Tōkyōs Herz für Theater: Das Kabuki-za (歌舞伎座)

Unter, hinter und über den Kulissen von Tōkyōs neuem Kabuki-Theater

Eine englischsprachige Version dieses Artikels finden Sie hier.
An English version of this posting you can find here.

Kabuki-za (歌舞伎座)

Kabuki-za (歌舞伎座)

Eine der ganz seltenen Möglichkeiten, einmal hinter die Kulissen des Theaterbetriebes in Tōkyōs funkelnagelneuem und gleichzeitig alt-ehrwürdigen Kabuki-za (歌舞伎座) werfen zu können, durfte nicht ungenutzt verstreichen. Als Normalsterblicher hat man kaum die Gelegenheit, in diese Welt des traditionellen bürgerlichen Theaters der Edo-Zeit vorzudringen – umso schöner, dass ich heute ein bisschen davon berichten kann.

Kabuki-za (歌舞伎座) - Lageplan

Kabuki-za (歌舞伎座) – Lageplan

Wer nicht weiß, was es mit Kabuki (歌舞伎 / かぶき) auf sich hat, muss sich nicht grämen – er/sie muss einfach nur die folgenden Absätze lesen.

Wie immer ist nämlich derjenige, der lesen kann, im Vorteil. Und wer dann auch noch ein bisschen Japanisch lesen kann, erst recht. Denn die Schriftzeichen für „Kabuki“ erklären schon ziemlich genau, worum es bei dieser Form des Theaters geht:

歌 = か = ka = Lied, Gesang
舞 = ぶ = bu = Tanz
伎 = き = ki = Können, Fertigkeit, Talent

Bei dieser Form des Theaters sind seit dem Jahre 1629 nur noch männliche Darsteller erlaubt, die dann auch – völlig unabhängig von ihrem eigenen Alter – sämtliche Frauenrollen spielen. Der fachkundige Zuschauer erkennt das Alter der jeweils dargestellten Figur aus der Handlung oder z.B. auch anhand der Kleidung. Kabuki-Aufführungen sind sehr lebhaft, sehr farbenfroh und meist auch sehr unterhaltsam, fast volkstümlich. Schon der prächtigen Kostüme und der oftmals aufwändigen geschminkten Gesichter wegen gehören Kabuki-Aufführungen zu den ganz besonders „exotischen“ Ausdrucksformen japanischer Kultur.

Bei den Kabukistücken unterscheidet man grob in „jidai-mono“, „sewa-mono“ und „shosa-goto“:

  • Jidai-mono (時代物) sind Historienstücke, die Handlungen aus Zeiten vor dem Tokugawa Shōgunat (sprich: aus dem 16. Jahrhundert und früher) zum Gegenstand haben.
  • Sewa-mono (世話物), die so genannten „bürgerlichen Dramen“, drehen sich, wie könnte es auch anders sein, vorzugsweise um Geld und Liebe – dramatische Suizide aus verzweifelter Liebe sind besonders beliebt, aber auch Räuberbanden, Mord und Totschlag.
  • Shosa-goto (所作事) lassen sich am passendsten mit „pantomimischer Tanz“ beschreiben.

Kennzeichnend für ein Kabuki-Theater ist nicht nur die – in unseren Augen – ungewöhnlich breite Bühne, sondern auch ein „Laufsteg“, der von der linken Bühnenseite für (je nach Größe des Theaters) 16 bis über 18 Meter quer durch das Parkett zu einer hinteren Tür im Zuschauerraum führt. Dieser „Hanamichi“ (花道 / „Blumen-Weg“) genannte „Laufsteg“ ist fester Bestandteil von Kabuki-Handlungen (besonders für die Hauptrollen des jeweiligen Stücks). Es gibt allerdings auch Theaterhäuser, die noch einen zweiten „Hanamichi“ auf der rechten Seite des Parketts installiert haben. Auch bedingt durch die Erfordernis eines „Hanamichi“ sind die Sitzreihen im Parkett meist nur mit einem sehr sanften Gefälle zur Bühne hin versehen.

Bitte klicken Sie auf eine der Miniaturen in den nachfolgenden Mosaiken, um jeweils eine Diashow zu starten.

Aber hier soll es nicht um eine Lehrstunde über Kabuki gehen, sondern um das Kennenlernen der Räumlichkeiten des Theaters, die dem Auge des Theaterbesuchers gemeinhin verschlossen bleiben.

