Entlang des Sumida-Flusses

Sumida-ku besteht nicht nur aus dem Tōkyō Skytree allein

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Sumidagawa (隅田川)

Sumidagawa (隅田川)

Es sind ja nicht selten Spaziergänge, die uns auf dieser Webseite in Ecken Tōkyōs führen, die – obwohl sie nicht in den namhaften Reiseführern beschrieben werden (oder ist es vielleicht doch eher, weil sie dort nicht zu finden sind?) – zu den interessantesten oder auch einfach nur charmantesten Gegenden in der Stadt führen. Und wenn solche Spaziergänge das etwas weniger Bekannte mit dem einen oder anderen touristischen „Muss“ verbinden können, um so besser. Machen wir uns also auf den Weg:

Mit der Sōbu-Linie (総武線 / そうぶせん) geht es direkt zum Bahnhof Ryōgoku (両国 / りょうごく), dessen Halle schon ankündigt, was es an dessen Nordausgang zu sehen gibt: das leicht futuristische Bauwerk des Ryōgoku Kokugikan (両国国技館 / りょうごくこくぎかん), die Halle der japanischen Sumō-Föderation, die nicht zu übersehen ist. Die ca. 13.000 Zuschauer fassende Halle wurde 1985 eröffnet – in einer Zeit also, in der Geld in Japan keine Rolle spielte und die ökonomische Blase die erstaunlichsten architektonischen „Früchte“ trug. Hier werden jedenfalls die großen Sumō-Ringkämpfe ausgetragen – und gelegentlich auch andere sportliche Wettkämpfe.

Ryōgoku Station (両国駅)

Ryōgoku Station (両国駅)

Ryōgoku Station (両国駅)

Ryōgoku Station (両国駅)

Ryōgoku Station (両国駅)

Ryōgoku Station (両国駅)

Ryōgoku Station (両国駅)

Ryōgoku Station (両国駅)

Ryōgoku Kokugikan (両国国技館)

Ryōgoku Kokugikan (両国国技館)

Und gleich nebenan ist das wahrscheinlich augenfälligste „Kind“ dieser Zeit zu sehen, das „Edo-Tōkyō Museum“ (江戸東京博物館 / えどとうきょうはくぶつかん), das allerdings erst 1993 eröffnet wurde (als die große „bubble economy“ ihre Blase bereits hatte platzen lassen). Auf einer Fläche von etwa 30.000 Quadratmetern (mehr als doppelt so groß, wie die Innenfläche des gigantischen Tōkyō Dome) erhebt sich ein Bauwerk, das einem gelandeten Raumschiff mehr ähnelt als einem Gebäude. Mit einer Gesamthöhe von 62,2 Metern erinnert es gleichzeitig auch an den höchsten Turm der Burg von Edo (Tōkyō). In diesem gigantischen und modern gestalteten Museum lässt sich praktisch alles erfahren, was man über die Geschichte Tōkyōs wissen möchte.

Edo-Tōkyō Museum

Edo-Tōkyō Museum (江戸東京博物館)

Edo-Tōkyō Museum

Edo-Tōkyō Museum (江戸東京博物館)

Nur ein paar Schritte nördlich des Edo-Tōkyō Museums (rechter Hand sieht man den schlanken Büroturm von NTT docomo) kommen wir zum Yokoamichō Park (横網町公園 / よこあみちょうこうえん), einem Ort mit der vielleicht tragischsten Geschichte in ganz Tōkyō. Auf dem Gebiet, das heute der Park bedeckt, sind am 1. September 1923 während es großen Kantō Erdbebens (関東大震災 / かんとう・だいしんさい) 38.000 Menschen ums Leben gekommen, die sich in dem Park hatten in Sicherheit bringen wollen, wo sie aber schließlich auf schreckliche Art und Weise in einem Großfeuer ums Leben kamen. Dieser Opfer gedenkt man heute in der Tōkyō Gedächtnis-Halle (東京都慰霊堂 / とうきょうといれいどう) (vormals „Erdbeben-Gedächtnis-Halle“), die am 7. Jahrestag des großen Kantō Erdbebens (sprich: 1930) eröffnet wurde. Das wuchtige Gebäude mit der großen, dreistöckigen, 41 Meter hohen Pagode wurde im Stil eines buddhistischen Tempels errichtet. Es wurde leider seinerseits Opfer der Luftangriffe auf Tōkyō (1944-1945) und konnte erst 1951 wieder errichtet werden. Seither ist es die Gedenkstätte für beide Katastrophen – die Opfer des Erdbebens und der Luftangriffe.
Im Sockelgeschoss der Pagode sind die Überreste der hier auf so tragische Weise Umgekommenen untergebracht. Zwischenzeitlich wurde das eindrucksvolle Gebäude renoviert und erstrahlt nun mehr im alten Glanz.

