Perle am Sumidagawa (Teil 2)

Nachdem wir im letzten Artikel den Ushijima-Jinja gesehen haben, setzen wir heute unseren Pilgergang zu den sieben Glücksgöttern Mukōjimas fort:
Entweder entlang der Uferpromenade des Sumidagawa oder auf einer der östlich parallel verlaufenden Straßen dringt man nun weiter in Richtung Norden vor. Schon nach wenigen 100 Metern erreicht man so den Mimeguri Jinja (三囲神社 / みめぐりじんじゃ), (Bild 8) wo man bereits den ersten beiden der sieben Glücksgötter huldigen kann. Im Mimeguri Jinja sind Daikokuten (大黒天 / だいこくてん), der Gott des Reichtums, der Ernte, der Nahrung und der Küche und Ebisu ( 恵比寿 / えびす) der Gott des Reichtums, Patron der Transportmittel, der Fischerei und des Handels, aber auch der Taucher zu Hause.

Mimeguri Jinja
Dem unbedarften Besucher des kleinen, aber feinen Schreins fällt zunächst der ziemlich neuwertige Zugangsbereich auf, der erst letztes Jahr in hellem Granit ausgestaltet wurde. Dass der Schrein kein ganz armer sein kann, erklärt sich aber schon aus der Tatsache, dass er sozusagen der „Hausschrein” der Familien des Mitsui-Konzerns und des Mitsukoshi-Konzerns ist. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten kann man u.U. die kompletten Führungsspitzen der Konzerne hier versammelt sehen, um für eine gedeihliche Entwicklung des Unternehmens zu beten. Und Ebisu ist ja in jedem Fall der richtige Glückgott, um ihn um Unterstützung im Handel zu bitten.
Was vielleicht etwas ungewöhnlich ist: Der Schrein wird sowohl von steinernen Wachhunden als auch „Wach”-Füchsen beschützt, die am Zugang zum Hauptschrein stehen (Bild 9). Die Füchse stehen dem Schreingebäude näher, weil sie als „Kommunikatoren” zur Hauptgottheit des Schreins, Inari (稲荷 / いなり), gelten. Auf der rechten Seite des Zugangs zum Hauptschrein erinnert ein in einen großen Naturstein gehauenes Haiku (俳句 / はいく) (17-silbiges, japanisches Gedicht) an eine wundersame Bewandtnis des Jahres 1693. Damals sollen die Bauern sich am Schrein eingefunden haben, um mit Gebeten für Regen für die bedrohlich trockenen Reisfelder zu bitten. Der Dichter, Takarai Kikaku, der zufällig vorbei ging, fühlte sich von der Verzweiflung der Bauern angesprochen und komponierte das besagte Haiku. Und siehe da: Schon am nächsten Tag wurden die Reisfelder von einem kräftigen Regen überflutet. Da sag’ nur einer, mit Dichtkunst allein ließe sich die Welt nicht ernähren!

Mimeguri Jinja
Die anderen, meist sehr kleinen Schreine auf dem Gelände sind eher etwas unscheinbar bis ein wenig herunter gekommen. Interessant sind aber die Statuen eine alten Frau und eines alten Mannes (Bild 10), die zwischen den Zugängen zu zwei weiteren Schreinen hinter dem Hauptgebäude des Schreins zu finden sind. Sie stellen Zauberer dar, die die Fähigkeit hatten, sich mit den Füchsen zu unterhalten, die wiederum der Göttin Inari (稲荷 / いなり) die Wünsche der Menschen überbringen konnten. Diese Statuen sollen aus dem frühen 18. Jahrhundert stammen.
Für Deutsche sicher auch nicht gänzlich uninteressant: Auf dem Schreingelände befindet sich eine Gedenktafel, die an Wilhelm Höhn erinnert, einen Deutschen, der in der Meiji-Zeit (1868-1912) das preußische Polizeisystem in Japan eingeführt hat. Sein Diensteifer, seine Pünktlichkeit und seine stets blitzblank gewienerten Stiefel werden darauf lobend erwähnt. Er muss wohl ein mustergültiger Preuße gewesen sein. Der Vollständigkeit halber sei aber auch erwähnt, dass er auch nach Jahren des Lebens und Arbeitens in Japan die japanische Küche abgelehnt hat und offensichtlich von „deutschen” Gepflogenheiten kaum abgewichen ist.

