Reis – Lebenselixier Japans

Was man über japanischen Reis vielleicht auch wissen sollte.
Oder: Japanischer Reis, näher gebracht mit modernen Mitteln

The Battle of Confectionary and Sake (Kome - The Art of Rice)

The Battle of Confectionary and Sake (Kome – The Art of Rice)

Eine englischsprachige Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Wenn ich die Behauptung in den Raum stelle, dass Japan ein Reisland ist, werden sich wahrscheinlich nicht allzu viele Gegenstimmen erheben. D.h. ein paar Japankundige werden mir natürlich mit erhobenem Zeigefinger erwidern, dass es die Japaner selbst sind, die die USA als „Reisland“ bezeichnen, weil die japanischen Schriftzeichen für die USA (米国 / べいこく) genau das bedeuten. Ich halte dagegen: Japaner sind auch nicht der Meinung, Deutsche seien einsam, bloß weil das Schriftzeichen für Deutschland (独 / どく) eine solche Bedeutung impliziert. Als Fakt lässt sich aber festhalten: Japan steht (2011) an 11. Stelle in der weltweiten Reisproduktion (und damit noch eine Stelle vor den USA – gegen die Reisgiganten China und Indien sind natürlich beide nur kleine Fische).

Kome - The Art of Rice

Kome – The Art of Rice

Allerdings sind nur wenige Länder in ähnlicher Weise vom Reisanbau geprägt, ist der Reis so verwoben mit Mythologie, Religion und Kultur, wie das in Japan der Fall ist. Da wirkt es sich um so gravierender aus, dass der Reisanbau in Japan gleich in mehrfacher Weise bedroht wird. Der pro-Kopf-Reiskonsum ist rückgängig, weil die jungen Leute Hamburgern und Pasta mehr zusprechen (man könnte gemein sein und behaupten: Man sieht ja, wo’s bleibt – das früher in Japan praktisch unbekannte „Hüftgold“ erfreut sich auch im Land des aufgehenden Reises ungeahnter – und auch unerwünschter – „Beliebtheit“), die Reisbauern werden immer älter (das Durchschnittsalter beträgt 67 Jahre!), und der Nachwuchs bleibt aus. Angestrebte Freihandelsabkommen im pazifischen Raum bedrohen die Auskömmlichkeit der Arbeit japanischer Reisbauern zusätzlich.
Dennoch: Während in alten Zeiten das Land seine liebe Not damit hatte, die Bevölkerung zu ernähren, haben Zuchterfolge und moderne (wenn auch kleinflächige) Anbaumethoden – im Verein mit der schwindenden Inlandsnachfrage – erstmals dazu geführt, dass Japan sein „weißes Gold“ exportieren kann. Oder sollte man sagen „könnte“? Denn auf dem Weltmarkt ist japanischer Reis im besten Fall als Feinschmeckerprodukt (was er in der Tat ist) konkurrenzfähig, da Reis trotz (oder wegen) kräftiger Subventionen in Japan alles andere als ein Billigprodukt ist.

Kome - The Art of Rice

Kome – The Art of Rice

Dem Rückgang der Inlandsnachfrage versucht man aber auch mit gezielten Werbe- und Belehrungsprogrammen entgegen zu wirken, die ein neues (oder besser: erneuertes) Bewusstsein für das Grund- und Allround-Nahrungsmittel „Reis“ schaffen sollen. Nur diejenigen, die einmal den Wohlgeschmack, das feine Aroma und vor allem den betörenden Duft frisch gekochten japanischen Reises erkannt haben und wissen, dass durchaus ein Unterschied zwischen diesem und Reissorten andernorts auf der Welt besteht, werden glauben, dass man mit solchen Aktionen Eulen nach Athen trägt. Sollte man nicht meinen, dass ganz besonders Japaner um den Wohlgeschmack ihres Reises wissen und schon deswegen nicht auf ihn verzichten möchten?

Kome - The Art of Rice

Kome – The Art of Rice

In diesem Zusammenhang ist auch eine eindrucksvolle Ausstellung zu betrachten, die noch bis zum 15. Juni 2014 unter dem Motto „Kome – The Art of Rice“ (米展 / こめてん) im „21_21 Design Sight“ in Tōkyō Midtown zu sehen ist (diese wird u.a. vom Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie und vom Ministerium für Land- und Forstwirtschaft und Fischerei unterstützt).

