Nihon Minkaen / 日本民家園

300 Jahre japanische Wohnkultur

Nihon Minkaen (日本民家園)

Nihon Minkaen (日本民家園)

Es soll ja Besucher Japans geben, deren Interesse sich nicht an Hochhäusern in den Großstädten oder den berühmteren der Tempel und Schreine erschöpft, deren Horizont auch gern einmal den Rahmen von Sushi und Manga sprengt. Wer ein Faible für traditionelle, rurale Architektur der vergangenen drei Jahrhunderte und die damit einhergehende Wohnkultur hat, sollte das Nihon Minkaen (日本民家園) auf seine Besuchsliste aufnehmen. Es ist einer meiner liebsten Orte in der Umgebung von Tōkyō, der seit 1992 einen der oberen Plätze auf meiner “Beliebtheitsliste” belegt.

Auf dem Gelände des Nihon Minkaen hat man 1965 angefangen, Wohn-, Farm- und Geschäftshäuser in traditioneller Bauweise aus allen Präfekturen Japans in Kawasaki (川崎 / かわさき) zusammen zu tragen. Heute umfasst die Ausstellung 23 Gebäude (sowie eine Ausstellungshalle und das „Hara-Haus“ am Eingang), die auch einen kleinen Schrein und eine Kabukibühne einschließen.

Kawasaki liegt in der Präfektur Kanagawa (神奈川 / かながわ), südlich von Tōkyō – von Tōkyō nur durch den Fluss Tamagawa (多摩川 / たまがわ) getrennt.

Zweckmäßigerweise betritt man die Anlage über den Haupteingang im Nordosten (den Weg dorthin habe ich unten beschrieben), in dem auch eine museale Ausstellung untergebracht ist. So wie die Häuser des Weges liegen, sollen sie nun etwas genauer betrachtet werden (falls noch mehr Bilder gewünscht werden: bitte nachfragen!)

Gleich am Eingang befindet sich das

Hara-Haus (原家住宅), das eigentlich gar nicht zur Kollektion von Dorfhäusern gehört. Es stammt aus der Meiji-Zeit (1868-1912) und hatte ursprünglich in Musashikosugi in Kawasaki gestanden. Heute wird es als Vorlesungssaal und für wechselnde Ausstellungen genutzt.

Hara House (原家住宅)

Hara House (原家住宅)

Unser eigentlicher Rundgang beginnt mit den Gebäuden eines alten Post-Dorfs:

Suzuki-Haus (鈴木家住宅)
Ein „umayado“ (Herberge für Pferdehändler), das im frühen 19. Jahrhundert in einer Postsiedlung in Fukushima gebaut worden ist. Das umayado war von den Pferdehändlern als Zwischenstation genutzt worden, wenn sie mit ihren Pferden von Pferdemarkt zu Pferdemarkt zogen. Die Pferde wurden in dem Teil des Gebäudes untergebracht, der nur mit einem Erdboden ausgestattet war; die Pferdeburschen wohnten ein Stockwerk höher (das nicht zu besichtigen war). Die reicheren Pferdehändler waren in in Gästeräumen im hinteren Teil des Hauses untergebracht.

Ioka-Haus (井岡家住宅)
Das Haus eines Händlers, das zwischen dem späten 17. Jahrhundert und dem frühen 18. Jahrhundert in Nara errichtet worden ist. Das Haus diente mehreren Generationen als Geschäft für Lampenöl, bevor es in ein Räucherstäbchengeschäft umfunktioniert wurde. Das schräge Dach und die Mörtelwände auf der linken Seite der geöffneten Eingangstür, sowie die aufklappbare Veranda sind typsich für Geschäftshäuser aus dieser Zeit.

Ioka House (井岡家住宅)

Ioka House (井岡家住宅)

Saji-Tor (佐地家門)
Dieses Tor gehörte zu einer Samurai-Residenz und war um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Nagoya errichtet worden. Die Samurai regierten die Landbevölkerung in der Zeit, als Japan ein Feudalstaat war. Als ein Symbol ihrer Autorität hatten sie die Erlaubnis, ihre Häuser mit separaten Toren zu versehen. In dem Gebäude neben dem Tor wurde von Besuchern als Warteraum genutzt.

Misawa-Haus (三澤家住宅)
Das Haus ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Postsiedlung in der Nagano-Präfektur errichtet worden. Es war für mehrere Generationen die Residenz des „kumigashira“ (Assistent des Ortsvorstehers) und diente außerdem als Apotheke. Die stabile Konstruktion und das steinbeschwerte Schindeldach zeigen lokale Einflüsse in die Bauart.

