Mondinsel, Triumphschrei und sonniges Meer

Tsukishima, Kachidoki und Harumi
– Die „älteren“ unter Tōkyōs künstlichen Inseln

(You’ll find an English version under: “Moon Island, a Shout of Victory and Sunny Sea“)

Tōkyō Bay Panorama

Tōkyō Bay Panorama

Dass Wohnraum in Japan Raritätsstatus hat, ist ja weithin bekannt. Dass man in Tōkyō deswegen angeblich in Hasenställen und Wohnkapseln wohnt, auch. Wie alle Klischees, die es von Japan gibt, haben natürlich auch diese ihre Berechtigung – aber sie bleiben Klischees, die die Realität nur sehr verzerrt wiedergeben.

Um Platz zu schaffen, hat man schon zu Zeiten der Tokugawa Shōgune (1603-1868) in der Bucht von Tōkyō (damals: Edo) ein vergleichsweise ambitioniertes Landgewinnungsprogramm auf der Agenda gehabt. Die größten Stadtgebiete östlich und südlich des Kaiserpalastes, wo sich heute wichtige Zentren der Stadt befinden, sind in dieser Zeit dem Meer abgerungen worden.

Aber auch in der Meiji-Zeit (1868-1912) ging es mit der Landgewinnung weiter. Beispielsweise Tsukishima (月島 / つきしみあ), die „Mondinsel“, wurde 1892 fertig gestellt, der südliche Teil der Insel, Kachidoki (勝どき / かちどき) (wörtlich kann man das mit „Triumphgeschrei“ übersetzen) zwei Jahre später. Wobei der Name „Tsukishima“ ein schönes Beispiel dafür abgibt, wie man im Japanischen Namen „aufhübschen“ kann, ohne deren Klang zu verändern. Ursprünglich soll „Tsukishima“ nämlich „築島” geschrieben worden sein, was auch „Tsukishima“ gelesen wird, aber „künstliche Insel“ bedeutet. Heute schreibt man die Insel „月島”, was „Mondinsel“ bedeutet und natürlich viel poetischer klingt.

Südöstlich von Tsukishima hat man den Stadtteil „Harumi“ (晴海 / はるみ) dem Meer abgerungen – und 1937 auch so benannt. Diese drei Inselteile sind Ziel unseres heutigen Rundganges – und unterschiedlicher könnten sie kaum sein.

Kachidoki, Harumi Dōri

Kachidoki, Harumi Dōri

Wir beginnen unseren Rundgang am U-Bahnhof „Kachidoki“ (勝どき / かちどき) der Toei Ōedo-Linie, der in der Nähe des Kanals zwischen Tsukishima und Kachidoki liegt. Die Station über den Ausgang A3 verlassend, halten wir uns aber gleich in südöstlicher Richtung auf der rechten Seite der Harumi Dōri (晴海通り / はるみどうり). Die Harumi Dōri verbindet die Insel Harumi (晴海 / はるみ) über Kachidoki mit dem „festländischen“ Stadtteil Tsukiji (築地 / つきじ), wo sich der berühmte Fischmarkt befindet, und den weiter südöstlich gelegenen, neueren Inseln. Und weil wir es oben schon gelernt haben, wissen wir bereits: im Namen von Tsukiji wird noch das „築” verwendet, weswegen man den Stadtteil auch mit „gewonnenes Land“ übersetzen könnte – sprich: auch dieses Land gab’s bis ins 18. Jahrhundert hinein noch nicht.

Entlang der Harumi Dōri sind auf Tsukishima/Kachidoki in den letzten Jahren mehrere gigantische Wohn- und Bürotürme entstanden, die, wie wir später noch sehen werden, das Gesicht der Insel einem gravierenden Wandel unterziehen.

Harumi: Blick nach Toyosu/View to Toyosu

Harumi: Blick nach Toyosu/View to Toyosu

Kachidoki, Harumi & Toyosu

Kachidoki, Harumi & Toyosu

Unser Ziel ist Harumi (晴海 / はるみ), die südlichste, der noch zum zentralen Stadtteil Chūō-ku (中央区 / ちゅうおうく) gehörenden Inseln, deren Name sich so hübsch mit „sonniges Meer“ übersetzen lässt . Hier befand sich früher das internationale Handelszentrum (kokusai bōeki sentā / 国際貿易センター / こくさいぼうえきセンター). Im südlichen Teil der Insel, der unser Ziel ist, ist heute aber eigentlich nur noch der Harumi Futō Park (晴海ふ頭公園 / はるみふとうこうおえん) und das Harumi Passagier-Terminal (晴海客船ターミナル / はるみきゃくせんターミナル) nennenswert. Ansonsten wird der Inselteil durch Brachland (das als Ausbildungsgelände für die Polizei und die Feuerwehr genutzt wird) gekennzeichnet und die auch hier weiter vorrückenden Wohnhochhäuser.

