Mukōjima – 向島 (1)

Perle am Sumidagawa (Teil 1)

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Eine englische Version dieses Artikels finden Sie hier.

Mukojima

Und hier nun endlich ein Artikel von der Sorte, für die diese Webseite ins Leben gerufen wurde.

Ich nehme Euch mit auf einen Spaziergang durch eine meiner liebsten Ecken von Tōkyō: Mukōjima (向島 / むこうじま). Diese “shitamachi” (下町 / したまち) (Unterstadt) des alten Edo (江戸 / えど) (für all diejenigen, die es nicht wissen: Tōkyō hieß in den Tagen der Shōgune “Edo”) gehört wahrscheinlich nicht zu den Orten Tōkyōs, von denen Herr Baedeker viel zu berichten weiß, und die meisten Touristen aus Übersee wird es kaum hierher verschlagen (auch wenn der berühmte Tempelbezirk von Asakusa gleich um die Ecke liegt). Aber vielleicht gerade deswegen ist dieser Teil der Stadt wirklich einen Besuch wert. Wer sich in ein Tōkyō längst vergangener Tage zurück versetzen und ein echtes „shitamachi-Gefühl” (下町情緒 / したまちじょうちょ) erleben möchte, ist hier bestens aufgehoben.
Mit der Ginza-Linie geht es zunächst zur U-Bahnstation Asakusa (浅草 / あさくさ). Der nächste Ausgang (Nr. 4) (Bild 1) bringt an der südlichen Westseite der Azumabashi (吾妻橋 / あずまばし) (Azuma-Brücke) wieder ans Tageslicht (bzw. Ausgang Nr. 5 gegenüber dem großen “Ekimise”-Gebäude). Diese Brücke führt ganz automatisch über den Sumidagawa (隅田川 / すみだがわ) (Sumida-Fluss). Auf der anderen Seite des Flusses sieht man schon von Weitem die eindrucksvollen Gebäude der Asahi Brauerei (アサヒビール) (Bild 2) mit dem etwas befremdlich wirkenden, goldenen „Kunstobjekt” auf dem Dach der „Asahi Beer Hall” (アサヒビールホール) – ob es nun eine „goldene Bierfahne” darstellen soll oder was ganz anderes (ich habe meine eigene Theorie, die schon aus Gründen der Appetitlichkeit hier nicht erörtert werden soll), sei dahin gestellt. Aber noch spektakulärer ist natürlich das neueste Highlight in der Skyline von Tōkyō, der “Tōkyō Sky Tree“, der genau hier seit 2011 das Gebäudeensemble ziert (Bild 2a).

Darüber sollte man aber ohnehin nicht vergessen, einen Blick auf den Fluss zu werfen, wo es so genannte „yakatabune” (屋形船 / やかたぶね) (Hausboote) (Bild 3) zu sehen gibt, die für Vergnügungsfahrten auf dem Fluss und der Bucht von Tōkyō sehr beliebt sind. Da die Boote meist nur gruppenweise gebucht werden können und auch nicht ganz billig sind, wird man als Tourist kaum in die glückliche Lage kommen, an einer solchen launige Fahrt teilnehmen zu können.

Asakusa Station

Asahi Beer Hall (2009)

Asahi Beer Hall / Tokyo Sky Tree

Asahi Beer Hall / Tokyo Sky Tree (2013)

Yakatabune (屋形船)

Am Ostufer des Sumidagawa überquert man die Azumabashi unter der Hochstraße (Shuto Expressway Nr.6, Mukōjima Linie) und hält sich in nördlicher Richtung entlang der nur bedingt idyllischen Uferpromenade des Sumidagawa. Dabei hat man erst vor ein paar Jahren die Ufer des Sumidagawa wieder etwas „ansehnlicher” gestaltet, nachdem sie in den 70er Jahren zu sterilen Betonwänden degradiert worden waren. Damit will man dem alten Edo-Charme des Stadtteils wieder zu etwas Leben verhelfen – schließlich war in alten Tagen gerade das Ufer des Sumidagawa berühmt für seine Kirschblüte (es erobert sich diese Berühmtheit gerade wieder zurück). Hier hat sich früher vorzugsweise der Adel und Geldadel getummelt. Den Bemühungen um die Ufergestaltung zum Trotz, leidet die Promenade natürlich unter der gigantischen Hochstraße, die über ihr verläuft. Noch weiter nördlich haben auch die Obdachlosen der Stadt ihre Heimat gefunden – unter dem Schutz, den die Hochstraße bietet, leiden ihre Plastik- und Papierhütten nicht so sehr. Die Obdachlosen mögen den Stadtvätern ein Dorn im Auge sein, aber ich habe noch in keiner Stadt der Welt so „ordentliche” Obdachlose gesehen (schließlich zieht sich in unseren Breiten noch nicht mal der Wohlhabendste die Schuhe vor Betreten der Wohnung aus – selbst den Obdachlosen Tōkyōs in ihren Holz- und Plastikhütten wäre ein solches Verhalten unvorstellbar). Eine kritische Würdigung der Obdachlosen Tōkyōs wäre zwar vielleicht auch notwendig, gehört aber wohl nicht hierher. Jedenfalls: Keine Angst! Hier wird niemand angebettelt oder sonstwie angemacht. Aber bitte nicht vergessen, dass ein Obdachloser – aus welchen Gründen auch immer er dazu geworden sein mag – nicht mit einem exotischen Tier in freier Wildbahn zu verwechseln ist und sicher nicht dankbar dafür ist, wenn er zum Fotoobjekt degradiert wird.

