochtrassen für den Shinkansen zu „verzieren“. Und ob Kanazawa dann seinen eher etwas beschaulicheren Charme noch bewahren kann, wird die Zukunft unter Beweis stellen müssen.

Nach Verlassen des Bahnhofs wird man auf dessen Ostseite zunächst von einer gigantischen, geschwungenen Glasdachkonstruktion empfangen, die – sehr passend – auch „Motenashi Dome“ (sprich: Empfangs-Kuppel) genannt wird und die man durch eine hölzerne Torkonstruktion verlässt, deren Säulen den z.B. in Nō- und Kabuki-Theatern zum Einsatz kommenden Handtrommeln (tsuzumi / 鼓 / つづみ) nachempfunden sind. Kein Wunder also, dass das Tor auf den Namen „Tsuzumi-mon“ (鼓門 / つづみもん) hört. Sprich: Schon mit seinem Bahnhofsgelände zeigt Kanazawa, dass es Tradition und Moderne zu verbinden versteht.

Erwarten Sie rund um den Bahnhof keine idyllischen Altstadtgässchen – hier ist alles neu und eher mäßig harmonisch arrangiert. Lassen Sie sich davon nicht abschrecken! Halten Sie sich entlang der großen, beiderseits teilweise überdachten Hauptstraße zwischen dem „Miyako Hotel“ und dem „Garden Hotel“ in südöstlicher Richtung. Nach gut 600 Metern sehen sie linker Hand das imposante Haupthalle des buddhistischen Tempels Higashi Betsuin (東別院 / ひがしべついん).

Und von dort sind es nur noch ein paar hundert Meter bis zur großen Kreuzung „Musashigatsuji“, auf deren gegenüberliegenden Seite Sie links den modernen Komplex von Hakomachi sehen. Rechts steuern Sie auf ihr erstes Ziel zu, den Ōmi-chō Markt (近江町市場 / おうみちょういちば), der sich auch „Küche Kanazawas“ nennt. In den überdachten Marktstraßen des Viertels findet man schon seit über 300 Jahren all das, was man für’s tägliche Leben so braucht (ursprünglich war es natürlich ein Ort, an dem nur die Adeligen ihre Gaumengenüsse erstehen konnten). In den Jahren 1690 bis 1721 errichtet (und immer wieder abgebrannt), hat es der Markt geschafft, den Zeitläuften zu trotzen. Seit 1904 ist der Ōmi-chō Markt öffentlich und schmückt sich mit sechs Attributen:

1. Geschäfte in Hülle und Fülle (185 Geschäfte für den unterschiedlichsten Bedarf)
2. Jede Menge hausgemachter Produkte (insbesondere regionale Spezialitäten)
3. Offene Kommunikation mit den Kunden (etwa 15.000 Kunden besuchen den Markt täglich)
4. Unschlagbare Frische der Produkte (besonders bei den lokalen Fischprodukten)
5. Hier können Sie Ihrem Händler noch ins Gesicht sehen
6. Hier finden Sie die Experten, die sie alles über die angebotenen Waren fragen können.

Und weil es ganz einfach Spaß macht: Nehmen Sie sich Zeit und schauen Sie sich nach Herzenslust in dem wirklich breit gefächerten Warenangebot um!

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Öffnungszeiten des Ōmi-chō Marktes:

Grundsätzlich: 9:00 bis 18:00 Uhr
Aber keine festen Ladenöffnungszeiten; an Sonntagen, Nationalfeiertagen und mittwochs bleiben einige der Geschäfte geschlossen

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Wenn Sie einen guten Kompass eingebaut haben, laufen Sie durch die teilweise recht hübschen Gassen südöstlich des Markets weiter in südöstlicher Richtung (ansonsten nehmen Sie einen Stadtplan zur Hand) und erreichen nach kaum 100 Metern einen recht praktischen Zugang zum ersten großen Highlight auf unserer heutigen Route: Die Burg von Kanazawa (金沢城 / かなざわじょう), deren Gelände wir vom Kuromon (黒門 / くろもん), dem „schwarzen Tor“ aus betreten (lassen Sie sich nicht verwirren: Es gibt an der Stelle kein Tor mehr – auch kein schwarzes).
Lassen Sie sich zunächst einmal von der Weitläufigkeit der Gartenanlage auf der Nordseite der Burg einfangen – sie erinnert doch mehr an einen englischen Landschaftspark als an einen japanischen Ziergarten.