Harumi Futō Park

Harumi Futō Park

Harumi Futō Park: Tōkyō Rainbow Bridge

Harumi Futō Park: Tōkyō Rainbow Bridge

Harumi Futō Park: Tōkyō Rainbow Bridge

Harumi Futō Park: Tōkyō Rainbow Bridge

Harumi Passagier/Passenger Terminal

Harumi Passagier/Passenger Terminal

Harumi Passagier/Passenger Terminal & Tōkyō Tower

Harumi Passagier/Passenger Terminal & Tōkyō Tower

Harumi Passagier/Passenger Terminal

Harumi Passagier/Passenger Terminal

Das Harumi Passagier-Terminal ist eigentlich ein Anachronismus in sich: Das heutige Terminal stammt aus dem Jahre 1991 und wurde seinerzeit mit großem Pomp aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Hafens eröffnet. Dessen ungeachtet steht es die meiste Zeit des Jahres ungenutzt an der Südspitze der Insel, weil sich nur vergleichsweise selten ein Passagierschiff hierher verirrt. Im August 2012 waren es z.B. nur zwei Schiffe (MS Club Harmony, MS Nippon Maru), im September 2012 gar nur eines (MS Silver Shadow). Der ca. 40 km weiter südlich gelegene Hafen von Yokohama ist offensichtlich der für Kreuzfahrtschiffe attraktivere. Allerdings hat man vom Terminalgebäude in  Harumi einen geradezu fantastischen Blick in die Bucht von Tōkyō (siehe ganz oben) – und genau deswegen sind wir ja auch hier.

Harumi Passagier/Passenger Terminal

Harumi Passagier/Passenger Terminal

Harumi Passagier/Passenger Terminal & Tōkyō Skyline

Harumi Passagier/Passenger Terminal & Tōkyō Skyline

Harumi Passagier/Passenger Terminal & Toyosu

Harumi Passagier/Passenger Terminal & Toyosu

Harumi Passagier/Passenger Terminal & Toei Bus Terminal

Harumi Passagier/Passenger Terminal & Toei Bus Terminal

Harumi Passagier/Passenger Terminal

Harumi Passagier/Passenger Terminal

Auf dem Rückweg vom Passagierterminal habe ich einen kleinen Abstecher zu den Doppeltürmen der „The Tōkyō Towers“ (ザ・東京・タワーズ) in Kachidoki gemacht (der noch höhere, schlanke Turm auf dem Bild unten gehört zu einer Müllverbrennungsanlage). Mit ihren 58. Stockwerken gelten sie derzeit noch als zweithöchste Wohntürme des Landes. Hier können seit Januar 2008 auf einer Gesamtwohnfläche von über 383.000 Quadratmetern 8.000 Menschen komfortabel wohnen – einige von ihnen werden aber im März 2011 wenig Freude an ihren hoch gelegenen Wohnungen gehabt haben, als während der Erdbeben die Aufzüge aus Sicherheitsgründen immer wieder mal ihren Betrieb einstellen mussten. Die beiden Türme sind architektonisch ja nun beileibe keine Schmuckstücke, aber die Fassadengestaltung ist doch immerhin so gelungen, dass die Doppeltürme bei Fahrten durch die Bucht von Tōkyō oder über die Rainbow Bridge immer wieder den Blick auf sich ziehen.

Kachidoki "The Tōkyō Towers"

Kachidoki “The Tōkyō Towers”

Kachidoki "The Tōkyō Towers"

Kachidoki “The Tōkyō Towers”

Kachidoki "The Tōkyō Towers", Seaside Annex

Kachidoki “The Tōkyō Towers”, Seaside Annex

Kachidoki "The Tōkyō Towers"

Kachidoki “The Tōkyō Towers”

Kachidoki "The Tōkyō Towers"

Kachidoki “The Tōkyō Towers”

