Die Gräber der Shōgune – 徳川将軍家霊廟

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte Japans – oder: Ein Schatz, der sich hinter Tōkyōs Zōjō-ji versteckt

An English version of this posting you can find here.
Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.

Zōjō-ji / Sangedatsumon (増上寺・三解脱門)

Zōjō-ji / Sangedatsumon (増上寺・三解脱門)

Wer sich ein bisschen für Japan und seine Geschichte interessiert, kennt wahrscheinlich die prächtigen Schrein- und Tempelanlagen in Nikkō und die dortigen Grabstätten der wahrscheinlich berühmtesten der Tokugawa-Shōgune. Und selbst wer von alledem keinen blassen Dunst hat, kann mit dem Begriff „Shōgun“ etwas anfangen, hat ihn zumindest schon einmal gehört.

Dass es einstmals (und das ist noch gar nicht so lange her) auch in Tōkyō überaus prächtige Gedenkstätten für verstorbene Shōgune gab, die den Vergleich mit der fast schon barocken Pracht der Gebäude in Nikkō nicht scheuen mussten, ist sicherlich auch denjenigen, die schon mal ihren Fuß auf japanischen Boden gesetzt haben, kaum bekannt. Das eher bescheidene Grabmal des letzten der Tokugawa-Shōgune habe ich ja erst unlängst gezeigt („Tōkyō Tennō-ji – 東京天王寺”).

Tokugawa-Gräber (徳川将軍家霊廟)

Tokugawa-Gräber (徳川将軍家霊廟)

Gleich mehrere dieser Gräber gibt es heute noch am Zōjō-ji (増上寺 / ぞうじょうじ), in Tōkyōs Minato-Bezirk (港区/ みなとく) zu bestaunen. Dieser Tempel zu Füßen des Tōkyō Tower (東京タワー) ist – praktisch nebenbei – vielleicht einer der berühmtesten im ganzen Land, weil er eben im Verein mit dem Turm immer gern als Sinnbild für die Symbiose aus (scheinbar) uralter Tradition und Moderne herhalten darf. Der auf eine Gründung im späten 14. Jahrhundert zurück gehende Zōjō-ji, auch heute noch der Haupttempel der Jōdo-Schule des japanischen Buddhismus, war seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert für fast dreihundert Jahre lang einer der Familien-Tempel des Tokugawa-Clans, aus dem sich für ebenso lange Zeit die militärischen und politischen Herrscher Japans rekrutierten. Und als solcher genoss der Tempel natürlich besondere Förderung und gehörte, zusammen mit dem Kanei-ji (auf der anderen Seite des alten Edo, im Norden, gelegen), zu den wahrscheinlich bombastischsten Tempelanlagen der Stadt.

Tokugawa-Gräber (徳川将軍家霊廟)

Tokugawa-Gräber (徳川将軍家霊廟)

Mit der Wiederherstellung kaiserlicher Gewalt (1868) nahm nicht nur die Macht der Tokugawa-Shōgune ein Ende, sondern auch die Einflussnahme buddhistischer Sekten auf die politische Willensbildung. Viele Tempel und Klöster wurden seinerzeit zerstört oder doch zumindest stark in Mitleidenschaft gezogen. Aber was religiöse und militärische Eiferer nicht geschafft hatten, ist wenig später u.a. dem gründlichen Bombardement der US-amerikanischen Luftstreitkräfte gelungen: Die Reste der Zeugen einer grandiosen Vergangenheit wurden vom Antlitz der Stadt getilgt. So auch die Mausoleen der Tokugawa-Shōgune am Zōjō-ji, zusammen mit den meisten der bis dahin noch vorhandenen Tempelgebäude.

Dort, wo sich einstmals die großartigsten der Mausoleen befunden hatten, wurde 1964 das Tōkyō Prince Hotel eröffnet. Die sterblichen Überreste der Tokugawas waren vor Baubeginn dorthin verbracht worden, wo sich die heutige Gedenkstätte für die Toten befindet.

Die Mausoleen der Tokugawa

12. Shōgun, Tokugawa Ieyoshi (徳川家義)

12. Shōgun, Tokugawa Ieyoshi (徳川家義)

Chikako, Ehefrau des 14. Shōguns Tokugawa Iemochi

Grabmal der  Ehefrau des 14. Shōguns Tokugawa Iemochi

Chikako, Ehefrau des 14. Shōguns Tokugawa Iemochi

Grabmal der Ehefrau des 14. Shōguns Tokugawa Iemochi

Sechs der insgesamt 15 Tokugawa-Shōgune liegen am Zōjō-ji begraben. Eine Liste dieser sechs Shōgune konnte ich zwar nicht ausfindig machen, aber wir wollen es mit dem Geschichtsunterricht an dieser Stelle ja auch nicht übertreiben. Vier der Grabstätten sind jedoch in jedem Falle hervorzuheben, weil sie als wichtige Kulturgüter Japans gelten. Es sind dies die Grabstätte von:

