Die Werkstätten von Miyamoto Unosuke (宮本卯之助)

Wo Trommeln zum Handwerk gehört/gehören…

Eine englischsprachige Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Miyamoto Unosuke (宮本卯之助)

Miyamoto Unosuke (宮本卯之助)

Der hohe Standard japanischen Handwerks und Kunsthandwerks ist weltberühmt. Und er kommt nicht von ungefähr, denn japanische Handwerksmeister scheinen eine besondere Hingabe an ihre Kunstfertigkeit zu pflegen und erwecken dann auch gern den Anschein, eine besonders eindrucksvolle Symbiose mit dem zu bearbeitenden Material einzugehen.

Ein wirklich mustergültig zu nennendes Beispiel hierfür konnte ich in den Werkstätten des Traditionshauses Miyamoto Unosuke (宮本・卯之助 / みやもと・うのすけ) in Augenschein nehmen, deren Besuch die „Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens“ ermöglicht hatte. In den Werkstätten von Miyamoto Unosuke werden u.a. die berühmten großen „taiko“(太鼓 / たいこ)-Trommeln in Handarbeit hergestellt, aber auch überaus prächtige und filigran verzierte tragbare Schreine, so genannte „mikoshi“ (神輿 / みこし). Und das schon seit 1861, dem Gründungsjahr der Firma (damals noch unter dem Namen „ Yamashiroya“, seit 1893 in Asakusa ansässig und auf den Namen Miyamoto „hörend“). Heute beschäftigt sie 50 Handwerker, die im Laufe ihrer beruflichen Karriere bei Miyamoto Unosuke die komplette Produktpalette des Unternehmens kennenlernen (wobei die Lackierer eine gewisse Sonderstellung einnehmen, da die verwendeten Lacke wohl „gern mal“ Unverträglichkeiten auslösen und nicht jeder Mitarbeiter hierfür in Frage kommt).

Passend zu der „Hingabe an das Werk“ hat sich das Unternehmen auch das Firmen-Motto „重義” (しげよし / shigeyoshi) gegeben, das sich ganz frei mit „schätze Vertrauen und Aufrichtigkeit höher als den Profit“ übersetzen lässt. Allerdings hat man deswegen beim Besuch der Räumlichkeiten der Firma nicht gleich den Eindruck, als habe man das Profitstreben darüber gänzlich in den Hintergrund gerückt. Warum sollte ausgerechnet hier Handwerk keinen goldenen Boden haben?

Anlässlich der Beisetzung des Taishō-Kaisers (1926) durften die Werkstätten die zeremoniellen Trommeln liefern und zählen seither zu den Lieferanten des Kaiserhauses – weswegen sie 1928 auch die Musikinstrumente für die Thronbesteigung des Shōwa-Kaisers zur Verfügung stellen durften. In der Folgezeit wurde Miyamoto Unosuke offizieller Lieferant des Kabuki-za (1963), des Nationaltheaters (1966) und des Nationalen Noh-Theaters (1986). Und kaum eine der Renovierungsarbeiten an den namhaften Tempeln und Schreinen der Stadt ging ohne ein Zutun der Firma vonstatten.

Trommelstöcke (撥)

Trommelstöcke (撥)

Am bekanntesten dürften wohl die „nagadō daiko“ (長胴太鼓 / ながどうたいこ / Langkörper-Trommeln – weil ihr Körper länger als ihr Durchmesser weit ist) sein, die teilweise mächtigen Trommeln aus dem Holz des einheimischen Keyaki-Baums (japanische Zelkove; ein mit der Ulme verwandter Baum). Der aus einem Stück des Stammes eines Keyaki-Baumes gewonnene Körper der Trommel muss, bevor er abschießend bearbeitet werden kann, drei bis fünf Jahre in einem aufwändigen Verfahren trocknen. Erst danach lässt sich beurteilen, ob der Trockenvorgang das Holz in den Zustand gebracht hat, der für die Weiterbearbeitung erforderlich ist. Seine perfekte Form findet der Trommelkörper unter den Händen und Hobeln (kein Schmirgelpapier!) der Mitarbeiter des Unternehmens, bevor sie mit Kuhhäuten bespannt werden.