Kachidoki "The Tōkyō Towers" & Tōkyō Sky Tree

Kachidoki “The Tōkyō Towers” & Tōkyō Sky Tree

Kachidoki

Kachidoki

Wieder zurück auf Tsukishima geht es nun in ein Viertel, das mir besonders ans Herz gewachsen ist, weil es unverhofft ein Bild von Tōkyō zeigt, wie es heute nicht mehr gar so oft vorgefunden werden kann. Schade natürlich, dass auch dieses Viertel in seinem Bestand durchaus bedroht ist: Die Gässchen rechts und links der Nishinakadōri (西仲通り / にしなかみせどうり) in Tsukishima sanchōme (月島三丁目 / つきしまさんちょうめ). Die dicht bei dicht stehenden Einfamilienhäuser zeigen auch heute noch, wie beengt aber auch urig früher generell in Tōkyō gewohnt wurde. Bebauungen dieser Art sind natürlich schon aus brandschutztechnischer Hinsicht heute nicht mehr üblich – aber diese freundlich-schrullige Gegend ist seit meinem ersten Besuch vor vier Jahren ohnehin sichtbar kleiner geworden, nachdem die Wohntürme das Bild der Insel mehr und mehr dominieren.

Tsukishima sanchōme

Tsukishima sanchōme

Tsukishima sanchōme

Tsukishima sanchōme

Tsukishima sanchōme

Tsukishima sanchōme

Tsukishima sanchōme

Tsukishima sanchōme

Tsukishima sanchōme

Tsukishima sanchōme

Tsukishima sanchōme

Tsukishima sanchōme

Eine Attraktion ist aber die Nishinakadōri selbst. Hier reiht sich ein Restaurant unter den überdachten Trottoirs an das andere. Und die weitaus meisten dieser Restaurants bieten eine Spezialität, die aus Tōkyō stammt und für die Tsukishima berühmt ist: Monjayaki (もんじゃ焼き / もんじゃやき). Wer das berühmte Okonomiyaki (御好み焼き / おこのみやき)  aus Ōsaka und Hiroshima kennt, kann sich so ungefähr vorstellen, um was es sich bei Monjayaki handelt. Auch Monjayaki wird auf der heißen Stahlplatte zubereitet, ist insgesamt aber flüssiger und sieht – mit Verlaub gesagt – auf den ersten Blick nicht besonders appetitlich aus. Die Grundzutaten bestehen aus Mehl, Kartoffeln, Ei, Kohl, Wasser und Fischbouillon und werden durch die Zugabe von Fleisch, Fisch, Gemüse etc. aufpeppt. Da die Masse auch beim Brutzeln auf der heißen Platte nicht wirklich „fest“ wird, isst man sie mit kleinen Spateln von außen nach innen direkt von der Platte. Und trotz des eher wenig appetitlichen Aussehens, ist Monjayaki nicht nur wirklich lecker, sondern auch eine überaus kommunikative Köstlichkeit, weil man sie sich in aller Regel selbst am Tisch zubereiten kann. Besonders charmant sieht die Nishinakadōri natürlich abends aus, wenn sie sich besonders bei jungen Leuten großer Beliebtheit erfreut, die sich diese nicht ausgesprochen kostspielige Köstlichkeit gönnen.

Tsukishima, Nishinakadōri

Tsukishima, Nishinakadōri

Tsukishima, Nishinakadōri

Tsukishima, Nishinakadōri

Tsukishima, Nishinakadōri (Polizeistation/Police Station)

Tsukishima, Nishinakadōri (Polizeistation/Police Station)

Tsukishima, Monjayaki

Tsukishima, Monjayaki

Tsukishima, Nishinakadōri

Tsukishima, Nishinakadōri

Tsukishima, Nishinakadōri

Tsukishima, Nishinakadōri

Wie man hinkommt:

  • Mit der Toei Ōedo-Linie (都営大江戸線 / とえいおおえどせん) nach Kachidoki (勝どき / かちどき) oder Tsukishima (月島 / つきしま).
  • Mit der Tōkyō Metro Yūrakuchō-Linie (東京メトロ有楽町線 / とうきょうメトロゆうらくちょうせん) nach Tsukishima (月島 / つきしま).
  • Nach Harumi gibt es keine U-Bahnverbindung – Busse verkehren aber auch regelmäßig zum Harumi Passagier-Terminal (z.B. die Toei Bus-Linie Nr. 5 vom Bahnhof Tōkyō kommend)

Sehen Sie auch:

Tsukuda – Ōkawabata River City 21 (佃・大川端リバーシティ21)
– Früheste Landgewinnung & Rezessionsbekämpfung durch Beton

2 Responses to Mondinsel, Triumphschrei und sonniges Meer

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