Friedenspark der Präfektur Okinawa – 沖縄県平和祈念公園

Eine Form japanischer Vergangenheitsbewältigung

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Okinawa Peace Memorial Park (沖縄県・平和祈念公園)

Okinawa Peace Memorial Park (沖縄県・平和祈念公園)

Wer die „Fawlty Towers“-Folge „The Germans“ kennt, weiß dass es u.U. nicht schicklich sein kann, den zweiten Weltkrieg zu erwähnen. Der Slogan „Don’t mention the war!“ gilt wahrscheinlich ganz besonders Deutschen gegenüber.

Dass Japaner einen etwas anderen Umgang mit ihrer Vergangenheit pflegen, ist wahrscheinlich weithin bekannt. Die aktuellen Territorialkonflikte (die es offiziellen Angaben zufolge gar nicht gibt) sind zumindest eine indirekte Folge dieses etwas anderen Umgangs mit der Geschichte. Auch wenn Japan sich seiner Kriegsschuld durchaus bewusst ist und selbst erzkonservative Hardliner sich zu dieser bekennen, gibt es im Land doch nur eine sehr schwach ausgeprägte Kultur der Vergangenheitsbewältigung durch Bewusstmachung. Ein Blick in aktuelle Schulbücher (ganz zu schweigen, von dem, was in künftigen Schulbüchern geplant ist) macht klar: Was die Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung in den zweiten Weltkrieg angeht, steht Japan praktisch an dem Deutschland entgegengesetzten Ende des Spektrums. Hier wie dort mag jeder seine persönlichen Ansichten zum Umgang mit Kriegsschuld und -Sühne haben – hierüber soll an dieser ohnehin unpassenden Stelle nicht gerichtet werden. Mir, als Deutschem, erscheint es aber doch immerhin so, dass es offensichtlich einen gangbaren Weg zur Aussöhnung mit den Nachbarn gibt, der in Europa tatsächlich (wenn auch nicht immer und, wie es scheint, auch nicht für alle Zeiten) mit Erfolg gegangen worden ist.

Okinawa Peace Memorial Park (沖縄県・平和祈念公園)

Okinawa Peace Memorial Park (沖縄県・平和祈念公園)

Langer Vorrede kurzer Sinn: Die Gedenkstätte, die wir heute besuchen, gehört zu den eindrucksvollsten in Japan. Sicher von ihrer Wirkung her übertroffen durch den Friedenspark in Hiroshima (広島平和記念公園 / ひろしまへいわきねんこうえん), aber beide Gedenkstätten haben ja auch einen völlig unterschiedlichen Ansatz und Anspruch. Ich bin der Meinung, dass man die Gedenkstätte auf Okinawa auch nicht nur durch die Brille des besserwissenden Deutschen (Deutsche sind inzwischen ja wieder auf der ganzen Welt dafür bekannt, dass sie glauben, alles besser zu wissen) betrachten sollte, sondern auch vor dem geschichtlichen Hintergrund. Hier, in Okinawa, fanden die einzigen Gefechte des zweiten Weltkrieges auf japanischem Boden statt (von kleineren Kriegsschauplätzen, wie z.B. Iwojima / 硫黄島 / いおうじま, weit draußen im Pazifik gelegen, einmal abgesehen). Das haben die Menschen von Okinawa dem Rest Japans offensichtlich fast ebenso wenig verziehen, wie dem militärischen Gegner. Okinawa war gerade mal 65 Jahre davor in das japanische Kaiserreich einverleibt geworden (zuvor war es mehr oder weniger selbständiges Königreich), hatte die zwangsweise Japanisierung nicht nur als Segen empfunden, und wurde nun zum Schauplatz der blutigsten und verlustreichsten Kämpfe. Dass die Inseln nach dem zweiten Weltkrieg für weitere 27 Jahre US-amerikanisch besetzt blieben (erst 1972 wurden sie an Japan zurück gegeben) und auch heute noch starke Militärkräfte der USA hier stationiert sind (nicht nur zur Freude aller Bewohner Okinawas – kein Wunder, dass sich Okinawa immer wieder mit der Zentralregierung in Tōkyō anlegt), hat einen Blick auf die Geschichte hervorgebracht, der berücksichtigt werden muss, wenn der Okinawa Friedenspark besichtigt wird.

Okinawa Peace Memorial Park (沖縄県・平和祈念公園)

Okinawa Peace Memorial Park (沖縄県・平和祈念公園)

Der Friedenspark der Präfektur Okinawa (沖縄県平和祈念公園 / おきなわけんへいわきねんこうえん) geht auf eine Initiative während der Besatzungszeit zurück, die nach der Rückgabe der Inseln an Japan im Jahre 1972 umgesetzt wurde. An der Stelle, an der die letzten und erbittertsten Kämpfe um die Insel stattfanden – ganz im Süden – wurde eine eindrucksvolle und weitläufige Park- und Gedenklandschaft eingerichtet, die von einem hohen Kliff einen wirklich herrlichen Blick über das Meer und entlang der Küste ermöglicht.