Mimeguri Jinja
Vom Mimeguri Jinja bietet sich wieder ein kleiner Abstecher zur Uferpromenade an, um einen Blick auf die Sakurabashi ( 桜橋 / さくらばし) (Kirschblütenbrücke) zu werfen. Unter den mächtigen Autobahnbrückenanlagen am östlichen Ufer des Sumidagawa, die man auf dem Weg zur Sakurabashi unterqueren muss, haben die Obdachlosen Zelte und Planenhäuser aufgebaut.
Die Sakurabashi ist im Zuge der „Revitalisierung” des Ufers des Sumidagawas erbaut worden. Mit ihrer eigenartigen X-Form steht sie ausschließlich Fußgängern und Radfahrern zur Verfügung.
Nach einem kurzen Blick den Fluss hinauf und hinunter kann man die nächsten beiden Glücksgötter ansteuern. An der Zufahrt zur Hochstraße biegt man hierzu nach Osten (rechts) von der Uferpromenade ab, vorbei am „Kototoi Dango” (言問団子) (Bild 11), einem Geschäft, wo man japanische Süßigkeiten kaufen kann (Reismus-Kugeln auf Holzspießchen, in süße Soße eingelegt) und biegt an der nächsten Ampel wieder in südlicher Richtung ab. Gleich in der nächsten Straße erreicht man so den Chōmei-ji (長命寺 / ちょうめいじ), wo Benzaiten (弁財天 / べんざいてん), die Gottheit der Literatur, Kunst, Wissenschaft, Freude, Tugend, des langen Lebens, des Wohlwollens; die Patronin der Handwerkskunst (inkl. PC und Elektronik) besucht werden kann. Benzaiten, wird meist mit einer Biwa (琵琶 / びわ) (japanische Laute) im Arm dargestellt. Ansonsten ist die Betonkonstruktion des Chōmei-ji wenig ansprechend – da nutzt auch das Wissen darum, dass der Tempel im 16. Jahrhundert seinen Ursprung nahm, wenig. Heute ist er Heimstätte für einen florierenden Kindergarten.

Kototoi Dango
Um so sehenswerter ist der Kōfuku-ji (弘福寺 / こうふくじ) gleich nebenan (Bild 12, Bild 13). Hier ist der Glücksgott Hoteison (布袋尊 / ほていそん), der Beschützer des harmonischen Miteinander, in Familie, Geschäft und Schule, Ziel der Pilger. Er wird meist als dicker Zen-Mönch, der einen Beutel trägt, dargestellt. Der Kōfuku-ji mit seiner gewaltigen, chinesisch anmutenden Holzarchitektur, ist ein wahres Schmuckstück. Wer sich dafür interessiert, kann hier hier handgearbeitete Tabletts aus dem Holz der Zeder von Nikko erwerben. Aber ich habe mir lieber das Tempelgelände, seine große Glocke und den Friedhof (Bild 14) angesehen. Ich war fasziniert von dem kleinen, bückenartigen Gang, der das Hauptgebäude des Tempels mit dem angrenzenden Wohn- und Verwaltungsgebäude verbindet. Auch wenn alles auf sehr beengtem Raum Platz finden musste, war ich doch besonders begeistert von der altertümlichen und besonders friedvollen Atmosphäre der Anlage. Und chinesische Architektur in dieser feinen Art bekommt man in Tōkyō auch nicht allzu oft zu sehen.

Kōfuku-ji

Kōfuku-ji

Kōfuku-ji
Fortsetzung folgt…..
Mehr zu Mukōjima in “Mukōjima – Perle am Sumidagawa (1)“
Mehr zu Mukōjima in “Mukōjima – Perle am Sumidagawa (3)“