Um welches Gebäude handelt es sich hier überhaupt? Und gab es in Tōkyō nicht schon „immer“ ein Kabuki-za? Wie mit vielen anderen „Jahrtausende alten Traditionen“ in Japan, ist es auch mit dem Kabuki-za in Tōkyō – es existiert erst seit der Regierungszeit des Meiji-Tennō (1868 bis 1912). Folgende Kabuki-za wurden in der Vergangenheit genutzt:

November 1889 bis Juli 1911:
Das 1. Kabuki-za bestand aus einem Gebäude mit überwiegend westlichen Stilelementen – es hätte in seiner äußeren Erscheinungsform auch in jeder europäischen Großstadt stehen können.

November 1911 bis Oktober 1921:
Das 2. Kabuki-za, das als Holzgebäude in einem Stil errichtet worden war, der auch einem Schrein oder Tempel Ehre getan hätte, wurde am 30.10.1921 Opfer eines – wahrscheinlich durch die Elektroinstallation ausgelösten – Großbrandes.

Januar 1925 bis Mai 1945:
Das 3. Kabuki-za, dessen Fassade der heutigen schon sehr ähnelte, allerdings einen zentralen Spitzgiebel besaß, war ein Gebäude, das 1922 begonnen worden war und – nach dem Brand des Vorgängergebäudes – feuerfest werden sollte. Der Rohbau brannte während des Erdbebens 1923 aus, wurde aber dennoch fertig gestellt und im Januar 1925 eröffnet. Die Bombardements des 2. Weltkriegs konnte das Theater nicht überstehen. Es wurde im Mai 1945 zerstört.

Januar 1951 bis April 2010:
Das 4. Kabuki-za glich dem heutigen schon wie ein Ei dem anderen (ohne allerdings den Hochhauskomplex, den das heutige Gebäude ziert).

Nach dem Kriege hatte die US-amerikanische Besatzungsmacht kurzzeitig Kabuki-Aufführungen verboten (die sich während des 2. Weltkrieges wohl einen „Namen“ in der mentalen Wehrertüchtigung des japanischen Volkes gemacht hatten). Bald danach wurde dann aber, trotz großer Materialknappheit, das 4. Kabuki-za errichtet.

Da man irgendwann kein allzu großes Vertrauen in die Erdbebensicherheit des Gebäudes mehr hatte und es auch nicht mehr den Ansprüchen an ein modernes Theatergebäude genügte, entschloss man sich in den 2000er-Jahren, das Gebäude komplett abzureißen. Von 2009 bis 2010 gab es noch mal eine Reihe großartiger Abschiedsvollstellungen, bevor man im April 2010 den „Hammer“ ansetzte.

Die sich anschließende dreijährige Bauzeit war erforderlich, da möglichst viel von den traditionellen Elementen des Gebäudes entweder gerettet oder kopiert werden sollten und natürlich mitten in der Stadt nicht einfach gesprengt werden konnte.

Das 5. Kabuki-za wurde schließlich am 28. März 2013 feierlich eröffnet – und wer nicht genau hinsieht, würde es tatsächlich „nur“ für eine renovierte Version des Vorgängergebäudes halten. Man hat sich beim Neubau darum bemüht, Änderungen nur dort vorzunehmen, wo moderne Technik und die Bequemlichkeit der Zuschauer bzw. Bauvorschriften dies erforderten. Auf diese Weise sollte u.a. auch sichergestellt werden, dass der am Kabuki-za in Tōkyō gepflegte Spielstil unverändert fortgeführt werden konnte, der sich im 3. und 4. Kabuki-za-Gebäude (also in fast 90 Jahren) herausgebildet hatte.