Misawa House (三澤家住宅)

Misawa House (三澤家住宅)

Weiter geht es etwas bergan in das Shin-etsu-Dorf

Wassermühle (水車小屋)
Die eine Wassermühle beherbergende Hütte stammt aus der Nagano-Präfektur und wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet. Heute gibt es nur noch sehr wenige Wasserräder dieser Art in Japan.

Sasaki-Haus (佐々木家住宅)
Das Wohnhaus des Ortsvorstehers aus der Nagano-Präfektur wurde 1731 erbaut. Die beiden Gästezimmer, das Badezimmer und die Toilette im hinteren Teil des Gebäudes wurden erst 15 Jahre später für besondere Gäste angebaut. Obwohl das Haus in einer der kälteren Regionen Japans stand, erlaubten die nicht allzu großen Schneemengen während des Winters die Verwendung vergleichsweise dünner Säulen für die Dachkonstruktion, was dem Gebäude eine gewisse Leichtigkeit verleiht.

Emukai-Haus (江向家住宅)
Dieses im „gassho zukuri“-Stil errichtete Haus (Haus mit steilem Dach), wurde zwischen dem späten 17. und dem frühen 18. Jahrhundert in einem Dorf in der Toyama-Präfektur errichtet. Da es in dieser Region oft zu heftigen Schneefällen kommt, waren steile Dachkonstruktionen wie die des Emukai-Hauses erforderlich, um das Dach vor dem Gewicht sich aufschichtenden Schnees zu schützen. Für mich gehört das Emukai-Haus zu den schönsten der ganzen Anlage.

Emukai House (江向家住宅)

Emukai House (江向家住宅)

Emukai House (江向家住宅)

Emukai House (江向家住宅)

Yamada-Haus (山田家住宅)
Dieses „gassho zukuri“-Haus wurde im frühen 18. Jahrhundert in Katsura, in einer gebirgigen Region der Toyama-Präfektur errichtet. Katsura ist inzwischen den Gewässern eines gefluteten Damms zum Opfer gefallen. Dieses Gebäude ist der letzte „Überlebende“ von Katsura. Anders als in anderen Häusern, ist der Boden des Yamada-Hauses besonders hoch. Der Zwischenraum war von den Bewohnern als benutzt worden, um Schießpulver als Abgabe an den Lehnsherren herzustellen. Unten der aufwändig gestaltete Giebel.

Yamada House (山田家住宅)

Yamada House (山田家住宅)

Nohara-Haus (野原家住宅)
Dieses „gassho zukuri“-Haus wurde im späten 18. Jahrhundert in einem Bergdorf in der Toyama-Präfektur erbaut. Es gibt zwei in den Boden eingelassene Herde (irori) im „hiroma“, einem Raum mit Holzfußboden, der sowohl als Küche, als auch als Wohnraum diente. Auf dem „hidana“ (einem über dem Herd hängenden Rahmen) wurden Nahrungsmittel zur Haltbarmachung getrocknet. Die Balken über den Herden wurden vorzugsweise aus stark gebogenen Baumstämmen geformt, was nicht nur eine stabilere Baustruktur bescherte, sondern dem Raum auch einen gewissen Charme gibt. Aber schon seines Giebels wegen, ist das Nohara-Haus sehenswert.

Nohara House (野原家住宅)

Nohara House (野原家住宅)

Yamashita-Haus (山下家住宅)
Dieses „gassho zukuri“-Haus wurde im frühen 19. Jahrhundert im Dorf Shirakawa in der Gifu-Präfektur errichtet. Später hatte man es nach Kawasaki gebracht, wo es eine Zeitlang als traditionelles, japanisches Restaurant diente, bevor es ins Minkaen verbracht wurde. Im Dachboden des Hauses waren Seidenraupen gezüchtet worden. Außerdem befand sich hier das Lager für Nahrungsmittel und Feuerholz. Es gehört sicher zu den eindrucksvollsten Gebäuden des Freilichtmuseums.

Yamashita House (山下家住宅)

Yamashita House (山下家住宅)

Yamashita House (山下家住宅)

Yamashita House (山下家住宅)

An das Shin-etsu-Dorf schließt sich ein Dorf der Kanto-Region an.