Während der Park von der „Tōkyō Gedächtnis-Halle“ dominiert wird, sind mindestens zwei weitere Einrichtungen beachtenswert: Die 2001 eingerichtete Gedenkstätte für die Opfer der Luftangriffe und für die Erhaltung des Friedens und die Gedenkstätte für den Wiederaufbau Tōkyōs (東京都復興記念館 / とうきょうとふっこうきねんびかん). Letztere ist ein Museum das anhand überaus anschaulicher (wenngleich sehr altmodisch präsentierter) Beispiele das Grauen des Erdbebens und der Zerstörungen durch die Luftangriffe dokumentiert. Das Museum ist absolut den Besuch wert – der Eintritt ist übrigens frei.

Gedenkstätte für den Wiederaufbau Tōkyōs (東京都復興記念館

Gedenkstätte für den Wiederaufbau Tōkyōs (東京都復興記念館)

Gedenkstätte für den Wiederaufbau Tōkyōs (東京都復興記念館

Gedenkstätte für den Wiederaufbau Tōkyōs (東京都復興記念館)

Gedenkstätte für den Wiederaufbau Tōkyōs (東京都復興記念館

Gedenkstätte für den Wiederaufbau Tōkyōs (東京都復興記念館)

Gedenkstätte für den Wiederaufbau Tōkyōs (東京都復興記念館

Gedenkstätte für den Wiederaufbau Tōkyōs (東京都復興記念館)

Wer genug von Zerstörung, Tod und dem Gedenken daran hat, wird sich freuen, dass es gleich um die Ecke ein wahres Schmuckstück Edo-zeitlicher Gartenbaukunst zu sehen gibt, den Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園 / きゅうやすだていえん). Es gibt zwar auch Stimmen, die behaupten, der Garten sei gar nichts Besonderes, weil er nun mal städtisch und frei zugänglich ist (unter dem Motto: Was nichts kostet, kann ja nichts sein…), aber diese Stimmen haben eben keine Ahnung, wovon sie sprechen.

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Denn der Garten ist nicht nur seiner landschaftlich hübschen Anlage wegen sehenswert, sondern auch wegen zweier Besonderheiten: Der Wasserspiegel des großen Sees im Zentrum des Parks (der ursprünglich mal die Form des japanisch/chinesischen Schriftzeichens für „Herz“ (心) gehabt haben soll – ich behaupte mal, dass man heute schon sehr genau hinsehen muss, wenn man der Form des Sees dieses Schriftzeichen ansehen möchte) stieg und fiel ursprünglich mit dem Wasserstand des Sumidagawa, der wiederum in seinem Wasserstand Ebbe und Flut in der Bucht von Tōkyō folgte. Außerdem gibt es in dem Garten – anders als in den anderen historischen Gärten in der Stadt – eigens einen Weg, der rollstuhlfahrertauglich ist. Wichtig ist aber, dass er aus dem späten 17. Jahrhundert stammt, während der Meiji-Zeit im Besitz des Industriellen Yasuda war (daher der Name) und 1922 der Öffentlichkeit übergeben wurde. In der Folgezeit haben das große Kantō-Erdbeben dem Park ebenso zugesetzt (sprich: der Park wurde während es Bebens weitestgehend zerstört und erst 1927 wieder eröffnet), wie die rücksichtslose Verschmutzung des Sumidagawa während der Zeit der Industrialisierung Japans. Erst nach 1971 konnte der Garten restauriert wieder in ursprünglicher Schönheit bestaunt werden.