Kabuki-za (歌舞伎座) - UG/basement

Kabuki-za (歌舞伎座) – UG/basement

Ich greife hier als Beispiel einmal ein Bauteil heraus, das vielleicht nicht nur für die Schauspieler das wichtigste und das Schauspiel als solches am meisten beeinflussende Element darstellt: die Bretter, die auch im Kabuki-za die Welt bedeuten, nämlich die Holzplanken des Bühnenbodens. Da im alten Kabuki-za Hinoki-Holz (das Holz der japanischen Scheinzypresse) verwendet wurde, kam natürlich auch im neuen Kabuki-za kein anderes Holz in Frage (wer je ein Kabuki-Schauspiel gesehen hat, wird wissen, dass die „Schalleigenschaften“ des Bühnenbodens von ausschlaggebender Bedeutung sind). Aber es durfte nicht einfach nur Hinoki sein, es musste auch möglichst astlochfreies Holz sein, das aus dem gleichen Anbaugebiet stammte, um eine einheitliche Färbung, Maserung und Holzdichte sicherzustellen. Und für die erforderliche Plankenbreite (21 cm) und Dicke (3,6 cm) – die auch aufgrund der Orientierung der Schauspieler bei ihren Bewegungen nicht verändert werden konnte – wären eigentlich über 200 Jahre alte Bäume von Nöten gewesen, die man in Japan aber nicht in ausreichender Anzahl hatte finden können. Deshalb ist man auf etwa halb so alte Bäume in der Präfektur Kanagawa ausgewichen und musste dann natürlich entsprechend mehr Bäume fällen. Um nicht Jahre für die gebrauchsfertige Trocknung des Holzes warten zu müssen, wurde das Material zu einer auf Holztrocknung spezialisierten Firma in der Präfektur Mie transportiert und dort auf einen Feuchtigkeitsgehalt von 7 bis 8% „express“-getrocknet.

Übrigens sind heute auch noch Teile der Hinoki-Bretter der alten Kabuki-za-Bühne zu sehen: In der „Galerie“ über dem Dach des Theatergebäudes lässt sich heute anhand einer anschaulichen, wechselnden Ausstellung in die Welt des Kabuki eintauchen. Der dort nachgebildete Bühnenausschnitt ist mit den Original-Bohlen aus dem 4. Kabuki-za ausgelegt. Die vielen Löcher in dem Holzboden künden davon, wie sehr ein solcher Theaterboden in Mitleidenschaft gezogen wird, wenn immer wieder Dekorationsteile auf ihm befestigt werden müssen.

Und nun noch ein paar Angaben über den Bühnenraum des Kabuki-za, um die Dimensionen dessen, was man auf den unten stehenden Bildern sehen kann, ein bisschen besser „greifbar“ zu machen:

Die vom Publikumsraum mit seinen 1808 Sitzplätzen aus sichtbare Bühne ist 27,6 Meter breit und 5,6 Meter hoch. Über der Bühne befindet sich ein bis in 15 Meter Höhe reichender Schacht, der Platz für 60 bis 70 „Vorhänge“ bietet, die von hier an verschiedenen Stellen der Bühne heruntergelassen werden können.

Kernstück der Bühne ist allerdings eine Dreh- und Hebebühne mit einem Durchmesser von 18,2 Metern, die sich über drei Ebenen (in 4,4 und 11,4 und 16,45 Metern Tiefe) unter der eigentlichen Bühne erstreckt. Auf der ersten Ebene, die 4,4 Meter unter der Bühne verläuft, hat man auch eine leicht zugängliche Doppelhebebühne im vorderen Teil des Hanamichi installiert. Sie lässt Geister und andere Wesen aus dem Untergrund auftauchen bzw. dorthin verschwinden.

Die unten stehenden Bilder von den Räumlichkeiten unter der Bühne stammen von der zweiten Ebene, die sich 11,4 Meter unter der Bühne befindet. Hier werden hauptsächlich Utensilien und Requisiten für die aktuellen Vorstellungen gelagert – durch gigantische Aufzugssysteme (von den vier Lastenaufzügen ist der längste 14,7 Meter lang und der breiteste 3,7 Meter breit) sind diese in Windeseile – etwa während der Vorstellungspause – an jede gewünschte Stelle auf der Bühne zu bringen.

Nicht minder interessant war es allerdings auch, das Atelier der Bühnenbildner zu sehen, das ebenfalls aus den hinteren Gebäudeteilen über einen gigantischen Aufzug erreicht werden konnte – der Aufzug muss immerhin so groß sein, dass die riesigen Bühnenbilder möglichst „am Stück“ in den Bühnenbereich verbracht werden können.