Sakuta-Haus (作田家住宅)
Dieses Gebäude stammt aus einem Fischerdorf in der Chiba-Präfektur und wurde im späten 17. Jahrhundert im „betsumune zukuri“-Stil errichtet, der sich durch seine zwei Dachfirste auszeichnet, die das Hauptgebäude und den Teil des Gebäudes, der nur mit einem irdenen Boden ausgestattet ist, trennen. Eine überaus aufwändige Dachkonstruktion. Ursprünglich gehörte es dem Vorsitzenden der Fischer.

Pfahl-Lagerhaus (沖永良部の高倉)
Dieses „takakura“ genannte Pfahl-Lagerhaus stammt aus dem späten 19. Jahrhundert von einer Insel im Amami Archipel in der Kagoshima-Präfektur. Die hohen Pfahlbauten stellten sicher, dass die darin aufbewahrten Getreide trocken blieben. Zudem wurden sie hier (und durch Metallbeschläge am oberen Ende der Pfähle) von Rattenbefall geschützt.

Hirose-Haus (広瀬家住宅)
Dieses Haus mit Giebeldach wurde im späten 17. Jahrhundert in Enzan in der Yamanashi-Präfektur errichtet. Das Gebäude macht einen überaus „einfachen“ Eindruck, der sich noch dadurch verstärkt, dass es nur einen irdenen Fußboden hat, auf dem sich nur zwei Säulen (toriibashira) befinden. Nur wenige Teile des Hauses erlauben Öffnungen nach außen – somit dringt nur wenig Licht in das Gebäude.

Ōta-Haus (太田家住宅)
Dieses „betsumune zukuri“-Haus (zweigeteiltes Haus) war im späten 17. Jahrhundert in Kasama in der Ibaraki-Präfektur errichtet worden. Es besteht aus den eigentlichen Wohnräumen und einer Küche mit Erdfußboden, die etwa 100 Jahre später errichtet worden ist. Diese Art des Wohnhauses sah man früher hauptsächlich in den wärmeren Regionen auf der Pazifik-Seite des Landes.

Ōta House (太田家住宅)

Ōta House (太田家住宅)

Im nächsten Abschnitt findet man ein Dorf aus Kanagawa.

Kitamura-Haus (北村家住宅)
Dieses Bauernhaus stammt aus Hadano in der Kanagawa-Präfektur. Als man es zum Transport ins Minkaen zerlegte, entdeckte man Markierungen, die belegten, dass das Haus im Jahre 1687 errichtet worden war. Charakteristisch für dieses Gebäude ist der erhöhte Bambusfußboden im Wohnzimmer, der für eine besonders gute Luftzirkulation sorgte.

Kitamura House (北村家住宅)

Kitamura House (北村家住宅)

Kitamura House (北村家住宅)

Kitamura House (北村家住宅)

Kiyomiya-Haus (清宮家住宅)
Dieses verschlossen wirkende Bauernhaus war im späten 17. Jahrhundert im benachbarten Noborito errichtet worden. Es gibt nur drei Stellen, an denen Tageslicht in das Gebäude dringen kann. Die Teile des Gebäudes, die über einen Fußboden verfügen werden von denen mit Erdfußboden durch Fachwerkfenster getrennt. Diese Art des Bauernhauses war typisch für die frühe Edo-Zeit. Unten ist die ungewöhnliche Giebelkonstruktion zu sehen.

Kiyomiya House (清宮家住宅)

Kiyomiya House (清宮家住宅)

Itō-Haus (伊藤家住宅)
Dieses Haus war im frühen 18. Jahrhundert für den Ortsvorsteher eines Dorfes im Nordwesten Kawasakis errichtet worden. Die „koshimado“ (Lattenfenster), die man „shishi mado“ oder „shishi yoke“ nannte, dienten der Abwehr von umher streundenden Wölfen und Bären.

Kokagesan-Schrein (蚕影山祠堂)
Kokagesan war die Gottheit, die von den Seidenraubenzüchtern angebetet wurde. Der Schrein war in den 1860ern in Kawasaki errichtet worden.

Iwasawa-Haus (岩澤家住宅)
Dieses Bauernhaus stammt aus dem späten 17. Jahrhundert und stand ursprünglich in Kiyakawa in den Tanzawa-Bergen der Kanagawa-Präfektur. Es besteht aus drei Räumen mit Fußboden und einem mit irdenem Fußboden. Der Grundriss ist typisch für die Häuser der Kanagawa-Präfektur aus dieser Zeit

Zwischen den Gebäuden aus der Präfektur Kanagawa und der Präfektur Tohoku sind zwei besondere Schmuckstücke der Anlage untergebracht:

Kabuki-Bühne (船越の舞台)
Diese Bühne stammt aus einem Fischerdorf auf der Halbinsel Shima in der Mie-Präfektur und war dort im Jahre 1857 errichtet worden.