Mabuni Hill View (摩文仁の丘)

Mabuni Hill View (摩文仁の丘)

Allerdings soll der Besucher sich hier nicht einfach einer hübsch gestalteten Landschaft erfreuen, sondern der Toten und der Gräuel des Krieges gedenken. Dass sich dieses Gedenken fast ausschließlich auf den „Opfergedanken“ beschränkt, mag befremden (und diese Beschränkung hat mich während des Besuchs zunächst regelrecht aufgebracht), für die Menschen von Okinawa ist diese Überbetonung des eigenen Opfers nachvollziehbar. Es handelt sich hier schließlich um keine nationale Gedenkstätte, sondern um eine der Präfektur. An eine nationale Gedenkstätte müsste man wahrscheinlich andere Maßstäbe anlegen.

Zusätzlich findet man auf dem Mabuni Hügel (摩文仁の丘 / まぶにのおか), hoch über dem Kliff, fünfzig weitere Gedenkstätten von anderen Präfekturen und Organisationen, die bei den Kämpfen um Okinawa Opfer zu beklagen hatten. Teilweise recht hübsch gestaltete Anlagen, bei denen man aber mitunter mehr den (optischen!) Eindruck des Trotzes als Friedenswunsches gewinnen mag, auch wenn es auch hier natürlich ausschließlich um das Betrauern der Gefallenen und das Herbeisehnen des Weltfriedens gehen soll. Die als Beispiel angeführte Gedenkstätte der Präfektur Aomori soll nicht verwirren. Hier wird nicht Reklame für Apple-Produkte gemacht – der Apfel ist nun mal das berühmteste Produkt aus der nördlichen Präfektur.

Aomori Prefectural Peace Memorial (青森県・平和祈念館)

Aomori Prefectural Peace Memorial (青森県・平和祈念館)

Lassen Sie uns einen Blick auf einige der Anlagen im Friedenspark werfen:

Am eindrucksvollsten ist sicher das Denkmal „Cornerstone of Peace“ (Grundpfeiler des Friedens / Heiwa-no-Ishiji / 平和の礎 / へいわのいしじ), das aus 116 Granitstelen, die in konzentrischen Bögen ein gigantisches Ensemble bilden. Die am 23. Juli 1995, zum 50. Jahrestag des Endes der Kämpfe um Okinawa, errichtete Gedenkstätte, die entfernt an die Holocaust-Gedenkstätte in Berlin erinnert, steht unter dem Motto „Ewige Wellen des Friedens“. Auf 2.200 Metern gemeißelten Textes sind hier die Namen von über 240.000 Gefallenen verewigt (darunter auch 14.000 US-Amerikaner).

Cornerstone of Peace (平和の礎)

Cornerstone of Peace (平和の礎)

Die riesige Anlage hat sich selbst drei Ansprüche auf die Fahnen geschrieben. Sie möchte den Besuchern eine Stätte sein für:

1. Gedenken der Kriegsopfer und Gebete für den Frieden

2. das Weitertragen der aus dem Krieg gezogenen Lehren und der

3. Meditation und Erfahrung.

Cornerstone of Peace (平和の礎)

Cornerstone of Peace (平和の礎)

Im Zentrum der Anlage brennt die „Flamme des Friedens“ (auf dem untenstehenden Bild in der Mitte mehr oder weniger zu “erkennen”), die von drei verschiedenen Orten hierher gebracht wurde. Eine Flamme kam von Zamami (座間味 / ざまみ), dem Dorf, an dem die US-amerikanischen Streitkräfte die Insel zum ersten Mal betreten haben (es liegt auf der gleichnamigen Insel, knapp 50 km südwestlich der Hauptinsel), und von den beiden Friedensparks der von Atombomben zerstörten Städte, Hiroshima (広島 / ひろしま) und Nagasaki (長崎 / ながさき).

Okinawa Peace Memorial Park (沖縄県・平和祈念公園) - Flame of Peace

Okinawa Peace Memorial Park (沖縄県・平和祈念公園) – Flame of Peace

Überragt wird der Friedenspark von der 1978 errichteten „Friedenshalle“ (平和祈念堂 / へいわきねんどう), die die Sinnlosigkeit von Kriegen und den Wert des Friedens symbolisiert. Das Gebäude selbst, eine 45 Meter hohe, Stahl- und Stahlbeton-Konstruktion, ähnelt mehr einem Turm, der mit seinen sieben himmelwärts strebenden Trägern die sieben Weltmeere und zwei zum Gebet gefaltete Hände symbolisieren soll (ein bisschen Phantasie gehört natürlich schon dazu, diese Inspiration nachzuvollziehen.