In den inneren Bereich der Burg dringen Sie von hier aus am einfachsten über das zentral gelegene, prächtig wiederhergestellte Kahoku-Tor (河北門 / かほくみん), das von 2007 bis 2009 nach alten Vorlagen im Originalzustand wieder errichtet wurde. Das äußere Tor hat eine Höhe von 7,4 Metern und eine Breite von 4,7 Metern und besteht aus Zelkova-Holz. Das innere Tor bringt es nicht nur auf ein Höhe von 12,3 Metern, sondern bietet in seinem Obergeschoss auch 220 qm nutzbare Fläche.
Der Bau der Burg selbst wurde bereits vor über 400 Jahren begonnen. Und auch wenn von den ursprünglichen Gebäuden heute nur noch sehr wenige im Original erhalten sind – das Ishigawa-Tor (石川門 / いしかわもん) (1788 errichtet) und das Sanjukken Nagaya (三十間長屋 / さんじゅっけんながや) (wiederaufgebaut 1858), ein lang gestrecktes Lagerhaus – hat man gerade in jüngerer Zeit viele der großartigen Gebäude der Burg wieder erstehen lassen. Allerdings sind es hier nicht nur die Gebäude, die von Interesse sind, auch die mächtigen Burg- und Befestigungsmauern vermitteln einen Eindruck von der Macht, die der herrschende Maeda-Klan inne hatte.

Durch wiederholte Feuersbrünste (besonders in den 1620ern und 30ern) und besonders nach dem großen Feuer von Kanazawa (1759)  ist es immer wieder zu Neubauten gekommen, bevor Großteile der Anlage bei einem Großbrand im Jahre 1881 zerstört wurden. Die Großartigkeit der Anlage lässt sich allerdings auch daran ermessen, dass die Hauptgebäude der Burg im späten 18. Jahrhundert „der Palast der 1.000 Tatami“ (ein Tatami ist ca. 1,8 qm) genannt wurde.
Ungewöhnlich für eine japanische Burg, sind die strahlend weißen Mauern und mehr noch die strahlend weißen Dächer, deren Dachpfannen aus Blei sind – das hatte früher nicht nur den Charme, Schutz gegen Brandgeschosse zu bieten, sondern dass diese sich im Falle einer längeren Belagerung der Burg auch in Geschosskugeln umgießen zu lassen.

Von den zahlreichen Gebäuden auf dem Burggelände picke ich zwei heraus, die recht anschauliche Beispiele für die damalige Architektur darstellen und gleichzeitig gratis zu betreten sind:

Tsurumaru-Lagerhaus (鶴丸倉庫 / つるまるそこう)
Seit 2008 ein wichtiges nationales Kulturgut, das im Jahre 1848 als zweigeschossiges Lagerhaus für Militärbedarf erbaut wurde.

Sanjukken-Nagaya (三十間長屋 / さんじゅっけんながや)
Seit 1957 ein wichtiges nationales Kulturgut, das im Jahre 1859 erbaut wurde und mit seiner erstaunlichen Länge (wie der Name so schön erraten lässt: 30 Ken lang – das wären dann nach Adam Riese sage und schreibe 54,60 Meter – aber nachgemessen habe ich es natürlich nicht) ein sehr gut erhaltenes Bauspiel für ein militärisches Wohn- und Lagerhaus abgibt.

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Öffnungszeiten der Burg von Kanazawa:

Vom 1. März bis 15. Oktober: 7:00 Uhr bis 18:00 Uhr
Vom 16. Oktober bis 28./29. Februar: 8.00 Uhr bis 17:00 Uhr
Kein Ruhetag
Keine Eintrittsgebühr

Für einzelne Gebäudeteile (Hishiyagura, Gojikken Nagaya und Hashizumemon Tsuzuki Yagura) gelten verkürzte Öffnungszeiten, und eine Eintrittsgebühr von 300 Yen (Erwachsene) bzw. 100 Yen (Kinder und Jugendliche von 6 bis 18 Jahren) wird erhoben (Senioren über 65 Jahre haben freien Zutritt).

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Fortsetzung folgt!

Lesen Sie auch:

Kanazawa (金沢) (II) (German version)
– Das Goldstück an der Westküste: Alt-ehrwürdige Schreine und moderne Architektur

Kanazawa (金沢) (III) (German version)
– Das Goldstück an der Westküste: Gartenbaukunst & Samurai

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