Setzen wir unseren Rundgang also fort: Nachdem der Fußweg entlang des Flusses eine Biegung nach rechts vollführt hat, überquert man einen Seitenarm des Sumidagawa über die Makurabashi…

Makurabashi (枕橋)

Makurabashi (枕橋)

Makurabashi (枕橋)/Skytreeスカイツリー

Makurabashi (枕橋) / Skytree (スカイツリー)

… unterquert die Eisenbahntrasse und sieht rechter Hand auf der anderen Straßenseite den Sumida Kōen (隅田公園 / すみだこうえん) (Sumida Park). Je nach Jahreszeit, ist dieser Park auf jeden Fall einen Besuch wert – im Sommer und Winter sicher weniger als im Herbst (Bild 4) oder Frühling (aber das gilt für die meisten Parks der Stadt). Hier hatte Fürst Tokugawa von Mito seine Vorstadt-Residenz, deren Garten sich ganz besonderer Wertschätzung (auch beim Kaiser und seiner Gattin) erfreut hatte. Nach den katastrophalen Zerstörungen durch das große Erdbeben von 1923 wurde der Park im Jahr 1931 zum öffentlichen Raum erklärt und in den Folgejahren versucht, die ursprüngliche, japanische Gartenlandschaftsanlage neu erstehen zu lassen. Eigentlich ein wirklich hübscher Park, der am Wochenende bei Familien sehr beliebt ist, aber je nach Jahreszeit ein kleines bisschen vernachlässigt wirkt.

Sumida Koen (隅田公園) im Herbst

Allerdings ist der Sumida Kōen der richtige Ausgangspunkt für eine Pilgerschaft zu den Tempeln und Schreinen Mukōjimas, die den Shichifukujin (七福神 / しちふくじん) (sieben Glücksgötter) geweiht sind. Ihre Heimstätten sollen die Route für diesen Rundgang vorgeben.
Noch ohne „Glücksgott” auskommen muss der Ushijima Jinja (牛嶋神社 / うしじまじんじゃ), (Ushijima Schrein) der der Schutzgottheit dieser Gegend geweiht ist, der nördlich an den Park grenzt.( Bild 5, Bild 6)

Ushijima Jinja

Ushijima Jinja (牛嶋神社)

Ushijima Jinja (牛嶋神社)

Ushijima Jinja

Ushijima Jinja (牛嶋神社)

Und auch wenn der Schrein sicher nicht zu den „berühmten” Orten Tōkyōs gehört, so begeistert seine Anlage doch von Anfang an und nimmt für sich gefangen. Das sind die Fleckchen in Tōkyō, die einen in eine andere Welt abtauchen lassen. Sie wirken altertümlich, strahlen endlose Ruhe aus und bieten die schlichte und doch aufwändige Holzarchitektur, die gerade dem Auge des Betrachters aus dem Westen so wohlgefällig ist. Neben den Gebäuden auf dem Schreingelände ist auch eine der Kuhstatuen von Interesse (deswegen auch der Name: Ushi = 牛 = うし = Kuh). Sie war dem Schrein im Jahr 1824 geschenkt worden (Bild 7). Der Statue geht der Ruf voraus, dass Berührungen des Körpers der Kuh Erkrankungen an den korrespondierenden Körperteilen des Schreinbesuchers auf wundersame Weise heilen. Der Glaube versetzt ja bekanntlich Berge. Die besonders „glänzenden” Stellen der Kuhstatue geben Aufschluss über die häufigsten körperlichen Beschwerden der Schreinbesucher.

Ushijima Jinja (牛嶋神社)

Ushijima Jinja (牛嶋神社)

Fortsetzung folgt……

Mehr über Mukōjima: “Mukōjima – Perle am Sumidagawa (2)
Mehr über Mukōjima: “Mukōjima – Perle am Sumidagawa (3)

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5 Responses to Mukōjima – 向島 (1)

  1. […] zu Mukōjima in: “Mukōjima – Perle am Sumidagawa (1)“ “Mukōjima – Perle am Sumidagawa […]

  2. […] Mukōjima / 向島 – Perle am Sumidagawa (1) […]

  3. […] German version of this posting you can find here. Eine deutsche Version dieses Artikels finden […]

  4. […] Abschnitt der östlichen Uferpromenade des großen Zentralflusses Tōkyōs („Sakura Matsuri“, Mukōjima – „Perle am Sumidagawa“). Hier, etwas südlicher, hat man auch vor einigen Jahren damit begonnen, die Bausünden der […]

  5. […] Perle am Sumidagawa (1)  (German version) Pearl on the banks of the Sumidagawa (1) (English version) – Azumabashi, Sumida Kōen, Ushijima Jinja […]

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