Kamakura – 鎌倉 (3) (dt.)

Auf den Spuren des großen Sektengründers Nichiren und des Lotos-Sutra
Oder: Und wieder ist es jenseits der touristischen Trampelpfade am schönsten

(You’ll find an English version under: Kamakura – 鎌倉 (3) (Engl.))

In Kamakura bedeutet der Verzicht auf die Standardsehenswürdigkeiten, die die Touristen aus dem In- und Ausland zu Hunderttausenden abklappern, durchaus nicht, dass man sich deswegen auf bedeutungsloses Terrain beschränken würde. Im Gegenteil – wie folgender Spaziergang auf den Spuren des großen buddhistischen Reformers Nichiren (日蓮 / にちれん) (1222-1282) beweist. Der aus Awa (安房 / あわ) (in der heutigen Präfektur Chiba) stammende Nichiren gilt als der Begründer einer der bedeutendsten buddhistischen Sekten Japans – einer, der für seine Grundsätze auch den Konflikt mit der Obrigkeit nicht scheute. Um sich der Bedeutung der auf dem heutigen Spaziergang zu sehenden Orte bewusst zu werden, können ein paar Kerndaten zum Leben des Nichiren nicht schaden:

Schon mit 12 Jahren – damals hieß er noch nicht Nichiren, sondern Zennichimaro (善日麿 / ぜんにちまろ) – verließ er das Elternhaus, um sich im Tendai-Buddhismus ausbilden zu lassen und, wie er selbst sagte, der “weiseste Mann Japans” zu werden. Schon mit fünfzehn oder sechzehn Jahren erhielt er die Priesterweihe und nannte sich fortan „Zeshō-bō Renchō“ (是生房蓮長 / ぜしょうぼうれんちょう). Danach begab er sich auf eine 10-jährige Reise zu den Gelehrten seiner Zeit. Die Gespräche mit diesen und eigene Studien ließen die Erkenntnis in ihm reifen, dass der wahre Buddhismus seine ganze Ausprägung in dem Lotos-Sutra erfährt. Mit 31 Jahren begann er sein Bild des Buddhismus zu predigen – dessen Essenz für ihn in dem zentralen Mantra des Lotos Sutra, „Nam(u)-Myōhō-Renge-Kyō“ (南無妙法蓮華経 / なむみょうほうれんげきょう), zum Ausdruck kommt. Gaaaanz frei übersetzt: „Ich suche Zuflucht im wahren Gesetz des Lotos Sutra.“ Allein durch die recht häufige Wiederholung dieses Mantras sei Erleuchtung zu erlangen.

Ende der 1250er Jahre übersiedelte er schließlich nach Kamakura (die damalige Hauptstadt und Sitz der Militärregierung des Shōguns), um dort sein Verständnis vom Buddhismus zu lehren. In seinen Augen war das schon deswegen dringend notwendig, da er der Meinung war, Japan gehe nur deswegen durch von Naturkatastrophen und Mongolenangriffen geschüttelte Zeiten, weil Regierung und Bevölkerung einem „falschen“ buddhistischen Glauben anhingen. Damit machte er sich natürlich besonders bei den Mächtigen alles andere als beliebt. Und auf unserem heutigen Spaziergang treffen wir auf Zeugen dieser vielleicht bewegtesten Phase in Nichirens Leben, die mit seiner Verbannung auf die Halbinsel Izu (伊豆 / いず) südwestlich von Kamakura, und (1271-1274) auf die Insel Sado (佐渡島 / さどしま) auf der Westseite Japans im Japanischen Meer gelegen, endet. Seine letzten Jahre verbringt er im selbstauferlegten Exil auf dem Berg Minobu (身延山 / みのぶさん) in der Präfektur Yamanashi (山梨県 / やまなしけん) (westlich des heutigen Tōkyō gelegen). Dort befindet sich auch der Haupttempel des Nichiren-Buddhismus, der an der Stelle errichtet wurde, an der sich seine bescheidene Klause befunden hatte.

So viel dazu – man/frau will ja schließlich wissen, auf wessen Spuren gewandelt wird. Aber keine Angst: Spaziergänge in Kamakura sind nicht notwendigerweise Ausflüge in die Religion, die Politik oder die Kombination aus beidem, sondern eher dazu da, die Seele baumeln zu lassen und sich an Landschaften ebenso zu erfreuen, wie an grandiosen Zeugen einer bewegten und meist gar nicht friedvollen Vergangenheit. Einen Rundgang durch Kamakura ziehe ich – und sage das ohne Erröten – jederzeit einer Besichtigungstour in Kyōto vor.