Gleich hinter der Kabuki-Bühne gelangt man über eine Brücke zur traditionellen Indigo-Färberei.

Sendō-Goya (菅の船頭小屋)
Diese kleine Fährmanns-Hütte stammt aus dem Jahre 1929 und war ursprünglich als Rastplatz und Aussichtspunkt für einen Fährmann am Tamagawa benutzt worden.

Unterhalb des Kanagawa-Dorfes befinden sich zwei Gebäude aus Tohoku.

Kudō-Haus (工藤家住宅)
Das Kudō-Haus ist ein „magariya“- oder „L-förmiges“ Haus, das in der Mitte des 18. Jahrhunderts im Shiwa-Distrikt der Iwate-Präfektur errichtet worden war. Die meisten Häuser in der Tōhoku-Region Japans waren in diesem Stil gehalten. Der größere Teil des Gebäudes diente als Wohnraum, der kleinere als Pferdestall.

Sugawara-Haus (菅原家住宅)
Gebaut im späten 18. Jahrhundert gehörte dieses Haus ursprünglich einem Bauern im Bergdorf Asahi in der Yamagata-Präfektur. Das Dach wurde im so genannten „yosemune zukuri“-Stil erbaut – ein Walmdach. Die Gaubenfenster werden „happo“ genannt. Auf dem Bild unten zeigt sich das Gebäude in der für die schneereiche Ursprungsregion typische Stroh-Verkleidung.

Sugawara House (菅原家住宅)

Sugawara House (菅原家住宅)

Öffnungszeiten:
März bis Oktober: 9.30 Uhr – 17.00 Uhr (letzter Einlass: 16.30 Uhr)
November bis Februar: 9.30 Uhr – 16.30 Uhr (letzter Einlass: 16.00 Uhr)

Geschlossen:
Montags (sofern nicht Feiertag)
An Tagen nach Nationalfeiertagen (jedoch geöffnet samstags und sonntags)
Während des Jahreswechsels (28. Dezember bis 3. Januar)

Eintrittsgebühr:
– Erwachsene: 500 Yen
– Studenten (Senior High School, College): 300 Yen *
– Senioren ab 65 Jahren: 300 Yen
– Einwohner der Stadt Kawasaki über 65 Jahre: frei *
– Kinder (Junior High School und jünger): frei
– Behinderte: frei
(* Ausweis kann verlangt werden.)
(Stand Juli 2011)

Anreise (von Tōkyō):

Von Shinjuku Bahnhof mit Odakyū Electric Railways (小田急電鉄 / おだきゅうでんてつ) (nicht „Rapid Express“ und „Tama Express“) bis Mukogaoka-yuen (2. Station nach Überquerung des Tamagawa). Für Streckenverlauf und Haltestellen siehe: Odakyū Rail Map.

Fahrpreis: 240 Yen (Stand Juli 2011)
Fahrzeit mit dem Expresszug: ca. 20 Minuten
Fußweg: Vom Bahnhofsvorplatz in Mukogaoka-yuen zunächst der Hauptstraße und dann den Schildern, die den Autoverkehr in Richtung Nihon Minkaen weisen, folgen. Gehzeit vom Bahnhof: ca. 15 Minuten.

Sehen Sie auch:

Edo-Tōkyō Freilicht-Architekturmuseum – 江戸東京たてもの園
– Wohnen und leben auf dem Weg in die Moderne

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6 Responses to Nihon Minkaen / 日本民家園

  1. […] Interesses auf diesen Zeitabschnitt und seine ländlichen Gebäude legt, sollte einen Besuch des Nihon Minkaen in Erwägung […]

  2. […] is more in farm houses and residential houses of older times you should consider a visit to the Nihon Minkaen (posting in German […]

  3. […] vergeblich sucht (außer natürlich dort, wo sie zu musealen Zwecken errichtet wurde, wie z.B. im Nihon Minka-en in Kanagawa). Sie sind einerseits größer als die meisten in Japan üblichen Bauernhäuser, andererseits wird […]

  4. […] because it cannot be found in any other region of Japan (except, of course, in museums, like the Nihon Minka-en in Kanagawa (link refers you to a German posting on this website)). On the one hand they are bigger than most […]

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