Okinawa Peace Hall (沖縄平記念和堂)

Okinawa Peace Hall (沖縄平記念和堂)

Okinawa Peace Hall (沖縄平記念和堂)

Okinawa Peace Hall (沖縄平記念和堂)

Okinawa Peace Hall (沖縄平記念和堂)

Okinawa Peace Hall (沖縄平記念和堂)

Okinawa Peace Hall (沖縄平記念和堂)

Okinawa Peace Hall (沖縄平記念和堂)

Aber wirklich dominiert wird die komplette Anlage durch das Friedens-Gedenk-Museums der Präfektur Okinawa (沖縄県・平和祈念資料館 / おきなわけん・へいわきねんしりょうかん).

Okinawa Peace Memorial Museum (沖縄県・平和祈念資料堂)

Okinawa Peace Memorial Museum (沖縄県・平和祈念資料堂)

Was aus der Ferne (aber auch aus der Nähe) eher wie ein schickes Resort-Hotel aussieht, beherbergt in Wirklichkeit zahlreiche Räumlichkeiten und Einrichtungen, die dem Besucher den Schrecken des Krieges veranschaulichen sollen. Die Ausstellungen in den einzelnen Räumen setzt aber das fort, was ich eingangs gesagt habe:

  • In Raum 1 wird die Annexion Okinawas durch Japan dargestellt.
  • Räume 2 und 3 sind dem Leiden der Zivilbevölkerung unter den Kriegshandlungen des Jahres 1945 (namentlich der letzten drei Monate des Krieges) gewidmet.
  • In Raum 4 sind Augenzeugenberichte und Dokumente des Leidens der Zivilbevölkerung und der Soldaten zu sehen.
  • Raum 5 zeigt das Leben in Flüchtlingslagern und den 27 Jahren der Besatzung durch die USA.
  • Außerdem gibt es noch einen kindgerechten Ausstellungsteil und eine Bibliothek.
Okinawa Peace Memorial Museum (沖縄県・平和祈念資料堂)

Okinawa Peace Memorial Museum (沖縄県・平和祈念資料堂)

Zu den neueren Gedenkstätten im Friedenspark gehört der große Granitbogen am “Friedenshügel” (平和の丘 / へいわのおか), der im Jahre 2001 errichtet wurde und als Sinnbild für einen starken Willen zum Frieden gilt.

Peace Hill Arch (平和の丘)

Peace Hill Arch (平和の丘)

Peace Hill Arch (平和の丘)

Peace Hill Arch (平和の丘)

Und hier noch ein paar administrative Angaben:

Friedenshalle (Öffnungszeiten & Eintrittsgebühren)

Täglich von 9:00 Uhr bis 17:00 Uhr
Erwachsene: 450 Yen
Schüler der Mittel- und Oberstufe: 350 Yen
Grundschüler (und jüngere Kinder): frei
Gruppen ab 20 Personen erhalten eine Ermäßigung

Friedens-Gedenk-Museum (Öffnungszeiten & Eintrittsgebühren)

Täglich von 9:00 Uhr bis 17:00 Uhr (letzter Einlass um 16:30 Uhr)
Geschlossen vom 29. Dezember bis 3. Januar)
Erwachsene: 300 Yen
Kinder: 150 Yen
Gruppen ab 20 Personen erhalten eine Ermäßigung
Kostenloser Audio-Service ist verfügbar in Japanisch, Englisch, Chinesisch, Koreanisch und Spanisch

Wie man hinkommt:

Mit dem Bus:

Linien 33, 46 und 89 der Naha-Itoman Line (vom Naha Bus Terminal zum Bus Terminal von Itoman). Die Busse fahren ungefähr alle 20 Minuten.
Fahrpreis: 500 Yen

und dann mit

Linie 82 der Itoman-Gyokusendo Linie (vom Itoman Bus Terminal nach Gyokusendo Cave). Die Busse fahren jede Stunde. Steigen Sie in „Heiwa Kinen-Dou Iriguchi“ (平和祈念堂入り口 / へいわきねんどういりぐち) aus.
Fahrpreis: 400 Yen

Mit dem Taxi:

Für die reichlichen 20 Kilometer von Naha bis zum Friedenspark rechnen Sie mit ca. 3.500 Yen Fahrtkosten. Geben Sie dem Taxifahrer an, zum „Heiwa-no Ishiji“ (平和の礎 / へいわのいしじ / Cornerstone of Peace / Grundpfeiler des Friedens ) zu fahren.

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