Tōkyō Tennō-ji – 東京天王寺

Friedhofsstille, Kasinomentalität & Freitod in den Flammen 

An English version of this posting you can find here.
Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.

Tennō-ji (天王寺)

Tennō-ji (天王寺)

Der Friedhof von Yanaka (谷中霊園 / やなかれいえん) (früher: 谷中墓地 / やなかぼち) ist eigentlich in erster Linie für seine prächtigen, alten Kirschbäume berühmt und deswegen während der Kirschblüte (Ende März/Anfang April) nicht nur bei ausländischen Besuchern besonders beliebt. Allerdings ist diese Ecke des Stadtbezirks Taitō (台東区 / たいとうく) zu jeder Jahreszeit mehr als einfach nur einen Besuch wert, weil sie einerseits zu den hübschesten Tōkyōs gehört, andererseits auch eine der geschichtsträchtigsten ist. Das Yanaka-Viertel (谷中 / やなか) bietet eine der am besten gepflegten, „Shitamachi“ (下町 / したまち) genannten, alten Unterstädte Tōkyōs, wo sich schon während der späten Edo-Zeit und der frühen Meiji-Zeit (zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts) Künstler jedweder Couleur besonders wohl gefühlt haben. Deswegen ist das Viertel gerade heute wieder bei Touristen aus dem In- und Ausland beliebt, weil Yanaka immer noch einen Hauch der alten Zeit vermittelt.

Friedhöfe mögen sich nicht als Objekte touristischen Interesses anbieten, und in gewisser Weise sollte man es mit seinem Interesse hierfür auch nicht übertreiben – schließlich sind Grabstätten gerade in Japan ganz natürlicher, ja integraler Bestandteil des Familienlebens und sollten deswegen auch entsprechend respektiert werden. Aber die breiten, kirschbaumbestandenen Wege und Straßen, die durch den großen Friedhof führen, laden natürlich schon zum Flanieren ein.

Yanaka Reien (谷中霊園)

Yanaka Reien (谷中霊園)

Yanaka Reien (谷中霊園)

Yanaka Reien (谷中霊園)

Den Tempel, den es hier näher zu betrachten gilt, den Tennō-ji (天王寺 / てんのうじ), erreichen Sie vom Nordausgang des Bahnhofs Nippori (日暮里駅 / にっぽりえき) nach einem kurzen Spaziergang durch den Friedhof in südlicher Richtung. Oder Sie nehmen den noch direkter zum Tempelgelände führenden Südausgang des Bahnhofs Nippori.

Der Tennō-ji, der auf eine Gründung aus dem Jahre 1274 zurück geht, erlebte während der Edo-Zeit (1603 bis 1868) eine regelrechte Blüte und gehörte zu den drei bedeutendsten Tempeln des alten Edo (heute: Tōkyō) – und zu den größten obendrein. Die heute noch vorhandenen Einrichtungen – so hübsch sie auch sind – stellen nur noch ungefähr ein Zehntel des damaligen Ausmaßes des Tempels dar. Aber vielleicht sind gerade sie schlagender Beweis dafür, dass weniger auch mehr sein kann.

Tennō-ji (天王寺)

Tennō-ji (天王寺)

Tennō-ji (天王寺)

Tennō-ji (天王寺)

Im Jahr 1643 wird eine fünfstöckige Pagode gebaut (einige Quellen nennen das Jahr 1644) – die mit einer Höhe von fast 35 Metern die höchste ihrer Art in der Kantō-Region gewesen sein soll (zum Vergleich: die nur etwas ältere, durchaus stattliche Pagode des Honmon-ji (本門寺 / ほんもんじ) in Ikegami (池上 / いけがみ) im südlichen Stadtteil Ōta (大田区 / おおたく), bringt es auf „nur“ knapp 30 Meter, die große 5-stöckige Pagode am Sensō-ji (浅草寺 / せんそうじ) in Asakusa (浅草 / あさくさ) allerdings auf wuchtige 48 Meter).