Auf dem Lageplan unten können Sie erkennen, dass es rechts und links des Weges noch weit mehr zu zu sehen gibt, als ich hier beschreibe. Es kann also durchaus sein, dass Sie ein bisschen länger als die guten zwei Stunden, die ich für die einfache Strecke gebraucht habe, aufwenden müssen. Der Lageplan soll Ihnen nur einen groben Überblick geben. In Kamakura selbst sind (fast) alle Wege mit Meterangaben zwischen den einzelnen Station gut beschildert. Nur beim Auffinden des Abschluss- und sicher auch Höhepunktes des Rundgangs, des Kōmyō Tempels, wird Ihnen, wie mir, nichts anderes übrig bleiben, als sich ein bisschen auf den Orientierungssinn zu verlassen – auch beim zweiten Besuch dort habe ich vergeblich nach Hinweisschildern gesucht.

Kamakura Map/Lageplan (click to enlarge/zum Vergrößern anklicken)

Kamakura Map/Lageplan (click to enlarge/zum Vergrößern anklicken)

Wenn Sie den Weg so ablaufen möchten, wie ich ihn hier beschreibe, empfehle ich Ihnen zumindest bequeme Schuhe und eine leidliche Kondition – es gibt unterwegs ein paar Treppen zu steigen (wer die sich nicht zumuten möchte, kann natürlich auch die Klettereinlagen auslassen).

Ausgehend vom Bahnhof Kamakura (鎌倉 / かまくら) macht den Auftakt der

1) Myōhon-ji (妙本寺 / みょうほんじ) (Chōkōzan (長興山 / ちょうこうざん)

Das Gebiet um den Tempel ist bekannt als das Hiki-Tal (Hikigayatsu / 比企谷 / ひきがやつ), wo sich einst die Residenz eines Vasallen des ersten Shōguns der Kamakurazeit, Minamoto no Yoritomo (源頼朝 / みなもとのよりとも) (1147-1199), des Hiki Yoshikazu (比企能員 / ひきよしかず) und seines Klans befand. Der Hiki-Klan wurde vernichtet, als die vom Hōjō-Klan befehligten Streitkräfte dafür sorgten, dass Hōjō Tokimasa (北条時政 / ほうじょうときまさ) als dritter Shōgun der Kamakura-Zeit in die Geschichte eingehen durfte.

Allerdings hatte der jüngste Sohn des Hiki Yoshikazu, Yoshimoto (比企能本 / ひきよしもと), vor den Kämpfen flüchten und sich mit aller Hingabe dem Meister Nichiren anschließen können. Unter Yoshimoto wurde 1260 die Lotos- oder Meditationshalle (法華堂 / ほっけどう) des Tempels auf dem Grund und Boden errichtet, der einst die Residenz seiner Familie gewesen war. Und damit war auch der Grundstein für den Myōhon-Tempel gelegt.

Der Tempel ist jedoch nicht nur seiner grandiosen Gebäude wegen sehenswert, sondern auch wegen seiner vom Frühjahr bis weit in den Sommer hinein reichen Pracht an Blüten. Aber in erster Linie ist er ein Schmuckstück, weil es hier fast immer ruhig und sehr beschaulich zugeht. Wer ein bisschen Abstand von der Welt gewinnen will, ist hier auf jeden Fall richtig. Er gehört zu meinen Lieblingsplätzen in Kamakura.

(Eintritt frei)

(Bilder zum Vergrößern anklicken.)

Gerade mal 150 Meter weiter, wartet schon die nächste Station auf uns, der

2) Jōei-ji (常栄持 / じょうえいじ) oder auch Botamochidera (ぼたもち寺/ぼたもちでら) (Eunzan (慧雲山 / えうんざん)

Als man Nichiren als Gefangenen des Shōgunats auf dem Weg zur Richtstätte Tatsunokuchi (龍ノ口の刑場 / たつのくちのけいじょう) am Ryūkō-Tempel in Fujisawa durch die Stadt Kamakura führte, kam er auch an dem damaligen Jōei-Tempel vorbei. Die Legende besagt, dass ihm von einer alten Frau „botamochi“ (ぼたもち), aus Reis und süßen, roten Bohnen hergestellte Leckereien, zugesteckt worden seien. Dieses barmherzigen Akts wegen trägt der Jōei-Tempel auch den Namen „Botamochidera“ (Botamochi-Tempel).