Da das Alter des Baumes (sprich: sein Umfang) auch die maximale Größe der aus ihm zu gewinnenden Trommel vorgibt, sind große Trommeln natürlich besondere Schätze. Hierbei gilt die Maxime: Das Alter des Baumes sollte in etwa der Nutzungsdauer einer aus ihm gewonnenen Trommel entsprechen. Sprich: Wenn heute ein 400 Jahre alter Baum für Trommeln gefällt wird, sollten diese auch noch bis in die Mitte unseres Jahrtausends benutzbar sein (sachgemäße Behandlung und regelmäßige Pflege natürlich vorausgesetzt).

Hier zwei Beispiele für eine besonders mächtige dieser „nagadō daiko“:

Und wenn Sie sehen möchten, welche Klangwelten viele Taiko im Verein zustande bringen können, schauen Sie doch mal dieses etwas ältere Video an, das ich beim Kirschblütenfest am Sumida-Fluss gedreht habe:

Besucher von Kabuki- oder Noh-Vorstellungen werden sicher auch die einander ähnelnden “kotsuzumi” (小鼓 / こつづみ) und “ōtsuzumi” (大鼓 / おおつづみ) kennen („tsuzumi“ ist übrigens ein allgemeiner Begriff für Schlagzeug jedweder Art), deren schlanker Tubus in aller Regel aus Kirschholz hergestellt und mit prächtigen Lackarbeiten verziert wird, bevor er mit Pferdehaut bespannt wird. Charakteristisch sind allerdings die Verspannungen der Trommelfelle mit roten Hanfseilen, die zu der vielseitigen, man möchte fast sagen „vielstimmigen“ Einsetzbarkeit dieser Trommeln beiträgt. Über Druck, den der Spieler auf die Hanfseile ausübt, kann er die Trommel in ihrer „Stimmung“ beeinflussen.

Einen besonderen Rang nehmen natürlich die Instrumente ein, die für „gagaku“ (雅楽 / ががく) zum Einsatz kommen. Diese Musik, die seit der Heian-Zeit (8. Jahrhundert n.Chr.) bei Hofe gespielt wird und ursprünglich aus dem Chinesischen Kaiserreich kam, klingt auch heute noch so, als habe ihr die Zeit nichts anhaben können – was in westlichen Ohren vordergründig nur wenig harmonisch klingt, weil die Instrumente, die die Melodie des Musikstücks tragen, sich sowohl am Rhythmus des Stückes ausrichten, als auch asynchron zu demselben agieren können, gilt heute vielen als der Inbegriff alter, japanischer Kultur. Kennzeichnend für diese Musik ist ihr wirklich extrem getragen langsames Tempo. Unter den Instrumenten, die bei gagaku zum Einsatz kommen, sind die großen Schlaginstrumente „dadaiko“ (鼉太鼓 / だだいこ), „shōko“ (鉦鼓 / しょうこ) und „gaku daiko“ (楽太鼓 / がくだいこ) die sicherlich prächtigsten.

Auch wenn man darauf nicht herumschlagen sollte, ist ein anderes Hauptprodukt der Werkstätten vielleicht doch am eindrucksvollsten: Die so genannten oder auch „mikoshi“ (神輿 / みこし), die tragbaren Schreine für Shintō-Gottheiten, ohne die die großen Schreinfestivals der Stadt gar nicht denkbar wären. Ich habe darüber ja bereits berichtet:

Sanja Matsuri (三社祭) (Engl./dt.)
– Ein Fest für die Götter, das Volk, die Augen und das Ohr
– A festival for the gods, the people, the eyes and the ear

Sanja Matsuri (三社祭)Video

Mit dem „Zug der Götter“ durch die jeweiligen Stadtteile will man bewirken, dass böse Geister vertrieben werden. Aber wer dem ganzen eine mehr weltliche Komponente abgewinnen möchte, sieht daran einen willkommenen Anlass zur Ausgelassenheit. Die Schreinfestivals Tōkyōs gehören sicher zum Lebendigsten, was man sich an Volksfesten vorstellen kann. Allein das oben beschriebene Sanja Matsuri lockt mehrere Millionen Besucher an einem einzigen Wochenende an.

Im Jahre 1988 hat die Firma Miyamoto Unosuke das erste Museum der Welt eingerichtet, das sich dezidiert den Trommeln widmet. Hier gibt es inzwischen eine Sammlung von etwa 900 Exponaten aus allen Winkeln der Welt zu sehen. Ach, was heißt „zu sehen“? Hier darf die überwiegende Mehrzahl der Ausstellungsstücke nicht nur ausprobiert werden – der Eigentümer besteht förmlich darauf, dass man dies tut. Wer also schon immer mal einer jamaikanischen Steel Drum (Steel Pan) Töne entlocken wollte oder einfach nur ausprobieren möchte, wie man in Kabuki-Theatern das Quaken von Fröschen nachahmt oder das Fallen von Schnee akustisch „darstellt“, ist hier genau richtig aufgehoben.