Im Jahr 1772 brennt die Pagode ab (hier wird übrigens auch das Jahr 1771 als Datum genannt) und wird bereits 1791 wieder neu errichtet (immerhin hierin scheinen sich die Quellen einig zu sein). 1884 erfährt die hölzerne Pagode eine Renovierung und wird 1908 an die Stadt übergeben. Sie gilt als beliebtes Ausflugsziel und ist sozusagen das alles überragende Wahrzeichen Yanakas, bis sie am 6. Juli 1957 unter ganz besonders tragischen Umständen erneut ein Raub der Flammen wird. Der Vorfall sollte als „Doppelsuizid-Brandstiftung“ in die Geschichte eingehen, als hier ein Liebespaar (höchst wahrscheinlich eine junge Näherin und ein verheirateter Mann – die Leichen waren zu sehr verkohlt, um definitive Rückschlüsse auf die Opfer zuzulassen) gemeinsam Selbstmord beging. Die Bevölkerung zeigte sich entsetzt von der rücksichtslosen Zerstörung eines einmaligen Kulturguts – ein Wiederaufbau wurde nicht in Erwägung gezogen.

Tennō-ji (天王寺) - Five Storied Pagoda (foundation)

Tennō-ji (天王寺) – Grundmauern der fünfstöckigen Pagode

Tennō-ji (天王寺) - Five Storied Pagoda (foundation)

Tennō-ji (天王寺) – Five Storied Pagoda (historische Ansicht)

Allerdings gibt es seit 2007 doch wieder Bestrebungen, die Pagode, basierend auf alten Skizzen, neu zu errichten. Heute zeugen nur die Grundsteine vom Standort der Pagode.

Tennō-ji (天王寺)

Tennō-ji (天王寺)

Was vielen vielleicht gar nicht bewusst ist: In den Methoden, den Gläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen, war man auch in alten Zeiten nicht zimperlich. Als einem der ganz wichtigen Tempel seiner Zeit wurde es dem Tennō-ji im Jahre 1700 erlaubt, Lotterien abzuhalten. Diese entwickelten sich zum regelrechten Publikumsmagneten und nahmen schließlich dermaßen Überhand, dass diese Form der „Lizenz zum Gelddrucken“ bis 1842 wieder verboten wurde.

Tennō-ji (天王寺)

Tennō-ji (天王寺)

Von der „goldenen“ Zeit des Tennō-ji kündet heute u.a. auch noch die überlebensgroße kupferne Buddhastatue des Tempels, die man gleich bei Betreten des Tempelgeländes linker Hand erblickt. Diese bemerkenswerte Statue wurde 1690 geschaffen und stand ursprünglich auf der rechten Seite des Hauptgebäudes des Tempels. 1874 durfte sie zum ersten Mal „umziehen“ und gelangte schließlich 1933, anlässlich einer Renovierung, an ihren jetzigen Standort, wo man ihr ein Stahlbetonfundament gebaut hatte. Fünf Jahre später wurde im Fundament ein Beinhaus eingerichtet. Jedenfalls ist die Buddhastatue bekannt dafür, dass sie sich schon in der Edo- und Meiji-Zeit großer Popularität erfreut hat und liebevoll „Tennō-ji Daibutsu“ (天王寺大仏 / てんおうじだいぶつ) genannt wurde.

Tennō-ji (天王寺)

Tennō-ji (天王寺)

Tennō-ji (天王寺)

Tennō-ji (天王寺)

Natürlich ist es völlig legitim, einen Besuch auf einem der größten und geschichtsträchtigsten Tempel- und Friedhofsgelände zum Wandeln auf Spuren der Vergangenheit zu nutzen. Schon aufgrund seiner Beliebtheit Yanakas in Künstlerkreisen, sind hier die Grabstätten zahlreicher bekannter japanischer Schriftsteller und bildender Künstler zu finden.