Der aufgrund seiner den Buddhismus (und die Gesellschaft) revolutionierenden Gedanken Verfolgte entkam der Hinrichtung auf wundersame Weise. Deswegen feiert man auch heute noch am 12. September das Fest der Verteilung von mit Sesam bestreuten „botamochi“ – gerade so, wie die alte Frau es für Nichiren getan hatte. An diesem Tag ist der Tempel besonders stark besucht, weil die Besucher natürlich ganz heiß darauf sind, auch ein solches „lebensrettendes botamochi“ zu ergattern.

An den übrigen Tagen des Jahres besticht der kleine Tempel aber eher durch Ruhe und seinen fast schon tropisch zugewachsenen Garten. Außerdem befindet sich auf dem Tempelgelände auch ein kleiner, shintōistischer Schrein (was man seit der gewaltsamen Trennung der beiden Religionen in der Meiji-Zeit auch nicht mehr ganz so oft sieht). So, wie sich der Tempel heute darbietet, stammt er aus dem Jahre 1606.

(Eintritt frei)

(Bilder zum Vergrößern anklicken.)

Und weil er so unauffällig auf dem Weg gerade mal 50 Meter entfernt liegt, werfen Sie auch noch einen Blick in den

3) Yagumo Jinja (八雲神社 / やぐもじんじゃ)

Der im Jahre 1083 vom Ur-Ur-Großvater des ersten Shōgun der Kamakura-Zeit, Minamoto no Yoshimitsu (源義光 / みなとものよしみつ), als Zweigniederlassung des Yasaka-Schreins in Kyōto gegründete Schrein erinnert u.a. an die schlimme Pestepidemie, die seinerzeit das Land heimgesucht hatte. Wer würde auf den Gedanken kommen, sich hier am ältesten Schrein Kamakuras zu befinden? Und falls Sie sich gefragt haben sollten, woher Lady Gaga eine ihrer ersten berühmten Frisurideen genommen hat….

(Eintritt frei)

Yagumo Jinja - 八雲神社

Yagumo Jinja – 八雲神社

Yagumo Jinja - 八雲神社

Yagumo Jinja – 八雲神社

Und weiter geht’s zum nächsten Punkt auf unserem Wanderplan, dem

4) Myōhō-ji (妙法寺 / みょうほうじ) (Ryōgonzan (楞厳山 / りょうごんざん)

An diesem Ort hatte Nichiren (日蓮 / にちれん) seine erste Klause, nachdem er seine Heimat in Awa (安房 / あわ) (Sie erinnern sich: heute im südlichen Teil der Präfektur Chiba) verlassen hatte, um Predigtunterricht zu erteilen. Er nannte diese Einsiedelei “Matsubagayatsu Goshōan” (松葉ヶ谷御小庵 / まつばがやつごしょうあん) (kleine Eremitage im Kieferntal).

Es ist überliefert, dass diese Klause während der Verfolgungen, denen Nichiren ausgesetzt war, von Vertretern anderer Richtungen des Buddhismus durch Brandstiftung zerstört wurde.

Erst im Jahre 1357 errichtete hier Ryōgon Maru (楞厳丸 / りょうごんまる), auch bekannt als Nichiei (日叡 / にちえい) ein Sohn des Prinzen Morinaga (eigentlich Prinz Moriyoshi / 護良親王 / もりよししんのう), den Myōhō-Tempel an dieser Stelle, nicht nur um für die sanfte Ruhe seines Vaters und seiner Mutter zu beten, sondern auch, um an der bedeutenden Stätte dem großen Sektengründer Nichiren zu huldigen. Er hat dem Myōhō-ji auch seinen “Kloster-/Bergnamen” gegeben. Ihnen ist vielleicht aus dem bisherigen Text schon aufgefallen: Im alten Japan wären Geldwäschegesetze nicht durchzuhalten gewesen, so häufig, wie da Leute ihre Namen gewechselt haben….

Die großartige Haupthalle ist aus Zelkovenholz errichtet, das von der Hosokawa-Familie (Fürsten aus Kumamoto, Kyūshū) gestiftet wurde.