Kome - The Art of Rice

Kome – The Art of Rice

Diese Ausstellung beleuchtet mehrere Aspekte des „Nahrungsmittels“ Reis, seinen Anbau, die Verwertung der Anbauprodukte und stellt diese in ein künstlerisch durchaus ansprechendes Ambiente (das Museumsgebäude, das nach Ideen des japanischen Star-Designers Issey Miyake, umgesetzt durch den Star-Architekten Tadao Andō errichtet wurde, ist allein schon den Besuch wert). Einer der wichtigsten Aspekte der Ausstellung ist allerdings die Bewusstmachung der tiefen Verwobenheit des Reises mit der Kultur Japans, seiner Religion, ja sogar seiner Landschaft und seines Klimas (Teile dieser Ausstellung möchte ich in diesem Artikel vorstellen).

Kome - The Art of Rice

Kome – The Art of Rice

Das gebirgige Archipel Japans war seit Urzeiten Opfer von Dürren, ebenso wie von Überschwemmungen. Die großen Regenmassen, die im Laufe eines Jahres über dem Land niedergehen, konnten nirgendwo einen „geregelten“ Ablauf in Flüssen und Bächen finden, da es im ganzen Land im Grunde keinen einzigen schiffbaren Fluss gibt – der Weg, den das Wasser aus den Bergen ins Meer zurücklegen muss, ist meist extrem kurz und steil. Hier hat die über viele, viele Jahrhunderte (man möchte fast von Jahrtausenden sprechen; Reisbau lässt sich in Japan wohl bis in das Ende der Jōmon-Zeit – 2. Hälfte des vorchristlichen Jahrtausends – zurück verfolgen) von Menschenhand vorgenommene Urbarmachung des Landes zu einer Terrassierung geführt – und diese wiederum hat sich nicht nur stabilisierend auf den Wasserablauf ausgewirkt, sondern auch die klimatischen Verhältnisse „gemildert“ (in der Ausstellung wird gar der Eindruck erweckt, man könne sich mit gekonntem Reisanbau sogar gegen die Herausforderung eines Klimawandels stemmen).

Die polytheistische Religion Japans, der Shintō, kennt eine Zielzahl von reisbezogene Riten, Reis wird (in verschiedenen Formen) den Göttern zum Opfer dargebracht (z.B. in Form der “kagami mochi” – siehe unten – die traditionell zum neuen Jahr den Göttern dargebracht werden), aber Reis selbst ist auch göttlich. Während jedes deutsche Kind weiß, dass es einen wundersamen kausalen Zusammenhang zwischen der Vollständigkeit des Verzehrs einer Mahlzeit und der Wettergestaltung am Folgetag gibt, wissen japanische Kinder, dass Reis immer bis auf das letzte Korn aufzuessen ist, weil potenziell in jedem Reiskorn ein göttliches Wesen „hausen“ kann, das es gilt, durch sorgsamen Verzehr bei Laune zu halten.

Kagami Mochi (Kome - The Art of Rice)

Kagami Mochi (Kome – The Art of Rice)

Die Ausstellung kommt immer wieder zu Motiven zurück, die sich aus der Erkenntnis ableiten, dass eine Schüssel Reis (japanisches Standardmaß vorausgesetzt) ungefähr 3.000 Reiskörner enthält, die aus (zumindest statistisch gesehen) drei einzigen Reiskörnern gewachsen sind. So gibt es beispielsweise eine Tischlampe zu sehen, deren Schirm das Licht sehr effektvoll aus 3.000 Reiskörnern austreten lässt. Aber auch ein Kunstwerk, dessen Titel man frei mit „Jedem Reiskorn seine eigene Schüssel“ umschreiben könnte, basiert auf der 3.000-Reiskörner-Theorie, die eine Reisschüssel füllen.