Die Besonderheit des typischen Aufbaus einen Kabuki-Bühnenbildes ist dessen grundsätzliche Vermeidung von Schatten. Aufbauten sind deswegen oft nicht dreidimensional, sondern bestehen aus Flächen, die auf verschiedene Ebenen in der Tiefe der Bühne verteilt aufgestellt oder -gehängt werden. Im Grunde ergibt sich damit ein Kulissenaufbau, der den mehrschichtig aufklappbarer Weihnachts-Motivkarten sehr ähnlich ist. Aufgrund der Ausmaße der Bühne sind diese handgemalten Kulissen natürlich kolossal – und sie werden (jedenfalls zum überwiegenden Teil) für jede Inszenierung neu angefertigt. Grundlage sind auf grobe Holzrahmen aufgezogene Leinwände, die zunächst grundiert und dann mit den benötigten Motiven bemalt werden – da hier nur eingespielte Teams zum Einsatz kommen, ist ein das Atelier ausfüllendes Gemälde in weniger als einem Arbeitstag fertig gestellt.

Zur Verwendung kommen aus Mineralien hergestellte Farben ohne Lösungsmittel – dass es im Atelier deshalb eher nach Holz als nach Chemikalien riecht, ist also nicht verwunderlich. Die weiße Farbe wird in traditionellem Verfahren aus Muschelkalk hergestellt, doch z.B. die Stoffbahnen zur Darstellung von Gewässern werden mit Preußischblau (bzw. Berliner Blau) gefärbt. Das hat natürlich das Herz des deutschen Besuchers entzückt.

Auf nichtjapanische Kabukibesucher machen die bei Winter-Stücken zum Einsatz kommenden Schnee-“Flocken” einen fast so exotischen Eindruck wie die Gestöber aus rosa Kirschblütenblättern, die Bestandteil vieler Frühlings-Stücke sind. Auch diese Utensilien werden hier aus japanischem Washi-Papier in Handarbeit erstellt. Berge davon!

Washi-Sakura

Washi-Sakura

Ich würde an dieser Stelle natürlich am liebsten jedem Interessierten empfehlen, sich auch einer solchen geführten Tour durch die Welt hinter den Kulissen des Theaters anzuschließen, weil sie viel eindrucksvoller ist, als dieser Artikel vermitteln kann. Leider werden, wie eingangs erwähnt, solche Touren in aller Regel gar nicht angeboten. Sie müssen sich, wohl oder übel, damit zufrieden geben, wenigstens auf diese Weise einen kleinen Einblick gewonnen zu haben.

Adresse:

Kabuki-za
4-12-15 Ginza
Chūō-ku
Tōkyō 104-0061

₸104-0061
東京都中央区
銀座4丁目12-15

Wie man hinkommt:

Das Kabuki-za kann vom U-Bahnhof Higashi Ginza (東銀座 / ひがしぎんざ) über einen unterirdischen Zugang erreicht werden. Die Tōkyō Metro Hibiya-Linie (東京メトロ日比谷線 / とうきょうメトロひびやせん) und die Toei Subway Asakusa-Linie (都営地下鉄浅草線 / とえいちかてつあさくさせん) fahren Higashi-Ginza direkt an.

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6 Responses to Tōkyōs Herz für Theater: Das Kabuki-za (歌舞伎座)

  1. […] German version of this posting you can find here. Eine deutsche Version dieses Artikels finden […]

  2. […] hinter der Kabuki-Bühne gelangt man über eine Brücke zur traditionellen […]

  3. pfingstrose says:

    Großartiger Artikel!

    Ich war vor einigen Jahren in mit einer Freundin in einer Aufführung (allerdings war das damals nur eine Szene; von den billigen Plätzen aber mit englischem “Audio-guide”). Ich wünschte, ich hätte mich damals schon etwas besser ausgekannt!
    Vielen Dank für den Blick “hinter die Kulissen”! Es ist immer wieder faszinierend, wie viel Arbeit hinter dem eigentlichen Geschehen stattfindet!

    • toomasu says:

      Hallo Pfingstrose! Inzwischen sind Sie in japanischer Kultur wahrscheinlich sattelfester als ich und hätten noch mehr Spaß an einer solchen Aufführung. Wenn nur die Eintrittskarten für “komplette” Kabukivorstellungen ein bisschen erschwinglicher wären… Viele liebe Grüße aus Tokyo!

  4. […] zur Verfügung stellen durfte. In der Folgezeit wurde Miyamoto Unosuke offizieller Lieferant des Kabuki-za (1963), des Nationaltheaters (1966) und des Nationalen Noh-Theaters (1986). Und kaum eine der […]

  5. […] die Grundlage für alle nur denkbare Erzählformen – sie findet ihre Verwendung z.B. auch im kabuki (歌舞伎 / かぶき) und im bunraku (文楽 / ぶんらく) (japanisches Puppenspiel). […]

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