Das Tempelgelände selbst zieht sich über mehrere Treppen (teilweise auf fast schon unwirkliche Art von Moos überwachsen – deswegen wir der Myōhō-Tempel auch “Kokedera” (Moostempel) genannt) den Berg hinauf. Und es gibt zwei Gründe, die im oberen Bereich eher waghalsigen Stufen zu erklimmen: Erstens befindet sich hier das Ehrengrabmal des Prinzen Morinaga (aber erwarten Sie nichts Atemberaubendes!), und zweitens hat man von dort oben einen tollen Blick auf Kamakura und den Pazifik – und, mit ein bisschen Glück auch auf den Fuji-san (und das kann man dann schon als atemberaubend bezeichnen).

Interessanterweise enthält nur das japanische Informationsblatt, das man am Eingang des Myōhō-Tempels ausgehändigt bekommt, Hinweise zum richtigen Benehmen auf heiligem Grund – auf dem englischsprachigen Faltblatt finden sich solche Hinweise (leider) nicht. Seien Sie also – und nicht nur am Myōhō-Tempel – so rücksichtsvoll und gesittet, wie Sie das an anderen religiösen Orten auch wären.

(Eintrittsgebühr: 300 Yen)

(Bilder zum Vergrößern anklicken.)

Wieder nur 100 Meter weiter, stehen wir schon vor der nächsten Sehenswürdigkeit, dem

5) Ankokuron-ji (安国論寺 / あんこくろんじ) (Myōhokekyōzan (妙法蓮華山 / みょうほけきょうざん)

Wie seine Nachbartempel, der Myōhō-ji und der Chōshō-ji, behauptet auch der Ankokuron-ji von sich, an der Stelle zu stehen, an der Nichiren seine „kleine Eremitage im Kieferntal“ hatte. Hier ist es eine Höhle, die “Gohōkutsu“ (御法窟 / ごほうくつ) oder „Nichiren Iwaya“ (日蓮岩屋 / にちれんいわや) (Nichirens Felsenhöhle) genannt wird. Sie soll 1253 das Kernelement der Eremitage gewesen sein und befindet sich jenseits der Haupthalle des Tempels.

Die Sage erzählt davon, dass er in dieser Höhle seine berühmte (und für ihn verhängnisvolle) Petition „Risshō Ankoku Ron” (立正安国論 / りっしょうあんこくろん) („über die Sicherung des Friedens im Lande durch die Verbreitung des wahren Gesetzes“) geschrieben haben soll, um sie dem früheren Regenten Kamakuras, Hōjō Tokiyori (北条・時頼 / ほうじょう・ときより) (1227-1263) am 16. Juli 1260 zu überreichen.
Am 27. des darauf folgenden Monats wurde die Einsiedelei von Anhängern anderer buddhistischer Richtungen angegriffen. Der Vorfall sollte als „Matsubagayatsu-Verfolgung“ in die Geschichte eingehen.

Es gibt auf dem Tempelgelände noch eine weitere Höhle hinter der Haupthalle (die sogenannte „Höhle auf der Südseite“, „Nanmenkutsu“ / 南面窟 / なんめんくつ), wo der Sektengründer ebenfalls Zuflucht gefunden haben soll.

Der Ankokuron-Tempel besticht besonders durch seinen Blütenreichtum während des Frühjahrs und des Sommers und die prächtige Laubfärbung im Herbst.

Eine schöne Legende rankt sich auch noch um den Kirschbaum neben der „kleinen Eremitage“ (Goshōan / 御小庵 / ごしょうあん). Ihm sagt man nämlich nach, er sei aus dem Spazierstock des Nichiren gewachsen, der hier Wurzeln geschlagen habe. Deswegen nennt man den Kirschbaum auch „Myōhō Zakura“ (妙法桜 / みょうほうざくら / Kirschbaum des Lotos Sutra). Er zählt zu den „Naturschätzen“ der Stadt Kamakura.

Achten Sie bitte darauf, dass man an Tagen mit wenigen Besuchern erwartet, dass jeder Besucher sich selbst seine Eintrittskarte für den Tempel löst – eine entsprechende Spendenkiste und die Eintrittskarten befinden sich nicht ganz auffällig auf der linken Seite, nachdem man das Haupttor passiert hat.

(Eintrittsgebühr: 100 Yen – oder natürlich gern auch mehr)

(Bilder zum Vergrößern anklicken.)