3.000 Reiskörner (Kome - The Art of Rice)

3.000 Reiskörner (Kome – The Art of Rice)

3.000 Reiskörner (Kome - The Art of Rice)

3.000 Reiskörner (Kome – The Art of Rice)

In einem Land, das so umfassend vom Reis bestimmt wird, liegt es nahe, dass der Reis auch zur Maßeinheit erhoben wird – bzw. seine Verpackungsgrößen den Standard setzen. So wurde der Reichtum eines Menschen in alten Zeiten in Reismengen zum Ausdruck gebracht. Der Wert von Lehen wurde in der in einen Reisstrohballen verschnürten Menge an Reis gemessen, die in etwa dem Jahreskonsum eines Erwachsenen entsprach. Dieses Maß, ein „koku“ (石 / こく), entsprach einem Volumen von 180 Litern. Das Einkommen der Familie der Tokugawa Shōgune wurde z.B. mit 4 Millionen „koku“ angegeben. Aus diesem Standardmaß leiten sich andere Maße ab, wie z.B. die 1,8 Liter fassende Standard-Reiswein-Flasche oder die 180 ml der Standard-Ausschankmenge bei Sake (Reiswein). Aber auch für den ungekochten Reis sind die 180 ml sozusagen das Maß aller Dinge. Selbst hochmoderne elektronische Reiskocher werden mit Messbechern, die eine Füllmenge von 180 ml haben, bestückt – woraus der Kocher dann genügend Reis für zwei kleine Reisschalen entstehen lässt.

Maßeinheit "Reis" (Kome - The Art of Rice)

Maßeinheit “Reis” (Kome – The Art of Rice)

Dass Reis einen ganz besonderen kulturellen Status im Land der aufgehenden Sonne hat, lässt sich schon an dem Umstand ablesen, dass es nicht nur eine Vielzahl von Wörtern für die verschiedenen „Erscheinungsformen“ von Reis gibt, sondern auch, dass sich viele hundert Wörter vom „Reis“ ableiten (die sino-japanische Silbenschrift dokumentiert dies in anschaulicher Weise).

Schriftzeichenkunde "Reis" (Kome - The Art of Rice)

Schriftzeichenkunde “Reis” (Kome – The Art of Rice)

Die verschiedenen Stadien, die ein Reiskorn bis zum Verzehr durchmacht, geben ihm jeweils auch einen anderen Namen.

  • Das noch völlig unbehandelte (und auch ungenießbare) Reiskorn mit seiner harten Außenhaut und den kristallinen Härchen heißt „籾”(もみ / momi).
  • Das noch unpolierte (leicht bräunliche) Naturreiskorn heißt „玄米”(げんまい / genmai).
  • Das Schriftzeichen für geschälten und polierten, ungekochten Reis, „米”(こめ / kome), soll übrigens aus dem Zusammenfügen der Schriftzeichen für die Zahl 88 (八十八) entstanden sein und damit die 88 Arbeitsschritte verkörpern, die erforderlich sind, um Reis herzustellen. Eine Liste dieser 88 Schritte konnte ich allerdings nicht auftreiben…
  • Wenn der Reis gekocht ist, wird aus ihm “御飯”(ごはん / gohan) bzw. “飯”(めし / meshi), was beides auch für „Mahlzeit“ steht und unserem „täglichen Brot“ als Sinnbild für die Nahrung, die wir zu uns nehmen, gleichkommt.

Spätestens wenn man von dem nicht nur aufwändig wirkenden, sondern auch wirklich nicht im Handumdrehen zu lernenden Prozess der Zubereitung von Reis erfährt, ist man dankbar dafür, dass es sich Otto-Normalbürger durchaus erlauben darf, sich den Segnungen moderner Elektronik anzuvertrauen. Die Abfolge von verschiedenen Erhitzungs- und Abkühlungsstufen, die beim Kochen japanischen Reises am heimischen Herd einzuhalten sind, übernimmt ein moderner Reiskocher in vielleicht nicht so stilechter Art und Weise, aber sicher verlässlicher. Dass solche Reiskocher viele hundert Euro kosten können, zeigt, welchen Status ein solches Gerät im japanischen Haushalt einnimmt.

Dass nicht nur das Reiskorn besondere Wertschätzung erfährt, dürfte in einem Land wie Japan selbstverständlich sein. Auch das Reisstroh wird nicht achtlos entsorgt. Es findet u.a. Verwendung nur als untere Füllschicht für den traditionellen japanischen Fußbodenbelag, Tatami (畳 / たたみ) und bei der Herstellung Herstellung meist rituell-religiöser Geflechte, von denen auf den unten stehenden beiden Bildern ein kleiner Eindruck verschafft werden soll.