  • Tokugawa Hidetada (徳川秀忠,1579 bis 1632), dem zweiten der Tokugawa-Shōgune (1605 bis 1623)
  • Sūgen’in (崇源院, 1573 bis 1626, auch Oeyo (於江与), Gō 江), Ogō (小督) oder Satoko (達子) genannt, die Gattin des Tokugawa Hidetada
  • Tokugawa Ienobu (徳川家宣, 1662 bis 1712), dem sechsten der Tokugawa-Shōgune (1709 bis 1712)
  • Tokugawa Ietsugu (徳川家継,1709 bis 1716), dem siebten der Tokugawa-Shōgune (1713 bis 1716) – und wer jetzt mitgerechnet hat, wird sich vielleicht wundern, aber es stimmt: Ietsugu wurde schon im zarten Alter von 4 Jahren Shōgun und starb im nicht viel weniger zarten Alter von 7 Jahren.
2. Shōgun, Tokugawa Hidetada & Ehefrau, Sūgen'in (徳川秀忠・崇源院)

2. Shōgun, Tokugawa Hidetada & Ehefrau, Sūgen’in (徳川秀忠・崇源院)

6. Shōgun, Tokugawa Ienobu (徳川家宣)

6. Shōgun, Tokugawa Ienobu (徳川家宣)

Vielleicht noch ganz interessant, weil anders als heute in Japan üblich, wurden die Leichname der Shōgune in aller Regel nicht verbrannt – in den Gedenkstätten sind also die sterblichen Überreste der Verstorbenen aufbewahrt (die des im Kindesalter verstorbenen Ietsugu sind allerdings schon vor der Übersiedlung an ihre jetzige Aufbewahrungsstätte durch Wasserschäden stark in Mitleidenschaft gezogen worden).

7. Shōgun, Tokugawa Ietsugu (徳川家継)

7. Shōgun, Tokugawa Ietsugu (徳川家継)

Vom ursprünglichen Prunk der Mausoleen sind nur noch zwei Tore vorhanden, die heute den Zugang zu dem separaten, kleinen Bezirk der Grabanlagen schützen.

Tokugawa-Gräber (徳川将軍家霊廟)

Tokugawa-Gräber (徳川将軍家霊廟)

Wer nun der Meinung ist, diese Grabanlagen unbedingt sehen zu müssen, den möchte ich an dieser Stelle an die untenstehenden, weiterführenden Informationen verweisen.

Und natürlich ist auch der Zōjō-ji als solcher sehenswert – u.U. gibt es hierzu gelegentlich noch einen Artikel auf dieser Webseite. Da er aber in den einschlägigen Reiseführer erwähnt wird, wäre er hier ein bisschen fehl am Platze.

Adresse des Zōjō-ji:

Zōjō Temple
Jodo Shu Main Temple
4-7-35 Shibakoen Minato-ku,
Tokyo 105-0011 Japan
Tel: (81)3-3432-1431

Webseite (englisch): http://www.zojoji.or.jp/en/index.html

Besichtigung der Begräbnisstätten / Termine / Eintrittsgelder:

Geöffnet an Wochenenden und Feiertagen von 10 Uhr bis 16 Uhr gegen eine Gebühr von 500 Yen pro Person.

An Wochentagen nur zugänglich für Gruppen von mindestens 10 Personen gegen eine Gebühr von 500 Yen pro Person.

Zu besonderen Anlässen sind die Grabanlagen für jedermann frei zugänglich. Daten für das Jahr 2014 und folgende können Sie der obengenannten Webseite des Zōjō-ji entnehmen (derzeit allerdings nur der japanischen Version).
2013 waren dies folgende Tage: 15. Januar, 2. bis 8. April, 10 Mai, 15. Mai, 15. September, 2. Oktober, 12. Oktober und 13. Oktober.

Wie man hinkommt:

Am einfachsten mit der Toei U-Bahn (都営地下鉄) Mita-Linie (三田線) nach Shiba Kōen (芝公園) (Ausgang A4) und dann 200 Meter in nördlicher Richtung oder mit den Toei U-Bahnlinien (都営地下鉄) Ōedo (大江戸) oder Asakusa (浅草) nach Daimon (大門) (Ausgang A6) und dann etwa 350 Meter in westlicher Richtung.

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2 Responses to Die Gräber der Shōgune – 徳川将軍家霊廟

  1. […] German version of this posting you can find here. Eine deutsche Version dieses Artikels finden […]

  2. […] grandioser Mausoleums-Architektur Tōkyōs. In seiner Farbenpracht macht es deutlich, dass sich die Mausoleen der Shōgune in Tōkyō durchaus mit dem Prunk der Bauten in Nikkō messen […]

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