Akasaka Palast / Gästehaus für Staatsgäste – 赤坂離宮/迎賓館

Absolutistisches Barock, wo man am wenigsten damit rechnet 

An English version of this posting you’ll find here.

Kein Mensch würde nach Japan reisen, weil sein Steckenpferd Paläste im feinsten Neobarock sind. Japan ist nun mal nicht gerade für barocken Pomp bekannt (wenn man mal von der japanischen Variante des Barock absieht, der in Nikkō zu bestaunen ist). Dabei hat Tōkyō ein prächtiges Beispiel dieses schon zu seinem Baubeginn irgendwie „aus der Zeit gefallen“ wirkenden Baustils zu bieten. Allerdings war in den Jahrzehnten direkt nach der Öffnung Japans unter dem Kaiser Meiji (明治天皇 / めいじてんのう) so ziemlich alles an westlichem Baustil denkbar. Warum also kein Versailles im Kleinen? Warum kein städtisches Schloss Schönbrunn? Wenn andere so etwas haben!?

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

So wurde in den Jahren 1899 bis 1909 das damals noch „Kronprinzenpalast“ (東宮御所 / とうごうごしょ) genannte Schloss auf dem Areal errichtet, wo sich während der Zeit der Tokugawa Shōgune das Anwesen des Kishū Tokugawa-Klans befunden hatte. Er gilt auch heute noch als eines der größten Gebäude, die während der Meiji-Zeit errichtet wurden – und als einziges Beispiel für Neobarock in Japan. Und dank seiner speziellen Bauweise mit einem durch einen Stahlrahmen gehaltenen Mauerwerk, hat er sowohl Feuersbrünste als auch Erdbeben überlebt. Als leitender Architekt gilt Katayama Tōkuma (片山 東熊 / かたやま とうくま), ein Schüler des von mir nicht sonderlich geschätzten Josiah Conder. Deswegen muss man sich auch nicht wundern, wenn man auch hier ein paar Stilelemente findet, die nicht unbedingt der reinen Lehre des Neobarock folgen.

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

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Der Palast wird allerdings schon lange nicht mehr als Kronprinzenpalast genutzt. Nur der Shōwa-Tennō – seinerzeit noch Kronprinz Hirohito genannt – hat hier von 1923 bis 1928 residiert. Und angeblich hat auch der jetzige Kaiser hier einige Zeit gelebt.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Verwaltung des Gebäudes und seines Grundstücks von der Kaiserlichen Haushaltsagentur an die Regierung übergeben. Danach folgte eine Zeit, in der das Gebäude für verschiedene öffentliche Funktionen genutzt wurde (z.B. als Bibliothek des Parlaments, Rechtsausschuss des Kabinetts und auch als Büro der Organisatoren der Olympischen Sommerspiele von 1964).

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

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In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg gelang es Japan, sich wieder in die Weltgemeinschaft einzufügen und enge Verbindungen mit anderen Ländern einzugehen. Und da man von da an immer öfter ausländische Würdenträger zu Gast hatte, musste über deren adäquate Unterbringung nachgedacht werden. So entschied man sich 1967, den „Akasaka Palast“ zu renovieren und umzubauen und ihn als Gästehaus für Staatsgäste zu nutzen.

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

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1974 waren diese Arbeiten abgeschlossen (10,8 Milliarden Yen sollen dafür aufgewendet worden sein – nach heutigen Umtauschkursen wären das 105 Millionen Euro). Allerdings war in dem Preis dann auch noch ein Anbau im japanischen Stil inbegriffen, da sich die ausländischen Staatsgäste doch mehr nach japanischem „wabi-sabi“ (詫び寂び / わびさび), bescheidener Einfachheit, sehnten, als nach der Nachempfindung absolutistischer Herrlichkeit.

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

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Seither ist der Palast illustre Bühne für die verschiedensten diplomatischen Aktivitäten. Er wurde u.a. auch für die G7-Gipfeltreffen in den Jahren 1979, 1986 und 1993 genutzt.

2006 hatte man erneut mit umgreifenden Restaurationsarbeiten begonnen, die 2009 abgeschlossen wurden. In diesem Jahr wurde der Palast, das Haupttor und die große Fontäne im Hauptgarten zum Nationalschatz erklärt und genießt seither ganz besondere Wertschätzung.

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

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Für uns Normalsterbliche bleibt das Innenleben des Palastes unzugänglich. Auch die umliegenden Gärten werden nur zu ganz seltenen Anlässen für die Öffentlichkeit geöffnet. So vom 1. bis 3. November 2012, als der nördliche Garten zwischen Haupttor und Palast zumindest in Teilen für den Besucherandrang geöffnet wurde – dass ich mir das nicht entgehen lassen durfte, verstand sich von selbst. Die Fotos dieses Beitrages entstanden bei dieser Gelegenheit, nachdem ich mir nach scharfen Sicherheitskontrollen Zutritt zum Palastgelände verschafft hatte.