Aber Japan wäre nicht Japan, wenn nicht auch eine Welt der Miniaturen aus Reis entstehen könnte. Gleich am Eingang der Ausstellung gibt es im Erdgeschoss die so genannte „Kome tsubu moji moji“-Galerie zu sehen, kleine schwarze Holzkästchen an der Wand, die völlig unscheinbar aussehen. Jedes dieser Kästchen enthält in der Mitte ein einziges Reiskorn, das zunächst noch unscheinbarer aussieht. Mit an den Kästen hängenden Lupen lässt sich dann aber erkennen: Jedes der Reiskörner ist beschriftet! Von Hand beschriftet, wohlgemerkt! Jeder Museumsbesucher wird ermuntert, sich auch in der Kunst des Reiskornbeschriftens zu üben (die Utensilien werden zur Verfügung gestellt), die nicht einfach nur ein „Spaß“ ist, sondern auf eine alte buddhistische Tradition zurück geht, das Herz-Sutra (oder auch „Sutra der höchsten Weisheit“) auf Reiskörner zu schreiben. Der „Spaß“ ist also auch eine wahrhaft meditative Handlung. Das unten stehende Beispiel trägt das japanische Schriftzeichen für “Reise”.


Vielleicht auf den ersten Blick nur ein Gag, aber spätestens auf den zweiten Blick eine große handwerkliche Fertigkeit offenbarend, ist eine „Sushi-Platte“, bei der der „Reisunterbau“ jedes Sushi-Häppchens aus einem einzigen Reiskorn besteht (klicken Sie auch hier auf die Bilder, um sie zu vergrößern).

Und als kleines Schmankerl kann sich der Besucher in der Ausstellung auch noch ein Horoskop aus sino-japanischen Schriftzeichen auf quadratischen Holzstempeln erstellen, die allesamt Bestandteile des Schriftzeichens für „Reis“ enthalten. Um dieses Horoskop dann auch nutzen zu können, sind profunde Japanischkenntnisse erforderlich – andernfalls ist das Resultat eher dekorativer Natur (wie am folgenden – eher negativen – Ergebnis einer solchen Stempelaktion zu sehen ist).

Zur Ausstellung „Kome – The Art of Rice“:

Wann?

28. Februar 2014 bis 15. Juni 2014
Täglich außer dienstags (ebenfalls geschlossen am 29. April und 6. Mai)
11:00 Uhr bis 20:00 Uhr (letzter Einlass um 19:30 Uhr)
Am 19. April 2014 geöffnet bis 24 Uhr (im Zusammenhang mit der „Roppongi Art Night“).

Wie viel?

Erwachsene: ¥1.000
Studenten: ¥800
Ober- und Mittelschüler: ¥500
Kinder bis einschließlich 12 Jahre: frei

Für Gruppen über 15 Personen reduziert sich der Eintrittspreis um ¥200 pro Person.
Behinderte und deren Begleitperson haben freien Zutritt zur Ausstellung.

Wo?

Tōkyō Midtown
21_21 Design Sight
9-7-6 Akasaka, Minato-ku, Tokyo

Tel:
03-3475-2121

21_21 Design Sight

21_21 Design Sight

Wie man hinkommt:

  • Ca. 5 Minuten zu Fuß vom Ausgang Nr. 7 bzw. 8 der U-Bahnstation Roppongi (六本木 / ろっぽんぎ) der Toei Ōedo-Linie (都営大江戸線 / とえいおおえどせん), die sich direkt unter dem Komplex von Tōkyō Midtown befindet.
  • Knapp 10 Minuten zu Fuß vom Ausgang Nr. 6 der U-Bahnstation Roppongi (六本木 / ろっぽんぎ) der Tōkyō Metro Hibiya-Linie (東京メトロ日比谷線 / とうきょうメトロひびやせん).
  • Gut 10 Minuten zu Fuß vom Ausgang Nr. 3 der U-Bahnstation Nogizaka (乃木坂 / のぎざか) der Tōkyō Metro Chiyoda-Linie (東京メトロ千代田線 / とうきょうメトロちよだせん).

Lageplan:

 

Sehen Sie auch:

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Weihnachtliche Erleuchtung – Christmas Illumination
– Weihnachtsdekoration ohne Weihnachten
– Christmas Decoration without Christmas

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3 Responses to Reis – Lebenselixier Japans

  1. […] German version of this posting you can find here. Eine deutsche Version dieses Artikels finden […]

  2. M. Schmitt says:

    Danke für den interessanten Artikel.
    Grüße aus Frankfurt
    Markus S.

    • Thomas Gittel says:

      Hallo Schmitt-sama,
      Sie sehen: Japan wird wirklich nie langweilig – auch nach so vielen Jahren nicht. Ständig gibt es etwas Neues und Interessantes zu entdecken.
      Ihnen und den Ihren einen ruhige Karfreitag und frohe Ostern.
      Viele liebe Grüße aus Tokyo!
      Thomas Gittel

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