Im Miyamoto Studio werden übrigens auch Kurse zum Erlernen der in den Werkstätten hergestellten Musikinstrumente angeboten.

Anschrift des Hauptgeschäftes und der Werkstätten von Miyamoto Unosuke:

6-1-15 Asakusa
Taitō-ku
Tōkyō 111-0032

株式会社 宮本卯之助商店
〒111-0032 東京都台東区浅草6-1-15

Lageplan des Ladenlokals und der Werkstätten von Miyamoto Unosuke:

Trommelmuseum:

Öffnungszeiten:
10 Uhr bis 17 Uhr
Geschlossen montags (fällt ein Feiertag auf Montag, am Dienstag geschlossen)

Eintrittsgebühr:
Erwachsene: 500 Yen
Kinder (ab Grundschulalter): 150 Yen
Behinderte und Begleitperson: Eintritt frei

Anschrift des Tommelmuseums:
2-1-1 Nishi-Asakusa, 4. OG
Taitō-ku
Tōkyō 111-0035

太鼓館
〒111-0035東京都台東区西浅草2-1-1

Lageplan des Trommel-Museums von Miyamoto Unosuke:

Wie man hinkommt:

Zur Trommel- und Mikoshi-Werkstatt:
Mit den U-Bahnen der Tōkyō Metro Ginza-Linie (東京メトロ銀座線 / とうきょうメトロぎんざせん) oder der Toei Subway Asakusa-Linie (都営地下鉄浅草線 / とえいちかてつあさくさせん) oder der Tōbu-Skytree-Linie (東武スカイツリー線 / とうぶスカイツリーせん) nach Asakusa (浅草 / あさくさ) und von dort ca. 5 Minuten entlang der Umamichi Dōri (馬道通り / うまみちどおり) in nördlicher Richtung nach Asakusa 6 chōme (浅草6丁目 / あさくさ6ちょうめ).

Zum Trommel-Museum:
Mit der U-Bahn der Tōkyō Metro Ginza-Linie (東京メトロ銀座線 / とうきょうメトロぎんざせん) nach Tawaramachi (田原町/ たわらまち) und von dort zwei Minuten zu Fuß in nördlicher Richtung entlang der Kokusai Dōri (国際通り / こくさいどおり).

Trommel-Museum (太鼓館)

Trommel-Museum (太鼓館)

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5 Responses to Die Werkstätten von Miyamoto Unosuke (宮本卯之助)

  1. […] German version of this posting you can find here. Eine deutsche Version dieses Artikels finden […]

  2. […] Diese irrwitzig steil gewölbte Brücke (weswegen man sie, in Anlehnung an die runde Form der japanischen Trommeln auch „Taikobashi“ (太鼓橋 / たいこばし) nennt) wirkt nicht einfach nur sehr […]

  3. […] Die Werkstätten von Miyamoto Unosuke (宮本卯之助) – Wo Trommeln zum Handwerk gehört/gehören… […]

  4. […] Nō-Dramen werden in aller Regel von einer Flöte, Nōkan (能管 / のうかん) genannt, und drei Trommeln, dem sogenannten „Hayashi-Ensemble“ (能囃子 / のうばやし), begleitet. Hier kommen meist sich im Aufbau und der Spielweise stark ähnelnde Ōtsuzumi (大鼓 / おおつづみ) (sie wird meist in der Hüfte aufgestützt gespielt) und Kotsuzumi (小鼓 / こつづみ) (auch als „Schulter-Trommel“ bekannt), sowie eine Taiko (太鼓 / たいこ) zum Einsatz. In meinem Artikel über die Werkstätten von Miyamoto Unosuke (宮本卯之助 / みやもと・うのすけ) sind diese Trommeln genauer beschrieben. Schauen Sie doch mal vorbei! Hier ist der Link. […]

  5. […] dem Weg von Akasuka zum Tōzen-Tempel kommen Sie auch an den Werkstätten von Miyamoto Unosuke (宮本卯之助 / みやもとうのすけ) vorbei. Schauen Sie doch mal […]

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