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Kyū Yasuda Teien (旧安田庭園)

Der kleine Abstecher hierher lohnt sich also auf jeden Fall, bevor man weiter zieht, um die Gestade des Sumida-Flusses (Sumidagawa / 隅田川 / すみだがわ) zu erreichen. Dem Kyū Yasuda Teien am nächsten bietet die gelbe Kuramae-Brücke (蔵前橋 / くらまえばし, fertiggestellt 1927) einen Zugang zur Uferpromenade des Flusses.

Sumidagawa (隅田川)

Sumidagawa (隅田川)

Sumidagawa (隅田川)

Sumidagawa (隅田川)

Komagatabashi (駒形橋)

Komagatabashi (駒形橋)

Wer auf dieser Webseite schon ein bisschen geschmökert hat, kennt bereits den etwas nördlicher liegenden Abschnitt der östlichen Uferpromenade des großen Zentralflusses Tōkyōs („Sakura Matsuri“, Mukōjima – „Perle am Sumidagawa“). Hier, etwas südlicher, hat man auch vor einigen Jahren damit begonnen, die Bausünden der Vergangenheit ein wenig zu „kaschieren“ oder rückgängig zu machen. War der Fluss zur seichten Wasserstraße in einer schmucklosen Betonrinne, im Osten noch überragt durch die auf Stelzen stehende Autobahn, verkommen, hat man hier über weite Strecken wieder halbwegs „hübsch“ zu nennende Uferpromenaden angelegt. Hier befinden sich zwar auch die „Heime“ einiger Obdachloser, aber erstens sind es – wenn man bedenkt, dass man sich in der größten Metropole dieser Welt befindet – verschwindend wenige (was natürlich nicht nur erfreuliche Gründe hat) und zweitens sind auch die Obdachlosen in Tōkyō (vergleichsweise) ordentlich und grundsätzlich nicht kriminell. Keine Angst also! Aber natürlich legen die Obdachlosen auch keinen gesteigerten Wert darauf, als Kamera-Freiwild betrachtet zu werden.

Sumidagawa, Umayabashi (隅田川・厩橋)

Sumidagawa, Umayabashi (隅田川・厩橋)

Zwischen der grünen Umaya-Brücke (厩橋 / うまやばし, in der jetzigen Form 1929 fertiggestellt) und der blauen Komagata-Brücke (駒形橋 / こまがたばし, erbaut 1927) hat man an der Uferpromenade über mehrere hundert Meter einen künstlichen Wasserlauf angelegt, der über eine Windradpumpe mit dem Wasser des Sumidagawa gespeist wird, in dem man allerlei „Leben“ beobachten kann. U.a. haben Krebse hier ihre Heimat gefunden. Hier wurde die Promenade auch besonders üppig begrünt.

Sumidagawa Promenade

Sumidagawa Promenade

Sumidagawa, Azumabashi (隅田川・吾妻橋)

Sumidagawa, Azumabashi (隅田川・吾妻橋)

Sumidagawa, Azumabashi (隅田川・吾妻橋)

Sumidagawa, Azumabashi (隅田川・吾妻橋)

Sumidagawa, Azumabashi (隅田川・吾妻橋)

Sumidagawa, Azumabashi (隅田川・吾妻橋)

Interessant sind natürlich auch immer die so genannten Yakatabune (屋形船 / やかたぶね), die „Hausboote“, die man als eine „popularisierte“ Form feudaler Lustbarkeiten bezeichnen könnte. Seit der Heian-Zeit (die mit der Verlegung des Kaiserhofes ins heutige Kyōto 794 beginnt) und bis in die Edo-Zeit (als das damalige Edo, das heutige Tōkyō, Regierungssitz der Tokugawa-Shōgune war) war es den Feudalherren und anderen, die es sich leisten konnten, eine Freude auf prächtig ausgestatteten Schiffen auf den Flüssen durch die Gegend zu schippern.