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

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Der Vollständigkeit halber sollen aber die wichtigsten Säle im Palast wenigstens namentlich erwähnt werden:

Sairan-no-Ma (彩鸞の間 / さいらんのま)
Der „Phönix“-Salon hat seinen Namen von den Darstellung des legendären Phönix in den goldenen Reliefs über den 10 großen Spiegeln zu beiden Seiten des Salons, die den Salon noch größer erscheinen lassen. Heute wird der Salon als „Wartezimmer“ für Staatsgäste genutzt.

Kachō-no-Ma (花鳥の間 / (かちょうのま)
Der „Blumen & Vögel“-Salon wurde nach den zahlreichen Blumen- und Vogelmotiven auf 36 Ölgemälden an der wuchtigen Decke benannt. Die mit Eschenholz getäfelten Wände mit reichlich Goldverzierung geben ein festliches Ambiente für Empfänge und Banketts mit Sitzplätzen für bis zu 130 Personen ab.

Asahi-no-Ma (朝日の間 / あさひのま)
Der „Sonnenaufgangs“-Salon wird von einem Deckengemälde gekrönt, das einem Streitwagen mit der aufgehenden Sonne im Rücken darstellt. Der Salon ruht sozusagen auf 16 Säulen aus norwegischem Marmor, seine Wände sind mit brokatverziertem Samt bespannt und wird heute in erster Linie für Audienzen und wichtige Staatsempfänge genutzt.

Hagoromo-no-Ma (羽衣の間 / はごろものま)
Der „Engelsgewand“-Salon wird von einem 300 qm großen Deckengemälde dominiert, das Szenen des Nō-Stückes „Hagoromo“ (羽衣 / はごろも / Engelsgewand) darstellt. Die drei Kronleuchter des Salons gelten als die prächtigsten des Palasts – jeder besteht aus 7.000 Einzelteilen, ist drei Meter hoch und wiegt 800 kg. Die Wände sind mit Stuck-Reliefs von Musikinstrumenten und Noten verziert. In einem Zwischengeschoss befindet sich eine Orchestergalerie, die heute noch daran erinnert, dass der Salon ursprünglich als Ballsaal eingerichtet worden ist. Heute wird er als Empfangsraum genutzt. Außerdem werden hier den Gästen vor und nach Banketts im „Kachō-no-Ma“ Getränke gereicht.

Chūō Kaidan (中央階段 / ちゅうおうかいだん)
Die „Zentraltreppe“ besteht aus italienischem Marmor, der mit roten Teppichen abgedeckt ist. Die Wände hingegen sind mit glänzendem, französischem Marmor verziert.

Nikai Daihōru (2階大ホール / にかいだいホール)
Die „Große Halle im 2. Stock“ erreicht man durch eine Entrée, das von zwei großen Ölgemälden des Meisters Ryohei Koiso flankiert, die „Malerei“ und „Musik“ als Thema haben. Das Deckengemälde der Großen Halle trägt den Titel „Siebter Himmel“ und stammt von Shunichi Terada von der Tōkyōter Nationaluniversität für bildende Künste und Musik. Es wurde anlässlich der Renovierungsarbeiten von 1974 angefertigt.

Aber, wie gesagt, diese prächtigen Räumlichkeiten werden uns Normalsterblichen wohl oder über unzugänglich bleiben – oder sie sollten uns Ansporn sein, höchste Regierungsämter anzustreben….

Erfreuliche Nachmeldung:

Ab Ende Mai 2016 wird nicht nur der Vorgarten des Palastes, sondern auch der Palast selbst und die Nebengebäude der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Weitere Details erfahren Sie (in Englisch) auf der Webseite des “Cabinet Office”: http://www8.cao.go.jp/geihinkan/koukai_e.html

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

Akasaka Palast/Palace – 赤坂離宮/迎賓館

Wie man hinkommt:
Mit der JR Sōbu/Chūō-Linie (JR総武線/中央線 / JRそうぶせん/ちゅうおうせん) oder den U-Bahn-Linien Namboku (南北線 / なんぼくせん) oder Marunouchi (丸の内線 / まるのうちせん) nach Yotsuya (四谷 / よつや) und von dort drei bis vier Minuten in südlicher Richtung.

3 Responses to Akasaka Palast / Gästehaus für Staatsgäste – 赤坂離宮/迎賓館

  1. Rurousha says:

    Hallo, Thomas! はじめまして!Darf ich auf Englisch kommentieren? Ich kann Deutsch lesen und verstehen, aber meine Rede ist sehr schlecht.

    I’ve been following and enjoying your blog for a while, but I’m finally commenting on this post. Stunning photos!

    I’ve been thinking about going myself, but I’m worried about the crowds! Was it very busy?

    • toomasu says:

      流浪者,Your German is excellent! You shouldn’t hesitate using it. I’ve had a quick look at your “Rurousha Blogspot” – that’s most amazing (as soon as I have more time, I’ll have to have a closer look). If you have the time to go to the Geihinkan tomorrow, do it! That’s a chance that doesn’t come too often. The crowds are not half as bad as they appear on one of the pictures – maybe it’ll be a bit more tomorrow, as it’s a national holiday. You’l love it!

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