Nun geht es 200 Meter weiter über die Bahngleise, die Kamakura mit dem benachbarten Zushi (逗子 / ずし) verbinden, und schon ist der nächste Besichtigungspunkt erreicht, der oben schon erwähnte

6) Chōshō-ji (長勝寺 / ちょうしょうじ) (Sekiseizan (石井山 / せきせいざん)

Als Nichiren nach seiner Verbannung auf Izu (伊豆 / いず) nach Kamakura zurück kam, richtete er sich eine Klause in der Residenz des Nagakatsu Ishii ein („Nagakatsu“ ist übrigens eine andere Lesart der Kanji für „Chōshō“). Damit war im Jahre 1263 der Grundstein für diesen Tempel gelegt.

Ursprünglich trug der Tempel den Namen „Honkoku-ji” (本圀寺 / ほんこくじ). Dieser wurde aber auf Geheiß des ersten Ashikaga Shōguns, Ashikaga Takauji (足利尊氏 / あしかがたかうじ) 1345 nach Kyōto (京都 / きょうと) verlegt. Daraufhin ließ der Priester Nissei (1289-1369) einen neuen Tempel an dieser Stelle errichten, der nun den – wie oben erklärt „abgewandelten“ – Namen des einstigen Wohltäters tragen sollte: „Sekiseizan Chōshō-ji”.

Unter den zahlreichen Gebäuden auf dem Tempelgelände ist die Lotos-Halle (Hokkedō / 法華堂 / ほっけどう) ein wichtiges Kulturgut der Präfektur Kanagawa. Man geht davon aus, dass die Halle gegen Ende der Muromachi-Zeit (zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts) errichtet wurde.

Wirklicher Dreh- und Angelpunkt des Tempels ist aber die vier Meter große Bronzestatue des Nichiren im zentralen Hof der Anlage, die 1922 errichtet wurde. Beschützt nach allen vier Himmelsrichtungen wird Nichiren durch Bronzestatuen der Shitennō (四天王 / してんのう) – der „vier Himmelskönige“, die nach meiner unmaßgeblichen Ansicht zwar stilistisch gar nicht zur Statue des Nichiren passen, dafür aber um so furchteinflößender aussehen. Auch die Statue des Nichiren verkörpert nicht gerade das, was man sich unter einem „lieben Onkel“ vorstellen würde. Sollte sie ein halbwegs natürliches Abbild des Priesters darstellen, kann man sich ohne viel Phantasie vorstellen, dass er anderen Religionsführern und weltlichen Herren ein durchaus potenter Gegenspieler war.

Eine besondere Zeremonie findet hier am 11. Februar jeden Jahres statt: Am Ende einer 100-tägigen Zeit der Askese und des Fastens finden sich junge Nichiren-Priester hier ein, um sich bei der dann gewöhnlich herrschenden Eiseskälte eiskaltes Wasser über die nur von einem Lendenschurz bedeckten Körper zu schütten.

(Eintritt frei)

(Bilder zum Vergrößern anklicken.)

Wie oben schon erwähnt, ist der weitere Weg etwas unzureichend beschildert. Wenn Sie sich aber in grober südwestlicher Richtung halten, führt praktisch kein Weg am letzten und vielleicht eindrucksvollsten Punkt unseres Spaziergangs vorbei (wo ich allerdings keine Spuren von Nichiren gefunden habe – aber es muss ja auch nicht immer Nichiren sein), dem

7) Kōmyō-ji (光明寺 / こうみょうじ), (Tenshōzan Renge-in (天照山蓮華院 / てんしょうざんれんげいん)

Der Kōmyō-Tempel in Zaimokuza (材木座 / ざいもくざ) ist ein besonders prestigeträchtiger Tempel, der während der Edo-Zeit (1603-1868) als der ranghöchste Tempel unter den Kantō Jūhachi Danrin Jōdoshū (関東十八壇林浄土宗 / かんとうじゅうはちだんりんじょうどしゅう)-Tempeln angesehen wurde.

Nenna Ryōchū (記主禅師燃阿良忠 / きしゅぜんじねんなりょうちゅう) gilt als der Priester, der den Tempel gegründet hat, und Hōjō Tsunetoki (北条経時 / ほうじょうつねとき) (1224-1246), der vierte Regent des Kamakura-Shōgunats, als der Gründungspatron.

Im Jahre 1243 ließ Tsunetoki für Ryōchū im westlichen Teil von Kamakura (Sasukegayatsu / 佐助が谷 / さすけがやつ), in der Nähe des heute noch vorhandenen Schreins “Sasuke Inari Jinja” (佐助稲荷神社 / さすけいなりじんじゃ), einen Tempel errichten und nannte ihn Renge-ji (蓮華寺 / れんげじ) (Lotosblüten-Tempel). Als der Tempel an seinen jetzigen Standort verlegt wurde, erhielt er auch einen neuen Namen: Kōmyō-ji.