Yanaka Reien (谷中霊園) Grab des Kikuchi Yosai

Yanaka Reien (谷中霊園) Grab des Kikuchi Yosai

Allerdings findet hier auch eine der entscheidensten Epochen der japanischen Geschichte, die so genannte oder auch „Edo-Zeit“ (江戸時代 / えどじだい) die steingewordene Dokumentation ihres Endes. Diese Zeit (1603 bis 1868), in der die Shōgune aus dem Tokugawa (徳川 / とくがわ)-Clan die politische und militärische Macht im Lande inne hatten, endete mit dem 15. (und damit letzten) Oberhaupt dieser Familie, mit Tokugawa Yoshinobu (徳川慶喜 / とくがわよしのぶ) (1837-1913). Dieser letzte Shōgun hatte versucht, die bröckelnde Macht des Clans durch vorsichtige Reformen am Leben zu erhalten. Erfolglos, wie die Geschichte uns lehrt – 1868 musste er vor den kaiserlichen Truppen kapitulieren. Mit ihm fand auch diese über viele Jahrhunderte die japanische Geschichte prägende Form der Militärregierung, die von der Kamakura-Zeit (1193 bis 1333) über die Muromachi-Zeit (1336 bis 1573) und schließlich mit der Edo-Zeit die politische Landschaft geprägt hatte – Zeiten, in denen dem Kaiser meist nur rein repräsentative Funktionen zugestanden wurden (1333 bis 1336 nur kurz unterbrochen durch die Ambitionen des Kaisers Go-Daigo (後醍醐天皇 / ごだいごてんのう), der seinen Sohn, den Prinzen Morinaga, zum Shōgun ernannt hatte).

Allerdings muss es wohl später zu einer Art „Aussöhnung“ mit dem Kaiserhaus gekommen sein, denn Yoshinobu wurde 1902 in den Rang eines Fürsten erhoben. Außerdem erhielt er 1908 den vom Kaiser verliehenen „Orden der aufgehenden Sonne“ (旭日章 / きょくじつしょう). Jedenfalls befindet sich die Grabstätte des absolut letzten Shōguns in Japan im südöstlichen Abschnitt des Friedhofs von Yanaka. Sie überrascht eigentlich eher durch Bescheidenheit – besonders wenn man sie mit dem Prunk der Grabstätten der ersten Tokugawa Shōgune in Nikkō vergleicht.

Yanaka Reien (谷中霊園) Grab des letzten Tokugawa Shoguns

Yanaka Reien (谷中霊園) Grab des letzten Tokugawa Shoguns

Yanaka Reien (谷中霊園) Grab des letzten Tokugawa Shoguns

Yanaka Reien (谷中霊園) Grab des letzten Tokugawa Shoguns

Und wenn Ihnen dann der Sinn nicht mehr nach berühmten Namen und geschichtsschwangerem Untergrund ist, schlendern Sie einfach ein bisschen durch das malerische Yanaka.

Yanaka (谷中)

Yanaka (谷中)

Yanaka (谷中)

Yanaka (谷中)

Yanaka (谷中)

Yanaka (谷中)

Yanaka (谷中)

Yanaka (谷中)

Yanaka (谷中)

Yanaka (谷中)

Und wenn Sie schon planen, in diese Ecke Tōkyōs zu gehen, sehen Sie sich auch das Folgende an:

Ueno Kōen / Yanaka Sakura (Engl./dt.)
– Kirschblüte
– Cherry Blossoms

Nezu Jinja (根津神社) (Engl./dt.)
– 2000 Jahre Geschichte
– 2000 years of history

Azaleen / Azalea-Festival (つつじ祭) (Engl./dt.)
– Nezu Jinja im Rausch der Farben
– Nezu Jinja’s Blaze of Colours

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4 Responses to Tōkyō Tennō-ji – 東京天王寺

  1. […] German version of this posting you can find here. Eine deutsche Version dieses Artikels finden […]

  2. […] Dass es einstmals (und das ist noch gar nicht so lange her) auch in Tōkyō überaus prächtige Gedenkstätten für verstorbene Shōgune gab, die den Vergleich mit der fast schon barocken Pracht der Gebäude in Nikkō nicht scheuen mussten, ist sicherlich auch denjenigen, die schon mal ihren Fuß auf japanischen Boden gesetzt haben, kaum bekannt. Das eher bescheidene Grabmal des letzten der Tokugawa-Shōgune habe ich ja erst unlängst gezeigt („Tōkyō Tennō-ji – 東京天王寺”). […]

  3. […] But even those who have had the chance already to put their feet on Japanese gounds, may not know that there was a time (which is not that long ago) when also Tōkyō was home to the most splendorous mausoleums for some of the shōguns. And these memorials were so gorgeous that they didn’t have to fear comparsion with the almost baroque grandeur of those in Nikkō. The comparatievely humble gravesite of the last of the Tokugawa-shōguns I’ve just shown recently („Tōkyō Tennō-ji – 東京天王寺”). […]

  4. […] Tōkyō Tennō-ji (東京天王寺) (German version) – Friedhofsstille, Kasinomentalität & Freitod in den Flammen […]

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