Sumidagawa, Yakatabune (隅田川・屋形船)

Sumidagawa, Yakatabune (隅田川・屋形船)

Yakata Bune, Komagatabashi (屋形船・駒形橋)

Yakata Bune, Komagatabashi (屋形船・駒形橋)

In der Shōwa-Zeit (Regierungszeit des Vaters des derzeitigen Kaisers, 1926 bis 1989), besonders nachdem der Fluss die schlimmsten Verseuchungen, die die Industrialisierung mit sich gebracht hatte, überwunden hatte, entwickelte sich daraus ein „Vergnügen für Jedermann“. Die flachen, lang gestreckten Schiffe sind im Grunde schwimmende Bankettsäle – mit Tatami ausgelegte Gasträume, mit denen man auf dem Fluss oder in der Bucht von Tōkyō Parties feiert und sich bewirten lässt. Ganz billig ist dieser Spaß zwar auch nicht (in aller Regel sind 10.000 Yen pro Person fällig, und die Boote können oft nur für Gruppen – 20 oder mehr Personen – gechartert werden; einige Schiffe lassen aber auch individuelle Reservierungen zu), aber dafür kann man dann auch zwei, drei Stunden lang die Skyline Tōkyōs an sich vorüber ziehen lassen und dabei landesübliche Köstlichkeiten genießen. Sollte sich für Sie (auf welch mirakulöse Weise auch immer) die Möglichkeit ergeben, an einer solchen Yakatabune-Party teilzunehmen, zögern Sie keinen Augenblick!

Übrigens: Sollten Sie zwischenzeitlich mal keine Lust mehr haben, an der Uferpromenade zu gehen, verpassen Sie nicht, an der Komagata-Brücke mal über die Uferböschung zu klettern und einen Blick auf den von er nächsten Straßenkreuzung aus besonders hübsch zu sehenden Tōkyō Skytree (東京スカイツリー), Tōkyōs neuestes Wahrzeichen, zu werfen. Es hindert sie auch keiner, direkt dorthin weiter zu laufen…

Tōkyō Skytree (東京スカイツリー)

Tōkyō Skytree (東京スカイツリー)

Mehr Informationen hierzu finden Sie hier:

Tōkyō Skytree (東京スカイツリー) – Wenn hoch nicht mehr hoch genug ist

Tōkyō Skytree (東京スカイツリー) – Nur Fliegen ist höher…

Der Abstecher ins Honjo (本所 / ほんじょ)-Viertel von Sumida-ku (墨田区 / すみだく) lohnt sich aber auch, wenn sie keine Lust auf schwindelerregend hohe Türme haben. Hier ist nämlich noch einiges an Architektur der Shōwa-Zeit (1926-1989) zu finden – das sind zwar selten Gebäude von erhabener Schönheit, aber doch recht eindrückliche Zeugen einer noch gar nicht so lange vergangenen Zeit, als das durchschnittliche Stadthaus in Tōkyō gerade mal ein bis zwei Stockwerke hatte.

Shōwa-Zeit in Sumida-ku

Shōwa-Zeit in Sumida-ku

Shōwa-Zeit in Sumida-ku

Shōwa-Zeit in Sumida-ku

Falls Sie an der Uferpromenade geblieben oder dorthin zurück gekehrt sind, erreichen sie auf dem weiteren Weg nach Norden schließlich die rote Azuma-Brücke (吾妻橋 / あずまばし). Und hier sollte man sich dann auch entscheiden, ob man schon genug Eindrücke gesammelt hat.

Falls ja: Die U-Bahnstation „Asakusa“ (浅草 / あさくさ) der Tōkyō Metro Ginza-Linie (東京メトロ銀座線 / とうきょうメトロぎんざせん) und der Toei Subway Asakusa-Linie (都営地下鉄浅草線 / とえいちかてつあさくさせん) können auf der anderen Seite der Brücke (auf der Westseite des Sumidagawa) erreicht werden.

Für alle anderen, deren Unternehmungslust noch nicht erschöpft ist, bieten sich in nächster Nähe an:

Mukōjima (向島) – die Perle am Sumidagawa

Asakusa Sensō-ji (浅草寺) – Tōkyōs ältester und berühmtester Tempel

3 Responses to Entlang des Sumida-Flusses

  1. […] German version of this posting you can find here. Eine deutsche Version dieses Artikels finden […]

  2. […] das sozusagen als „Wassertaxi“ fungierte und typisch für die Flüsse und Kanäle rund um den Sumidagawa (隅田川 / すみだがわ) war. Diese Bootsform wird bis heute genutzt – bestes Beispiel: […]

  3. […] Entlang des Sumida-Flusses – Sumida-ku besteht nicht nur aus dem Tōkyō Skytree allein […]

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