Die großartige Haupthalle wurde 1698 errichtet und gilt als wichtiges nationales Kulturgut. Außerdem bezeichnet man sie auch als größten „modernen“ Tempelbau in Kamakura und, zusammen mit dem Kenchō-ji (建長寺 / けんちょうじ) und dem Engaku-ji (円覚寺 / えんがくじ) im Norden Kamakuras, als Vertreter der prächtigsten Tempelhallen.
Das nicht minder eindrucksvolle Innere Tor des Tempels stammte ursprünglich aus dem Jahre 1553 und stand am Tsurugaoka Hachiman-gū (鶴岡八幡宮 / つるがおかはちまんぐう) (nördlich des Hauptbahnhofs von Kamakura). Es wurde während der Meiji-Restauration, als Tempel und Schreine strikt getrennt wurden, 1868 hierher verbracht und restauriert. Wenn das Tor heute halbwegs „neuwertig“ aussieht, dann liegt das daran, dass es 1998 erneut renoviert wurde. Das Innere Tor ist als wichtiges Kulturgut der Präfektur gelistet.

Erst 2010 ist der Übergang am Kishu-Garten auf der Nordwestseite der Haupthalle renoviert worden. Der sich um einen im 17. Jahrhundert angelegten Teich erstreckende Garten stammt von dem selben Gartenbauarchitekten, der sich auch schon bei der Kaiserlichen Villa in Kyōto (Katsura Rikyū / 桂離宮 / かつらりきゅう), dem Kaiserpalast in Kyōto und dem Nijō-Schloss in Kyōto einen Namen gemacht hatte: Kobori Enshū (小堀遠州 / こぼりえんしゅう). Wenn man weiß, dass der Kōmyō-Tempel sich über lange Zeit der direkten Förderung durch den Kaiser erfreuen konnte, dann wundert man sich auch nicht darüber, dass hier nur die ersten Künstler des Landes zum Einsatz gekommen sind.

Für einen Tempel der Jodo-Sekte eher ungewöhnlich, verfügt der Kōmyō-ji auch über einen Landschaftsgarten aus Sand, Kies und Felsen, wie man sie sonst nur von Zen-Tempeln her kennt, den Karesansui-(枯山水 / かれさんすい) Garten an der Südostflanke der Haupthalle.

(Eintritt frei)

(Bilder zum Vergrößern anklicken.)

Was den Kōmyō-ji und sein weit gestrecktes Tempelareal von allen anderen Tempeln und Schreinen Kamakuras ebenfalls unterscheidet: Er liegt als einziger wirklich direkt am Meer – nur durch die Uferstraße vom Pazifik getrennt.

Und was läge da näher, als nach dem kultur- und eindruckbeladenen Spaziergang auch dem Strand noch einen Besuch abzustatten und dort den Surfern zuzusehen – oder eben auch selbst mal ins Wasser zu springen. Hier den Tag ausklingen zu lassen, tut der Seele sicher ebenso gut, wie das Bestaunen der Zeugen einer längst vergangenen Zeit.

Kamakura Beach/Strand

Kamakura Beach/Strand

Kamakura Beach/Strand

Kamakura Beach/Strand

Für weitere Informationen über Kamakura sehen Sie bitte auch:

Kamakura (鎌倉) (1) (Engl./dt.)
– Japans alte Hauptstadt mal ganz anders
– Japan’s old capital seen from a different angle

Kamakura (鎌倉) (2) (Engl./dt.)
– Natur & grandiose Architektur
– Nature & magnificent architecture

Kamakura – 鎌倉 (3) (English only)
– Following the trail of the great buddhist sect founder Nichiren and the Lotus Sutra
Or: Again, off the beaten tracks of the tourists are the prettiest spots

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7 Responses to Kamakura – 鎌倉 (3) (dt.)

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  4. Reblogged this on imyohorengekyo und kommentierte:
    Thomas Gittel beschreibt in diesem tollen Artikel mit detailreichen Fotos, wie die Umgebung, in der Nichiren vor ca. 700 Jahren lebte, heute aussieht. Schon wegen der Fotos ist dieser Artikel lesenswert. Nicht jedem ist die Möglichkeit gegeben, eine Rundreise um Kamakura zu machen. Dieser Artikel bietet eine kleine Ahnung.

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